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Paracelsus – Seine Spuren in Kärnten und im Lavanttal von Werner M. Thelian

Als Paracelsus 1493 in Einsiedeln im Kanton Schwyz geboren wurde, erblickte er das Licht einer Welt, die seit kurzem ein gutes Stück größer war. Im Jahr zuvor hatte Christoph Kolumbus den Seeweg nach Amerika entdeckt, und schon wurden weitere Erkundungsfahrten zu den neuen Ufern vorbereitet. Zum Entdecker und Wegbereiter war aber auch Paracelsus bestimmt. Nur war die Welt, der er sein ereignisreiches Leben widmen sollte, erfüllt von Krankheit, Schmerz und Tod. Immer wieder dezimierten heimtückische Seuchen und Epidemien die Bevölkerung der Dörfer und Städte, und selbst den alltäglicheren Leiden standen die wenigen ausgebildeten Ärzte oft hilflos gegenüber.

Auf seinem lebenslangen Weg zum begnadeten Arzt und Naturforscher, zum sagenumwobenen Wunderheiler und Alchimisten hat Paracelsus fast ganz Europa durchwandert und in vielen Ländern die Spuren seines ebenso kraftvollen wie heilsamen Wirkens hinterlassen. Dass er dabei nicht immer Dank und Anerkennung erntete, sondern weitaus häufiger Spott und offen ausgetragene Feindschaft, gehört ebenso zum kaftvoll aufleuchtenden Lebensbild seiner Person wie die zahlreichen Gerüchte und Legenden, die sich bis heute um seine geheimnisvolle Kunst des Heilens ranken.

Im Laufe von Jahrhunderten entstanden viele Abbildungen, die Paracelsus zeigen. Weil die Porträts oft erheblich von einander abweichen, blieb sein tatsächliches Aussehen weitgehend im Dunkeln. Abbildung: Archiv.

Paracelsus in Kärnten

Dass ihn sein einsamer Weg durch die Wirren der Zeit mehrfach auch in das Land Kärnten führte, das er nicht umsonst seine "andere Heimat" nannte, berechtigt uns, auch hier seinen Spuren zu folgen – über 500 Jahre nach seinem ersten Aufenthalt in Kärnten.

Zu Anfang des Jahres 1502 kam Paracelsus als achtjähriger Knabe, der den frühen Tod der Mutter zu verschmerzen hatte, nach Villach, wo der Vater Wilhelm Bombast von Hohenheim auf eine gut bezahlte Tätigkeit als Arzt hoffen durfte. Villach, das seit dem 11. Jahrhundert zu den Kärntner Besitzungen des fränkischen Bistums Bamberg gehörte, übertraf an wirtschaftlicher Bedeutung alle anderen Städte des Landes. Vor allem die günstige verkehrsgeographische Lage der knapp 3.000 Einwohner zählenden Stadt, die Knotenpunkt wichtiger Handelsstraßen nach Venedig, Wien, Salzburg und Regensburg war, und die montanindustrielle Bedeutung der an Bodenschätzen so reichen Gegend waren die Grundlagen für den sprichwörtlichen Reichtum der Villacher Bürgerfamilien.

Villach um 1649 (M. Merian), Quelle: wikipedia.

Schon 16 Jahre früher, im September 1486, hatte der Italiener Paolo Santonio, Jurist und Sekretär des Bischofs von Aquileia, folgende Notiz in sein Reisetagebuch geschrieben:

"Der Ort Villach ist außerordentlich geeignet für alle, die Handel treiben wollen, da er ein Kreuzungspunkt verschiedener Straßen ist, die von Italien nach Deutschland und umgekehrt führen. Daher kommt es, dass dort außer den bodenständigen sich auch viele andere Kaufleute, und zwar reiche finden, welche ihre Heimat verlassen und wegen der günstigen Lage sich dort ihren Aufenthalt gesucht haben... Der Ort selbst hat Überfluss an Fleisch, indem es mehr Fleischer gibt als in Udine, er hat auch Überfluss ab testen Fischen und Krebsen, die ebenso groß als schmackhaft sind. Er hat Überfluss an Getreide und anderen Feldfrüchten, und aus Weizen wird ein sehr leichtes Brot erzeugt, das an Weiße und Geschmack die besten Brote anderer Orte übertrifft." (Paolo Santonino)

Was Santonio in der Stadt an der Drau sah, das dürfte auch Wilhelm von Hohenheim und seinem kleinen Sohn eineinhalb Jahrzehnte später nicht entgangen sein. In Villach, wo es außerdem Spitäler und ein schon damals berühmtes Warmbad gab, ließ sich für einen gebildeten Arzt und seinen kleinen Sohn ein durchaus gutes Auskommen erwarten. Das Haus Nr. 18 auf dem Marktplatz der Draustadt wurde für Paracelsus zum eigentlichen Elternhaus, in das er auch später, zwischen seinen vielen Reisen, immer wieder gerne zurückkehrte.

