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Spielarten von Postwachstum Die vorsorgeorientierte Postwachstumsposition - ein Mittelweg

In der politischen Debatte wird Wachstum oft mit Wohlstand gleichgesetzt. Je stärker das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst, desto besser leben wir. Diese Gleichsetzung wird jedoch zunehmend diskutiert und in Frage gestellt. Der Bericht Limits to Growth des CLUB OF ROME hat bereits 1972 die These aufgestellt, dass auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen kein unbegrenztes Wirtschaftswachstum möglich ist. Konträr zu dieser Degrowth Position, gibt es die Ansicht, dass sich die vielfältigen ökologischen Krisen (Klimakrise, Verlust an Biodiversität, Bodenerosion etc.) bewältigen lassen ohne, dass das auf Wachstum ausgerichtete kapitalistische Wirtschaftsytstem grundsätzlich in Frage gestellt werden muss. Diese Ansicht vertreten die Anhänger*innen einer sogenannten Green Growth Position. Mit der vorsorgeorientierten Postwachstumposition wurde das erste Mal versucht einen Mittelweg zwischen diesen antagonistischen Strategien der Green Growth und Degrowth Position zu erarbeiten. Diese Mittelposition wird im Folgeden vorgestellt und diskutiert.

Inhaltsverzeichnis

  1. Was bedeutet Wachstum?
  2. Alternativen zum BIP als Wohlstandsindikator
  3. Spielarten von Postwachstum
  4. Die vorsorgeorientierte Postwachstumsposition - der Mittelweg
  5. Versuch einer Einordnung der Position
  6. Ein kritischer Blick
  7. Postwachstum in Forschung & Lehre
  8. Wie können Postwachstumsideen Einzug in die Schulbildung erhalten?

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“Die [wirtschafts- und finanzpolitischen] Maßnahmen sind so zu treffen, dass sie [...] zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen”

Das Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft (StabG) vom 8. Juni 1967

“Wir wollen [...] die Voraussetzungen dafür schaffen, dass wir auch in zehn, fünfzehn Jahren noch Wachstum, Wohlstand und Beschäftigung haben”

Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, 12. März, 2018

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1. Was bedeutet Wachstum?

Wirtschaftswachstum ist eines der zentralen Ziele deutscher Wirtschafts- und Finanzpolitik und seit 1967 sogar gesetzlich verankert. Als Wirtschaftswachstum wird der jährliche prozentuale Anstieg des BIP bezeichnet. Das BIP erfasst den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Kalenderjahres und innerhalb einer Volkswirtschaft als Endprodukte hergestellt werden. Die Entwicklung des Wirtschaftswachstums wird häufig gleichgesetzt mit der Entwicklung der gesellschaftlichen Lebensqualität, obwohl das BIP keine sozialen oder ökologischen Entwicklungen berücksichtigt. Dass diese Gleichsetzung nicht zutreffend ist und eine einseitige Fokussierung auf BIP Wachstum als wirtschaftspolitische Zielgröße zu unerwünschten Ergebnissen führen kann, thematisiert die Stiglitz-Sen-Fitoussi Kommission ausführlich in ihrem Abschlussbericht.

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2. Alternativen zum BIP als Wohlstandsindikator

Die Kritik an der Verwendung des BIP als Indikator für Wohlstand, gesellschaftlichen Fortschritt und Lebensqualität ist nicht neu. Bereits NORDHAUS und TOBIN (1973) schlugen einen alternativen Indikator (Measurement of Economic Welfare) vor, der zusätzlich unbezahlte Arbeit, Freizeit und Umweltschäden einbezog. DALY und COBB (1994) entwickelten diesen Indikator weiter, indem sie Einkommensungleichheit sowie die Folgekosten der Ausbeutung natürlicher Ressourcen hinzufügten (Index of Sustainable Economic Welfare). Neben diesen exemplarischen Vorschlägen, das BIP um Indikatoren für nachhaltige und soziale Entwicklung zu erweitern oder es gar zu ersetzen, gab es eine Vielzahl wissenschaftlicher Ansätze, um die hegemoniale Stellung des BIP zu beenden. Im November 2007 organisierten die EU Kommission, das EU Parlament, die OECD, der Club of Rome und der WWF eine Konferenz zur Homogenisierung sozialer und nachhaltigkeitsorientierter Wohlstandsindikatoren. Im November 2019 veröffentlichte die EU den ersten Europe Sustainable Development Report, in dem unter anderem der aus dem ISEW hervorgegangene Genuine Progress Indicator (GPI) verwendet wurde.

