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Sie hasst Krieg und Kühe Karin Juling aus Gossau erzählt ihre aussergewöhnliche Lebensgeschichte

Rebhaldenstrasse in Gossau. Karin Juling öffnet die Türe ihrer Wohnung.

Ich: Haben Sie mir gerade via Fernsprechanlage gesagt, dass Sie nichts kaufen wollen?

Karin Juling: Ja, warum?

Ich: (lache)

K.J.: Lachen Sie mich jetzt schon wieder aus?

Ich: Was heisst da schon wieder?

K.J.: Als Sie mich wegen dieses Artikels anfragten, um über mein Leben zu erzählen und ich sagte, ich hätte ein langes Leben, da lachten Sie auch.

Ich: Aber Sie sagten das doch im Witz.

K.J.: Ja.

Ich: Dann darf ich doch wohl lachen.

K.J.: Natürlich. Ich kann gut einstecken. Aber auch gut austeilen.

Ich: Sind Sie eigentlich Schweizerin, Frau Juling?

K.J.: Ja. Aber das ist komp­liziert. In der Schweiz geboren bin ich nicht.

Karin Juling kam 1943 zur Welt. In Polen. Ihre Mutter war Schweizerin. Sie war durch einen Impfeinsatz in die polnische Kriegszone gereist und hatte dort einen Deutschen kennengelernt, Karin Julings Vater. Als das Mädchen zur Welt kam, war ihr Vater in Russland an der Front. 1944 wurde er im Schützengraben schwer verletzt, kam ins Lazarett im Kloster Petschur, wo er starb. Juling sagt, es habe geheissen, er hätte seinen sicheren Platz im Schützengraben einem mehrfachen Familienvater überlassen und sozusagen die Kugeln auf sich genommen.

Ihre Mutter musste mit der Tochter fliehen, kam so zu Julings Grosseltern und der Urgrossmutter nach Deutschland, wo sie auch nicht bleiben wollte. In Österreich lebte Karin Julings Grossmutter mütterlicherseits – auch eine Schweizerin, die aber einen Österreicher geheiratet hatte. So zogen die beiden zu ihr. Auf Zeit. Eigentlich wollte die Mutter zurück in die Schweiz, was aber langer Verhandlungen mit der Schweiz bedurfte. Der Weg führte erneut nach Deutschland und dann, 1948, endlich nach Zürich, wo Karin Juling ihre Kindheit verbrachte.

Nun sitzt sie in ihrem «Urur-Grossvater»-Sessel, wie sie ihn nennt. Ein über 200-jähriges Möbelstück. Es steht zwischen Dutzenden von Pflanzen, die in der Stube überwintern, und hunderter Erinnerungsstücke aus der eigenen und der Vergangenheit ihrer Familie. Sie trägt ihr graues Haar kurz. Ihr Blick ist wach, die Arme hat sie auf die Sessellehnen gelegt. Sie bewegen sich kaum. Das verleiht ihrer Aura etwas Erhabenes.

Im Ururgrossvatersessel

Trotz all der Erinnerungsstücke weiss sie wenig über die Geschichte ihrer Eltern.

K.J.: Ich bereue das sehr.

Ich: Was war denn das Problem?

K.J.: Ich hasse Krieg.

Ich: Aber das heisst doch nicht, dass Sie die Geschichte Ihrer Eltern nicht kennen können.

K.J.:Doch, leider schon. Wann immer meine Mutter mir etwas erzählen wollte, blockte ich ab. Ich wollte nichts darüber wissen, weil die Geschichte mit Krieg zu tun hatte. Ich hatte die Nase voll vom Krieg. Mein Vater starb dort. Später hatte ich Krieg in Südwestafrika am Hals. Ich hatte zu viel Krieg in meinem Leben.

Ich: Heute würden Sie die Geschichten hören wollen?

K.J.: Ja. Sie interessieren mich. Aber meine Mutter lebt nicht mehr. Mein Vater schrieb Kriegstagebuch. Und ich habe Briefwechsel der beiden. Nur kann ich die Sachen nicht lesen. Sie sind althochdeutsch. Ein Bekannter, der dieses Althochdeutsch eigentlich lesen kann, versuchte es mal zu entschlüsseln. Er sagte aber, im Schützengraben habe man wohl nicht schön schreiben können. Jedenfalls liessen sich die Tagebücher und Briefe nicht entziffern. Ich habe all das Material, aber es nützt mir nichts.

