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Ein Zeitumkehrer in der Klimaökonomik Was die ZeitpräfeRENZRATE MIT gENERATIONENGERECHTIGKEIT ZU tUN HAT

von Sarah Johannes

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung
  2. Wert der Natur
  3. Nachhaltige Entwicklung und Generationengerechtigkeit
  4. Zeitpräferenzrate
  5. Perspektiven aus der Klimaökonomik
  6. Wirtschaftswachstum und nachhaltige Entwicklung
  7. Zusammenfassung und Ausblick

1. Einleitung

"Ich glaube euch, Hermine. Aber leider wird das Wort von drei 13-jährigen Zauberern nur wenige andere überzeugen. Die Stimme eines Kindes, egal wie ehrlich und aufrichtig, ist bedeutungslos für jene, die verlernt haben, zuzuhören. [Glockenläuten] Mysteriöse Sache, die Zeit, nicht wahr? Sehr mächtig. Und wenn man sie manipuliert, gefährlich. […] Ihr könnt, wenn alles glatt geht, mehr als einen Unschuldigen vor dem Tode bewahren. Drei Umdrehungen sollten genügen."

Albus Dumbledore in dem Film Harry Potter und der Gefangene von Askaban. J.K. Rowling und Warner Bros. Entertainment Inc. (2004).

In Harry Potter und der Gefangene von Askaban nutzen Harry und Hermine einen Zeitumkehrer, um in der Zeit zurück zu reisen. Sie sollen, so die Anweisung von ihrem Schulleiter Albus Dumbledore, die Hinrichtung von unschuldig Verurteilten verhindern. Sie kennen die Wahrheit über die Verurteilten, doch dies, so Dumbledore, wird ihnen niemand glauben. Es wird ihnen schlicht niemand zuhören. Der Zeitumkehrer ist ihre einzige Chance, um Unrecht, welches bereits geschehen ist, wieder ungeschehen zu machen.

Dieses Zitat passt sehr gut zur Situation der Klimakrise. Weiterhin steigende Treibhausgasemissionen treiben die Erderwärmung immer weiter voran, deren Konsequenzen heute bereits spürbar sind, jedoch besonders für zukünftige Generationen sehr weitreichend sein werden. Seit Monaten gehen Menschen auf die Straße, um für ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Kinder und Enkelkinder zu streiken. Mit der Unterstützung von Wissenschaftler*innen fordern sie politisches Handeln. Im Unterschied zu Harry und Hermine, haben sie jedoch keinen Zeitumkehrer. Das bedeutet einerseits, dass die Zeit nicht zurückgedreht werden kann. Was in der Vergangenheit geschehen ist, ist geschehen. Alles was zählt, ist die Gegenwart. Unser heutiges Handeln und unsere Entscheidungen haben andererseits wiederum Einfluss auf das Leben zukünftiger Generationen. Zukünftige Generationen werden unser Handeln nicht verändern können und geschehenes Unrecht kann nicht ungeschehen gemacht werden. Gleichzeitig ist es in der Wissenschaft unumstritten, dass der menschengemachte Klimawandel existiert und gefährlich ist, aber auch, dass wir noch etwas tun können. Wir können nach bestem Wissen und Gewissen überlegen, was unsere Kinder und Enkelkinder uns sagen würden und was sie gerechterweise von uns fordern dürften, um Schäden von ihnen abzuwenden. Diese Leitschnur der intergenerationellen Gerechtigkeit kann quasi ein Zeitumkehrer in der Klimapolitik sein. Thema dieses Dossiers ist die Bewertung von Schäden des Klimawandels auf zukünftige Generationen. Der Fokus liegt dabei auf der Zeitpräferenzrate in der Klimakostenberechnung.

