Loading

Durchs wilde Korsika Eidechse medium oder lieber well done?

Korsika, trägt zu Recht den Namen „Insel der Schönheit“

Und hat weitaus mehr zu bieten als aromatischen Käse, freilaufende Schweine, Kastanienbier, Clementinen und den GR 20 (Grand Randonnée).

Unterwegs mit kleinem Gepäck © Thomas Neumann

Zum Beispiel im „Parc Naturel Régionale de Corse (PNRC)“ die Gegend rund um das Renoso Massiv auf den alten Hirtenwegen. Fern ab von jeglichem Trubel, ohne Handy-Empfang und überfüllten Hütten. In einer Kleingruppe nur mit dem Nötigsten im Gepäck. Der Reiz oder vielmehr die Herausforderung des Ganzen ist nicht die körperliche Anstrengung, nein es ist die Einsamkeit und die daraus resultierende Konfrontation mit sich selbst!

Von Bastia geht es 3 Stunden mit dem Zug ins Inselinnere, nach Bocognano. Vom Bahnhof geht es zum Basiscamp „Camping Minocchi“. Einem gemütlichen, ruhigen Campingplatz, in der Nähe vom Bergdorf Bastelica, mit vielen alten Obstbäumen, die Schatten spenden. Zudem ist es ein hervorragender Ausgangspunkt für diverse Wandertouren in die Berge rund um das Renoso Massiv.

„Genießt nochmal die Annehmlichkeiten vom Campingplatz, in den nächsten Tagen wird es etwas rustikaler“.

Die Tagestour dient als Warmlaufphase und als Anhaltspunkt, wie fit wir im Gelände sind. Power-Riegel, Badesachen und Wasser werden verstaut, Schuhe ordentlich schnüren und los geht es mit kleinem Gepäck.

Die Sonne meint es gut. Morgens schon an die 30 °C. Wir verlassen unser Basiscamp und laufen ein kleines Stück die Straße bergab. Dann geht es mitten durch einen der vielen Schweineställe. Jetzt wird klar, warum Bastelica so berühmt für seine Wurst- und Fleischwaren ist. Im Schatten der Bäume geht es langsam bergauf. Nach kurzer Zeit verliere ich bereits die Orientierung. Wir laufen auf Wegen die in den aktuellen Wanderkarten nicht mehr eingezeichnet sind. Aber woher kennt Eric, unser Guide, diese Wege? „Wenn du dich gut mit dem Campingplatzwart Antoine verstehst, dann verrät er dir so Einiges. Er war hier früher Bergführer.“ Es duftet nach Curry von der Mittelmeerstrohblume (Helichrysum italicum), welche gut bei Blutergüssen, Prellungen und der Wundheilung hilft. Dadurch, dass ich keine Karte lesen muss, kann ich mit totaler Leere im Kopf die vielen neuen Eindrücke genießen. Diese Stille, welche nur vom Klackern unserer Wanderstöcke durchbrochen wird ist noch ungewohnt. Inzwischen läuft der Schweiß am Körper runter und zeichnet interessante Muster auf unsere T-Shirts. Jede Art von Erfrischung wird mitgenommen! Unsere Tagestour endet in Bastelica in der Dorfbar.

Gut gekühltes Pietra (Kastanienbier) ist nach so viel Schwitzen ein wahrer Traum. Glücklicherweise wurde mit der biologischen Schädlingsbekämpfung der eingeschleppten Kastanien-Gallwespe begonnen, sodass zu hoffen ist, dass es das Bier und den berühmten Kastanienhonig auch zukünftig geben wird. „Hier hole ich nachher unser Fleisch für den Grillabend, Filet vom korsischen Schwein. Solltest du unbedingt probieren, dir entgeht sonst etwas.“ Das Schwein schmeckt wirklich anders. Woher kommt dieser feine Geschmack? Ist es das Futter, die Haltung in der Natur oder etwa das von uns selbst gesammelte Feuerholz?

Wir genießen bei einem Glas Wein die Annehmlichkeiten wie Tisch, Stuhl, Toiletten.... bevor es morgen auf die Mehrtagestour geht.

Um 6:30 Uhr ist die Nacht zu Ende und jeder beginnt seine Sachen zusammen zu packen, bzw. überflüssiges Zeug auszusortieren. Selbst der Adressanhänger bleibt im Zelt, denn jedes Gramm wird in den Bergen zur Tonne! Mit etwa 16 kg Marschgepäck geht es los.

Gruppendynamik © Thomas Neumann)

Wir laufen schweigend im Schatten uralter Bäume, auf scheinbar vergessenen Wegen.

