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Rheinerfahrungen

Der Hintergrund: Wasser als Schwerpunktthema in der Zeitschrift «blickwinkel». Die Idee: mit öffentlichen Verkehrsmitteln dem Rheinlauf in der Schweiz so nahe wie möglich folgen. Das Resultat: eine eindrucksvolle Fahrt und überraschende Erkenntnisse.

TEXT: Robert Hansen FOTOS: Renée und Robert Hansen

Am Anfang der Reise steht eine Excel-Liste. In den Spalten und Kästchen sind 27 Bahnhöfe eingetragen, Verkehrsmittel wie Bahn, Bus und Tram, die Reisezeiten, die Umsteigezeiten und 10 Orte für Fotos und Kurzreportagen. Der geplante Beitrag bildet den Auftakt zum Schwerpunktthema Wasser in der Zeitschrift «blickwinkel». Die Reportage soll einerseits die Erlebnisse entlang des Flusslaufs erzählen, anderseits aufzeigen, wie der Rhein seine Umgebung beeinflusst, wo am Wasser sich Menschen und Tiere niederlassen, wie dem Fluss Energie abgerungen wird und wie Pioniere mächtige Brücken über ihn bauten.

Der Wettermann verspricht in den Bergen blauen Himmel, am Bodensee Regenschauer. Die wasserdichte Reisetasche ist gepackt. Darin zwei Drohnen, eine Kompaktkamera, ein Computer, ein Handy für Recherchen im mobilen Internet, ein Reiseführer von 1888, vier Sandwiches mit Bergkäse und Bündnerfleisch, eine Kanne Tee und Hundefutter.

Rechts oder links? Stets auf der richtigen Seite zu sitzen, gehört auch zur Planung. Hier das Panorama am Urnersee aus dem EuroCity 13 von Zürich nach Milano Centrale.

Die Sonne lichtpinselt den gegenüberliegenden Bergrücken. Der Schnellbus ab Flüelen ist bis auf den letzten Platz belegt und bringt Gäste mit Tourenskiern via Autobahn direkt nach Andermatt. Wir pausieren kurz, bevor uns die Bahn auf den Oberalppass bringt. Wir, das sind Border Terrier Hannes, Renée Hansen und der Chronist. Wir staunen, wie schnell die touristische Infrastruktur des ägyptischen Investors seit unserer letzten Reportage (Andermatt und Göschenen, zwei ungleiche Nachbarn) vor zwei Jahren im Dorf und an den Berghängen hochgezogen wurde. Die Faszination des Massentourismus in Luxusappartements erschliesst sich uns immer noch nicht.

Die Matterhorn Gotthard Bahn bringt uns auf den Oberalppass, wo nun ebenfalls Sessellifte surren. Doch wo ist der Leuchtturm? Im Internet haben wir Bilder vom Objekt mit dem Schild der Passhöhe gesehen. Er kann also nicht weit weg sein. Die Passstrasse liegt unter viel Schnee. Irgendwie skurril. Die Kopie eines Leuchtturms neben verschneiten Berghängen. Nun, auf den Lofoten habe ich das auch schon fotografiert, dort haben die Leuchttürme mehr als symbolische Bedeutung und sind original. Dafür freut sich Hannes über den vielen Schnee, wälzt sich darin, gräbt Löcher, sprintet herum. Er weiss noch nicht, dass er heute weitere acht Stunden in Zugabteilen verbringen muss.

Hannes auf dem Oberalppass beim Leuchtturm. Dieser symbolisiert den Ursprung des Rheins, der nach einer 1230 Kilometer langen Reise in die Nordsee mündet.

Das Reportage-Sightseeing dauert jeweils exakt eine Stunde gemäss Taktfahrplan der Bahn. Das erste benötigte Bild ist im Kasten, der Passkaffee ist getrunken, die Rheinreise beginnt. Arbeiten ist schön. Ich klappe den Computer auf, schreibe die ersten Erlebnisse nieder, schaue aus dem Fenster, zücke die Kamera. Der Rhein wird bis Versam-Safien vom Rinnsal zum Bach zum Fluss.

