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Du musst nur zuhören Michael Dufner

Mein Sohn googelt mich in der Schule. Sofort erscheinen Bilder von mir, untermalt mit «frommen» Aussagen. Eine davon lautet: «Gott spricht auch heute noch zu dir.» Darauf erwidert eine Schulkollegin: «Das stimmt doch gar nicht. Gott spricht heute nicht mehr zu uns.» Gespannt frage ich meinen Sohn, was er darauf geantwortet habe. «Papi ist doch klar, ich habe ihr gesagt: ‹Sicher stimmt das, du musst nur zuhören.›»

WOW, was für eine Antwort! Ihr hättet seine Körperhaltung sehen sollen: Das Kinn erhoben, die Schultern aufgerichtet, herrschaftlich und völlig selbstsicher. Ich musste schmunzeln, denn nicht immer ist diese Art einfach hinzunehmen – sie hat den Touch des Besserwissens, der Selbstüberschätzung. In seiner aktuellen Entwicklungsphase, in der er oft das letzte Wort haben will, ist diese Haltung Zündstoff für Streit und Zank. Aber nun freue ich mich. Ich feiere diesen Moment richtiggehend und sage meinem Sohn auch, wie stolz ich auf ihn sei und dass mir dies vermutlich nicht so gelungen wäre. Darauf fragt er mich: «Wieso nicht?»

Ich merke, wie Jesus mich zu einer Lektion einlädt. Wieso hätte ich es nicht gekonnt? Bin ich zu angepasst? Möchte ich es zu vielen recht machen? Ich erinnere mich an verschiedene Situationen, z.B an Michi im Militär. Nein, ich gehörte nicht zu den extremen Christen. Ich betete nicht vor dem Essen und las auch nicht in jeder freien Minute in der Bibel. Ich erinnere mich an den Michi, der mit Freunden, die Jesus nicht kennen, im Restaurant sitzt. Ich bin immer noch nicht der «Vor-dem-Essen-Beter». Reicht es nicht auch, nur im Stillen zu beten? Jesus sieht ja mein Herz.

Bei diesen Gedanken kommt mir Daniel aus der Bibel in den Sinn. Obwohl das Beten zum Gott Israels verboten war, kniete er sich am Fenster nieder und betete demonstrativ. Klar, ich kann mein Handeln, mein Nichtbeten, Nichtbekennen in bestimmten Situationen begründen. Jeder findet für sein Handeln eine für ihn stimmige Begründung. Doch wenn Jesus uns einlädt, eine neue Lektion mit ihm zu erleben, deckt er vielleicht genau solche blinden Flecken auf. Er will, dass unsere Begründungen von ihm bestimmt werden und nicht einfach von uns selbst gemacht oder von unserer Vergangenheit geprägt sind.

Als Konsequenz für sein Handeln wurde Daniel zum Tod verurteilt und in die Löwengrube geworfen.

Wieso konnte er nicht einfach im Versteckten, auf der Toilette beten? Wieso so provokativ? Daniels Strategie beruhte auf der Sichtbarkeit in seinem Gott.

Hätten wir uns in der Pandemie dem Singverbot auch einfach widersetzen, Bussen in Kauf nehmen sollen? Sind wir zu angepasst, zu lau geworden? Sollten wir mehr sein wie mein Sohn, – selbstbewusst, zielsicher, wortstark und absolut?

Die Antwort scheint mir nicht einfach. Also beschliesse ich, mit Jesus darum zu ringen, intensiv zu fragen, während der nächsten Tage alles prozessartig zu notieren. Eines ist mir klar: Ich will nicht von Menschenfurcht bestimmt werden, nicht davon, es allen recht­machen zu wollen, nicht davon, dass mich solche Fragen in die Ecke drücken. Nein, ich will darum kämpfen, aus der Kraft des Heiligen Geistes leben. Ich will wie Paulus sagen können: «Ich schäme mich des Evangeliums nicht.» Ich will – wenn es sein soll – im Restaurant so laut beten, dass es am Nachbartisch auch gehört wird.

Während ich dies schreibe, höre ich förmlich, wie einige sagen: «Halleluja, Michi, endlich! Steh auf! Jetzt gehen wir vorwärts, jetzt rocken wir die Welt… Come on!» Aber ich höre auch die anderen, die denken: «Okayyy – also ich bin da nicht so dafür. Das fühlt sich irgendwie nicht so richtig an…»

Der Prozess dauerte mehrere Tage, bis mir durch die beiden Bibelstellen aus Lukas 10 (der barmherzige Samariter) und Eph 1,18-19 etwas neu bewusst wurde: Wir müssen nicht jemand sein oder werden, der wir nicht sind. Und so lautete die Antwort an meinen Sohn: «Jeder ist anders, jeder hat unterschiedliche Stärken und Schwächen.» Meine Schwäche und gleichzeitige Stärke ist, dass ich mir oft Gedanken mache, wie andere denken. Was befremdet mich, was begeistert? Wie kann ich sie für Jesus gewinnen? Danach handle ich.

Der Schlüssel liegt in der Ausrichtung, nicht in der Änderung meines Typs (lautstarker Vordemessenbeter oder nicht). Mein Sohn hat mir eine Lektion erteilt: Es geht darum, zuzuhören, sich Zeit zu nehmen, sich auf Jesus auszurichten, nicht aus der eigenen Art heraus zu handeln, sich nicht einfach aus Angst zurückzuziehen, zu tun oder nicht zu tun oder gar zu rebellieren. Die Frage ist: Hören wir zu?

In Lukas 10 fragt ein Gesetzeslehrer: «Was muss ich tun, damit…?» Das ist die wichtige Frage. – Jesus beantwortet sie mit dem Gleichnis des barmherzigen Samariters. Dessen Haltung und Handlung scheinen für den Fragenden eine Überforderung zu sein. Wenn wir aber genau lesen, ist es eine Einladung. Eph 1,18-19 bringt es auf den Punkt: «Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr wisst, was […] die überragende Grösse seiner Kraft an uns, den Glaubenden, ist.»

Wir müssen uns nicht verdrehen. Zum Glück! – Es geht darum, zu hören. Ich kann fragen: «Was, Jesus, ist in dieser Situation dran? Was soll ich tun?» Dann folgt das Handeln ganz nach dem Motto aus Joh 2,5 «Was immer er euch sagt, das tut…»

Was ich dabei erlebe? Eine tiefe Zufriedenheit, weil ich weiss, ich bin o.k., so wie ich bin; und dazu eine Begeisterung über den Geschichten und göttlichen Momenten, die entstehen, wenn ich höre und tue.

michael.dufner@ feg.ch