„Die Inflation frisst Kaufkraft weg“ Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater über Konjunktur und Zinsen, Sparer und Preise

Von Roland Töpfer

Wie geht es weiter mit der Wirtschaft, an der Börse, bei den Zinsen? Wir fragten nach bei Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Frankfurter Dekabank. „Die EZB dürfte die Leitzinsen nicht vor 2019 erhöhen“, sagt Kater.

Die deutsche Wirtschaft steuert moderat aufwärts. Das wird so bleiben?

Ulrich Kater: Der deutsche Konjunkturmotor läuft nun schon seit Jahren auf hohen Touren. Wenn vielfach in wirtschaftlichen Zusammenhängen von Abwärtsspiralen die Rede ist, muss man hier einmal festhalten: es gibt auch Aufwärtsspiralen.

Aufwärtsspiralen?

Kater: Steigende Nachfrage führt zu mehr Beschäftigung, damit zu weiter steigender Nachfrage, damit zu noch mehr Beschäftigung und nun langsam auch stärker steigenden Löhnen. Anders als noch in den Nullerjahren ist der private Konsum hierbei ein wesentlicher Faktor.

Und der Export?

Kater: Der Export ist zwar eine Stütze der Wirtschaft, für Wachstum sorgt er zurzeit aber nicht. Das hat auch damit zu tun, dass die schwache globale Investitionstätigkeit gar nicht günstig ist für die deutschen Exporteure.

Ulrich Kater, Dekabank-Chefvolkswirt

Die niedrigen Zinsen helfen der Wirtschaft?

Kater: Die fast schon einschläfernd stabile Konjunktur der letzten Jahre und die betäubende Niedrigzinsphase helfen, aber im Gegensatz zu anderen europäischen Regionen hat die deutsche Wirtschaft die niedrigen Zinsen weniger nötig. Hierzulande muss man auch die negativen Seiten der Nullzinsen mehr gewichten. So lassen sie beispielsweise den Willen erlahmen, die eigenen Wirtschaftsbedingungen an den Wandel der Welt anzupassen, auch in Deutschland.

Der Staat profitiert?

Kater: Immerhin nutzt der deutsche Staat die Gunst der Stunde, um seine Schulden zu reduzieren. Von daher sollte man sich bei allen Forderungen nach Steuersenkungen bei hohen staatlichen Einnahmen dessen bewusst sein, dass dann die vielbeklagten Staatsschulden nicht abgesenkt werden können.

Und die Unternehmen?

Kater: Die Unternehmen sehen trotz der anhaltend niedrigen Zinsen keine große Veranlassung, den Investitionsmotor anzuwerfen. Die Investitionstätigkeit ist eher verhalten, wofür es andere Gründe geben muss als das niedrige Zinsniveau. Insbesondere dürfte die politische Unsicherheit eine Rolle spielen.

Wo sehen Sie die größten Risiken für die Konjunktur?

Kater: Die politische Unsicherheit stellt nicht nur für die Unternehmen, sondern für die gesamte Konjunktur einen der größten Risikofaktoren dar. Protektionistische Tendenzen und die Stärke von äußerst links bzw. rechts positionierten Parteien spiegeln dies wider. Der Wahlausgang in den Niederlanden und in Frankreich stimmt jedoch zuversichtlich, dass das politische Ruder in Europa zumindest in den kommenden Jahren nicht herumgerissen wird.

Und die USA?

Kater: Die Erkenntnis, dass US-Präsident Trump nur mit Wasser kochen kann, setzt sich langsam durch. Daher haben sich die Risiken für die deutsche Konjunktur von dieser Seite verringert.

Die Preise steigen wieder schneller. Wie hoch wird die Inflation in diesem und im nächsten Jahr sein?

Kater: Dass die Inflation vor kurzem zeitweise über zwei Prozent gestiegen ist, ist vor allem darauf zurückzuführen, dass sich der Ölpreis seit Anfang letzten Jahres massiv erholt hat. Der Effekt auf die Verbraucherpreise sollte aber nun vorbei sein. Mit Blick in die Zukunft hängt die Inflation deshalb in erster Linie davon ab, ob es neben Benzin und Heizöl auch in anderen Bereichen zu stärkeren Preisanstiegen kommt.

Wird es dazu kommen?