Karin Juling wurde in Zürich erwachsen. Sie heiratete jung und bekam zwei Kinder. 1967, als sie 23 war, ­wollte die Familie nach Kanada ­auswandern. Sie war praktisch schon startklar, als eines Nachts der Bruder ihres Mannes bei ihr auftauchte und sagte, die vier sollten besser zu ihm nach Afrika ziehen. Er lebte in Namibia, das damals Südwestafrika hiess. Die junge Familie Juling dachte nicht lange darüber nach, änderte die Pläne und wanderte nach Afrika aus.

K.J.: Dort lernte ich Tiere lieben. Ganz ehrlich: Tiere und Pflanzen kommen bei mir an erster Stelle. In Namibia hatten wir viele Tiere. Ein Hausäffchen etwa. Das gehörte dort einfach dazu. Aber ich hatte diese Viecher schon immer sehr gerne. Alle. Nur keine Kühe.

Ich: Weshalb keine Kühe?

K.J.: Weiss ich doch auch nicht. Aber ich bekomme Gänsehaut, wenn ich eine Kuh sehe.

Ich: Sind Sie Vegetarierin?

K.J.: Nein, das Gegenteil. Haha. Eigentlich bin ich Kuhvernichterin. Ich esse die Viecher. Ausser Kalbfleisch. Das mag ich nicht. Das ist totes Fleisch. Das war übrigens eigenartig in Afrika. Zunächst konnte ich das Fleisch dort nicht essen.

Ich: Weshalb nicht?

K.J.: Ich fand, dass es stinkt. Das hat wohl mit der unterschiedlichen Art zu tun, die Tiere aufzufüttern. Irgendwann begann ich dennoch, in Afrika Fleisch zu essen. Ich gewöhnte mich daran und begann es zu lieben. Dann kam ich in die Schweiz zurück und fand plötzlich, dass das Fleisch hier nach gar nichts schmeckt.

Ich: Sie sprachen vorhin über Krieg in Namibia. Wie war das für Sie?

K.J.: Es war eine andere Art von Krieg, Guerilla-Krieg. Also eine Form von Terrorismus. Wir hatten sehr viele Überfälle zu verkraften. Es war schlimm. Aber irgendwie noch besser, als es heute ist. Jetzt geht’s allen schlecht da unten. Den Schwarzen geht’s schlecht, den Weissen geht’s schlecht. Und die Deutschen sollen alles bezahlen.

Ich: Haben Sie noch viele Freunde da?»

K.J.: Ja. Weisse wie Schwarze. Alle leiden.

Ich: Waren Sie reich in Namibia?

K.J.: Wir waren normaler Mittelstand. Mein Ex-Mann baute Community Centers für Stämme. Ich führte meine eigene Klinik. Wir hatten 300 Arbeiter.

Ich: In der Klinik?

K.J.: Nein, ich arbeitete ganz ­alleine. Mein Mann beschäftigte 300 Menschen auf dem Bau. Wobei: Zwei Drittel davon waren jeweils nicht am Arbeiten.

Ich: Was heisst das?

K.J.: Einer schaufelte, zwei standen dabei und unterhielten sich mit ihm. Das klingt nach Klischee, aber das ist nun mal so.

Ich: War das ärgerlich?

K.J.: Wissen Sie, was ich ärgerlich finde? Mich stresst, dass die Schweizer immer glauben, alle bräuchten ihre Mentalität. Die Afrikaner haben eine ganz andere Mentalität. Aber die ist nicht besser oder schlechter als jene der Schweizer. Natürlich dauern Dinge so länger in Afrika. Aber daran muss man sich nun mal gewöhnen.

Ich: Sie hatten eine Klinik, ­sagen Sie. Waren Sie denn Ärztin?