Trotz dieser Fortschritte konnte bisher keiner der mittlerweile verwendeten Indikatoren und kein Indikatorenset die hegemoniale Stellung des BIP als wirtschafts- und finanzpolitische Zielgröße auflösen oder gar das damit verbundene Wachstumsparadigma gefährden.

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Alternativen zum Wachstumsparadigma?

In diesem Video führt Prof. Dr. Uwe Schneidewind (Netzwerk Plurale Ökonomik, 2015) in die Alternativen zum Wachstumsparadigma ein. Er kritisiert Vorstellungen der Green Growth Position und zeigt das breite Degrowth Positionen auf.

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3. Spielarten von Postwachstum

Wachstum? Ja, Nein, Vielleicht....

Während zu Zeiten des Klimawandels und weiteren Überschreitungen der sog. „planetaren Grenzen“ (ROCKSTRÖM ET AL. 2009A/B; STEFFEN ET AL. 2015) die Green Growth Position eine Vereinbarkeit von Wachstum und Umweltschutz annimmt, wird die Hegemonie des neoliberalen Wachstumsparadigmas von verschiedenen Seiten angefochten. Welche Spielarten werden diskutiert?

  1. „Ja“ = Green Growth: BIP-Wachstum und Ressourcenverbrauch lassen sich durch grüne Innovationen entkoppeln, die sogar zu höherer Wirtschaftsleistung führen können.
  2. „Nein“ = Degrowth: Eine Entkopplung von BIP-Wachstum und Ressourcenverbrauch ist nicht möglich (GEORGESCU-ROEGEN 1971). Es muss einen (zeitlich begrenzten) Rückgang wirtschaftlicher Produktion geben.
  3. „Vielleicht“ = A-Growth: Indifferente Haltung gegenüber Wachstum, aber Ablehnung einer Orientierung am BIP – es sei weniger bedeutend, ob „BIP als Ergebnis der notwendigen sozial-ökologischen Veränderungen weiter wachse, stagniere oder schrumpfe“ (SCHMELZER 2015: 117).

Besonders prominent innerhalb des Wachstumdiskurses sind die beiden antagonistischen Positionen Degrowth und Green Growth. Während die Vertreter*innen der Green Growth-Bewegung (z.B. BOWEN ET AL. 2014, OECD 2011, WELTBANK 2012) an „grünes Wachstum“ durch eine ökologische Modernisierung glauben, fordert die Degrowth-Bewegung (z.B. DEMARIA 2013, JACKSON 2009, KALLIS 2011, LATOUCHE 2015, PAECH 2012, VICTOR 2008) ein Ent-Wachstum, kritisiert die Unendlichkeitsvorstellungen der neoklassischen Ökonomie, genau wie die keynesianischen Bestrebungen eines sog. "Green New Deals" (z.B. JACOBS 2013).

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Überblick über die jeweiligen Ansätze und Positionen von Green Growth und Degrowth

Überblick über Green Growth und Degrowth Ansätze und Positionen (PETSCHOW ET AL. 2018: 26, 36).

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Wichtig anzumerken bleibt, dass sich keine der beiden Positionen wissenschaftlich hinreichend begründen oder belegen lässt – beide wollen soziale Gerechtigkeit, die Wahrung der Menschenrechte und Lebensqualität für möglichst alle heute und in Zukunft sichern (PETSCHOW ET AL. 2018A: 5,9; SCHMELZER 2015: 116).