Bergerie Mezzaniva ©Thomas Neumann

Stachelige Ranken überwuchern diese, fast wie bei Dornröschen. Nur dass der Prinz nicht in Sicht ist. Ich kämpfe noch mit dem richtigen Sitz meines Rucksacks. Denn das ungewohnte Gewicht auf meinem Rücken zerrt an mir und bringt mich ein paar Mal aus dem Gleichgewicht. Wie war das noch? Den Rucksack fest an den Körper bringen und den Schwerpunkt möglichst mittig platzieren. 1/3 der Last auf den Schultern und 2/3 auf den Hüften. Ich schaue überwiegend nach unten auf den holprigen Weg. Bloß nicht stolpern und verletzen. Wieder liegt der Duft von Kräutern in der Luft. In den Pausen ist genügend Zeit die Umgebung wahrzunehmen. Einfach unbeschreiblich schön hier! Uns umgibt eine schroffe Bergwelt. Dazwischen urige Bäume und Felder, auf denen Sträucher und Büsche in verschiedenen Farben in der Sonne leuchten. Hier und da mal ein paar freilaufende Tiere und dazwischen unsere eigene kleine Herde. Hinzu kommt diese Ruhe und Einsamkeit. Die Gegend ist so abgeschieden, dass die Gartenschere zu Erics Grundausstattung zählt. Am frühen Nachmittag erreichen wir unser Etappenziel, die Bergerie Mezzaniva.

Hier in dieser weitläufigen Granit-Arena auf 1300 m Höhe war 40 Jahre lang der Schäfer François mit seinen Ziegen den Sommer über zuhause. Seit diesem Jahr ist der über 80-Jährige im Ruhestand. Schade, dass wir ihn nicht mehr kennenlernen, aber so können wir uns in der angenehm kühlen Steinhütte ausruhen und den Komfort eines Tisches mit Stühlen genießen... Es gibt eine kurze Einweisung: „Da ist die Trinkwasser-Quelle, da die Waschstelle und da könnt ihr das kleine und dort das große Geschäft machen. Auf jeden Fall immer unterhalb der Quelle!“

Viele Köche ….., © Thomas Neumann

Ich sauge förmlich mit jeder Pore Freiheit, Wärme und Sorglosigkeit auf. Alles erscheint hier unwichtig.

Biwak © Sandra Augustin

Nach dem Essen sitzen wir noch eine Weile zusammen und erzählen uns Geschichten über Füchse, die Wanderer im Schlaf beißen. Langsam schleicht sich die Dämmerung ins Tal. Unter Sternen schlafen, das wäre klasse. „Dann such dir einen geschützten Platz ohne scharfe Steine, sonst war es das mit deiner Matte. Und nicht mitten im freien Gelände, wegen der freilaufenden Tiere.“ „Freilaufende Tiere? Ich dachte hier ist es ungefährlich“…. „Ja schon, aber manchmal kommt eine Viehherde noch vorbei. Du willst bestimmt nicht getreten werden.“

Das erste Mal so unter freiem Himmel, trotz geschütztem Platz im Schlafsack, ist es doch etwas komisch, aber auch unendlich spannend. Inzwischen ist es absolut still, geradezu unheimlich. Mitten in der Nacht ist ein Scharren und Schnüffeln zu hören. Ist das etwa ein Fuchs? Inzwischen ist es stockfinster, jetzt wo der Mond verschwunden ist. Glanzvoll und prächtig ist die Milchstraße, der Jupiter und der Mars zu sehen!

„Na, hattet ihr auch Besuch vom Wiesel?“ „Äh Wiesel? ...ja dann war es wohl kein Fuchs...“ Nach dem Frühstück, bestehend aus Müsli, Milchpulver und Wasser oder wer mag auch kalte Käse-Tortellinis von gestern und Instantkaffee, geht es los.

Der niedrige Ginster hinterlässt blutige Spuren an unseren Waden. Jetzt wird mir klar, warum Eric auch bei gefühlten 40° C in langen Hosen wandert. Es geht stetig bergauf durch das Unterholz. Im Schatten ist es noch angenehm. „Wenn die Sonne über den Bergkamm kommt, wird es hier brutal heiß.“

Lac de Vitalaca © Thomas Neumann

Wir erreichen den See „Lac de Vitalaca“ (Quelle vom Prunelli). Ein lauschiges Plätzchen für die Mittagspause. Frisch, satt und zufrieden verkrümelt sich jeder in den Schatten der Erlensträucher. Die verkrampften Bein- und Rückenmuskeln können sich erholen und der Flüssigkeitsverlust kann aufgefüllt werden. Am späten Nachmittag kriechen alle etwas benommen aus ihrem Versteck hervor. Es geht noch etwas weiter. „Heute kann es nachts durchaus frisch werden. Wahrscheinlich sinkt die Temperatur bis in den einstelligen Bereich“, unglaublich, dieser Temperaturunterschied. Nun hat die Daunenweste im Gepäck auch ihre Daseinsberechtigung. Nach einer kleinen Runde Berg-Boule mit Flusskieseln neigt sich auch der 2. Tag seinem Ende entgegen. Ob heute Nacht der Fuchs kommt?

Um 5:30 Uhr ist die Nacht vorbei. Heute steht die Königs-Etappe an. Wir wollen hoch auf den Gipfel „Punta alla Vetta“ (2255 m), um dann zum letzten Lagerplatz abzusteigen. „Frisch machen könnt ihr euch oben im See, jetzt haben wir keine Zeit“.

