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Eine Dragqueen und ein Bodybuilder erklären, warum sie beide «Manns genug» sind Sie suchen beide die Bühne. Claudio als Dragqueen, Alex als Bodybuilder. Wie sie zu den Männern wurden, die sie heute sind – und warum sie gar nicht so unterschiedlich ticken.

Text, Bilder und Videos von Isabelle Dahinden

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Falsche Wimpern für Claudio

«I mean, am I a woman?» Claudio betrachtet sich im Spiegel, wickelt eine platinblonde Haarsträhne um seinen Finger. Pink und Glitzer auf seinem Augenlid. Feuerrot auf seinen Lippen, rot auf den Fingernägeln. Ein nachgemaltes Muttermal rechts auf der Wange. Wie Marilyn Monroe, nur ein wenig höher. Unter dem schwarzen Paillettenkleid blitzen seine gekrausten Brusthaare hervor.

16 Glühbirnen umrahmen den Spiegel, 3 sind kaputt, 13 sind an. Sie werfen das Licht auf den Mann davor: Er ist 27-jährig, freischaffender Illustrator in Luzern und alleinstehend. Drei Stunden hat Claudio, zuvor noch kurzes, gelocktes schwarzes Haar und kaum sichtbare Augenlider, hier verbracht, am Tisch, im Backstage-Bereich des Luzerner Kulturkellers Winkel. Vor ihm liegt haufenweise Make-up: Puderpinsel, Lidschattenpinsel, Bronzer, Eyeliner, Foundation, Wimpern zum Ankleben.

Bald wird er in Stöckelschuhen auf die Bühne schreiten. Nicht als Claudio – sondern als LaMer. So heisst Claudio in Drag. Nicht als Mann, sondern als Frau. Als Dragqueen.

Schweiss für Alex

«Ain’t no other man that can stand up next to you», dröhnt Christina Aguileras Stimme aus den Musikboxen. Alex liegt auf dem Rücken, über sich eine Langhantel. Links 20 Kilogramm, rechts 20 Kilogramm. Er streckt die Arme aus, langsam, routiniert.

Alex ist 32 Jahre alt, IT-Manager und Bodybuilder, liiert. Harte Muskeln zeichnen sich unter dem enganliegenden, roten T-Shirt ab. Wie sein Körper aussieht, das nimmt Alex selbst in die Hand. Wie alles in seinem Leben. Dem Zufall überlässt er nichts.

Ein Gewicht fällt zu Boden, jemand macht sich am Rudergerät zu schaffen. Hier, im Fitnesscenter Unique in Kriens, ist es warm, es riecht nach Schweiss. Draussen, da ist es neblig und kalt.

In der Wettkampfvorbereitung streift sich Alex zweimal täglich Sportklamotten über. Morgens Ausdauer, abends Kraft. Jeden Tag, montags bis sonntags. Strikter Ernährungsplan, kein Nikotin, wenig Alkohol. Nur ausserhalb der Wettkampfsaison nimmt es Alex weniger streng mit Ernährungs- und Trainingsplan.

Wenn ich Alex traf, fragte er mich nach Claudio. Traf ich mich mit Claudio, fragte er mich nach Alex. So führte ich die beiden kurzerhand gemeinsam an einen Tisch im Luzerner Neubad. Beide sind ein wenig nervös. Claudio bricht das Eis:

Claudio: Würdest du dich unwohl fühlen, mit Make-up und in High Heels vor dem Publikum?

Alex (überlegt): Wahrscheinlich schon. (Er lacht.)

Claudio: Das finde ich eben the Power of Drag: Diesen Moment zu erleben, zu spüren, wie man sich selber in so einer Situation verhält.

Boys don’t cry – «einfach nicht dazu gemacht»

Wann ist ein Mann ein Mann? Gehören Muskeln dazu, dass ein Mann den Beschützer mimt, stets stark ist und nie Schwäche zeigt? Verliert ein Mann, geschminkt und in High Heels, seine Männlichkeit vor anderen?

«Reiss dich zusammen», sagt die Mutter zum Sohn, der sich das Knie aufgeschürft hat. «Sei keine Pussy», bei der Mutprobe im Freundeskreis. «Boys don’t cry.»