Kater: Entscheidend hierfür ist die Lohnentwicklung. Aber trotz der sehr niedrigen Arbeitslosigkeit in Deutschland sind stärkere Lohnanstiege bislang ausgeblieben. Dies deutet darauf hin, dass die Inflation zumindest in den nächsten zwei Jahren nicht nachhaltig über zwei Prozent kommen wird.

Das Geld der Sparer wird entwertet?

Kater: Wer heute 100 Euro anlegt, möchte gerne in einigen Jahren für dieses Geld mindestens so viele Güter und Dienstleistungen kaufen können wie heute. Selbst wenn die Inflationsraten in Zukunft sind wie heute, frisst die Inflation dennoch Stück für Stück Kaufkraft vom Ersparten weg. Um das auszugleichen, sollte das Ersparte so angelegt werden, dass die Inflation durch die erwirtschaftete Rendite mindestens ausgeglichen wird.

Wie macht man das?

Kater: Der Inflation ein Schnippchen schlagen. Fest verzinste Anlagen bringen derzeit leider nur Zinsen, die deutlich geringer sind als die Inflationsrate. Wenn Sparer dieser Entwertung begegnen möchten, dann müssen sie sich direkt an der Wirtschaft beteiligen.

Damit steigt aber das Risiko.

Kater: Damit setzen sie sich stärkeren Schwankungen aus als beim Sparkonto, weil die Wirtschaft nun mal zyklisch verläuft. Es ist nicht immer einfach, solche Schwankungen, z. B. an Aktienmärkten, auszuhalten. Doch gerade bei Aktien ist davon auszugehen, dass diese im Durchschnitt über die Jahre dank des globalen Wachstums steigende Kurse verzeichnen werden. Sofern die Sparer zwei wichtige Regeln beachten, nämlich erstens eine breite Streuung dieser risikoreicheren Anlagen und zweitens das regelmäßige Sparen in diese Anlagen, dann haben sie gute Chancen, auf längere Sicht Erträge zu erwirtschaften, die oberhalb der Inflationsrate liegen.

Aber Aktien sind schon sehr teuer. Zu teuer?

Kater: Aktien sind im Vergleich zu anderen Anlageklassen wie zum Beispiel Renten keineswegs teuer. Aber auch für sich genommen sind deutsche und europäische Aktienmärkte derzeit nicht überbewertet. Das Rekordniveau beim DAX geht auch mit rekordhohen Gewinnen der Unternehmen einher. Selbst die Kursrückgänge der vergangenen Crashs sind am Gesamtmarkt mittlerweile wieder mehr als ausgeglichen.

Sehen Sie eine größere Korrektur der Kurse kommen, vielleicht sogar einen Crash?

Kater: Die Rahmenbedingungen für die Aktienmärkte sind intakt. Für das abgelaufene erste Quartal berichten die deutschen Unternehmen spürbare Anstiege der Umsatz- und Gewinnzahlen. Der Ausblick auf den weiteren Jahresverlauf stimmt ebenfalls zuversichtlich. Aber ganz klar: Aktienmärkte sind zyklische Märkte mit einem langfristigen Trend nach oben.

Wenn die Zinsen wieder steigen, werden Aktien weniger attraktiv. Wann steigen die Zinsen?

Kater: Die EZB wird bis Ende 2017 an den Wertpapierkäufen im Umfang von 60 Mrd. Euro pro Monat festhalten. Ab Frühjahr 2018 reduziert sie die monatlichen Ankaufvolumina sukzessive. Eine Anhebung des Einlagensatzes wird erst dann zu einer realistischen geldpolitischen Option, wenn die EZB ihre unkonventionellen Maßnahmen eingestellt hat.

Wann?

Kater: Die EZB dürfte die Leitzinsen nicht vor 2019 erhöhen. Dabei wird sie zuerst den Einlagensatz anheben, bevor sie 2020 an der Schraube des Hauptrefinanzierungssatzes drehen kann. Macht die EZB all das behutsam und im richtigen Tempo, müssen die Zinserhöhungen für risikoreiche Anlagen wie Aktien nicht zwangsläufig schädlich sein.

Gibt's mal wieder Sparbriefe mit drei, vier Prozent?

