SEHNSUCHT NACH OSTEN WILLKOMMEN IN WARSCHAU

18. Juli 2017, Redakteurin: Maja Lisewski

Plattenbau und rekonstruierte Altstadt, kommunistischer Strumpfladen neben Sneaker-Bar, veganer Libanese gegenüber der deftigen Milchbar. Polens Hauptstadt birgt einige Widersprüche in sich und ist gerade deswegen so reich.

Immer mehr Reisefreudige richten ihren Blick auf den Osten Europas und entdecken (Haupt-)Städte, wie die unseres Nachbarns Polen: Warszawa. Dabei hat das geografische Herz Europas mehr zu bieten als billigen Wodka, Bigos und gutes Bier. Aber das natürlich auch. Vielschichtige Kultur und Geschichte, gepaart mit gutem Essen in einer jungen, modernen Metropole warten beim nächsten Städtetrip - nicht nur für Studierende perfekt.

KULTURPALAST

IM ZENTRUM DER STADT: DER KULTURPALAST

Bis vor weniger als dreißig Jahren unterstand das polnische Volk dem kommunistischen Regime. Diese junge Vergangenheit ist insbesondere mit einem der Wahrzeichen von Warschau unübersehbar: dem Palac Kultury i Nauiki - der Kulturpalast. Als Stalins Geschenk der Sowjetunion an die Volksrepublik Polen tront der riesige Bau von sozialistisch-klassizistischer Architektur über der Stadt. Auch heute finden sich dort kulturelle Institutionen von nun kapitalistischer Art wieder: Bars, Clubs, Kinos. Aufgrund seiner Lokalität beweist sich der prominente Bau aus allein pragmatischen Gründen: Im Śródmieście gelegen, in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofes, dient er als praktische Orientierungshilfe im hektischen Treiben der Millionenstadt.

Warszawa Śródmieście: Der Kulturpalast und Hauptbahnhof (u. rechts) in Mitten der hektischen Stadtmitte. Fotos: Christopher John Poplawski

WARSAW BY FOOT

Wer seinen Orientierungssinn nicht überanstrengen will und trotzdem so viel es geht von der Stadt wahrnehmen möchte, verpackt in historischem Know-How und Insidertipps, kann auf die meist von Studierenden geführten Free-Walking-Tours setzen. Mit den thematisch unterteilen Führungen kann man den Blickwinkel auf Warschau auch noch präzisieren: Touren rund zur Geschichte und Auswirkung des Kommunismus, dem zweiten Weltkrieg, alternativen Szenen samt Streetart ermöglichen intensive Auseindersetzungen mit der wiederauferstandenen Hauptstadt.

FREE WALKING TOUR WARSCHAU
  • Themen: Altstadt, Jüdisches Warschau, Alternative Stadtteile, Warschau zu Kriegszeiten, Kommunistisches Warschau (etc.)
  • Dauer: zwei bis drei Stunden
  • Startpunkte: Sigmundsäule auf dem Plac Zamkowy; Statue auf dem Charle de Gaulle Platz
  • Erkennungszeichen: Gelber Regenschirm
  • Kostenpunkte: grundsätzlich kostenlos, Trinkgeld wird gern gesehen. Besondere Themen wie "Essen & Bier" sind kostenpflichtig.
  • Weitere Städte: Danzig, Krakau, Poznan, Wroclaw, Zakopane.

WARSCHAUS NEUER ALTER SCHATZ

Im klassischen touristischen Zentrum Stare Miasto (dt. Altstadt) und Nowy Swiat (dt. Neue Welt) spielt sich das schöne und sorglose Leben ab. Restaurants, Boutiquen und Antiquariate reihen sich aneinander. Zwischen Nowy Swiat und der Altstadt befindet sich auf dem Krakowskie Przedmiescie das Hauptgelände der staatlichen Universität Warschau, die 1816 unter dem russischen Zar und polnischen König Alexander Romanow erbaut wurde. Von dem Campusgelände im barocken Stil aus nur einen Steinwurf entfernt, lohnt es sich einen Blick in die gläserne Bibliothek der Universität zu werfen und auf das kupferne Dach samt Garten zu steigen. Die Belohnung sind ein Panoramablick auf die Stadt, die Weischel und das vor wenigen Jahren erbaute Stadion. Koffeinhaltige Stärkung findet man in einen der vielen gemütlichen Cafés.

CAFÉS ZUM VERWEILEN

Kawiarnia Kafka: Meterhohe Bücherregalen, guter schwarzer Kaffee und polnischer Apfelkuchen namens Szarlotka inspieren zum Philosophieren oder zum Versinken im neusten Lieblingsroman. Die studentische Atmosphäre bestätigt den Name des Cafés und bietet sich als perfekte Auszeit vom Treiben auf dem Krakowskie Przedmiescie.