Claudio hat das letzte Mal vor einem Jahr geweint. Kurz nach Silvester, er tauchte mit frisch blondierten Haaren bei seinen Eltern auf. Sein Vater habe doof reagiert. Als er Claudio, damals noch Kunstlehrer, erneut sieht, sagt er ihm, dass er sich Sorgen mache. Er habe Angst, sein Sohn verliere vor der Schulklasse an Autorität. «Er traf damit einen wunden Punkt», sagt Claudio. Seine Worte kamen bei ihm so an: Diese Haare sehen feminin aus, es sieht schwul aus. «Ich habe aber nicht vor ihm geweint. Ich riss mich zusammen, zog mich zurück. Die Tränen kamen erst später.»

Warum? Weil er wohl einfach nicht gut im Weinen sei, meint Claudio.

Claudio: Ich glaube, ich bin da das Klischee schlechthin. Ich bin sehr schlecht darin, Emotionen zu zeigen. Man merkt mir selten an, wenn es mir nicht gut geht.

Alex: Dann bist du eher der Typ, der immer fröhlich ist?

Claudio: Ich kann auf eine analytische Art sehr gut erklären, wie es mir geht. Aber das emotional zeigen kann ich nicht.

Alex‘ letztes Mal ist noch nicht so lange her. Vor drei Monaten. Beziehungsprobleme. Seit sieben Jahren ist er mit seiner Freundin Andrea zusammen, wohnt mit ihr in einer schicken Wohnung in der Luzerner Neustadt. Mit einigen Kakteen, einem Ananasbaum – und vielen Trophäen, die Alex an den Bodybuilding-Wettkämpfen ergattert hat. Diese reihen sich nun im Schlafzimmer aneinander.

«Die Beziehungsprobleme haben mich ziemlich mitgenommen. Ich habe viel geweint. Alleine, vor meiner Freundin, mit ihr.» Er zeige seine Gefühle. Wenn es ihm schlecht geht, so könne er dies gar nicht vertuschen. «Das ist auch nicht gesund für einen selber. Aber es muss mir schon sehr schlecht gehen, dass ich weine.»

Schwul und männlich – für viele ein Widerspruch

«Der Mann steckt in der Krise», heisst es oftmals. In den letzten Jahren wurde viel darüber diskutiert, wie Männer sein sollen – und wie nicht. Der Begriff der toxischen Männlichkeit fiel. Er beschreibt Vorstellungen von Männlichkeit und das bisweilen daraus resultierende krankhafte Bestreben, diesen entsprechen zu müssen. Die Folgen: Sexismus, Gewalt, Homophobie, Drogen- und Alkoholmissbrauch. Wie Gift kann sich dieser Eifer folglich zerstörerisch auf den Menschen auswirken. Auf den Mann genauso wie auf dessen Umfeld. Mehr und mehr werden Stimmen laut, die eine «neue» Männlichkeit fordern: eine, die individuell, facettenreich und wandelbar ist.

Wenn Claudio heute shoppen geht, so ist er immer doppelt gestresst. Weil er die Männer- und die Frauenabteilung abchecken muss.

Claudio fühlt sich wohl: Mit dem Paillettenkleid an seinem Körper, High Heels an seinen Füssen. Wenn er stundenlang am Schminktisch sitzt, an seinem Prosecco-Glas nippt, seine Haare schwungvoll aus dem Gesicht wirft, seine Lippen zu einem Kussmund formt – hyperfeminin ist. Er will damit zeigen: Geschlecht ist nicht viel mehr als eine Performance.

Genauso wohl fühlt sich Claudio in lockerem Hemd und Hose, wenn er ein Bier trinkt, mit seinen Freunden am Zocken ist.

Nicht schwul wirken, dagegen kämpfte Claudio früher hart an. In weiten Baggys, Hoodie und Cap kreuzte er in der Schule auf, wollte aber lieber Skinny Jeans tragen. Er riss sich zusammen, nicht die Beine übereinanderzuschlagen. Er riss sich zusammen, seine Stimme nicht zu feminin erscheinen lassen. Claudio träumte mit elf Jahren davon, ins Balletttanzen zu gehen, doch er riss sich zusammen und lernte Breakdance.