Teilnehmer*innen einer Demonstration von Fridays for Future

2. Wert der Natur

Angenommen als Klimamaßnahme soll ein Baum gepflanzt werden. Dann ist dies eine Investition, die in der Gegenwart Kosten verursacht. Der Nutzen dieses Baumes über seine gesamte Lebensdauer hinweg wird den Kosten dann gegenübergestellt. Beispielsweise nimmt ein Baum eine bestimmte Menge CO2 aus der Atmosphäre auf und bindet sie. Diese Menge wird auf Basis von naturwissenschaftlichen Daten ermittelt. Die Klimakosten, die diese Menge CO2 in Zukunft verursacht hätte, werden dann als Nutzen der Baumpflanzung angesehen, da diese so vermieden werden können. Dies nennt man Treibhausgasreduktionseffekt. Die Kosten-Nutzen-Analyse bezieht somit den Nutzen, den die Natur für den Menschen hat (= Ökosystemdienstleistungen), in die Investitionsentscheidung für öffentliche Projekte mit ein. Wenn der Nutzen einer Investition die Kosten überwiegt, kann dies ein Argument dafür sein, dass diese Investition realisiert werden sollte.

Das Ziel der Kosten-Nutzen-Analyse ist es, die Vorteile einer Maßnahme zu bestimmen und sie mit anderen Maßnahmen vergleichbar zu machen. Dabei fallen die Kosten üblicherweise in der Gegenwart oder nahen Zukunft an, der Nutzen kann häufig hingegen nur über einen langen Zeitraum oder erst viel später realisiert werden. Um Geldflüsse zu unterschiedlichen Zeitpunkten zu vergleichen, wird der Gegenwartswert berechnet. Dazu werden Kosten und Nutzen, die in der Zukunft liegen, mit einem bestimmten Prozentsatz abdiskontiert, das bedeutet, dass zukünftige Kosten und Nutzen im Vergleich zur Gegenwart an Wert verlieren. Auch bei der Abschätzung von Umweltschäden, wie etwa der Klimakosten von Kohlendioxid des Umweltbundesamtes (UBA), wird eine Diskontierung zukünftiger Schäden vorgenommen, und zwar in Höhe von einem Prozent (UBA 2018a: S. 31). In der folgenden Tabelle kann man erkennen, welchen Unterschied die Nutzung einer Diskontrate haben kann: eine Rate von null Prozent führt zu einem Wert, der mehr als dreieinhalb mal so hoch ist, wie der mit einer Rate von nur einem Prozent. Diese Diskontrate wird auch als Zeitpräferenzrate für die Gegenwart definiert. Ziel dieses Dossiers ist es, herauszufinden, wie dieser Diskontsatz in der Praxis ausgewählt wird und ob sich dahinter gegebenenfalls eine Diskriminierung zukünftiger Generationen verbirgt.

Tabelle mit Empfehlungen zur Bewertung der Klimakosten von Kohlendioxid. UBA (2018b). Methodenkonvention zur Bewertung von Umweltkosten - Kostensätze.

3. Nachhaltige Entwicklung und Generationengerechtigkeit

„Eine reine Zeitpräferenzrate von 1% bedeutet zum Beispiel, dass die Schäden, die der nächsten Generation (in 30 Jahren) entstehen, nur zu 74%, die der übernächsten Generation (in 60 Jahren) entstehenden Schäden nur zu 55% berücksichtigt werden. Bei einer reinen Zeitpräferenzrate von 0% werden hingegen heutige und zukünftige Schäden gleichgewichtet.“

UBA (2018b). Methodenkonvention 3.0 zur Bewertung von Umweltkosten - Kostensätze. S. 9 (Fußnote)