Być Może: Der Duft der frisch gebackenen Brötchen und Baguettes des Cafés mit hauseigener Bäckerei bereitet sogar im Nachbargebäude Appetit. Ein idealer Ort um den Tag mit Freunden oder einen guten Buch und Kaffee zu entschleunigen. Ein Hauptgericht kostet hier um die 20 PLN. Danach kann man sich im Łazienki-Park zwischen könglichem Palais und Seen in eine anderen Zeit verlieren. Die Gartenanlage aus dem 17. Jahrhundert ist dabei nur drei Gehminuten entfernt. Im Sommer finden dort u.a. kostenlose Open-Air Konzerte verschiedenster Pianisten statt. Also: Picknickdecke einpacken und auf großen Wiesen bei Klassikern wie Chopin entspannen.

Charlotte Café: Beim Besuch des Bistro-Cafés im Hipsterdreieck am Plac Zbawiciela kommt französisches Flair auf. Perfekt für ein spätes Frühstück mit Sekt, hauseigener (weißer) Nutella und Marmelade - inklusive People-Watching auf der Außenterrasse.

Orte zum Verweilen

  • Kawiarnia KafkaOboźna 3, Haltestelle Nowy Swiat (€€)*
  • Być Możeul. Bagatela 14, Haltestelle Plac Unii Lubelskiej (€€)
  • Charlotte Café: al. Wyzwolenia 18/2U, Haltestelle Plac Zbawiciela (€€)
  • Łazienki-Park: Haltestation Łazienki Królewskie, Schließt bei Abenddämmerung. Chopin-Konzerte finden vom 14. Mai - 24. September, immer sonntags um 12.00/16.00 statt.

*(€€)von (€€€€€)

Ein Euro entspricht laut aktuellem Kurs 4,20 PLN (Zloty)

WISSENS- UND KULTURZENTREN IN WARSCHAU

Schlendert man vom Krakowskie Przedmiescie weiter hinein in die Altstadt von Warschau, die 1944 komplett zerstört wurde, wird man mit noch mehr Geschichte konfrontiert. Neben eingemauerten Panzerketten an der Seite der Johanneskathedrale findet sich dort auch das Museum eines der Nationalhelden Frederik Chopin. Die Museumslandschaft Warschaus verwandelte sich in den letzten Jahren immer mehr zur Multimedialandschaft. Vorne weg geht dabei das Museum der Geschichte der jüdischen Polen. Mittels Animationen, Experimenten und Replikaten ganzer Straßen wird die Historie von Anbeginn des jüdischen Volkes bis hin zum Schrecken des zweiten Weltkrieg nachgezeichnet. Hier empfiehlt es sich genügend Zeit einzuplanen (mind. 3h).

Weitere spannende Wissens- und Kulturzentren:

MUSEEN IN WARSCHAU

DIE GESCHMACKSVIELFALT EINER GROßSTADT

Es ist sicherlich nicht übertrieben zu behaupten, dass Polen ohne deftiges Essen vermutlich so undenkbar ist wie ohne Wodka. Auch bei unserem östlichen Nachbar wird die nationale Küche hochgehalten. Daher kann kein Besuch ohne das Probieren der traditionellen Teigtaschen Pierogi, der bekannten Rote Beete Suppe Barszcz oder dem herzhaften Fleischeintopf Bigos als vollständig gelten.

Anders als hierzulande sind Café- und Restaurantketten in Polen keineswegs dermaßen verschrien, so dass nicht nur ausländische Touristen in einem der größten Restaurantkette Zapiecek anzutreffen sind. Dort kann sich der "westliche" Tourist mit jeglicher Geschmacksrichtungskombination - süße oder salzige Piroggen - an die polnische Küche herantasten.

Wer diesen Anlauf nicht braucht und direkt das Original der teils kommunistisch anmutenden Küche Polens ausprobieren möchte, sollte in Milchbars. In den Bar Mlezcny erwarten einen in mitten der Großstadt leckere Hausmannskost ohne Schnickschnack: viel Kartoffeln, Schweineschnitzel, Fisch, eingelegtes Kraut und klassische Variationen von Piroggen - wie bei Oma.

Dieser teils vermarkteten Tradition tritt die Experiementierfreudigkeit und Neugierde einer jungen Stadt gegenüber. Neueröffnung stylischer Restaurants mit weißen Outdoorbereich aus Palettenmöbeln und Loftlampen sind nicht nur in Gegenden wie um Hoża keine Seltenheit. In durchdesignten Ambiente werden Restaurants mit rein pflanzlicher, libanesischer Küche, Shops für Sushihandrolls oder mexikanische Tortillafabriken eröffnet. Eine junge Gastrolandschaft erweitet die kulinarische Vielfalt der polnischen Hauptstadt, die es zu entdecken gilt.