Stränge der Degrowth Bewegung

Die Degrowth Bewegung hat sich in den vergangenen zehn Jahren von Frankreich aus verbreitet („Décroissance“). Ihr geht es um mehr als einer pauschalen Schrumpfung des BIPs – das auch aus anderen Gründen als Kennzahl für Wirtschaftswachstum umstritten ist –, sie will eine umfassende sozial-ökologische Transformation.

Im deutschsprachigen Raum etabliert sich die Bewegung besonders während der Weltwirtschaftskrise ab 2007. Mittlerweile gibt es fünf große Stoßrichtungen: konservativ, sozialreformerisch, suffizienz-orientiert, kapitalismuskritisch und feministisch (z.B. SCHMELZER 2015).

All die verschiedenen Positionen verlangen jedoch eine nachhaltige Lebens- und Wirt-schaftsweise und damit eine grundsätzliche Neugestaltung der Gesellschaft – Produktion und Konsum seien nicht einfach von Umweltverbrauch zu entkoppeln. Die Forderungen reichen von einer Regionalisierung der Produktion und Deglobalisierung der Lebensweise, über radikale Arbeitszeitverkürzungen und einer gerechteren Verteilung von Arbeit – wie etwa „reproduktiver“ Sorgearbeit oder Grundeinkommen –, bis hin zu einer gemeingüterbasierten Wirtschaftsdemokratie (SCHMELZER 2015: 115-119; PETSCHOW ET AL. 2018: 19F., 27; EBD. 2018A: 5, 8F.).

Degrowth Positionen in Deutschland: Denkschulen und ihre Köpfe

Postwachstum: Denkschulen und ihre Köpfe (SCHMELZER 2015: 118).

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4. Die vorsorgeorientierte Postwachstumsposition - der "Mittelweg"

"Wie wird sich die Wirtschaftsleistung (gemessen in BIP/Kopf) von wohlhabenden, frühzeitig industrialisierten Ländern voraussichtlich entwickeln, wenn sich diese Länder [...] transformieren? Wie wichtig ist die Wirtschaftsleistung [...] für die Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Wohlergehens?" (PETSCHOW ET AL. 2018: 47).

Während die Vetreter*innen der Green Growth und Degrowth-Bewegung darauf jeweils eine klare Antwort geben, versucht die vorsorgeorientierte Postwachstumsposition (PETSCHOW ET AL. 2018) einen Mittelweg zu gehen. Sie manövriert sich sozusagen durch das Spannungsverhältnis zwischen Green Growth und Degrowth und bildet eine dritte idealtypische Position, die ergebnissoffen ist und ohne starke ex-ante Prämissen auskommt - damit überschneidet sie sich inhaltlich mit der A-Growth-Bewegung und ihr nahestehenden Positionen (z.B. JACKSON 2009; JAKOB/EDENHOFER 2014; SEIDL/ZAHRNT 2010; VAN DER BERGH 2011).

Die Positionen im Überblick (PETSCHOW ET AL. 2018: 22).

Laut der vorsorgeorientieren Postwachstumsposition ist es unbekannt, ob es weiteres Wachstum geben wird, wenn wohlhabende Länder ihre Wirtschaftsweise ändern - sie sieht ein Sinken der Wirtschaftsleistung (BIP/Kopf) jedoch als ernstzunehmende Möglichkeit an, wenn ökologische Ziele eingehalten werden - ein essentielles Ziel (Vgl. Vorsorgeprinzip). Sie versucht bislang wachstumsabhängige Institutionen bzw. gesellschaftlichen Bereiche wie Beschäftigung und Sozialversicherungssysteme und deren Wachstumstreiber - etwa Unternehmensziele und –verhalten, Positions- und Gewöhnungskonsum, Digitalisierung, Anstieg der Arbeits- bzw. Kapitalproduktivität, Geldsystem und Kreditwesen - zu identifizieren und Transformationspfade hin zu einer Wachstumsunabhängigkeit zu entwickeln. Für die Ausgestaltung des Transformationsprozesses ist ihr die gesellschaftliche Akzeptanz (z.B. aufgrund von Fragen sozialer Gerechtigkeit) und damit eine Einbeziehung von Öffentlichkeit und Stakeholdern wichtig - es müsse einen deliberativen Diskurs für die sozial-ökologische Transformation geben (PETSCHOW ET AL. 2018: 21, 42-48; EBD. 2018A: 11FF., 17-26).