K.J.: Nein. Ich bin Pflegefachfrau. Das war mehr so eine Anlaufstelle für Notfall­verbände und dergleichen. Die medizinische Versorgung war damals derart schlecht, dass ich den Bedarf dafür sah. Und dann lernt man sehr schnell. Das kam mir später bei meiner Arbeit auf dem Platzspitz zugute.

Karin Juling blieb in Südwestafrika, das 1986 den Namen Namibia erhielt, von 1967 bis 1984. Dazwischen sei sie aber zwei Jahre in der Schweiz gewesen, für die Behandlung ihrer Töchter. Eine verlor bei einem Unfall ein Auge, die andere leidet unter schwersten Allergien. Juling trennte sich dann aber von ihrem Mann – und kam deshalb zurück in die Schweiz. Auch damit ihre Kinder möglichst gute Ausbildungsmöglichkeiten haben. Vor der Ausreise aus Afrika heiratete sie kurzerhand noch einen Engländer, den sie dort kennengelernt hatte. Allerdings ohne, dass sie mit ihm eine Beziehung gehabt hätte. Eine Zweckheirat. Der Zweck: Sie wollte dessen zwei Knaben adoptieren, die sie in Namibia bereits als Pflegesöhne aufgenommen hatte. So kam sie als alleinerziehende Frau mit fünf Kindern – ihr drittes Kind war in Afrika zur Welt gekommen – zurück in die Schweiz.

Karin Juling denkt oft an die Zeit in Namibia

K.J.: Plötzlich musste ich arbeiten. Zuvor tat ich es auch, aber weil ich wollte.

Ich: Das war damals eher unüblich. Also, dass Frauen arbeiteten, obwohl sie nicht müssen.

K.J.: Ja, das kann man wohl sagen. Viele Frauen verstanden es nicht. Sie rümpften teils auch die Nase. Aber ich musste arbeiten, damit es mir gut ging.

Ich: Sind Sie eine Feministin?

K.J.: Jesses. Sagen Sie dieses Wort nicht!

Ich: Was ist daran so schlimm?

K.J.: Ich hasse diese politisch korrekten Formen. Weshalb bestehen Feministinnen immer darauf, noch ­explizit dazugenannt zu werden? Haben diese Frauen so wenig Selbstbewusstsein, dass sie das nötig ­haben? Ich weiss doch, dass ich eine Frau bin, auch wenn ich unter einem Wort wie «Teilnehmer» oder «Mitglieder» genannt werde.

Nach Gossau kam Karin Juling dank eines Mannes. Ihres dritten. Sie lernte Thomas Hauser von der Champignon-Dynastie kennen, die in Gossau eine grosse Produktionsstätte für Pilze betrieb. Sie heiratete ihn anfangs der 1990er-Jahre und zog bei ihm ins Riegelhaus auf dem Gossauer Gotthard. Er brachte selber zwei Kinder in die Ehe mit – so zog Juling insgesamt sieben Kinder gross. Heute sind sie alle erwachsen.

Karin Julings Mann starb im Jahr 2005. Er hatte Lungenkrebs. Der Todestag war furchtbar für sie. Sie sollte einen Vortrag übers Sterben in Zürich halten. Noch bevor sie zuhause losfahren wollte, verschlechterte sich der Zustand ihres Mannes. Sein Hausarzt brachte ihn mit dem Auto ins Spital. Bevor die beiden losfuhren, sagte er zu Juling: «Tschüss, bring mir morgen den Computer mit.» Doch noch vor der Spitaltüre brach er zusammen – er starb, bevor er es in die Notfallaufnahme geschafft hatte. Juling nahm sich eine Auszeit. Kaum begann sie wieder zu arbeiten, baute sie einen Unfall. Im Spital stellte sich heraus, dass sie sogenannte Schockdiabetes hatte. Sie brachte längere Zeit im Spital zu. Einige Monate nachdem sie wieder draussen war, wurde sie im Auto von einem betrunkenen Fahrer abgeschossen und landete erneut im Spital.

Bild aus einer Reportage, die ein Journalist zu Karin Julings Arbeit am Platzspitz machte.

