462,63km Österr. Gleitschirm-Rekord im brasilianischen Flachland von Lex Robé

Die Prognosen des Vortrages ließen mehr Wind als die vorangegangenen Tage erwarten. Durchschnittdgeschwindigkeiten zwischen 30 und 40 km/h prognostizierte XCSkies, Böen entsprechend darüber…

Daher haben wir mit dem professionellen Team von FlyWithAndy beschlossen, noch etwas früher auf den Startplatz zu fahren: um 4:45 Uhr hieß es Tagwache und um 5:30 Uhr rückten wir Richtung Startplatz aus.

Oben angekommen, empfing uns tatsächlich eine strammere Brise als all die Tage zuvor. Die Anwesenden übertrafen sich förmlich mit Einschätzungen, wie stark der Wind denn nun sei: A: "I glaub 30-40"; B: "I glaub mindestens 40"; C: "Habt's des gspürt? Des war sicher a 50er Böe!" - Schluss damit! Als Techniker glaube ich gemessenen Fakten immer mehr als den Meinungen anderer: Somit den Windmesser ausgefasst und 30km/h mit knapp 40er Böen gemessen. "Gut genug für mich, das schaff ich!", dachte ich mir und machte mich sogleich startklar. Denn wer weiß, wie sich die Bedingungen ändern, wenn erst Thermik einsetzt.

Hier ein Video von Juliano Saldana von Termikzone - schlechte Qualität, aber für mich grandioses Erinnerungsmaterial!

Danach parkte ich mich in einer thermikarmen Zone vor dem Startberg ein. Ich wollte meine Sinne noch schonen, denn der Tag könnte ja lang werden... "Another classic day", waren die Worte mit denen uns Iarly Selbir (Chef von Termikzone) ja beinah täglich frühmorgens auf was Großes einschwor. Positives Mindset ist der Schlüssel!

Nur gelegentlich musste ich den Beschleuniger treten, um bei stärkeren Phasen nicht zu weit nach hinten zu driften. Um 7:30 Uhr stieg ich dann in das tägliche Spielchen ein: Vorne weiter raus fliegen, Thermik suchen, einsteigen und am Grat dann an der Basis sein - und wenn sich's gut anfühlt: abfliegen!

Um 6:40 Uhr eröffnete ich also den Starkwind-Reigen und startete in eine konstante Phase. Ging alles gut, da ich gleich ins Gas fand und nach vorne ein paar Meter machen konnte...

Burki gesellte sich als Erster zu mir in den laminaren 40er Prallwind am Felsen rechts neben dem Startplatz

Burkis neuem Schirm sah man die ersten Kontakte mit dem brasilianischen Boden auch schon an :-)

Der Portugiese Eusebio, dem an diesem Tag auch noch besondere Bedeutung zukommen sollte…

So hingen wir geschlagene 80 Minuten in der Gegend rum…

…und warteten…

…bis die Thermik dann um 8 Uhr mich das erste Mal deutlich über Grat hievte

Pünktlich um 8 Uhr zog eine satte 3m/s-Thermik bis auf 1400m durch. So stark und so hoch wie noch an keinem Tag zuvor… "Jetzt oder nie!" dachte ich mir.

Aus dem Startbart mit 80km/h im Trim direkt abgeglitten, erfolgte gleich der erste (und einzige) Panikmoment des Tages: gerade mal 80m über Grund steckte ich im 40er-Talwind vor der niedrigen Felsklippe Serra do Padre fest, die mich schon dreimal abgeworfen hatte. Ich konnte es nicht glauben… "Sollte hier schon wieder mal mein Flug zu Ende sein?" Nach 5 Minuten voll konzentrierter Aufwindsuche wagte ich mich in den Windschatten eines vorgelagerten Hügels, wo mich eine starke Thermikblase erwartete. Ich tastete mich einige Meter weiter vor - es stieg noch immer. Ich merkte, dass sie Potenzial hatte durchzuziehen: "Die muss es sein oder keine!". Mit viel Schräglage verbiss ich mich in das Warmluftpaket und konnte mit starkem Windversatz Meter für Meter mein Höhenguthaben ausbauen - aus den traurigen "Eindört-Erfahrungen" der Vortage weiß ich: der allerwichtigste Bart des Tages!