Kurz zusammengefasst...

Das Grundziel der vorsorgeorientierten Postwachstumsposition ist ein „gesellschaftliches Wohlergehen innerhalb planetarer Grenzen“ (PETSCHOW ET AL. 2018A: 5), dafür muss die Umweltbelastung reduziert werden. Die "pragmatische" Position ist agnostisch gegenüber Zusammenhängen von Wirtschaftsleistung und Umweltbelastung und sieht auch keinen unmittelbaren, linearen Zusammenhang zwischen BIP-Höhe und Lebensqualität (Vgl. Easterlin-Paradox) - sie steht dem BIP als verlässlichen Wohlstandindikator grundsätzlich kritisch gegenüber. Auch sie will globale und intergenerationelle Gerechtigkeit, eine sozial-ökologische Transformation hin zu einer möglichst resilienten Gesellschaft und versteht sich als Plattform des weiteren Transformationsdiskurses. Sie will Grundlage und Baustein für eine globale Strategie der Einhaltung planetarer Grenzen und der 2015 etablierten Sustainable Development Goals (SDGs) sein.

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5. Ein Versuch der Einordnung der Position

Eine große Besonderheit der vorsorgeorientierten Postwachstumsposition ist es, dass sie von drei unterschiedlich ausgerichteten Wirtschaftsforschungsinstituten, im Auftrag des Umweltbundesamtes, erarbeitet wurde. Das IÖW (Institut für ökologische Wirtschaftsforschung) und das Wuppertal Institut sind Teil des Verbundes Ecornet (Ecological Research Network) . Die beiden Institute habe eine klare ökologische Grundhaltung und haben, wie es auf der Website des Forschungsverbundes heißt, die gesellschaftliche Mission „den gesellschaftlichen Wandel in Richtung Nachhaltigkeit mitzugestalten und wissenschaftlich zu fundieren.“ Das RWI (Leibnitz Institut für Wirtschaftsforschung) kann hingegen als klassisches Wirtschaftsforschungsinstitut verstanden werden, das seine Arbeit nicht wissenschaftlich normativ an Nachhaltigkeit ausrichtet. Es ist bereits ein Wert an sich, dass diese unterschiedlich ausgerichteten Institute mit der vorsorgeorientierten Postwachstumsposition einen gemeinsamen Nenner gefunden haben. Die gemeinsam erarbeitete Position hat die Diskussion um Postwachstum aus der gesellschaftlichen Nische herausgetragen und den Diskursraum geöffnet. Jedoch ist sie auch sehr stark von dieser Kompromissfindung zwischen ökologischen Ökonom*innen und neoklassichen Ökonom*innen geprägt.

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6. Ein kritischer Blick

"Im Kern geht es bei Postwachstumsvorschlägen darum, die dominante ökonomische Logik und das ökonomische Kalkül- also die Frage, ob es sich in Geld rechnet- als in vielen Kontexte alleinige Entscheidungsgrundlage zurück zu drängen." (SCHMELZER/VETTER 2019: 22)