Das UBA empfiehlt in seiner Methodenkonvention die Verwendung des Kostensatzes, der mit einem Prozent Zeitpräferenzrate abdiskontiert wurde, für die Gleichgewichtung zukünftiger Generationen soll eine Sensitivitätsanalyse durchgeführt werden (UBA 2018b: S. 9). Das oben abgebildete Zitat bezieht sich auf die nächsten beiden Generationen. Um dies zu verdeutlichen: das könnten zum Beispiel unsere Kinder (Berücksichtigung zu 74%) und Enkelkinder (Berücksichtigung zu 55%) sein. Menschen, die in noch fernerer Zukunft leben, werden zu einem noch geringeren Anteil in die Berechnungen der Klimakosten einbezogen. Dabei sind sie es, die die prognostizierten Schäden der Klimakrise am deutlichsten zu spüren bekommen werden. Wie sinnvoll, wie gerecht also ist es, dass gerade die Bedürfnisse dieser Menschen in der Berechnung der Klimakosten von Kohlendioxid weniger berücksichtigt werden? Dies ist eine Frage der Generationengerechtigkeit, ein ethisches Konzept das sich unter anderem aus dem Nachhaltigkeitsgrundsatz ergibt. Nachhaltige Entwicklung wurde 1987 von der Brundtland-Kommission wie folgt definiert:

„Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Bauer (2008)

In dieser Definition ist ein klarer Ansatz von Generationengerechtigkeit zu erkennen. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Bedürfnisse der zukünftigen Generationen über denen der gegenwärtigen stehen. Man unterscheidet vielmehr zwischen der Gerechtigkeit innerhalb einer Generation und zwischen Generationen (Bauer 2008). Der Zukunftssicherung steht dabei die Gegenwartssicherung gegenüber und beides sollte in Einklang gebracht werden.

Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung ist ein wichtiges Prinzip nationaler und internationaler Politik zu dem sich nach der Rio-Konferenz 1992 178 Staaten verpflichtet haben (Bauer 2008). Auf die Konferenz folgend wurde 2015 die 2030 Agenda für nachhaltige Entwicklung beschlossen; Kernelement bilden die 17 Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen (United Nations).

4. Zeitpräferenzrate

Um herauszufinden, ob eine positive Zeitpräferenzrate dem Konzept der Generationengerechtigkeit widerspricht, werfen wir nun einen Blick auf die Rolle der Diskontierung in der Ökonomie im Allgemeinen, sowie auf die Zeitpräferenzrate.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht werden die Opportunitätskosten des Kapitals in die Berechnung mit einbezogen, um Zahlungsströme zu unterschiedlichen Zeitpunkten vergleichbar zu machen (UBA 2018a: S. 31 f.). Dazu wird ein festgesetzter Zinssatz genutzt, der mit dem Kapital, welches in das zu bewertende Investitionsprojekt fließen soll, stattdessen am Kapitalmarkt erwirtschaftet werden könnte. Bei der Bewertung von Ökosystemdienstleistungen würde dies eine theoretisch unbegrenzte Substituierbarkeit von Natur durch Geld oder Sachkapital bedeuten. Statt in Umwelt- oder Klimaschutz zu investieren, könnte das Geld am Kapitalmarkt angelegt werden. Die ökologische Ökonomik hingegen sieht Natur und Sachkapital als komplementär an - verlorene Arten oder ein verändertes Klima können durch Technik nicht ersetzt werden (Gronemann und Döring 2001, S. 242). Mehr zur Substituierbarkeit und Komplementarität und zu den Konzepten der starken und schwachen Nachhaltigkeit ist im folgenden Artikel zu finden.

Bei der Diskontierung aus volkswirtschaftlicher Sicht handelt es sich um eine Betrachtung, bei der die Wohlfahrt verschiedener Haushalte oder Generationen über die Zeit unterschiedlich gewichtet wird (UBA 2018a: S. 31 f.). Wenn die Wohlfahrt verschiedener Generationen analysiert wird, spielt die individuelle Zeitpräferenz keine Rolle. Die Diskontrate gibt an, wie in gesellschaftlichen Entscheidungen die Wohlfahrt unterschiedlicher Generationen bewertet wird.

Formel nach Frank Ramsey (1928). Eigene Darstellung nach UBA (2018a). Methodenkonvention 3.0 zur Bewertung von Umweltkosten - Methodische Grundlagen: S. 31.