Nicht schwul zu wirken, damit brüstete sich Claudio in der Vergangenheit auch etwas. Die Leute reagierten überrascht, wenn er sich als homosexuell outete. Das schmeichelte ihm. «Ich habe mich früher immer ein wenig damit geschmückt, ich war stolz darauf, dass ich anscheinend ein Stück Männlichkeit besitze, obwohl ich auf Männer stehe.» Für viele sei das ein Widerspruch. «Für einige Männer bist du kein richtiger Mann, wenn du auf Männer stehst.»

Als er sich vor Jahren das erste Mal geschminkt hatte, wischte er sich die Farbe schnell wieder vom Gesicht. Irritiert von seinem eigenen Anblick, dass das, was er da im Spiegelbild sieht, irgendwie nicht cool ist. Je mehr er sich schminkte, umso mehr gewöhnte er sich an sein «anderes Ich» – ein- und dieselbe Person in einer anderen Hülle.

Wenn Claudio Drag macht, sieht er nicht wie ein Mann aus. Zumindest nicht wie ein Mann, wie ihn die Gesellschaft optisch erwarten würde. «Durch Drag lernte ich, den Stolz, nicht zum schwulen Klischee zu gehören, abzulegen. Jetzt habe ich keine Angst mehr, dass die Leute mir vielleicht manchmal ansehen, dass ich schwul bin. Heute sage ich: ‹Sprich mich an, ich bin bereit!›» Claudio führt seine Hände vor sein Gesicht, bewegt seine Finger, zeigt mir seine lackierten Fingernägel.

«Viele meinen, Drag sei eine Kunstfigur. Dabei ist es umgekehrt nicht anders: Meine eigene Persönlichkeit ist genauso eine Kunstfigur.» Geschlecht ist für ihn ein Konstrukt, von der Gesellschaft geprägt. Wir alle hätten gewisse Verhaltensweisen, eine Geschlechterrolle zu erfüllen, die wir uns abgeschaut haben, die uns beigebracht, die uns anerzogen worden sei. «Das heisst aber nicht, dass es nicht echt ist oder man sich nicht wohl in dieser Rolle fühlt.»

Durch Drag lernte Claudio, seine femininen Seiten zuzulassen, seine maskulinen Seiten mehr zu schätzen. Ihm sei bewusster, was ihm als Mann antrainiert wurde und welche Seiten davon er tatsächlich an sich mag. «Nach aussen hin zeige ich gewisse männliche Attribute. So, wie ich mich manchmal in der Öffentlichkeit gebe, fühle ich mich wohler, wenn man mich als Mann wahrnimmt. Weil es das Geschlecht ist, mit dem ich mich identifiziere.»

Claudio: Du musst die Frage nicht beantworten, wenn du nicht willst: Wie sieht es in deiner Szene mit ungesunder Ernährung aus und Steroiden?

Alex: Extreme Diäten und Binge Eating sind ein grosses Thema. Das geht oft ins Ungesunde. Dasselbe mit Steroiden: Oftmals setzen sich damit schon junge Männer und Frauen auseinander.

Claudio: Das ist witzigerweise auch in der Schwulenszene ein Thema.

Alex: Wirklich?

Claudio: Viele Schwule wollen dem Klischee einer «Schwuchtel» nicht entsprechen. Das eigene Körperbild ist eine Form von Männlichkeit, das sich Schwule zu erringen versuchen.

Den eigenen Körper zu formen, das gibt Alex ein gutes Gefühl

Alex betrachtet sich im Spiegel, in seinen Händen hält er eine Langhantel. Jede Übung, jeder Griff sitzt. Alex weiss genau, was er da tut – und wieso er das tut.

Schwarze Tunnels in den Ohren, ein Piercing oben am rechten Ohr, eines am linken Ohr – allesamt Überbleibsel aus der Zeit, als Alex’ Haar noch schulterlang war, er die Nächte headbangend an Metal-Konzerten wie von Rob Zombie verbrachte.

«Es ist ein gutes Gefühl, wenn ich den Erfolg an meinem Körper sehe.» Stark zu sein, mit seinem Körper viel Gewichte zu stemmen, viel Kraft zu haben, das gibt Alex ein gutes Gefühl. Für ihn ist das tägliche Trainieren kein Müssen, es ist ein Gernmachen, ein Abschalten. Alex muss abseits von seinem Bürojob auch seinen Körper beanspruchen, nicht nur seinen Kopf.

Doch: Wie wichtig ist es ihm, dass er und andere den Erfolg an seinem Körper sehen?