Mit der so gewonnenen Ausgangshöhe von 600m über Grund hatte ich nun gute Chancen, auch weitere Thermik zu treffen. Durch dieses Erlebnis schwor ich mir den restlichen Tag einfach ganz konservativ zu fliegen und jedes Mal, wenn ich unter 1000m war, geduldig ALLES zu kurbeln.

Endlich mal mit etwas Höhenreserve entlang der Straße Richtung Madalena unterwegs…

Und dennoch das alte Ratespiel: "Wo löst hier die Thermik ab?" Mit viel Geduld und konservativem Kurbeln nahm ich jedes Steigen dankbar mit. Bei dem vierziger Wind sorgt ohnehin selbiger für zügiges Vorankommen.

Durch diesen zurückhaltenden Flugstil, konnten Konrad und das Portugiesen-Geschwader zu mir aufschließen. Das war mir äußerst recht, denn in der Gruppe geht es nicht nur entspannter sondern auch viel effizienter vorwärts. Liga-Gaggle-Flying hieß ab nun die Devise! :-)

Bei Monsenhor Tabosa waren wir dann ein großer und sehr effizienter Pulk. Die Portugiesen auf ihren D-Hochleistern, Konrad Görg auf seinem EN-B UCruise ich auf meinem Ozone ZENO (danke an Konrad Görg für die 2 Fotos meiner rot-orangen Orchidee!)

Leider blieben wir nicht lange zusammen. Wir verloren den tief fliegenden Konrad gleich mal 10 km später. Und ich musste in Tamboril zusehen, wie die Jungs über mir einen Bart sauber im Griff hatten, dessen Einstieg mir 50m darunter leider verwehrt blieb. Das hieß: ich war wieder auf mich allein gestellt…

Vor dem Plateau machte ich abermals in einer schwachen Thermik geduldig Basishöhe, um das vor mir blaue Wald-Dickicht mit möglichst viel Höhenreserve zur Thermiksuche in Angriff zu nehmen.

Auf dem Plateau nach der erlösenden ersten Thermik *uff* Bei DEM Wind wäre eine Landung im Gedachs sicher kein Kindergeburtstag geworden...
Ab Pedro Segundo (unter mir) ging's dann richtig flott dahin, denn vor mir sah ich schon herzerwärmende Wolkenstraßen
Mit dem auch in Turbulenzen bockstabilen Zeno ging es rasch über Piri Piri hinweg und ein Blick auf die Uhr zeigte, dass es erst 14:45 Uhr war! Sonst waren wir schon immer froh, wenn wir es bis Tagesende überhaupt nach Piri Piri schafften. Die Thermik war gut, der Wind schob brav an und somit war klar, dass es heute wirklich weit gehen könnte…
Um 15:45 Uhr hoch über Barras. Von dem emotionalen Hoch zu diesem Zeitpunkt ganz zu schweigen.

Ich schaltete von Wegpunkt zu Wegpunkt meine Route immer weiter Richtung Westen bis zur Stadt Miguel Alves, welche mit dem Grenzfluss Parnaíba das Ende des Bundeslandes Ceará markierte.

Auf der direkten Route stand ein großes Feuer mitten im Weg, welches ich luvseitig umflog. Obwohl das Ding seinen Reiz hatte, wollte ich dann doch vermeiden, dass mein heiß geliebter Zeno und das restliche Equipment nach der Feuerbrunst riecht...

Nachdem ich die Mega-Rauchfahne umrundet hatte, sah ich vor mir im Partikeldunst Konrad und einen zweiten Schirm aufdrehen: es war Carlos!

Yes! 402km standen am Tacho!!!

Man beachte auch den Durchschnittsspeed der letzten 60 Minuten (Navbox rechts oben): 55 kmh :-)

Die Partikel breiteten sich stark aus und ich flog eine weitere Linie Richtung Süden, um der Sonne die Chance zu geben ihre Kraft nochmals so richtig zu entfalten. So fand ich dort eine tragende Linie und konnte bald zu Konrad und Carlos aufschließen.

Ich flog dann voraus mitten über den mittlerweile grünen Urwald. Als wir langsam aber sicher dem Dickicht näher sanken, stiegen wir in eine sanfte 0,5m/s-Thermik ein, die sich zu einem butterweichen, großflächigen und konstanten 1,5m/s-Bart weiter entwickelte.

Yes! Wieder mal geschafft: in der letzten Thermik des Tages mit drei Flugkameraden der Basis entgegen! Grandios!!!