Kindheit in Villach

In Villach jedenfalls hat jene Ausbildung begonnen, die ein Leben lang andauern und ihn schließlich zum - aus heutiger Sicht - bedeutendsten Arzt seiner Zeit machen sollte. Anfangs allein vom Vater unterrichtet, lernte der Knabe dann an Villachs städtischer Lateinschule das Lesen und Schreiben. Hier und bei den Experimenten im Labor des Vaters dürften seine vielfältigen Begabungen zum Vorschein gekommen sein, was den Vater wohl veranlasste, den Bildungsweg seines einzigen Sohnes weiter zu fördern. Jahrzehnte später schrieb Paracelsus:

"Von Kindheit auff habe ich die Ding getribn, und von guten Unter¬richtern gelernet, die in der Adepta Philosophia die ergründesten waren, und den Künsten mächtig nachgründeten. Erstlich Wilhelmus von Hohenheim, meinem Vater, der mich nie verlassen hat. Demnach und mit sampt ihm eine große Zahl, die nit wohl zu nennen ist, mit sampt vielerley Geschrifften der Alten und Neuen, von ehrlichen Herkommen, die sich groß gemühet haben." (Paracelsus)

Obwohl der endgültige Beweis noch ausständig ist, spricht doch vieles dafür, dass Paracelsus irgendwann nach 1502 auch die Möglichkeit erhielt, die wohl berühmteste Kärntner Schule jener Jahre zu besuchen: die klösterliche Lateinschule des Benediktinerstifts St. Paul im Lavanttal. Dort und im unweit von St. Paul gelegenen St. Andrä, damals noch Amtssitz des Bischofs von Lavant, lauschte der junge Paracelsus nicht nur dem vielfältigen Wissen seiner geistlichen Lehrer, sondern kam wohl auch mit den Armen und Kranken in Berührung, die bei den heilkundigen Benediktinern Rat und Hilfe suchten.

Klöster waren auch im 15. und 16. Jahrhundert nicht nur Orte des Betens, Arbeitens und der Gelehrsamkeit, sondern auch der Medizin.

Und dort dürfte auch Erhard Baumgartner, Bischof von Lavant in St. Andrä, auf den begabten Schüler aufmerksam geworden sein und diesem vielleicht sogar eine Zeitlang Privatunterricht erteilt haben. Den Bischof Erhart und (seine) Vorfahren von Lavantthal" zählte Paracelsus später ausdrücklich zu den wichtigsten Lehrern seiner frühen Bildungsjahre. 1509, im Alter von etwa sechzehn Jahren, verließ Paracelsus Kärnten, um mit seinen eigentlichen Studienjahren zu beginnen, die ihn zunächst nach Wien und dann an mehrere deutsche Universitäten führten, ehe er in der berühmten italienischen Universitätsstadt Ferrara zum Doktor "beider Heilkunden" promovierte.

Ausgedehnte Reisen

Auf ausgedehnten Reisen, die ihn in fast alle Länder Europas führten, kam er nicht nur mit den "offiziellen" Lehren der Heilkunde in Berührung, sondern erlernte auch die geheimnisvolle Kunst der Alchemie. Das hat später viel zu seinem Ruf beigetragen, mit dem Teufel im Bunde zu sein und die Kunst des Goldmachens zu beherrschen. Tatsächlich hat er nicht nur bei erfahrenen Ärzten seine Kenntnisse vertieft, sondern auch bei Wunderheilern, Magiern und Kräuterfrauen. Er hat die Grenzen der herrschenden Medizin überschritten, um das Heilen im umfassenden Sinn zu erlernen.

Seine Reisen führten ihn durch viele Länder. Stets war er damit beschäftigt, Menschen zu heilen und seine Ansichten über die Heilkunst und die Welt niederzuschreiben.

In der Einheit von Körper und Geist, von Wissen und Glauben hat Paracelsus den richtigen Weg erblickt und wurde dadurch zum Begründer einer ganzheitlichen Medizin. Als er dann sogar öffentlich gegen die Schulmedizin auftrat, in Basel medizinische Lehrbücher verbrannte und Medikamente selbst herstellte, zog er sich den Zorn der Ärzte und Apotheker zu. Wo immer er in diesen Jahren auftrat und Menschen heilte, soziale Missstände anprangerte und seine Erfahrungen in zahlreichen medizinischen, philosophischen und theologischen Schriften mitteilte, eilte ihm sein Ruf voraus. Von den einen wegen seiner außerordentlichen Behandlungserfolge als Wunderheiler gefeiert, von den anderen als Scharlatan verhöhnt und bekämpft, war sein Weg gepflastert mit zahlreichen Schwierigkeiten, die ihn nicht nur in große Armut stürzten, sondern auch sein Leben in ernste Gefahr brachten.