Schweissperlen auf seinem Gesicht, verzerrt er dieses vor Anstrengung. Schon sein halbes Leben lang stemmt Alex Gewichte. Früher weniger, heute mehr. Konsequenter. Sein Körper ist das Resultat von über zehnjährigem Training. Jedes Jahr kam vielleicht ein halbes Kilo mehr dazu. Heute wiegt Alex bei einer Körpergrösse von 1,80 Meter 85 Kilogramm.

Das sei seine Grenze. Mehr geht nicht. Egal, wie viele Gewichte er noch mehr stemmt.

«Diese Grenze akzeptiere ich.» Nicht alle können das. Körperkult kann toxisch werden. Schneller, massiver soll es werden – so greifen manche auf Steroide zurück. Einige internationale Bodybuilding-Verbände standen in den letzten Jahren immer wieder in den Schlagzeilen. «Einem Profiathleten nimmt keiner mehr übel, wenn er dopt, weil jeder weiss, dass es auf dem Niveau ohne nicht geht», sagte Deutschlands Bodybuilder Patrick Teutsch kürzlich gegenüber «Die Zeit».

Doch auch abseits des Scheinwerferlichts wird gedopt, das weiss Alex aus Garderobengesprächen. An ihm sei alles natürlich, das war so und soll auch so bleiben. Aber auch Alex stellte sich die Frage: Steroide – ja oder nein? Er hat abgewogen, sich dagegen entschieden: «Ich will kein Muskelmonster werden. Ich fühle mich wohl mit mir, in mir. Meine Gesundheit ist mir etwas vom Wichtigsten. Das würde ich nie riskieren.»

Traditionelles Männerbild – Alex fühlt sich wohl damit

Stark, leistungsorientiert, belastungsstark, stets stark und niemals schwach – so lässt sich das traditionelle Männerbild definieren. Alex passt gut in diese Schublade. Das weiss er selber. «So bin ich halt. So fühle ich mich wohl.»

Aber dieses traditionelle Männerbild, das existiert für ihn so nicht mehr. «Ich glaube, in den letzten 20 Jahren hat sich viel getan. Heute kann jeder – auch ein Mann – viel mehr so sein, wie er will, und das aus sich machen, was er möchte.» Männer wie Claudio, die als Dragqueen auf die Bühne treten, bewundert Alex auf eine Art. Er besuchte selber schon Dragshows, die ihm imponierten, ihm gut in Erinnerung geblieben sind. Nur, dass Alex nicht selber im Paillettenkleid und geschminkt auf die Bühne treten würde.

Er selbst habe nie Druck von aussen verspürt, bestimmte Erwartungen als Mann erfüllen zu müssen. Wenn, dann setze er sich selber unter Druck. Dann sei er fokussierter, verfolge seine Ziele hartnäckiger. «Auch in meiner Beziehung habe ich nicht das Gefühl, speziell den männlichen Part zu spielen. Auch wenn ich meiner Freundin eher mal eine schwere Kiste abnehme.»

Claudio: Ich glaube, wir täuschen uns hier ein wenig von progressiven Wellen, die es in letzter Zeit gab. Strukturell sind diese Rollenbilder mehr verankert, als man glaubt. Wir können uns schnell vormachen, dass wir frei sind, dass wir alle machen können, was wir wollen. Aber dem ist nicht so.

Alex: Vielleicht braucht es ein, zwei Generationen mehr, bis diese Rollenbilder und Stereotype endgültig aus den Köpfen verbannt sind …

Claudio: … ich glaube, es braucht nicht nur Zeit, sondern insbesondere auch viel Arbeit. Solche Errungenschaften sind sehr labil.

Männer lehnen sich nicht auf, weil sie viel zu verlieren haben

Stereotype Vorstellungen darüber, wie Mann zu sein hat und wie nicht, dürften noch immer stark in unseren Köpfen verankert sein. Das sagt Geschlechterforscherin Laura Eigenmann vom Zentrum Gender Studies in Basel. Das Paradoxe: «Es herrscht eine Gleichzeitigkeit von Persistenz und Wandel. Während sich werdende Väter in den letzten 10, 20 Jahren viel mehr mit der neuen Vaterrolle auseinandersetzen und sich vermehrt um die Kinderbetreuung kümmern, findet bei der heutigen Jugend eine stärkere Retraditionalisierung statt.» So sei es heute wieder trendiger, sich zu verloben und zu heiraten.