Die Zeitpräferenzrate (i) besteht einerseits aus der reinen Zeitpräferenzrate (z). Diese gibt an, welchen Stellenwert die Kosten und Nutzen zukünftiger Generationen gegenüber der heutigen haben sollen. Dazu addiert wird die zukünftige Wachstumsrate des Konsums (g) gewichtet mit der Grenznutzenelastizität des Konsums (n). Letzteres gibt an, um wie viel Prozent sich der Nutzen bei einem um einen Prozent ansteigenden Konsum ändert (UBA 2018a, S. 31 f.).

Diese Formel stellt daher zwei Gründe dar, um die Zukunft abzudiskontieren:

  • der zweite Teil der Formel reflektiert die Annahme, dass zukünftige Generationen aufgrund von Wirtschaftswachstum reicher sind als die heutige;
  • im Gegensatz dazu stellt der erste Teil der Formel, die reine Zeitpräferenzrate (z), eine geringere Gewichtung zukünftiger Generationen dar, egal ob diese reicher sind oder nicht, sondern einfach, weil sie in der Zukunft liegen.

Mehr dazu und zu der Rolle der sozialen Zeitpräferenzrate in Berechnungen zum Klimawandel hier.

5. Perspektiven aus der Klimaökonomik

Die Höhe der Zeitpräferenzrate in der Bewertung von Klimaschäden wird weltweit debattiert und wurde bisher in verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten unterschiedlich gehandhabt. In der Bewertung von Schäden des Klimawandels spielt die Höhe, wie bereits bei den Berechnungen des UBA zu sehen, aufgrund des großen Zeithorizonts eine bedeutende Rolle für die resultierenden Schätzungen der Klimakosten von CO2. Im Folgenden werden beispielweise Aussagen der beiden berühmten Klimaökonomen Nicholas Stern und William Nordhaus gegenübergestellt.

"[...] ´pure time discounting´ is relevant only to account for the exogenous possibility of extinction. From this perspective, it should be small. On the other hand, those who would put little weight on the future (regardless of how living standards develop) would similarly show little concern for the problem of climate change."

Nicholas Stern in The Economics of Climate Change (The Stern Review) (2007) S. 60

Nicholas Stern bezieht sich mit dieser Aussage aus seinem Stern-Review auf die reine Zeitpräferenzrate, die hier in der Gleichung als z angegeben ist. In seinen Berechnungen setzt er diese auf einen Wert von 0,1, um der Wahrscheinlichkeit Rechnung zu tragen, dass die Menschheit in Zukunft aussterben könnte. Dies ist laut seinen Ausführungen die einzige ethische Rechtfertigung für eine positive reine Zeitpräferenzrate.

"When countries weigh their self-interest in international bargains about emissions reductions and burden sharing, they will look at the actual gains from bargains, and the returns on these relative to other investments, rather than the gains that would come from a theoretical growth model."

William Nordhaus in A Review of the Stern Review (2007) S. 692

William Nordhaus nutzt in seinen Berechnungen zu den Klimakosten eine signifikant höhere reine Zeitpräferenzrate (z) von 1,5 (Nordhaus 2007, S. 694). Seinen Erläuterungen zu Folge, sollte die gesamte Zeitpräferenzrate (i) den beobachtbaren Renditen für Kapitalanlagen entsprechen. Er begründet dies damit, dass Staaten ihre Investitionsentscheidung, also auch die der Investition in Emissionsminderungen, nach der Höhe der Rendite auswählen.

Während Nordhaus also die Meinung vertritt, die klimaökonomischen Modelle sollen tatsächliches Verhalten abbilden, versteht Stern sein Modell als Abbild des wünschenswerten Verhaltens (Goulder und Williams 2012, S. 2). Daher spielen Nachhaltigkeitsgrundsätze wie die intergenerationelle Gleichheit nur im Modell von Stern eine Rolle.

Die Herangehensweisen der beiden Ökonomen werden in Kritische Evaluation der Bewertung von Umwelt in neoklassischen Makromodellen detaillierter behandelt.