Die vorsorgeorientierte Postwachtsumsposition konzentriert sich vor allem auf die emprische Frage, ob Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch erreicht werden kann. Die Autor*innen kommen zu dem Schluss, dass diese Frage nicht eindeutig beantwortet werden kann und fordern deswegen, dass Insitutionen nach dem Vorsorgeprinzip so ausgestaltet werden, dass sie auch ohne BIP Wachstum ihre Aufgabe erfüllen können (PETSCHOW ET AL 2018:44). Andere gesamtgesellschaftliche Kritiken, die Postwachstumsvertreter*innen vorbringen (siehe Block 3) werden nur angeschnitten, aber nicht explizit in die gemeinsame Position aufgenommen. Die Autor*innen analysieren welche Auswirkungen Vorschläge der Postwachstumsvertreter*innen, wie beispielsweise eine Arbeitsszeitverkürzung, auf den heutigen Arbeitsmarkt hätten und diskutieren an wie diese Institutionen resilienter gestaltet werden können, damit sie ohne BIP Wachstum bestehen können. Allerdings kommt hier die evidenzbasierte Methodik der Mainstream Wirtschaftswissenschaften an ihre Grenzen, da beispielsweise eine Arbeitszeitverkürzung wie sie Postwachstumsvertreter*innen vorschwebt (z.b 20 Stunden Woche nach PAECH 2012) empirisch so noch nicht stattgefunden hat und deswegen auch nicht ausgewertet werden kann. Die meisten Postwachstumsverterter*innen fordern einen radikalen Systemwechsel, welcher nicht im vorhinhein empirisch ausgewertet werden kann. Er beihaltet eine grundsätzliche Abkehr von der kapitalistischen Produktionsweise, der imperialen Lebensweise und patriarchalen Herrschaftsstrukturen. Diese Grundsatzkritik kann und will die vorsorgeorientierte Postwachstumsposition nicht leisten.

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7. Postwachstum in Forschung & Lehre

An deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten spielt die Frage wie eine Wirtschaft ohne BIP Wachstum funktionieren könnte bislang kaum eine Rolle. Die Studie von PETSCHOW ET AL 2018 hat jedoch aufgezeigt welch großen Forschungsbedarf es noch gibt. Fragen wie beispielsweise Finanz-, Renten- und Gesundheitssysteme, welche heute vom Wachstum abhängen bzw. zu einem Teil selbst als Wachstumstreiber bezeichnet werden können, in einer Wirtschaft ohne Wachstum aussehen können, wurden in der Studie nur angeschnitten. Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu Postwachstum werden besonders durch das mit der autonomen Universität Barcelona assoziierte Netwerk „Research and Degrowth“ vorangetrieben. Die meisten Autor*innen der internationalen Debatte kommen (noch) aus mediterranen Ländern. Auch wenn es für die Auseinandersetzung mit der Frage wie (vor allem in Ländern des Globalen Nordens) eine Wirtschaft ohne Wachstum funktionieren kann entscheidend ist, dass Wirtschaftswissenschaftler*innen dieses Forschungsfeld behandeln, muss ergänzt werden, dass viele Degrowth Vertreter*innen eine grundlegende Kritik an den Perspektiven, Methoden und Grundannahmen der Wirtschaftswissenschaft üben. "Im Fokus steht eine grundlegende Kritik des ökonomischen Denkens als einer Wissensform, die mit der Wachstumswirtschaft in die Welt kam, auf Engste mit ihr verwoben ist und die dem Nachdenken und Sprechen über andere, vom Wachstumszwange befreite ökonomisch-soziale Ordnungen im Wege steht." (SCHMELZER/VETTER 2019: 35)

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8. Wie können Postwachstumsideen Einzug in die Schulbildung erhalten?

Die Aufgabe der Lehrenden ist es die Schüler*innen durch Kenntnisse, Fähigkeiten und Verständnis der Materie, sowie der Entwicklung von Einstellungen und Verhaltensweisen, zu politisch verantwortungsvollen Erwachsenen heranzuziehen. Die didaktischen Prinzipien bilden den Kern der Politikdidaktik. Sie dienen dazu Schüler*innen zu mündigen Bürger*innen zu befähigen und leiten sie zur Bildung der eigenen Meinung, Einstellung und Haltung. Der Beutelsbacher Konsens bildet die Grundlage der didaktischen Prinzipien (SCHERB 2007).