Handfeste Tipps in Sachen Essen:

RESTAURANTS

  • Zapiecek: Deftige traditionelle Küche für jeden Geschmack. 22-28 PLN/Hauptgericht. Verschiedene Lokale u.a. im Stare Miasto, Nowy Swiat, Al. Jerozolimskie 28 (€€€)
  • Sushi Handroll: Sushi als ganze Rolle auf die Hand? Save! 15 PLN/Veggie-Rolle, Haltestelle Uniwersytet WarszawskiOboźna 11 (€)
  • Tel Aviv:Vegetarisches libanesisches Streetfood trifft Fine-Dining Atmosphähre und ausgiebiges Frühstück bis 14 Uhr. Hummus Tricolor 20 PLN. Poznańska 11, Haltestelle Hoża 01 oder 12 Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt. (€€€)
  • Prasowy: Mit 60 Jahren eine der ältesten Milchbars der Stadt. Hier ist die Karte oft auf Polnisch. Also ruhig von der polnischen Gastfreundschaft Gebrauch machen und nach einer kurzen Erklärung fragen. Hauptgericht 8-10PLN. Marszałkowska 10/16 Haltestelle Plac Unii Lubelskiej 06 (€)

POLNISCH FEIERN

Wer nach Polen kommt werden die Verheißung der extrem günstigen Preise in Sachen Essen und Trinken sicherlich nicht unbekannt sein. Auch das Feiern macht besonders den Studierenden bei einem ungerechnetem Euro pro Shot noch eines kleines bisschen mehr Spaß.

Steht das Erleben der lokalen, studentischen Trinkkultur auf der to-do Liste, so pilgert man am besten zu den sogenannten Pawilony. In einem etwas versteckt gelegenem Hinterhof auf dem Nowy Swiat wird mit mindestens zehn kleinen Lokalen Barhopping zur leichten Aufwärmübung. Danach stehen alle Optionen zum Weiterziehen offen: ob HipHop im Sketch, Electro im 1500m2, Erasmus-Mainstream im Klub Park oder in eine der Beachbars an der Weichsel.

Die kommunistisch anmutende Pijalnia in den Pawilony auf dem Nowy Swiat (li.oben). Abendliches Treiben an der Weichsel (re.oben, li. unten). Warszawa Powisle (re. unten).

BARS

  • Pawilony: Die entspannteste Art von Barhopping dank kürzester Laufwege. Haselnuss- oder Bisongras-Wodka für 5 PLN. Nowy Świat 22/28, Haltestelle Nowy Swiat (€)
  • Plan B(re.): Eine von Warschaus Topadressen mitten im Hipsterviertel. Bier für 8 PLN. Al. Wyzwolenia 18 (€€)
  • Warszawa Powiśle: Tagsüber ein Restaurant mit humanen Preisen. Abends gibts Konzerte und Drinks. Cyder für 11 PLN bei Strandatmosphere im Betonmeer. Kruczkowskiego 3b, Haltestelle Museum Narodow 06 oder Warszawa Powiśle (€€€)

CLUBS

  • 1500 m2: Emili Plater 29, Haltestelle Warszawa Śródmieście (€€€)
  • Klub Park: Al. Jerozolimskie 196, Haltestelle Biblioteka Narodowa 04 (€€)
  • Sketch Nite: ul. Mazowiecka 11A, Haltestelle Pl.Małachowskiego 01 (€€)

WARSCHAUS GRAUES ENTLEIN: PRAGA

Die andere Seite der Weichsel: Lange galt Praga als heruntergekommener, unsicherer Stadtteil Warschaus. Nach dem zweiten Weltkrieg konzentrierte sich der Wiederaufbau weitestgehendst auf die linke Seite des Flusses mit der Altstadt und dem Stadtzentrum. Heute wiederfährt Praga, wie vielen aufkommende In-Vierteln, der Künstler- und Hipstereffekt.

Früh entdeckten kreative Bewohner der Metropole die günstigen Mieten im alternativen Viertel. In diesen Tagen ist der Charme noch erhalten, doch es tut sich einiges: Neue Wohnblocks werden geschaffen, die Metrolinie ist auch hier sehr gut ausgebaut und immer mehr Electroclubs, Bars und Design-Märkte finden ihren Weg auf die andere Flussseite. Insbesondere auf der Zabkowska findet das Leben im Sommer bei Cider und Tyskie zwischen Bars, Foodtrucks und sozialistischer Milchbar draußen auf der Straße oder in den bunt behängten Hinterhöfen statt.

HOTSPOTS IN PRAGA

  • Milchbar Zabkowski: Essen wie bei Oma für wenige Euros. Nicht vom Interior der 50 Jahre alten Milchbar abschrecken lassen! Piroggen ab 5,50 PLN. Ul. Zabkowska 2, Praga-Warsazwa (€)
  • W Oparach Absurdu: Vintagepub mit Nähmaschinen als Tischen und Livemusik. Ząbkowska 6, Stara Praga-Warsazwa (€)
  • Hydrozagadka: Retro-Club mit Old-School Musik und atmosphärischen Hinterhof zum Abkühlen. Ul. 11 Listopada 22, Praga Północ (€€)

Aufgehübschtes und Runtergekommenes, Schickes vs. Lässiges, historisches Schwergewicht neben den Hipstern einer jungen Großstadt in Europa. Sind es nicht oft gerade diese vereinten Gegensätze, die uns in ihren Bann ziehen und denen wir letzendlich verfallen? All das findet sich in der unangestrengten Hauptstadt, die sich jedem Besucher unverfälscht präsentiert.

Willkommen in Warschau.

Credits:

Christopher John Poplawski

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