Paracelsus las und schrieb viel und verbrachte täglich viele stunden mit Experimenten und der Herstellung von Arzneien.

Nach einem Aufenthalt in Wien kehrte der Ruhelose dann 1538, im Alter von fünfundvierzig Jahren, nach Villach zurück. Dieses Mal in der festen Absicht, sich hier für den Rest seines Lebens als Arzt niederzulassen. Aber es hatte sich viel verändert. Noch bevor er die Draustadt erreichte, ereilte ihn die Nachricht, dass sein Vater vor Jahren schon gestorben war. Paracelsus ließ sich vom Rat der Draustadt amtliche Papiere ausstellen und besuchte das Grab des Vaters am Villacher Jakobsfriedhof. Er, der gekommen war, um in seiner "anderen Heimat" Kärnten zu leben und zu arbeiten, musste feststellen, dass es auch hier niemanden gab, der ihn halten wollte.

Die Kärntner Schriften

Nicht ohne Hoffnung wanderte er zunächst in die Herzogstadt St. Veit, die jahrhundertelang das politische Zentrum des Landes gewesen war, ehe sie diese Vorrangstellung 1518 an Klagenfurt abtreten musste. In St. Veit verfasste Paracelsus seine Schrift "Chronica und ursprung dises lants Kernten" und wandte sich mit ihr an die in Klagenfurt resisierenden Kärntner Stände. Das Echo, das er dort fand, war zunächst vielversprechend. In einem Antwortschreiben vom 2. September 1538 bekundeten die Stände "dem edlen hochgelarten und hochberühmten herrn Aureolo Theophrasto von Hohenheim beider arznei doctori, unserm besondern guten freund und lieben herrn" ihren Dank und versprachen, ihren "freuntlichen dienstlichen willen jederzeit zu beweisen". Man bat ihn, selbst nach Klagenfurt zu kommen und stellte ihm auch den Druck seiner "Kärntner Schriften" in Aussicht.

Paracelsus, der ein Leben lang bestrebt war, die Summe seiner Erfahrungen und Gedanken der Öffentlichkeit in schriftlicher Form vorzulegen, wähnte sich seinem Ziel nahe, als er die Landeshauptstadt erreichte. Aber schon kurze Zeit später musste er auch hier eine bittere Enttäuschung erleben. Trotz monatelangen Aufenthalts unternahm hier niemand eine wirkliche Anstrengung, ihm ein Bleiben auf Dauer zu ermöglichen, und auch aus dem ersehnten Druck seiner Kärntner Schriften wurde nichts. Daher brach er, von seiner "anderen Heimat" bitter enttäuscht und im Stich gelassen, im Jahre 1540 zu seiner letzten Reise auf, die ihn von Klagenfurt nach Salzburg führte, wo er am 24. September 1541 im Wirtshaus "Zum Weißen Roß" – wahrscheinlich an den Folgen einer Quecksilbervergiftung – starb.

Woran Paracelsus starb, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Einigermaßen wahrscheinlich ist jedoch eine Quecksilbervergiftung, die auf jahrelange Selbstmedikation zurückzuführen ist.

Paracelsus aus heutiger Sicht

Aus heutiger Sicht bereitete Paracelsus den Boden für eine grundlegende Modernisierung der Medizin. Während die Heilkunde seiner Zeit noch blind den antiken Schriften vertraute, stellte Paracelsus eigene, aus der Praxis gewonnene Erfahrungen in den Vordergrund. Der Arzt, so Paracelsus, müsse immer und überall von der Natur ausgehen und in allem ein sorgsamer Beobachter sein.

Er selbst behandelte als einfühlsamer Wundarzt, beobachtete den Verlauf von Krankheit und Heilung, erforschte Berufskrankheiten wie die der Bergleute und suchte nach neuen, ganzheitlich wirkenden Arzneien. Während die meisten Heilmittel seiner Zeit auf pflanzlichen Stoffen basierten, setzte er auch metallische Substanzen wie Antimon ein und begründete so die pharmazeutische Chemie. Er widersprach der offiziellen Heilkunde, weil er u. a. die Ansicht vertrat und praktizierte, dass Gifte im Körper mit Giften zu bekämpfen seien, solange diese sorgsam bemessen sind:

"Alle Dinge sind Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“ (Paracelsus)

Die alte Schuld, die Kärntner Schriften des Paracelsus zu veröffentlichen, hat das Land Kärnten übrigens 1955 eingelöst.

Mag. Werner M. Thelian

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Werner Thelian
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