In der folgenden Tabelle werden die unterschiedlichen zugrunde gelegten Werte für die Parameter der Ramsey-Formel verglichen. Die Verwendung verschiedener Zeitpräferenzraten hat zum Ergebnis, dass Schäden des Klimawandels in der Zukunft anders bewertet werden und hat somit einen Effekt auf die Wahl der optimalen Klimapolitik - wie z.B. der Höhe eines CO2-Preises.

Vergleich aus der Klimaökonomik. Eigene Darstellung nach Nordhaus 2007, S. 694 und UBA 2018a, S. 32.

Das UBA legt in seinen Berechnungen der Methodenkonvention 3.0 heutige gesellschaftliche Präferenzen zu Grunde (UBA 2018a, S. 32). Gegenwärtige und zukünftige Kosten und Nutzen werden dabei gleich gewichtet, die reine Zeitpräferenzrate also auf null Prozent gesetzt. Dies begründet das UBA insbesondere mit der Generationengerechtigkeit, die sich aus dem Grundsatz der nachhaltigen Entwicklung ergibt. Es werden also, wie bei Stern, ethische Annahmen zu Grunde gelegt. Dabei gilt die Annahme, dass das künftige wirtschaftliche Wachstum im Durchschnitt ein Prozent beträgt und somit auch der Konsum um durchschnittlich einen Prozent steigt. Es wird dabei von um einen Prozent abnehmenden Grenznutzen ausgegangen, d.h. je mehr konsumiert wird, desto weniger zusätzlichen Nutzen bringt der gesteigerte Konsum. Die soziale Zeitpräferenzrate von einem Prozent ergibt sich damit aus den beiden letztgenannten Annahmen. Grundannahme für die Zeitpräferenzrate ist somit, dass es in Deutschland aufgrund des technischen Fortschritts in Zukunft Wirtschafts- oder Effizienzwachstum gibt. Dies bedeutet beispielsweise auch, dass in Zukunft Ressourcen effizienter genutzt werden können. Dahinter steckt die Annahme, dass der materielle Wohlstand zukünftiger Generationen höher ist, als der der heutigen.

6. Wirtschaftswachstum und nachhaltige Entwicklung

Die Frage bleibt somit, ob die Annahme von zukünftigem Wirtschaftswachstum die Verwendung einer Zeitpräferenzrate von einem Prozent rechtfertig und genauer ob dies vereinbar mit dem Konzept der nachhaltigen Entwicklung ist (Bauer, 2008). Konkret ist kritisch anzumerken, dass die globale Erwärmung weltweite Schäden verursachen wird, während die Annahme von einem zukünftigen Wirtschaftswachstum des UBA sich lediglich auf Deutschland bezieht. Zudem bezieht die Betrachtung des Wirtschaftswachstums nicht mit ein, dass der Klimawandel Länder in verschiedenem Ausmaß trifft (mehr dazu), was in Zukunft zu unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungen und verstärkter Ungleichheit führen kann. Diesem wird bereits teilweise dadurch Rechnung getragen, dass die heutige Ungleichheit durch sogenanntes Equity Weighting in die Berechnungen einbezogen werden. Dabei werden Schäden mit den durchschnittlichen Einkommen des Landes gewichtet, wo diese auftreten werden (UBA 2018b, S. 11). Dies schließt jedoch nicht mit ein, dass sich der Klimawandel in Zukunft möglicherweise unterschiedlich auf den Wohlstand der verschiedenen Weltregionen auswirken wird. Nicht zuletzt gefährden die Auswirkungen der Erderhitzung den Wohlstand zukünftiger Generationen auf der ganzen Welt. Die Annahme eines zukünftigen Wirtschaftswachstums ist somit zumindest unsicher. Dabei steigt die Unsicherheit für eine Vorhersage je ferner die Zukunft liegt, über die wir sprechen. Dies könnte für lange Zeiträume etwa für einen abnehmenden Diskontsatz sprechen.