Nur scheint es, dass sich Männer mit diesen stereotypen Vorstellungen zum Grossteil wohlfühlen zu scheinen. Frauen kämpfen seit Jahrzehnten gegen veraltete Rollenbilder, sie sind wütend, lehnen sich auf, werden laut: Das hat nicht zuletzt der Frauenstreik gezeigt, als Schweizer Strassen von Pink und Lila dominiert wurden. «Frauen haben beim Kampf gegen Rollenbilder und Stereotype viel zu gewinnen», sagt Laura Eigenmann.

Frauen werden eher untergeordnet, Männer übergeordnet. Will jemand als stark wahrgenommen werden, so geht das nur, wenn es ein Gegenüber gibt, das von der Gesellschaft eher als devot betrachtet wird. Ergo heisst das: «Männer lehnen sich weniger gegen Rollenbilder und Stereotype auf, weil sie mehr zu verlieren haben: nämlich Macht und Privilegien.» Laut der Geschlechterforscherin haben Männer aber etwas nicht weniger Wichtiges zu gewinnen, würden sie dagegen ankämpfen: nämlich den Zwang, immer stark sein zu müssen.

Als Mann mit Stöckelschuhen und Make-up auf die Bühne

Es ist 17.17 Uhr, LaMer und ich laufen an die Bar. Er – oder sie? – in Stöckelschuhen, ich in flachen Vans. Zwei Gläser Prosecco stehen vor uns. LaMer, sonst gelassen, wirkt ein wenig angespannter. «Vor dem Auftritt brauche ich den hier schon», sagt er und nimmt einen grossen Schluck.

Wir trinken das Glas leer, LaMer lässt seines nochmals auffüllen. Minuten später stöckelt LaMer auf die Bühne, sprayt die Worte «After Laughter Comes Tears» auf ein Tuch, das er zuvor mitten auf der Bühne gespannt hat. LaMer windet seinen Körper im warmen Scheinwerferlicht, bewegt sich zum Takt der Musik wie Britney Spears in ihren besten Jahren, greift zur Ukulele, singt, unterhält – und thematisiert nebenbei ernsthafte Themen wie Homophobie. Das Publikum lacht – queere Menschen fühlen sich gehört, verstanden. Heterosexuelle denken nach. LaMers Dragshow ist eine Mischung aus Stand-up-Comedy, Playback und Gesang.

«Don’t look back, I want to break free», klingt die Stimme aus den Boxen. «You’ll never have to hide.» LaMer zerrt sich die Perücke vom Kopf, das Kleid vom Leib. Nun steht Claudio vor uns, in glänzend-goldenen, hautengen Boxershorts, die Stöckelschuhe in den Händen. Haarnetz, Perücke, Kleid, alles hat er von sich gerissen, an den Boden geworfen. Jetzt sieht Claudio wieder mehr nach Claudio aus und weniger nach LaMer.

Claudio: Darf ich dich noch etwas fragen?

Alex: Ja klar, nur zu.

Claudio: Geht das bei euren Bodybuilding-Wettkämpfen immer ernst zu und her oder ist auch ein gewisser Humor hinter dem, was ihr macht?

Alex (lacht und überlegt): Wie meinst du das?

Claudio: Ich drücke es mal lustig aus: Es stehen Männer auf der Bühne, die sich miteinander messen, wer die dicksten Muskeln hat – und sie machen daraus eine ganze Competition. Das klingt eigentlich mega lustig. Und doch so ernst.

Alex: Bodybuilding-Wettkämpfe sind schon sehr oberflächlich. Es geht einzig darum, das Schönheitsideal der Klasse, in der du startest, zu erfüllen.

Muskeln wie Adonis

Auch Alex sucht die Bühne. Nicht in High Heels, sondern barfuss. Nicht in vielen Kleiden, nur in hellblauen Shorts.

Wir blicken zurück auf den 7. November 2020, im spanischen Santa Susanna. Alex steht auf der Bühne. Sein Körper glänzt golden unter dem hellen Scheinwerferlicht.