Didaktische Prinzipien der politischen Bildung Quelle: Eigene Darstellung, angelehnt an Scherb, 2007

Bei der ersten Komponente, das Überwältigungsverbots, muss das Ziel sein, Schüler*innen zu mündigen Bürger*innen zu erzielen und ihre Integrität in keinster Weise zu verletzen. Eine weitere Komponente bildet die Kontroversität, die mit der vorgenannten Forderung aufs engste verknüpft ist. Themen, die im Unterricht behandelt werden, dürfen nicht einseitig beleuchtet werden und müssen auch im Unterricht kontrovers betrachtet werden. Eine weitere Komponente bildet die Interessenorientierung. Die Schüler*innen müssen bei dieser Komponente in die Lage versetzt werden, eine eigene Interessenlage zu analysieren. Hierbei handelt es sich um ein Mittel, welches die Schüler*innen in ihrer eigenen Interessenformulierung bestärken soll, vorausgesetzt eine angemessene Einschätzung und Analyse der politischen Situation wurden angelernt. Letztlich sollen Schüler*innen eigene Standpunkte und Lösungsvorschläge einbringen können. Kontroversität und Überwältigungsverbot implizieren, dass am Ende einer Unterrichtseinheit mehrere Lösungen für ein politisches Problem zur Auswahl stehen. Die Interessenorientierung wird eher als Ergänzung innerhalb einer Diskussionskultur verstanden.

Neben den genannten Hauptprinzipien stehen noch weitere wesentliche Prinzipien, wie Wissensorientierung, Schülerorientierung und Exemplarität, die im Politikunterricht nicht außer Betracht gezogen werden dürfen. Im Folgenden finden sich zwei Methodensammlungen, die als Beispiele dienen und aufzeigen wie die Debatte um Green Growth und Degrowth zielgruppengerecht in den Unterricht eingebraucht werden kann.

Durch die Einsetzung von Methoden, bleiben Lerninhalte länger im Gedächtnis der Schülerinnen und Schüler. "Erzähl mir - und ich werde vergessen. Zeig mir - und ich könnte mich erinnern. Lass es mich tun - und es wird ein Teil von mir!" (Konfuzius (551 - 479 v. Chr.)

Das Menschenrechtsbildungs - Dreieck

Das Menschenrechtsbildungs - Dreieck lässt sich genauso effektiv auf das Thema Nachhaltigkeit einsetzen. Um Kompetenzen rund um das Thema Nachhaltigkeit bei den Schüler*innen entwickeln zu können, ist die Einsetzung von Methoden, die dabei helfen sollen, den Lerninhalt durch Interaktionen zu befestigen, elementar. Die drei Dimensionen der Kompetenzentwicklung beziehen sich auf das Wissen, die Einstellung und die Fähigkeiten, die den Lernenden helfen sollen das Thema zu kennen, sich dafür zu sensibilisieren und im letzen Schritt handlungsfähig zu werden. Die Dimension WISSEN deckt den Bereich des Wissens ab und vermittelt das Bewusstsein Wissen als Instrument für eigene Beiträge nutzen zu können. Durch das erlangte Wissen gewinnt der Schüler/ die Schülerin Lebensbezug zur Nachhaltigkeit. Die zweite Dimension EINSTELLUNG, die nicht unabhängig von der ersten Dimension funktionieren kann, beschreibt die Sensibilisieren für die Nachhaltigkeit und die Reflexion eigener Einstellung in Bezug auf Nachhaltigkeit. Der Schüler/die Schülerin soll eine Grundhaltung zum Thema entwickeln und sich seiner/ihrer Verantwortung bewusst werden. Die Leitfrage, welche Auswirkung das eigene Verhalten oder die eigene Haltung auf die Umwelt hat, soll der Schülerin oder dem Schüler dabei helfen das eigene Verhalten zu reflektieren. Last but not least, beschäftigt sich die dritte Dimension mit der Entwicklung von bestimmten FÄHIGKEITEN, diese sollen den Schüler, die Schülerin kommunikations- sowie handlungsfähig machen. Um dieses Ziel erreichen zu können, ist die Erlernung von bestimmten Kompetenzen wichtig. Die Schüler*innen sollen in die Lage versetzt werden geduldig zuzuhören, kritisch zu denken, den eigenen Standpunkt zu erkennen, Lösungsansätze zu suchen und zu finden, teamfähig zu sein und jederzeit das eigene Verhalten und die gesamte Situation zu reflektieren.

