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Grasse Hauptstadt des Parfums

Als "die Parfumstadt" schlechthin, weiss Grasse mit Gegensätzen zu begeistern, wenn nicht gar zu verwirren. Neben edlen Flacons und schönen Blumendekorationen wandert man durch Strassen, die recht verfallen und heruntergekommen wirken. Man findet bröckelnden Putz neben aufwendig gestalteten Marzipanrosen. Strassen, die in den den Untergrund des Lebens zu führen scheinen und doch am Olymp des olfaktorischen Genusses enden. Wer hier einen Stadtspaziergang macht, kann sich wohl vorstellen, wie Patrick Süsskind auf die Idee zu seinem Roman kam. Hier liegt das scheußliche neben dem Edlen. Und gemeinsam gestalten diese Gegensätze die Stadt, in derem einmaligen südlichen Flair alles möglich zu sein scheint.

SNCF

Von Antibes aus fuhr ich mit der Bahn in die Berge. Vorbei an "Juan les Pins" und "Cannes". Ungefähr eine dreiviertel Stunde dauerte die Reise und kostete 7.50 Euro. (pro Strecke) Kann man nicht meckern, finde ich. Die Stadt Grasse ist an einen Hang gebaut und der Bahnhof befindet sich auf der untersten Ebene. Ich nahm den Shuttelbus zum Zentrum und der wand sich über Serpentinen nach oben. Ausstieg war gleich an der Terasse, die vor den "Toren" des Zentrums liegt. Von hier aus hat man einen wundervollen Blick über das Land bis hin zum Meer und steht gleich vor "Fragonard" und dem "Musee International de la Parfumerie".

Fragonard

Es gibt einige Parfumerien, die zu besichtigen sind (z.B. Molinard, Galimard, Fragonard - wieso enden die alle auf "ard"?), aber an einem Tag schafft man das nicht alles. Für hier und heute entschied ich mich für Fragonard (Eintritt frei mit deutscher Führung) und das internationale Museum (Eintritt 4 Euro). Ich wollte ja auch noch Zeit für einen Spaziergang durch die Stadt haben. Ich hatte noch dunkel in Erinnerung, dass wir uns dort mal im Jahr 2002 mal verlaufen hatten und ich echt etwas Angst bekam, da nicht mehr heraus zu finden. Das wollte ich mir jetzt bei Sonnenschein mal etwas genauer ansehen.

Also ich ging erst einmal zu Fragonard. Es lag gleich vor mir, es war noch früh und am Eingang versprach ein Schild "Entrée libre". Das Personal war sehr freundlich dort und fragte mich, ob ich eine Führung mitmachen wolle. Wie sich herausstellte, hatte eine auf Deutsch gerade angefangen und man brachte mich zu der Gruppe. Fotografieren durfte man auch, also der Tag war gerettet. Eine junge Dame führte uns durch die Räumlichkeiten und erklärte uns, wie die Rohstoffe gewonnen werden, was es für Essenzen gibt, wie Parfums zusammengesetzt werden und allerhand andere interessante Details. Sie machte Tests mit uns, bei denen wir Düfte erraten sollten und zeigte uns, wie die Seifen hergestellt werden. Alles in perfektem Deutsch.

Natürlich endet jede Führung in der hauseigenen Boutique. Klar, die wollen ja auch etwas verdienen. Hier stehen, wunderschön dekoriert, die Produkte der Firma. So schön, dass man kaum "Nein" sagen kann. Aber ich wollte ja sowieso etwas kaufen, also, warum auch nicht.

Die aktuelle Collection des Hauses
Duftende Sauberkeit
Für fast jeden ein Geschenk dabei

Mit dem Duft von Orangenblüten, Veilchen und Lavendel in der Tasche, verließ ich den Parfümeur. Aber nun wollte ich die Stadt sehen. - Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Man kann mit einem kleinen Zug durch die Stadt fahren. Mag für einige Touristen nett sein, aber meins ist das nicht. Ich erlaufe mir eine Stadt lieber selbst und sehe dann, wohin es mich treibt.

Touristisch bequem, oder eher zu Fuß, die Tiefen der Stadt erkunden.

Folgt mir doch auf einen kleinen Stadtspaziergang und lasst Euch von Grasse beeindrucken. Schlendert mit durch enge Gassen, schaut mit in einige Hinterhöfe und entdeckt mit mir Kleinigkeiten am Wegesrand.

Beeindruckend? Ich könnte stundenlang dort herumstreifen. Ich verzehrte unterwegs mein Sandwich, eine sehr teure kleine Marzipanrose und hatte ein anregendes Gespräch, bei einem "Noisette", mit dem Hersteller dieser exquisiten Marzipanköstlichkeiten. Dazwischen war Staunen, Verwunderung und Faszination. Es war durchaus noch so, wie ich es vage in Erinnerung gehabt hatte. Vielleicht sind nicht umsonst auch die Düfte sowohl aus feinsten Blumen, wie auch aus animalischen Duftsekreten hergestellt. Genau dies gibt diese Stadt für mich wieder. Die Rose in der Gosse. Und beides hat seine Berechtigung.