Zuvor hat er seinen ganzen Körper mit brauner Farbe eingesprayt, seine Muskeln und die Konturen des Körpers kommen so im Bühnenlicht besser zur Geltung. Frontal steht er zur Jury, das rechte Bein angewinkelt, den rechten Arm in der Hüfte. Die Muskeln spannen sich an, die Gefässe dehnen sich aus, seine Adern werden an den Armen sichtbar. Sein Körper: Adonis-gleich.

Alex dreht sich im Kreis, im Uhrzeigersinn, präsentiert seinen Körper von allen vier Seiten. Und da ist es wieder: Er lächelt. Immer.

Seit November darf sich Alex Vize-Weltmeister in Men’s Physique nennen – einer Klasse bei Fitness- und Bodybuilding-Wettbewerben, bei der nicht der mit dem massivsten Muskelpaket gewinnt, sondern derjenige mit dem «ästhetischsten, bestproportionierten Körper und dem besten Auftreten», erklärt mir Alex. Strikte Definitionen gibt es nicht, die Jury-Mitglieder bewerten subjektiv.

Fühlt sich Alex heute wohler, wenn er sich im Spiegel betrachtet? Alex überlegt. Lange. Bevor er spricht, kreiert er die Sätze erst in seinem Kopf. «Ich habe mich noch nie unwohl gefühlt in meinem Körper. Aber ich fühle mich wohler bezüglich dem, was mein Körper heute im Vergleich zu früher mehr leisten kann.»

Männer können innert Sekunden ihre Männlichkeit verlieren

Spielen wir denn alle Theater, ist das Leben eine Bühne, auf der wir Schauspielerinnen und Schauspieler sind? So, wie Soziologe Erving Goffman meint?

Laura Eigenmann bezieht sich auf den Soziologen Pierre Bourdieu. Sie sagt, dass ein Mann seine Männlichkeit viel eher verliere als eine Frau ihre Weiblichkeit. «Ein Mann muss in jedem Moment seines Lebens seine Männlichkeit zeigen und verteidigen. Er muss sich im Wettkampf mit anderen Männern ständig messen. Wenn ein Mann andere dominieren will, so muss er sich selbst beherrschen können, was bedeutet, hart zu sich selber zu sein.»

Es ist, wie JJ Bola es in seinem Buch «Sei kein Mann» beschreibt. Er läuft mit seinem Onkel Hand in Hand durch die Strassen Londons. Andere Jungs sehen ihn, ziehen ihn auf. Seine Männlichkeit scheint innert Sekunden zerbrochen zu sein. «All der Respekt, den ich mir verdient hatte, löste sich blitzschnell vor meinen Augen in Luft auf, als man mich Hand in Hand mit einem Mann spazieren sah», so JJ Bola.

Auch wenn Alex und Claudio nicht auf einer Bühne stehen, so ist Geschlecht immer inszeniert, sagt Laura Eigenmann. «Es gibt kein Original des Geschlechts, sondern nur ein Bild, an das man sich versucht anzunähern.»

Alex: Für mich ist ein Mann dann ein Mann, wenn er die entsprechenden Geschlechtsteile hat.

Claudio: Ich sehe das anders. Für mich ist ein Mann ein Mann, wenn sich ein Mensch als Mann definiert.

Als Fee oder Pirat verkleidet

Du brauchst ein Geschenk für den Sohn deiner Schwester – und findest dich in einem Kinderladen, unterteilt in rosa und blau. Greifst du zum rosafarbenen oder blauen Pullover? Zum Bilderbuch mit dem Piraten oder der Prinzessin?

Auf solche Stereotype treffen wir immer wieder, auch im 21. Jahrhundert. Mädchen werden zu Mädchen erzogen, Jungs zu Jungs gemacht.

Claudio interessierte sich von klein auf für Dinge, die die Gesellschaft eher für Mädchen geschaffen hat. Er experimentierte mit dem Nagellack der Schwester, schmückte sich mit ihren Fingerringen. Und er tauchte so in der Schule auf, um es den anderen zu zeigen. «Ich wusste schon, dass das für einen Jungen vielleicht etwas sonderbar ist.» Mit vier Jahren wünschte er sich von seinen Eltern ein Feenkleid zur Fasnacht – und bekam eines von seiner Mutter.

Alex tollte als Junge lieber im Dreck herum, verkleidete sich an der Fasnacht als Pirat. Er kletterte auf Bäume, spielte Fussball. Und er spielte mit seiner Puppe Milena, die er von seiner Mutter geschenkt bekam und er in jungen Jahren überallhin mitschleppte. Das mag wohl etwas sein, das der klischierten Männlichkeit zuwiderläuft.