Das Rezept für Wohlfahrt - ein Zaubertrank?

Zudem kann die Annahme des unendlichen Wirtschaftswachstums an sich als kritisch angesehen werden. Mit Wirtschaftswachstum ist dabei die Steigerung des Bruttoinlandsproduktes (BIP), also die Güterproduktion innerhalb einer Volkswirtschaft in einem bestimmten Zeitraum, gemeint. Bis heute ging mit einer wachsenden Wirtschaft immer auch eine ansteigende Ausbeutung von natürlichen Ressourcen einher, mit weitreichenden Folgen wie dem Verlust von Biodiversität und auch der Klimakrise selbst (Parrique et al. 2019, S. 31). Wirtschaftswachstum auf Kosten der Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen widerspricht dabei dem Grundsatz der nachhaltigen Entwicklung. Eine absolute Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch wäre notwendig, um nachhaltiges, sogenanntes grünes Wachstum zu ermöglichen. Dies ist möglich, wenn die Produktivität der verwendeten Ressourcen weltweit und andauernd stärker wächst, als die Produktion, war jedoch bisher empirisch nicht beobachtbar (ebd.). In diesem Report des European Environmental Bureau nennen die Autoren Gründe, warum sie zukünftiges grünes Wachstum für unrealistisch halten. Der Deutschlandfunk hat im Rahmen der Serie zu grünem Wirtschaften auch eine Folge zu Wirtschaftswachstum produziert. Die vorsorgende Postwachstumsposition wurde im letzten Jahr in der Beitragsreihe der Economists for Future im Makronom veröffentlicht und beschäftigt sich tiefergehend mit dem Wachstumsdiskurs und Nachhaltigkeit.

Nicht zuletzt ist die Frage, ob ein höherer materieller Wohlstand in Folge von Wirtschaftswachstum auch wirklich bedeutet, dass es zukünftigen Generationen besser geht als der heutigen. Das BIP ist als Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft sehr bekannt und wird international berechnet, hat jedoch zahlreiche Schwächen vor allem wenn es um ökologische Schäden geht. So führt etwa eine Flutkatastrophe zu einem ansteigenden BIP, wenn im Nachhinein zerstörte Häuser wieder aufgebaut werden. Dies kann insbesondere angesichts der zu erwartenden Folgen der Klimakrise als problematisch betrachtet werden. Auch soziale Aspekte werden in dem Indikator nicht abgebildet. Es sollte somit nach einem oder mehreren geeigneteren Indikatoren gesucht werden, anhand derer geschätzt wird, ob der Wohlstand zukünftiger Generationen steigt oder fällt. Dieser sollte auch soziale und ökologische Aspekte einbeziehen. Die Höhe der Diskontrate kann auf Basis dieser bestimmt werden: Dabei mag eine (hohe) positive Zeitpräferenzrate dann ethisch zu rechtfertigen sein, wenn wir annehmen können, dass es zukünftigen Generationen weltweit besser gehen wird als der heutigen und etwa extreme Armut und Ungleichheit überwunden werden können. Dadurch wird der Blick auf die Gegenwart gelenkt und intragenerationelle Themen wie die Bekämpfung des Welthungers nehmen an Bedeutung zu. Wenn die Vermutung aber nahe liegt, dass es zukünftigen Generationen schlechter gehen wird, ist demzufolge eine negative Diskontrate angemessen. Mit der Geschichte des Bruttoinlandsprodukts hat sich der Radiosender Deutschlandfunk Kultur näher beschäftigt. “Die Verwandlung”: Ringen um einen neuen Wohlstandsbegriff beschäftigt sich weitergehend mit der Kritik des BIP und der Alternative des Genuine Progress Indicator (GPI).

Eine Eule steht für Weisheit und Einsicht - Wie handeln wir nachhaltig?