Schon zuvor hatte sie Erfahrung im Spital gesammelt – aber als Pflegerin. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz arbeitete sie zunächst als Pflegerin im Unispital. Auf diesem Weg kam sie zum Projekt auf dem Platzspitz an der Front der Zürcher Drogenhölle. Sie gab in einem ehemaligen WC-Häuschen im Rahmen der Aids-Prävention saubere Spritzen ab.

Ich: Wie kamen Sie zu diesem Platzspitzprojekt?

K.J.: Ich weiss es ehrlich gesagt nicht mehr. Aber bald schon setzte sich die ganze Familie dafür ein. Meine Mutter kochte sonntags Tee für die Drögeler. Eine Tochter kam, um ihnen die Haare zu schneiden. Mein Mann machte manchmal Transporte ins Spital.

Ich: Hatten Sie Mitleid mit den Abhängigen?

K.J.: Nein. Mitleid ist völlig verkehrt. Man braucht eine Art Sondereinstellung.

Ich: Wie sieht diese aus?

K.J.: Schwer zu sagen. Die Drögeler fragten mich regelmässig, ob ich ihnen ein paar Franken für einen Schuss geben könne. Ich sagte jeweils Nein, lud sie aber nebenan zum Essen ein. Ich bin sogar die Gotte des Kindes einer Drogenmutter. Sie waren wahnsinnig anstrengend. Aber man darf sie nicht verurteilen. Das bringt nichts. Mitleid bringt auch nichts. Sie sind einfach Menschen. Wissen Sie, was ich krass fand?

Ich: Was denn?

K.J.: Im Spital selber gab es ­damals manchmal völlige Ungleichbehandlung. Es gab Ärzte, die nicht mal Platzspitz-Mitarbeiter, ­geschweige denn Drögeler behandeln wollten. Ich setzte mich immer für die Gleichbehandlung ein.

Karin Juling verbrachte glückliche Jahre auf dem Gossauer Gotthard. Da waren Feste, die Familie. Aber auch wohltätiges Engagement. So waren Juling und ihr Mann etwa Gründungsmitglieder des Vereins Arud, der sich für die Behandlung von Menschen mit schweren Suchterkrankungen einsetzt. Und nebenbei gründete Juling die Lamafarm Yacana.

Ich: Weshalb Lamas?

K.J.: Weil ich selber ein Lama bin.

Ich: Mal abgesehen davon …

K.J.: Es war lustig. Mein Mann lebte damals noch. Ich sass im Büro, da flog mir ein Kanarienvogel zu. Ich fing ihn ein und steckte ihn in einen Käfig. Wir suchten den Besitzer, fanden ihn aber nicht. Also landete der Vogel in meiner Voliere. Doch alleine halten konnte ich ihn nicht. So fand ich einen Tierarzt in St. Gallen, der einen anbot. Ich fuhr zu ihm, um ihn zu holen. In seiner Praxis blickte ich aus dem Fenster und rief: «Jöh! Was für ein wunderschönes herziges Lama!» Er lachte und fragte, ob ich es kaufen wolle. Ich sagte ganz spontan Ja. Er fand, mein Auto sei gross genug, um es nach Hause zu nehmen. So packte ich es ein und brachte es nach Gossau. Dort sagte ich meinem Mann, ich müsse ihm etwas beichten.

Ich: Was sagte er?

K.J.: Warten Sie. Ich beichtete ihm, dass ich den Kanarienvogel vergessen hätte. Er sagte, das sei nicht schlimm, da unser zugeflogener ohnehin gerade von der Katze gefressen worden sei.

Ich: lache laut.

K.J.: Lachen Sie nicht. Das ist noch nicht die ganze Geschichte. Ich sagte ihm, ich hätte stattdessen ein anderes Tier dabei. Und dann machte ich die Autotüre auf. Da faltete sich dieses kleine gefleckte Lama heraus. Und mein Mann stand da, überrumpelt. Er lachte Tränen. Er konnte kaum aufhören zu lachen. Als er sich wieder gefasst hatte, fragte er, ob mir klar sei, dass das Herdentiere seien. Und so kauften eines nach dem anderen dazu. Begannen sie zu züchten. Bis wir eine eigene Herde hatten.

Interview: David Kilchör. Fotos: Christian Merz

Credits:

Christian Merz

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