Erste Reihe: Hannes wälzt sich auf der frisch präparierten Skipiste. Robert fotografiert den Leuchtturm, Hannes beobachtet Skifahrer. Die ersten Zeilen der Rheinfahrt sind elektronisch festgehalten. Zweite Reihe: Der Hinterrhein wird als Bach erstmals erkennbar. Der Hinterrhein schlängelt sich durch das Tal. Dritte Reihe: Der Hinterrhein und die Rhätische Bahn in Bewegung. Der Vorderrhein hat in 10 000 Jahren eine 400 Meter tiefe Schlucht geformt.

In Versam wollen wir uns die Rheinschlucht anschauen, fahren mit dem Postauto hoch ins Dorf, dann mit dem gleichen Chauffeur gleich wieder hinunter, knipsen während der Fahrt Bilder. Die Aussichten begeistern uns. Hier wollen wir im Sommer wieder hin, länger als nur einige Minuten. Am Talgrund lasse ich die Drohne steigen, die trotz Weitwinkelobjektiv die Rheinschlucht nur als Einzelstücke abzubilden vermag. Anschliessend fahren wir weiter über Reichenau nach Chur.

Welch kurzweilige kurze Reise. Welch beschwerlicher Weg vor 131 Jahren. Die Postkutsche benötigte damals von Chur nach Andermatt 13 Stunden und 20 Minuten. «Reich an Abwechslungen», schrieb Iwan von Tschudi im Reisetaschenbuch «Der Turist in der Schweiz» von 1888. Einmal täglich und nur im Sommer verkehrte der Kurs. «Bequeme und solid gebaute Postwagen befahren unter sicherer Leitung zuverlässiger Konduktöre und Postillione alle irgend bedeutenderen Strassen.» Auf den Alpenstrassen kostete die Fahrt pro Person 25 Rappen pro Kilometer, also alleine die Fahrt zwischen Chur und Andermatt 25 Franken. Wer mit viel Gepäck unterwegs war, konnte mit der Extrapost reisen und zwischen einem Zwei-, Drei- oder Vierspänner auswählen. Das kostete dann zwischen 138 und 244 Franken. Damals ein Vermögen. Wir reisen mit der Tageskarte, online gebucht, auf dem Handy vom Kondukteur gescannt. Hannes sitzt im Körbchen und reist gratis.

Hannes, der geduldige Reisehund.

Der Wetterwechsel ist abrupt. Wir wechseln auf den Interregio, fahren nach Buchs, mit dem Bus weiter nach Werdenberg und besuchen die kleinste Stadt der Welt, die wir auch schon bei schönerem Wetter gesehen haben. Regen nässt von oben und von unten. Die Drohne bleibt in der Tasche. Renée und Hannes gehen ins Kaffeehaus, wo sich die Stimmung passend zum Wetter fortsetzt. Die Wirtin geht wahrscheinlich zum Lachen in den Keller. Wir trotten wieder zum Bus und reisen mit dem Zug von Buchs weiter, um in Heerbrugg bereits wieder auszusteigen. Eine Stunde Zeit für das Bild vom Rheinkanal sollte reichen. Doch irgendwie habe ich die Karte auf Google Maps falsch interpretiert, und der Fussmarsch zum Rhein dauert länger als der vermeintliche Kilometer.

Wir erreichen schliesslich die Rheinbrücke nach Lustenau. Die Bilder sind schnell gemacht, und wir warten an der Bushaltestelle direkt neben der Zollstation. Diese ist nicht mehr besetzt. Trotzdem wissen die Autopassanten nicht so recht, ob wir nun die Grenze sichern. Und steht hier ein Drogenhund? Wir schauen in fragende Augen hinter Windschutzscheiben und überlegen uns, ob wir spasseshalber die Hand anheben und die Grenzüberquerer nach ihren Pässen fragen sollen. Angesichts der Kameras am Grenzübergang lassen wir das sein und reisen mit dem verspäteten Bus wieder nach Heerbrugg. Der hätte dort keine Minute später ankommen dürfen. Der Interregio nach Rorschach ist auf die Minute pünktlich. Ich höre plötzlich eine Melodie, den Abschluss eines Liedes aus meiner Kindheit. «S’esch Rorschach», singt Mani Matter. Die Liedzeilen sind mit dem mobilen Internet schnell gefunden:

«Ir Ysebahn sitze die Einte ä so
Dassi alles was chunt scho zum Voruss gseh cho
Und dr Rügge zue cheere dr Richtig vo wo
Dr Zug chunnt
Die Andre die sitze im Bank wisawi
Dassi lang no chöi gseh, wo dr Zug scho isch gsi
Und dr Rügge zue cheere dr Richtig wo hi
Dr Zug fahrt»

Das Lied «Yr Isebahn» lässt mich nicht mehr los und nistet sich in den Gehörgängen ein. In der dritten Klasse hat der weise greise Herr Rüegger mit uns oft Mani Matter gesungen. Oh je. Der Lehrer war damals vermutlich nicht einmal halb so alt wie ich heute. Wie viele Lebensreisen wir inzwischen schon gemacht haben.

Oberstes Bild: Werdenberg erhielt im Mittelalter das Stadtrecht und gilt mit knapp 40 Häusern als die kleinste Stadt der Welt. Zweite Reihe: Die Holzhäuser in Werdenberg sind über Jahrhunderte unverändert geblieben. Der Rhein ist im «Rhintl» in einen Kanal gezwängt. Die Eisenbahnstrecke führt über frühere Überschwemmungsgebiete und ist auch wenig kurvenreich. Mein Lieblingswort der Reise: Menschengedränge. Gesehen auf der Eisenbrücke zwischen Widnau und Lustenau. Dritte Reihe: Das Bild für den Artikel zum Thema Rheinregulierung entsteht. Vor dem 20. Jahrhundert überschwemmte der Rhein regelmässig das breite Tal. Jetzt fliesst er in einem Kanal. Vierte Reihe: Aussichten entlang des Bodensees zwischen Rorschach und Arbon. Die Bodenseeflotte macht Winterpause im Hafen von Romanshorn.

Die letzte offizielle Teilstrecke des Tages ist kurzweilig. Der Himmel reisst wieder auf, der Rhein fliesst durch den Bodensee, wir fahren entlang des Ufers und geniessen die letzten Sonnenstrahlen. In Romanshorn gönnen wir uns in der Hafenkneipe einen Absacker und fahren über St. Gallen nach Hause.

Der zweite Rheinreisetag beginnt frühmorgens und führt über St. Gallen wiederum nach Romanshorn. Nun ist die Fahrt mit der S-Bahn nach Schaffhausen weniger aussichtsreich. Das liegt an den Schneeschauern, die nicht zum Frühlingstag passen. Ich bearbeite die Bilder des ersten Tages und schreibe weiter an der Reportage. Die Fahrt dauert 85 Minuten. Das ist das längste Teilstück der Reise entlang des Rheins. Hier wäre auch die Fahrt auf dem Wasser passend gewesen. Allerdings fahren die Schiffe erst wieder im Mai regelmässig. Der Rhein ist bereits zu einem imposanten Strom angewachsen.

Wir erreichen Schaffhausen, bummeln durch die Altstadt, besichtigen den Munot. Den Rheinfall sehen wir nur aus dem Zug. Der nächste Halt ist in Eglisau geplant. Dort brauchen wir das Bild der 60 Meter hohen Eisenbahnbrücke über den Rhein. Schon wieder kein Drohnenflugwetter. Ich stapfe über verschlammte Wege hinunter zum Wasser. Derweil warten Frau und Hund am Bahnhof. Das Hotel hat schon bessere Zeiten erlebt und öffnet erst um 15 Uhr. Der Wartsaal zwischen den Geleisen ist rauchgeschwängert und kalt. Und dann kommt noch die Ansage, dass wegen Bauarbeiten kein Zug fährt, dafür ein Bus verkehrt. Doch der kommt erst in 20 Minuten. Wir weichen das erste Mal von der Reiseplanung ab.