Die beschriebenen ökologischen Krisen stellen die Menschheit vor immense Herausforderungen. Das aktuelle Wirtschaftssystem zersört unsere Lebensgrundlagen und nimmt den zukünftigen Generationen und Menschen des Globalen Südens ihre Lebenschancen. Deswegen ist es fundamental wichtig die Frage eines zukünfitgen Wirtschaftssystems zu stellen. Der Vorschlag der vorsorgeorientierten Postwachstumsposition hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet die verhärteten Fronten zwischen der Green Growth Strategie und der Degrowth Strategie aufzuweichen. Es ist wichtig, dass die Vertreter*innen beider Positionen sich austauschen und ein Stück weit zusammen arbeiten - gerade angesichts der Tatsachse dass es auch starke politische Kräfte gibt, die gar keine Veränderungen anstreben und die Klimakrise - wenn auch eventuell rhetorisch anerkennen - in ihren Taten jedoch ignorieren. Um die Debatte informiert führen zu können, ist es wichtig, Schüler*innen für diese Fragen zu sensibilisieren bzw. die Fragen und den Wissensdurst den sie haben auch im Unterricht aufzugreifen. Welch Veränderungswillen Schüler*innen haben und wie stark sie die Herausforderungen der Klimakrise bereits verstanden haben zeigen Proteste wie Fridays for Future.

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Referenzen

BOWEN, ALEX; HEPBURN, CAMERON (2014): Green growth: an assessment. In: Oxford Review of Economic Policy, 30, 407-422.

BUNDjugend Bundesverband (2020) Degrowth - Postwachstum: https://www.bundjugend.de/thema/postwachstum/ (Stand: 10.06.20)

DEMARIA, FEDERICO; Schneider, F.; Sekulova, F.; Martinez-Alier, J. (2013): What is Degrowth? From an Activist Slogan to a Social Movement. In: Environmental Values, 22(2), 191-215.

GEORGESCU-ROEGEN, NICHOLAS (1971): The Entropy Law and the Economic Process. Cambridge, Massachusetts: Harvard University Press.

JACKSON, TIM (2009): Prosperity without growth? The transition to a sustainable economy, In: The Sustainable Development Commission (Hrsg.), März 2009. [online] URL: http://www.sd-commission.org.uk/data/files/publications/prospe-rity_without_growth_report.pdf. aufgerufen am 1.04.2017.

JACOBS, MICHAEL (2013): Green Growth. In: Falkner, R. (Hrsg.): Handbook of Global Climate and Environmental Policy. Oxford: Wiley Blackwell.

JAKOB, MICHAEL; EDENHOFER, OTTMAR (2014): Green Growth, Degrowth, and the Commons. In: Oxford Review of Economic Policy, 30(3), 447-468.

KALLIS, GIORGOS (2011): In defence of degrowth. In: Ecological Economics, 70(5), 873–880. [online] URL: http://doi.org/10.1016/j.ecolecon.2010.12.007 aufgerufen am 18.04.2017.

LATOUCHE, SERGE (2015): Es reicht! Abrechnung mit dem Wachstumswahn. Deutsche Erstausgabe. München: oekom.

MEADOWS et al. (1972): The Limits to Growth. Potomac Associates - Universe Books

OECD (2011): Towards Green Growth. Paris: Organisation for Economic Cooperation and Development.

PAECH, NIKO (2012): Befreiung vom Überfluss auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. 3. Auflage. München: oekom.