So, olfaktorisch, gustatorisch und visuell gestärkt, war ich bereit für den letzten Teil des Ausfluges. Das internationale Parfummuseum, vor dem die kleine Parfümverkäuferin aus Bronze steht.

Es entpuppte sich als ein wahres Labyrinth der Düfte. Labyrinth, weil, als ich einmal drin war, lief ich den Zeichen nach, die den Rundgang kennzeichneten, fand erstaunliche Dinge, von einer multimedialen Geschichtsdarstellung über ein Gewächshaus und einer Flaconsammlung, nur heraus fand ich nicht mehr. Ich versuchte dem Plan zu folgen, kam aber immer woanders an, in einem neuen Gebäudeteil, von dem es dann nicht mehr zurück in den alten ging. Ich traf mehrmals auf die gleiche Touristengruppe, der ich aber keine Fragen stellen konnte, weil die eine Führung hatten und sehr beschäftigt waren. Irgendwie war es skurril.

Eindrücke aus dem Museum, inklusive dem "Nécessaire de voyage de Marie-Antoinette" (Bild 1) und 2 alten Bekannten aus Köln

Natürlich endete auch das schließlich in einem Shop, in dem ich aber dann nichts mehr kaufte, weil, oje, mein Zug fuhr bald zurück. Ich ging gemütlich zurück zur Bushaltestelle und ich weiß eigentlich gar nicht warum, ich fragte 2 Leute, die dort standen, hier fahre doch sicher der Bus zum Bahnhof ab. Eine Frau sah mich erstaunt an, als habe sie noch nie etwas von einem Bahnhof gehört. (So schlecht ist mein Französisch jetzt aber auch nicht). Die andere erklärte mir dann sehr kompliziert einen Weg durch die halbe Stadt, wo dann die entsprechende Haltestelle sein sollte. Das einzige, was ich mir merkte war einen Kreisverkehr, an dem ein Fotogeschäft sein sollte (ja, wieso merkt man sich gerade das??). Ich lief, die Zeit drängte (dachte ich wenigstens). Kreisverkehr. Fotoladen. Kneipe. An der Kneipe fragte ich noch mal, die schickten mich wieder 100 Meter zurück an eine andere Bushaltestelle. An der angekommen, sahen die dort Wartenden mich wieder wie irre an und schickten mich weiter geradeaus. (Gehen sie nicht über Los, ziehen Sie keine 4000 Euro ein). Schließlich fand ich eine Touristeninformation und davor, wie ausgebreitet einen Busbahnhof mit 5 Haltemöglichkeiten. Ja, ja, die Nr 5 fährt zum Bahnhof um 17:20. Ähhhh. Um 17:20 fährt mein Zug. ...... Kein Problem, die fahren jede halbe Stunde, da nehmen Sie den um kurz vor 6. Auch gut. Ich setzte mich auf die Borsteinkante und machte mir eine Zigarette an. Gerade, als ich dachte, jetzt habe ich 15 Minuten Ruhe, da stürzt ein Mann auf mich zu und weldelt mir mit den Händen vor den Augen herum. "Ob ich ihn denn nicht erkenne?" ...... Doch, ich erkannte ihn. Er war mir mit seinen Kumpels mehrmals in der der Stadt begegnet. Sie saßen immer in anderen Kneipen und tranken, während ich fotografierte. Sie begrüßten mich nachher schon mit "´allo Madame Journaliste". Ja, und jetzt, habe er endlich Zeit meine Fotos anzusehen. (schon klar, nach den ganzen Getränken auf einem kleinen Display). Er nahm sich dann auch ausgiebig Zeit, mir bei einem Bild zu erklären, warum das Licht nicht gut gewählt war. Ich ließ ihn reden. Ich glaub, es hat ihm den Tag gerettet. Der Bus kam und wir verabschiedeten uns mit einem "Take five".

Am Bahnhof angekommen, traf ich 2 verzweifelte Schweizerinnen, die entsetzt auf den Bildschirm zeigten. Alle Züge waren ausgefallen. der 17.20, der 17.54, und bei den nächsten beiden sei auch noch nicht klar, ob die denn nun kämen.

Diese Uhr in der Einöde des Bahnhofs zeigte nun Viertel vor 7. Da war nichts, aber auch absolut gar nichts. Schalter zu, Kiosk zu. Nix. Irgendwann zwischen 7 und 8 fuhr ein Zug und brachte mich zurück nach Antibes.

Wo ich mir zum Abschluß des Tages in der Civette ein wundervolles Fischfilet mit Muscheln und Weißwein genehmigte.

"Quelle belle journée!!!"

oder, wie der Brite sagen würde: "What a grand day out, Gromit!"

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