Erste Reihe: Zweiter Reisetag, Reportagestart am Bahnhof in Romanshorn. Schneeschauer und Sturmwinde am Bodenseeufer. Hannes schaut auf den Untersee. Zweite Reihe: Ankunft bei schönem Wetter in Schaffhausen. Reich verzierter Erker in der Altstadt von Schaffhausen. Der Rheinfall vom Zug aus gesehen. Dritte Reihe: 60 Meter hoch über dem Rhein bei Eglisau. Zum Warten gibts beschaulichere Orte als den Bahnhof von Eglisau. Luftige Brückenkonstruktion über den Rhein bei Eglisau. Vierte Reihe: Kein Zug, kein beheizter Wartsaal, kein offenes Restaurant in Eglisau. Restaurantstillleben in Döttingen.

Der Bus ist eng, die Fahrt ruckelig. Der Rhein fliesst nur noch langsam. Wasserkraftwerke stehen im Weg. Der Schwarzwald ist oben weiss verschneit. Umsteigen in Bad Zurzach, umsteigen und warten in Döttingen. Im Dorfrestaurant wünschen wir uns eine wärmende Suppe. Die Karte hat nur fleischreiche Balkanspeisen. Ein Kaffee tuts auch. Der Nachbar trinkt zwei Stangen Bier.

Am Klingnauer Stausee überwintern Wasservögel, die in Nordskandinavien zu Hause sind. Denen scheint die Kälte nichts anzuhaben. Wir fahren mit dem Bus weiter nach Laufenburg, schlendern einige Minuten durch das schmucke Städtchen, bevor die S1 nach Basel losfährt. Erstmals während der Reise erhaschen wir nur noch selten einen Blick auf den Rhein. Zu grosse Agglomerationsbauten, zu viele Strassen.

Erste Reihe: Leibstadt, das stärkste Kernkraftwerk der Schweiz, braucht Rheinwasser zum Kühlen und Wasserdampf für den Antrieb der Turbinen. Das Laufwasserkraftwerk Albbruck-Dogern liefert seit 1933 Strom. Ganz nah dran am Rhein während der Busfahrt zwischen Döttingen und Laufenburg. Zweite Reihe: Der Rhein ist nicht mehr sichtbar. Industrieanlagen vor Basel. Klare Ansage am Basler Rheinhafen. Container-Tetris am Basler Rheinhafen. Dritte Reihe: Am Tor zur Welt sind Container angekommen. Hier beginnt für die Frachtschiffe die Reise nach Rotterdam. Die kleine Reisegruppe ist am Ziel.

In Basel ist am frühen Morgen die schönste Jahreszeit angebrochen. Konfetti im Tram. Trommler auf dem Nachhauseweg. In Kleinhüningen kommen wir am Rheinhafen Basel, am Ziel unserer Reise, an. Ein Kran holt Kohle aus dem Schiffsraum, Aluminium steht gestapelt zum Abtransport bereit, ab und an rauscht ein Lastwagen vorüber. Das Museum ist wegen der Fasnacht geschlossen. Wir lassen das bunte Treiben links liegen. Wir sind nun alle rechtschaffen müde. Und auf dem Nachhauseweg will ja auch die Reportage noch fertig geschrieben werden.

Die Reisebilanz: 11 h 08 min im Zug, 1 h 49 min im Bus, 1 h im Tram, 2 h 13 min wartend an Bahnhöfen, 15 min Drohnenflug, 36 Mal umsteigen, 340 Fotos.

Die Rhein-Reportage erscheint in der Zeitschrift «blickwinkel» im Mai 2019

Impressum

Idee, Konzept, Text: Robert Hansen

Fotos: Renée und Robert Hansen

© «der arbeitsmarkt», www.derarbeitsmarkt.ch, März 2019

Credits:

Renée und Robert Hansen

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