Alex wuchs in Reiden auf, in einem Haus mit Garten, bei seiner Mutter. Seine Eltern trennten sich früh, seinen Vater sah Alex nur sporadisch. Alex’ Brüder – 20 Jahre älter als er – unterstützten ihn und seine Mutter in vieler Hinsicht. Sie waren ein Vaterersatz für Alex. Nahmen ihn mit auf den See, zum Klettern, zeigten ihm die ersten Computer aus Amerika. «Auch heute bewundere ich meine Brüder. Ich halte viel von ihnen und schaue zu ihnen hoch.»

Alex: Als Mann fühle ich mich teilweise unwohl, weil ich mit vielen Vorurteilen konfrontiert werde. Viele schauen mich an, denken: «Der hat bestimmt nichts im Kopf.» So schubladisiert zu werden, das tut weh. Genauso wirst wohl auch du mit Vorurteilen konfrontiert. (Er schaut Claudio an.) Leider.

Claudio: Ja. Ich sehe aber auch ein, dass es viele Vorurteile gegenüber deiner Szene gibt. Oder ein sehr oberflächliches Bild, das nicht unbedingt zutrifft. Nur weil ihr alles muskulöse Männer seid, würde ich nicht darauf schliessen, dass es ein toxisches Umfeld ist.

Claudio musste erst von anderen akzeptiert werden

Alex war mit 16 Jahren das erste Mal verliebt, hatte eine Freundin. Mit dem Töffli fuhr er zu ihr, von Reiden nach Willisau.

Bei Claudio war es ein wenig komplizierter, bis er sich zum ersten Mal verliebte. Mit elf Jahren realisiert er, dass er nicht auf Mädchen, sondern auf Jungs steht. Er sei unaufgeklärt gewesen. In Gesprächen in der Pfadi und in der Schule merkte Claudio, dass die Vorstellungen der anderen Jungs gar nicht mit seinen zusammenpassten.

Mit 14 Jahren outete er sich vor seinen Kolleginnen, drei Jahre später bei seinen Eltern. «Aus Sicherheitsgründen», wie er sagt. «Wenn es deine Kollegen nicht akzeptieren, hast du ein paar Freunde weniger.» Eltern hat man nur einmal. Auch wenn die Eltern früher progressiv waren, ihm Feenkleid und Ballettstunden schenken wollten, hatte Claudio Angst, sich vor seinen Eltern anzuvertrauen. Warum wartete Claudio drei weitere Jahre?

«Ich war in meinen jungen Jahren während des Coming-outs einem Konflikt ausgesetzt: ‹Ich bin zwar schwul, aber keine Pussy …›» Das sei internalisierte Homophobie, der verinnerlichte Gedanke, dass Homosexualität etwas Minderwertiges sei. Claudio hatte wohl auch deswegen sein äusseres Coming-out vor seinem inneren. «Bevor ich mich selbst akzeptieren konnte, habe ich die Akzeptanz von meinem Umfeld erfordert.»

Abliefern

Spricht man von «echten Männern», so erwartet die Gesellschaft nicht selten, dass ein Mann leistungsorientiert ist, auf Erfolg getrimmt und stets das Risiko sucht.

Claudio arbeitet hauptberuflich als freischaffender Illustrator, die Drag-Auftritte als LaMer sind für ihn ein Nebenverdienst. Er entschied sich bewusst gegen das Militär und machte den Zivildienst.

Auch schon borgte er sich die Militäruniform des Zwillingsbruders, zog sie über, trug sich ein Fullface-Make-up auf, setzte sich die Perücke auf. Der Kopf war hyperfeminin, kopfabwärts war er hypermaskulin. «Damit wollte ich zeigen: Wenn ich ins Militär gehen würde, dann so. Und seien wir ehrlich: So würde ich im Militär nicht nur nicht ernst genommen, sondern schikaniert werden.»

Claudio hat eine persönliche Abneigung gegen das Militär. Für ihn ist es ein Ort, an dem Menschen unverdiente Autorität erlangen, ein Ort, an dem viel Homophobie stattfindet. Er erinnert sich an den Orientierungstag, als ein Mann neben ihm sass, der «Filmmaterial für Toxic Masculinity» schlechthin gewesen sei. «Er musste sich in jedem Gespräch aufspielen, gab sich als krasser Typ aus, wollte seinen Vater stolz machen. Für ihn waren alle, die den Zivi machen, Pussys.»

