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Die anderen sind schuld von Micheal Dufner

Worum geht es dir in deiner Nachfolge? Ums Verheissene Land oder um die Verheissung, dass Gott bei dir ist?

Es ist zum Verrücktwerden! Ständig diese Argumentationen meiner Kinder, wer der Schuldige sei und weshalb sie nicht tun könnten, was sie sollten. Ein Beispiel: Mein Sohn kommt von der Schule nach Hause. Seine Note ist nicht so, wie er es sich vorgestellt hat.

Zuerst wird der Lehrer beschuldigt: "Der kann es uns einfach nicht beibringen! Der hat selbst keine Ahnung!" Wenn ich dem Jungen zu erklären versuche, dass es aber auch seine Verantwortung sein könnte nachzufragen, wenn er etwas nicht verstanden hat, folgt die zweite Welle: "… und ausserdem habt ihr mir nicht geholfen. Ihr habt nie Zeit!". Klar ist er frustriert, enttäuscht von sich selbst. Aber nützt es etwas, ändert es seine Note, wenn er die Schuld auf jemand anderen schiebt?

Ein anderes Beispiel: Ein Jugendlicher, der die Metzgerlehre macht, kommt mit einem dicken Verband früher als üblich von der Arbeit nach Hause. Ich frage ihn, was passiert sei. Und dann geht seine Hasstirade los: "Dieses doofe Messer! Das ist einfach zu scharf und hat mir voll beinahe den ganzen Finger abgeschnitten." Irritiert frage ich nach, ob das Messer denn irgendwie runtergefallen sei und er seine Finger dort gehabt habe. "Nein!", so seine knappe Antwort. Er hätte das Fleisch filetieren sollen und sich dabei selber geschnitten - ABER das Messer ist schuld!

Schuldzuweisung. Auch in meinem Leben ein ständiger Begleiter. Vielleicht nicht mehr ganz so offensichtlich, aber trotzdem in meinem Denken verankert. Zum Beispiel dieses Denken: «Wenn es so wäre, dann hätte ich…» «Wenn ich das hätte, dann würde ich…» «Wenn mir das nicht passiert wäre, dann könnte ich…» «Wenn meine Kinder nicht so nörgeln würden, dann würde es mir besser gehen… dann wäre ich glücklicher… dann könnte ich produktiver arbeiten…»

In der Geschichte von Mose, mit der wir unterwegs sind, gibt es eine Stelle, die ich verstörend, ungerecht und irgendwie doof finde. Mose schlägt mit dem Stock auf den Felsen, um Wasser fürs Volk zu beschaffen, weil dieses herumnörgelt, sie wären in Ägypten definitiv besser dran gewesen. So richtig entnervt (so stelle ich mir das vor) geht Mose also hin und - weil es ja schon einmal funktioniert hat - schlägt er auf den Stein. Und ja, das Wasser fliesst. Aber dann schaltet sich Gott ein (4Mo 20,12): «Ihr habt mir nicht vertraut und mir nicht die Gelegenheit gegeben, mich vor dem Volk als der heilige und mächtige Gott zu erweisen. Stattdessen habt ihr euch selbst in den Mittelpunkt gestellt. Deshalb dürft ihr mein Volk nicht in das Land bringen, das ich ihnen geben werde.» (HfA)

Wenn ich das so lese, kommen mir ganz viele Schuldzuweisungsgedanken. Das Volk ist doch schuld! Wieso muss es ständig so herumnörgeln? Aaron, den Gott dem Mose als Unterstützung zur Seite gestellt hat, hat versagt. Mose wollte ja nur, dass sie mit dem Nörgeln aufhören… Das Volk hat ihn doch bedrängt. Und wenn ich mich in die Situation von Mose versetze, dann möchte ich grad noch eine Stufe emotionaler reagieren.

Doch was macht Mose? Wir lesen nichts von Schuldzuweisungen. Im Gegenteil. Einige Verse später begleitet Mose seinen Bruder auf den Berg Hor, wo Aaron infolge des Vertrauensbruchs starb. Auch läuft Mose nicht davon. Er gibt nicht auf, sondern trägt die Konsequenzen. Wie ist das möglich? Ich sehe hier einen weiteren Schlüssel für unsere Leidenschaft. Ich kann es mir nicht anders erklären, als dass Mose erkannt hat, dass es im Reich Gottes nicht darum geht, keine Fehler zu machen. Vielmehr sollen oder dürfen wir lernen, die Konsequenzen zu tragen und in die Führung Gottes einzuwilligen, unsere Begrenzung zu akzeptieren. Es geht nicht ums Ziel, das wir erreichen müssen/sollen, sondern darum, immer tiefer in der Erkenntnis zu wachsen, dass Gott wirklich unser Bestes ist und will (Röm 8,28).

Schwierig zu verstehen? Letztlich, glaube ich, hat es mit unserem Gottesbild zu tun. Ist Gott ein strafender Gott, der Mose bestraft, weil er selbst das Böse verabscheut und sich deshalb fernhält? Oder ist Gott ein liebender Gott, der trotz der Zielverfehlung von Mose darum bemüht ist, Möglichkeiten und Wege zu schaffen, mit Mose die innige Gemeinschaft zu leben, aus der er mit seiner Aktion ausgebrochen ist? Für Mose, das haben wir in den anderen Artikeln schon gesehen, war die Gemeinschaft mit Gott das Wichtigste. Es war nicht das Zentrale, ins Verheissene Land zu kommen. Und auch hier gilt uns die Einladung. Worum geht es dir in deiner Nachfolge? Ums Verheissene Land oder um die Verheissung, dass Gott bei dir ist? Wenn du das zweite mehr willst als alles Materielle, als Gesundheit, als Umstände, die stimmen müssen, dann kannst du mit dieser Verheissung alles überwinden. Dann wirst du und dein Leben leuchten (wie das Gesicht von Mose 2Mo 34,29), trotz aller Rückschläge, trotz aller Umstände. Du wirst Gott erleben, einen Gott, der ganz bei dir ist und der dich in allen Situationen führt.

Dieser Fokus ist der Schlüssel, warum Mose nicht davonlief, wieso er nicht resignierte oder anderen die Schuld gab, weshalb er die Schuld annahm und darin einen Gott erlebte, der trotzdem zu ihm stand und bei ihm war.

Credits:

Erstellt mit Bildern von Aaron Burden - "untitled image" • Petr Sevcovic - "Butchers story" • McKenna Estes - "Cotton Candy Skies" • George Doumani - "Soccer goal on a foggy field"