Eine Diskontierung zukünftiger Bedürfnisse wird auch mit der Unsicherheit über zukünftige Präferenzen begründet (Nordhaus 20017, S. 693). Schon heute unterscheidet sich unser Leben stark von dem, welches unsere Großeltern im letzten Jahrhundert geführt haben. Der technologische Fortschritt wird vermutlich weiterhin dafür sorgen, dass sich der Konsum und die Lebensweise der zukünftigen Bevölkerung verändern werden. Das Thema Nachhaltigkeit und Diskontierung wird in dem nachfolgend verlinkten Artikel weitergehend behandelt. Dort wird argumentiert, dass es jedoch wohl Grenzen gibt, konstante Bedürfnisse, die sich nicht oder nur wenig ändern. Insbesondere gilt dies für so elementare Bedürfnisse wie Gesundheit oder Überleben. Eine Diskontierung ist danach nicht zu rechtfertigen, wenn sicher ist, dass Gesundheit und Leben zukünftiger Generationen gefährdet werden (Gronemann und Döring 2001, S. 240 ff.).

Eine Antwort auf die Frage, welche Zeitpräferenzrate genutzt werden sollte, ist schwer zu finden. Die Verwendung einer zu kleinen Zeitpräferenzrate birgt die Gefahr, dass der Fokus des politischen Handelns auf die Zukunft gelenkt wird, während soziale Probleme der gegenwärtigen Generation in den Hintergrund rücken. Dies widerspricht dann der Gerechtigkeit innerhalb einer Generation. Eine zu hohe Diskontierung widerspricht hingegen der Gerechtigkeit zwischen der heutigen und zukünftigen Generationen.

7. Zusammenfassung und Ausblick

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Verwendung einer sozialen Zeitpräferenzrate die Gefahr birgt, gegen das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung und der darin enthaltenen Generationengerechtigkeit zu verstoßen. Laut der Formel von Frank Ramsey besteht die Zeitpräferenzrate aus der Summe von reiner Zeitpräferenz und Nutzenzuwachs aufgrund von Konsumsteigerung in Zukunft. Die Höhe der verwendeten Zeitpräferenzrate ist dabei eine Gratwanderung zwischen Zukunfts- und Gegenwartssicherung und basiert auf ethischen Annahmen, die transparent gemacht und stets hinterfragt werden sollten. In erster Linie steht die Verwendung einer reinen Zeitpräferenzrate im Konflikt mit dem Konzept der intergenerationellen Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit also zwischen verschiedenen Generationen. Nicholas Stern etwa bezieht in seinen Berechnungen nur eine niedrige reine Zeitpräferenzrate ein, um der Wahrscheinlichkeit Rechnung zu tragen, dass die Menschheit in Zukunft aussterben könnte. Das UBA hingegen setzt diesen in seinen Berechnungen auf einen Wert von null, um der intergenerationellen Gerechtigkeit gerecht zu werden. Die verwendete gesamte Zeitpräferenzrate basiert auf der Annahme von zukünftigem Wirtschaftswachstum in Deutschland und einem abnehmenden Grenznutzen. Auch diese Annahme könnte jedoch nicht konsistent mit der Idee der nachhaltigen Entwicklung sein, wenn es zukünftigen Generationen nicht besser geht als der heutigen. Zudem könnte es geboten sein, auf eine Diskontierung zu verzichten, wenn es um elementare Bedürfnisse wie Gesundheit oder Überleben geht.

Quellenverzeichnis:

Bauer, S. (2008). Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung. Webseite: https://www.bpb.de/izpb/8983/leitbild-der-nachhaltigen-entwicklung (04.08.2020)

Döring, R. und Ott, K. (2001). Nachhaltigkeitskonzepte. Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik, 2(3), 315-342. Webseite: https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/34760/ssoar-zfwu-2001-3-doring_et_al-Nachhaltigkeitskonzepte.pdf?sequence=1&isAllowed=y&lnkname=ssoar-zfwu-2001-3-doring_et_al-Nachhaltigkeitskonzepte.pdf (13.09.2020)