PETSCHOW, ULRICH; AUS DEM MOORE, N.; PISSARSKOI, E.; KORFHAGE, T.; LANGE, S.; SCHOOFS, A.; HOFMANN, D. (2018): Gesellschaftliches Wohlergehen innerhalb planeta-rer Grenzen. Der Ansatz einer vorsorgeorientierten Postwachstumsposition. Mit Beiträgen von Hermann Ott. Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt. (2018): Gesellschaftliches Wohlergehen innerhalb planetarer Grenzen. Der Ansatz einer vorsorgeorientierten Postwachstumsposition. Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt.

ETSCHOW, ULRICH; AUS DEM MOORE, N.; PISSARSKOI, E.; KORFHAGE, T.; LANGE, S.; SCHOOFS, A.; HOFMANN, D. (2018A): Gesellschaftliches Wohlergehen innerhalb planetarer Grenzen. Der Ansatz einer vorsorgeorientierten Postwachstumsposition. Zusammenfassung. Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt.

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ROCKSTRÖM, JOHAN; Steffen, W.; Noone, K.; Persson, A.; Chapin, F. S.; Lambin, E. F.; Lenton, T. M.; Scheffer, M.; Folke, C.; Schellnhuber, H. J.; Nykvist, B.; de Wit, C. A.; Hughes, T.; van der Leeuw, S.; Rodhe, H.; Sorlin, S.; Snyder, P. K.; Costanza, R.; Svedin, U.; Falkenmark, M.; Karlberg, L.; Corell, R. W.; Fabry, V. J.; Hansen, J.; Walker, B.; Liver-man, D.; Richardson, K.; Crutzen, P.; Foley, J. A. (2009B): A safe operating space for humanity. In: Nature 461, 472-475.

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SCHMELZER, MATTHIAS (2015): Spielarten der Wachstumskritik. In: Le Monde Diplomatique (Hrsg.): Atlas der Globalisierung 2015. Berlin, S.117-121.

SCHMELZER, MATTHIAS; VETTER, ANDREA (2019): Degrowth/Postwachstum zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag.

SEIDL, IRMI; ZAHRNT, ANGELIKA (2010): Postwachstumsgesellschaft: Konzepte für die Zukunft. Marburg: Metrop-olis Verlag.

STEFFEN, WILL; Richardson, K.; Rockstrom, J.; Cornell, S. E.; Fetzer, I.; Bennett; E. M. Biggs, R., Carpenter, S. R.; de Vries, W.; de Wit, C. A.; Folke, C.; Gerten, D.; Heinke, J.; Mace, G. M.; Persson, L. M.; Ramanathan, V.; Reyers, B.; Sörlin, S. (2015): Planetary boundaries: Guiding human development on a changing planet. In: Science, 347(6223), 1259855.

Stummer-Kolonovits, Judith; Gurun Rabussay-Schwald und Brigit Fritz: I am powerful; Handbuch für die Menschenrechtsbildung in der Berufsschule; 4. Auflage; Amnesty International Österreich (März 2018)

VAN DEN BERGH, JEROEN (2011): Environment versus growth - A criticism of ‚degrowth‘ and a plea for ‚a-growth‘. In. Ecological Economics 70(5), 881–890.

VICTOR, PETER (2008): Managing without Growth: Slower by Design, not Disaster. Cheltenham: Edward Elgar Publish-ing Limited.

WELTBANK (2012): Inclusive Green Growth: The Pathway to Sustainable Development. Washington D.C.: The World Bank.

Credits:

Erstellt mit Bildern von Patrick Tomasso - "Autumn road" • Luke Carliff - "I’d took this picture from my house…" • Coloures-Pic - "Kompass Wachstum" • studio v-zwoelf - "Deutsche Flagge, Euro Geldscheine und das Bruttoinlandsprodukt BIP" • Jessica Ruscello - "untitled image" • Patrick Tomasso - "Autumn road" • Luke van Zyl - "untitled image"