Sprung in die Frische © Thomas Neumann

In der Morgendämmerung geht es zügig bergauf. Die aufgehende Sonne taucht die Landschaft in leuchtende Grüntöne. Endlich kommt der See „Lac de Bracca“ zum Vorschein. Idyllisch und einladend liegt er da in 2085 Meter Höhe. Wir müssen ein wenig kraxeln, um ans Ufer zu gelangen, aber so eine Einladung zur Erfrischung lassen wir uns nicht entgehen.

© Sandra Augustin

Von dort geht es an den letzten steilen Anstieg. Von nun an heißt es ohne Stöcke weiter, da in der Wand der Abgang von Steinen überwiegend durch unkontrollierten Stockeinsatz ausgelöst wird. Der fehlende Stock macht sich nach kürzester Zeit in den Muskeln bemerkbar. Die Lunge rasselt und das Schnappen nach Luft ist zu hören. „Nicht zu sehr nach vorn beugen, aufrecht bleiben damit du tief einatmen kannst, sonst werden die Muskeln nicht genügend mit Sauerstoff versorgt und du machst schneller schlapp“. Oben angekommen werden wir, trotz der Rauchschwaden von den Waldbränden, mit einem traumhaften 360° Ausblick über die Insel belohnt. Es ist von allem etwas dabei. Von kargen Bergen die sich einfach damit begnügen in den Himmel zu ragen, über grüne Almwiesen bis hin zum Golf von Ajaccio.

Ausblick © Sandra Augustin

Unter uns liegen die sogenannten Pozzines. Sie sehen wie kleine Pfützen im Auenland der Hobbits aus. Es sind Feuchtwiesen mit Wasserlöchern, welche unterirdisch miteinander verbunden sind. Das Einmalige an diesen ist die eigene Quelle, welche die Wasserlöcher mit frischem Quellwasser speist.

Pozzine © Thomas Neumann

Es geht jetzt nur noch bergab, der Tod für die Füße und Kniegelenke. Zudem staut sich im Tal die Hitze.

Am letzten Lagerlatz angekommen freuen wir uns über den herbeigezauberten Kaffee und einen geruhsamen Abend mit leckerem Essen. Heute Abend stehen Nudeln mit Soja-Tomatensoße auf der Karte. Wir schnippeln die letzte frische Karotte und geben der Soße mit unserem frisch gepflückten Zitronenthymian die besondere Note, als plötzlich die neugierige Eidechse von der Hausmauer kopfüber in die köchelnde Tomatensoße springt. „Magst du die Eidechse eher medium oder lieber well done?“. Trotz sofortigem Herausfischen und anschließender Reanimation ist dem armen kleinen Kerl nicht mehr zu helfen. Wie schade!

Vor dem Sprung in die Tomatensoße © Sandra Augustin

Mit vollen Bäuchen hocken wir noch eine Weile auf den, von der Sonne aufgewärmten, Steinen. Morgen geht es wieder zurück. Jetzt wo einmal der Zivilisationsgeruch weg ist und einem das vermeintlich dezente Deo viel zu intensiv vorkommt. Wie erholsam es doch ohne Handy-Empfang war, völlig befreit, einfach nur sein und wohlfühlen!

Der markante Geruch der korsischen Macchia prägt den letzten Part dieser Tour, bevor diese in Bastilica endet. Am Abschiedsabend wird auf französische Art geschlemmt. Mit Veau à la Corse, Pastis, Cap Corse und diversen Desserts lassen wir das Abenteuer ausklingen.

Fazit des Abenteuers:

Ohne robuste Wanderstiefel und Plan geht nichts! Aber ohne Deo geht es, denn jedes Gramm wird in den Bergen zur Tonne. Trotz schweißtreibender Temperaturen, ein paar Schrammen und dem Selbstmord einer Eidechse kamen das Lachen und die Erholung nicht zu kurz!

Infos zur Tour:

Tour „Durchs wilde Korsika“: 7 Reisetage mit 6 Übernachtungen und 5 Wandertagen plus Verpflegung. 40 km Mehrtagestour mit 2500 hm (An/Abstieg)

Anreise: Flug direkt nach Bastia oder Ajaccio. Oder: Mit Flugzeug nach Marseille und dann weiter mit der Fähre: Corsica Ferries.de. Von A nach B auf der Insel mit: Corsica Bus & Train. Reiseveranstalter: Abenteuer Korsika

Campingplatz: Pont de Minocchi, Route de Scalella, 20119 Bastelica, Tel: +33/495 28 70 27

Noch ein paar Impressionen:

Created By
Sandra Augustin
Appreciate

Credits:

Thomas Neumann, Sandra Augustin

Report Abuse

If you feel that this video content violates the Adobe Terms of Use, you may report this content by filling out this quick form.

To report a Copyright Violation, please follow Section 17 in the Terms of Use.