Alex hingegen, er wäre gerne ins Militär gegangen. Wäre – denn auch er entschied sich dagegen. Seiner Mutter wegen. Als Nachzügler habe ihn seine Mutter immer behütet, wollte ihn vor dem Schlechten bewahren. Vor dem Kiffen, dem Trinken und schlechten Einflüssen. Auch heute ist sie um ihren Sohn bekümmert. Schickt ihm Medienberichte aus dem Internet und Zeitungsberichte, dass Quinoa doch nicht so gesund sei, ein zu hoher Eiweisskonsum schädlich sei. So wollte sie auch nicht, dass ihr Sohn das Militär macht.

Alex liess sich von ihr überzeugen. Rückblickend war das keine schlechte Entscheidung, so konnte er sich auf die Arbeit konzentrieren, sich Job für Job hocharbeiten. Schon seit Teenager-Jahren war ihm bewusst: «Ich will finanziell auf eigenen Beinen stehen, mir etwas aufbauen, erfolgreich sein und Ziele im Leben haben. Und mir nicht jeden Tag den Kopf über das Geld zerbrechen müssen.»

Alex wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Er war 18 Jahre alt, als er zum ersten Mal Sandkörner unter seinen Füssen spürte, die Weite des Meeres vor sich sah.

Heute arbeitet er als IT-Manager bei einem international tätigen Gesundheitskonzern. Dafür arbeitete Alex hart. Nach seiner Lehre zum Informatiker schloss er zahlreiche Weiterbildungen ab – immer neben einem 100-Prozent-Pensum, immer trainierte er nebenbei. Wurde es ihm nie zu viel? «Nö.» Seine Antwort kommt prompt. «Es war immer viel Arbeit. Aber ich wusste immer, warum ich es mache. Ich wollte die Ziele, die ich mir gesteckt habe, erreichen.»

Der Kaffee ist leer getrunken, die Rechnung bezahlt, als Alex sein Handy in die Hand nimmt, Claudio auf Instagram sucht, ihm folgt.

Ich (zu Claudio): Siehst du, jetzt hast du schon einen Fan mehr.

Claudio (zückt sein Handy, folgt Alex zurück): Ich kann jetzt anderen erzählen, dass ich den Vice World in Men’s Physique getroffen habe.

Alex: Und ich, dass ich LaMer kenne. Wenn du mal wieder eine Dragshow hast: Let me know. Ich komme.

Nun: Wann ist ein Mann ein Mann?

Alex und Claudio – zwei Männer, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Und doch gar nicht so anders ticken. Alex war schon immer ein Mann, wie es die Gesellschaft erwartet. Claudio hingegen, er merkte früh, dass er nicht in diese Schublade passt, anders ist. Beide machten sich ihren Weg als Mann, so wie sie sich in ihrer Haut, ihrer Männlichkeit, wohlfühlen.

Erst waren die beiden unsicher – und ich musste die Fragen stellen. Doch sie interessierten sich für das Gegenüber. Sie hörten einander zu, sie begannen mit dem Fragen. Sie bohrten nach, zeigten Verständnis und Respekt. Gegenüber dem, was das Gegenüber macht, wie das Gegenüber seine Männlichkeit lebt und zelebriert. Claudio wollte Alex nicht in seiner Männlichkeit verletzen, Alex wollte Claudio nicht in seiner Männlichkeit verletzen oder diese in Frage stellen.

Ganz anders als zahlreiche andere Männerrunden, in denen Männer gehässig über (toxische) Männlichkeit diskutieren. Männer untereinander nur Köpfe schütteln, einander ins Wort fallen, aneinander vorbei sprechen. Diskussionen, die ins Leere führen.

Dabei ist es ganz einfach.

Jeder Mann ist Mann genug.

Über diesen Artikel: Autorin Isabelle Dahinden arbeitet seit drei Jahren bei zentralplus. In diesem März schliesst sie die Diplomausbildung Journalismus am MAZ in Luzern ab. Dieser Artikel ist im Rahmen der Diplomarbeit entstanden.

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Isabelle Dahinden
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