Oft sind es die kleinen Dinge im Leben, die große Wirkung haben:

Diese beinahe schon unscheinbare Geländestufe brachte für uns den erhebenden letzten Bart.

Der portugiesische Toppilot Carlos Lopes

Konrad und Carlos im Aufwind

Herrlich, so butterweiche Thermik!

Mit Carlos Wingtip an Wingtip Richtung Basis

So drehten wir gemütlich bis zur Basis auf 3000m auf, bevor wir kurz vor 17 Uhr zum endlosen Gleitflug in hebenden Luftmassen ansetzten.

Basis, olé! Auf geht's zum Endanflug!!!

Gegen 17 Uhr die letzte Thermik mit Basishöhe in Richtung Sonne gleitend verlassen, wohl wissend, dass man einen 400+ im Sack hat? Priceless!!!

Sonnenuntergang in diesieger Luft Masse

Mit DER Höhenreserve muss man einfach den Sprung über den Grenzfluss Parnaíba nach Maranhão wagen - auch wenn es weit und breit keine Brücken gibt…

"Der Sonne entgeeeegen, frei wie der Wind…"

Alle? Nein, einer nicht: Konrad flog bereits etliche hundert Meter unter der Basis ab! "WTF!?!" dachte ich mir. "Warum lässt er dieses Geschenk aus?" Später wurde mir klar: der gute Konrad hatte Miguel Alves bereits vor dem Flug als Ziel festgelegt, was für ihn den verdienten Weltrekord im "deklarierten Zielflug" bedeutete. Und das auf seinem eigenen EN-B UCruise - welch eine grandiose Tat!

Sunset und vor mir nur mehr Wald. Zeit, ein Stück darüber zu gasen und zur Landewiese (Bildmitte) zurück zu gleiten
Just unter mir sah ich jemanden einen Schirm zusammen legen: es war der ausgeblichene Icepeak7 des Portugiesen Eusebio, der sich dieselbe Landewiese auserkoren hatte (Bildmitte)
Sanft aufgesetzt in einem vertrockneten Reisfeld waren ich und Eusebio über unsere 460er Strecken mehr als happy
Herzlich aufgenommen von der Reisbauern-Familie gab's nebst Geschichten-Austausch, Bier und "Bauern-Pizza" auch noch Relax-Gelegenheit

Angenehme 2 Stunden später schaffte es mein Rückholer Keke (der mich schon von meinem 365er Rekord-Flug 3 Tage zuvor zurück pilotiert hatte), sich den Weg über den Fluss Parnaíba zu bahnen. Früher wäre viel zu schade gewesen, denn dann hätte der Kontakt mit den herzlichen Locals nicht so wunderbar stattfinden können.

So bahnten wir uns den 9,5-stündigen Weg zurück ins Hotel. Mit Zwischenstopp in Miguel Alves, wo wir Joe, Konrad und die Portugiesen trafen und gemeinsam was aßen. Wir beschlossen in Piri Piri zu nächtigen, da ohnehin niemand am Folgetag fliegen wollte.

Die Rückreise war ihrerseits ein eigenes Abenteuer.

Der Tag darauf schien wieder ordentlich stark zu sein, denn phasenweise standen alle paar 100 m Dust Devils auf der Straße. Ankunftszeit im Hotel: 13 Uhr. Am Folgetag. Etwas geschlaucht, aber noch immer voll des emotionalen Flows der Erlebnisse der vergangenen Stunden.

Was für ein Tag, was für ein Land, was für ein Flug: nicht nur erneut Personal Best, sondern auch den österreichischen Streckenflug-Rekord gleich mal um 85km verbessert!

Nicht unerwähnt seien auch die Leistungen der anderen Piloten: Joe Edlinger flog auf seinem Nova Phantom auf 435km, Eusebio mit annähernd derselben Strecke wie ich Portugiesischen Rekord und etliche andere der Portugiesen schraubten nochmals ihre persönliche Bestleistung nach oben.

Danke an meine Familie und allen Unterstützern, die mich all das erreichen und erleben lassen.

Nachtrag: 5.11.2016: bereits nach diesem Rückreise-Tag konnte ich diese Rekord-Leistung mit einem weiteren 450km-Flug quasi bestätigen - also doch keine Eintagsfliege ;-)

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Alexander Robé
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