Goulder, L.H. und Williams, R.C. (2012). The Choice of Discount Rate for Climate Change - Policy Evaluation. Climate Change Economics Vol. 3, 4/2020. Webseite: https://web.stanford.edu/~goulder/Papers/Published%20Papers/Choice%20of%20Discount%20Rate%20for%20Cl%20Ch%20Policy%20Evals%20%28Goulder-Williams,%20CCE%202012%29.pdf (12.09.2020)

Gronemann, S. und Döring, R. (2001). Nachhaltigkeit und Diskontierung. Webseite: https://www.researchgate.net/publication/228456803_Nachhaltigkeit_und_Diskontierung (04.08.2020)

Hampicke, U. (2020). Klimapolitik: Schadenskosten oder Vermeidungskosten?. Zeitschrift für Umweltpolitik und Umweltrecht 1/2020: S. 1-25. (13.09.2020)

Nordhaus (2007). A Review of the Stern Review on the Economics of Climate Change in Journal of Economic Literature Vol. XLV. Webseite: http://piketty.pse.ens.fr/files/Nordhaus2007b.pdf (04.08.2020)

Parrique T., Barth J., Briens F., C. Kerschner, Kraus-Polk A., Kuokkanen A., Spangenberg J.H., 2019. Decoupling debunked: Evidence and arguments against green growth as a sole strategy for sustainability. European Environmental Bureau. Webseite: https://mk0eeborgicuypctuf7e.kinstacdn.com/wp-content/uploads/2019/07/Decoupling-Debunked.pdf (04.08.2020)

Stern, N. (2006). Stern Review: The Economics of Climate Change. Webseite: https://www.brown.edu/Departments/Economics/Faculty/Matthew_Turner/ec1340/readings/Sternreview_full.pdf (04.08.2020)

UBA (2018). Empfehlungen zu den Klimakosten (Tabelle). Webseite: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/384/bilder/dateien/3_tab_uba-empfehlung-klimakosten_2019-01-17.pdf (04.08.2020)

UBA (2018a). Methodenkonvention 3.0 zur Ermittlung von Umweltkosten – Methodische Grundlagen: p. 30 ff. Webseite: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2018-11-12_methodenkonvention-3-0_methodische-grundlagen.pdf (04.08.2020)

UBA (2018b). Methodenkonvention 3.0 zur Ermittlung von Umweltkosten – Kostensätze. Webseite: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2019-02-11_methodenkonvention-3-0_kostensaetze_korr.pdf (04.08.2020)

United Nations - Department of Economic and Social Affairs. The 17 Goals. Webseite: https://www.un.org/sustainabledevelopment/sustainable-development-goals/ (13.09.2020)

Credits:

Erstellt mit Bildern von Maithilee Shetty - "Time Turner" • Rae Tian - "The Magic World of Harry Potter" • Markus Spiske - "WE DON'T HAVE A TIMETURNER LIKE HERMIONE. Global climate change strike protest demonstration - No Planet B - 09-20-2019" • Simon Wilkes - "Perhaps one the best vantage points in Richmond Park, London. This bench is perfectly placed beneath a lonely tree, giving a clear view of the open fields and woodlands in every direction. In the early morning mist there’s a certain melancholy about the place - you could sit and ponder life here, without a care in the world." • Tamara Gürtler - "Library at Trinity College, Dublin" • Bryan Walker - "The famous Glenfinnan Viaduct with one of the last "Harry Potter Trains" of the year, during a particularly moody autumn morning" • Artem Maltsev - "Magic - is something that is near us. We expect something but when something go in surprising way we can’t believe that this can be possible. We want to find the answer and if we can’t find we say “Magic”. Magic is very popular theme for literature. And of course we should thank Rowling for Harry Potter. There is special day for celebration. Fans around the world create a special activities to find themselfs as part of this interestig imagined world." • Frida Bredesen - "Harry potter owl close up :-)" • Jules Marvin Eguilos - "untitled image"