Kater: Geht man beginnend mit 2019/2020 von sukzessive steigenden Leitzinsen aus, kann man gewiss ein paar Jahre draufrechnen, bis wir in Deutschland wieder ein normales Zinsniveau erreichen werden. Ein neutraler Leitzins in der Größenordnung von zwei Prozent erscheint gegen Mitte der 2020er Jahre als realistisch. Dies ist ein niedrigeres Niveau als vor der Finanz- und Staatschuldenkrise. Daher müssen sich deutsche Anleger damit abfinden, dass Sparzinsen von drei bis vier Prozent auf absehbare Zeit nicht realistisch erscheinen.

Hat die EZB mit Zinserhöhungen schon zu lange gewartet?

Kater: Ginge es nur um die Beurteilung der deutschen Wirtschaft, dann könnte man Argumente für höhere Zinsen finden. Aber die EZB ist eben eine europäische Zentralbank, die sich am Durchschnitt des Euroraums ausrichtet. Bei der bislang sehr niedrigen europäischen Inflationsrate kann man ihr nicht den Vorwurf machen, zu spät dran zu sein

Steigende Zinsen drücken auf die Konjunktur?

Kater: Grundsätzlich ja, denn steigende Zinsen belasten die Schuldner. Wer einen Kredit aufnehmen möchte, muss mehr Geld für den geliehenen Betrag zahlen. Das bremst insbesondere die Investitionen in einer Volkswirtschaft. Die Belastung der Konjunktur geht aber auch über den Konsum. Bei höheren Zinsen überlegen sich die privaten Haushalte deutlich öfter, ob sie für größere Konsumausgaben tatsächlich einen Kredit aufnehmen sollen.

Das wird wieder so kommen?

Kater: Diesmal könnte es anders kommen. Denn überwinden wir nach einem Jahrzehnt extrem niedriger Zinsen irgendwann tatsächlich das extreme Niedrigzinsumfeld, könnte dies auch stimmungsaufhellend wirken. Unter dem Motto, die Krisen der Vergangenheit sind gänzlich überwunden und wir können wieder zur Normalität zurückkehren, könnten steigende Zinsen eine Weile sogar einen Schub für die Konjunktur bringen.

Steigende Zinsen könnten die Schuldenkrise wieder verschärfen?

Kater: Bei hoher Verschuldung, wie sie selbst zehn Jahre nach der Finanzkrise in vielen Ländern der Weltwirtschaft noch besteht, sind hohe Zinsen Gift, denn die Schuldentragfähigkeit geht dann zurück. Dazu kommt, dass Kreditausfallraten nach oben gehen. Deshalb achten die Zentralbanken so extrem darauf, dass der durchaus gewollte Zinsanstieg sehr moderat vonstattengeht, damit sich alle Beteiligten langsam daran gewöhnen können und es zu keiner neuerlichen Krise kommt.

Unberechenbarkeit ist die verlässliche Größe der neuen US-Politik. Wie berechenbar ist die Welt überhaupt noch?

Kater: Politische Risiken sind heutzutage ein großes Thema. Aber gerade die letzten Wochen und Monate brachten einiges an Beruhigung. US-Präsident Trump muss nach und nach erkennen, dass er ohne den US-Senat nicht regieren kann. Daher nimmt er Schritt für Schritt Abstand von seinen extremsten Plänen. Die von der neuen US-Politik ausgehende globale Gefahr des Protektionismus hat zuletzt deutlich abgenommen.

Und in Europa?

Kater: In bedeutenden europäischen Ländern haben sich die europakritischen Parteien bei Wahlen nicht durchsetzen können. Alles in allem scheint also die Welt von heute nicht wirklich unberechenbarer zu sein als dies in der Vergangenheit immer wieder mal der Fall gewesen ist.

Was heißt das für die Wirtschaft, für Sparer und Anleger, für uns alle?

Kater: Die Weltwirtschaft wächst robust, aber nicht schnell. Die Zinsen werden irgendwann wieder steigen, aber in Europa erst in einigen Jahren. Für Anleger bleibt die wichtigste Erkenntnis, dass man mit Festzinsanlagen oder kurzfristig angelegtem Geld in Zukunft immer weniger wird kaufen können, trotz niedriger Inflation. Wenn auch die Festzinsmärkte Probleme bereiten, so tut das die Wirtschaft nicht. Wir leben zwar in einer Welt ohne Zinsen, aber sicher nicht in einer Welt ohne Perspektiven.

Created By
Roland Töpfer
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Credits:

WiMO

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