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Michi und die Killerwespe Michael Dufner

Ich steige die Sprossen der am Haus angelehnten ca. 9 Meter langen Leiter hinauf. Es ist wackelig, schwindelerregend. Aber ich habe mir gesagt: «Das schaffe ich!». Schliesslich nerven mich diese Wespen schon lange. Links und rechts stecken in meinen Hosentaschen je eine Sprühdose, die das Hinaufsteigen nicht wirklich erleichtern. Zugegeben: Hätte ich jemanden beobachtet, der wie ich auf dieser Leiter stehen würde, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Aber ich hatte es mir in den Kopf gesetzt und meine Familie darüber informiert, dass jetzt ihr HELD das Problem anpacken und es ein für alle Mal beseitigen werde. Schliesslich habe ich extra diese riesige Leiter organisiert, und die Sprays waren nicht wirklich billig.

Als ich etwa 2 oder 3 Meter vom Nest entfernt war, passierte es. Eine Killerwespe nahm mich ins Visier. Ich hatte wirklich das Gefühl, sie wolle mir einfach zeigen: «Hey, hier bin ich der Chef! An mir kommst du nicht vorbei.» Ohne Umschweife flog sie auf mich zu (ich hatte noch gar nichts gemacht) und griff mich an. Zu meinem Leidwesen stach sie mich drei Mal ins Auge, das heisst nicht direkt ins Auge, sondern «nur» ins Augenlid, einmal links bei der Nase, dann oben schön mittig ins Augenlid, und weil dies anscheinend noch nicht genügte noch rechts unterhalb des Auges, quasi in den Tränensack. Geistesgegenwärtig und vermutlich voll in einem Adrenalinschub hielt ich mich tapfer an der Leiter fest und kramte langsam die Spraydose hervor, womit ich die Wespe ansprühte, sobald sie von mir abliess. Den Rest des Inhaltes sprühte ich so gut ich noch konnte Richtung Nest, jedoch ohne den erwarteten Erfolg. Unverrichteter Dinge und sehr vorsichtig stieg ich Sprosse um Sprosse hinunter, denn mein Auge war schon zugeschwollen. «Wenigstens habe ich die Killerwespe getötet», redete ich mir ein. Dabei passierte etwas Komisches. Es war nicht der Schmerz, der etwas in mir auslöste, sondern der Gang zurück ins Haus zu meiner Familie. Offensichtlich – man musste mir nur ins Gesicht sehen – war etwas nicht so gelaufen, wie ich angekündigt hatte. Wenn ich wenigstens die Plage hätte beseitigen können! Aber nein. Ich musste hinein gehen und vor meiner Familie gestehen, dass ich versagt hatte…

Als ob diese Blamage nicht genügte – es war Samstag-abend und ich hatte am Sonntag die Predigt zu halten – hörte ich schon alle fragen: «Was ist denn dir passiert???» Und dann müsste ich gefühlte 100 Mal erzählen, dass ich den Kampf gegen eine Wespe verloren hatte…

Solche Momente sind Momente, in denen ich am liebsten im Erdboden versinken würde, in der festen Absicht, erst wieder hervorzukommen, wenn alles vorbei ist, wenn man von der peinlichen Aktion nichts mehr sieht.

Ähnlich mag es Adam damals im Garten Eden ergangen sein. Er versteckte sich. Es war ihm peinlich. Er erkannte, dass er nackt war. In meine Situation gesprochen zeigte mir das Beispiel Adam, wie unheldenhaft ich bin, und dass auch meine Selbstwahrnehmung oft falsch ist. Doch Adam machte etwas, was bei mir Bewunderung auslöste, was mir zum Vorbild wurde. Als Gott fragte: «Adam, wo bist du?», antwortete dieser direkt, offen, ehrlich. Krass! – Ich hingegen verstecke mich oder ziehe mich zurück, weil ich nicht antworten will, weil ich nicht reden will, weil ich im Versteck verharren will und mich niemand suchen soll!

Ähnlich wie Adam versuchte ich dann, mit Gott zu reden. «Aber die Wespen! Warum hast du diese Dinger gemacht? Schau, was sie mir antun…!» Zugegeben: Jesus antwortete nicht, aber ich musste ein wenig über mich selbst lachen. – Das war mein erster Schritt. Reden hilft, Reden mit Gott umso mehr. Also ging ich mutig auf meine Frau und meine Kinder zu. Als sie mich sahen, wussten sie nicht, ob sie lachen oder weinen sollten. Und als ich dann lachen musste, war es wirklich befreiend. Sogar als wir gebetet hatten, dass die Schwellung schnell zurückgehen möge, mussten wir immer wieder lachen. Ich habe einfach eine geniale Familie, die mich nimmt wie ich bin und weiss, dass mir immer wieder so peinliche Dinge passieren, wenn ich mich überschätze. Als ich mich am nächsten Tag in der Gemeinde zeigte, war die Schwellung tatsächlich zurückgegangen. Und weil sich mein Einstieg ins Predigtthema sowieso auf unerwartete Wendungen im Leben ausrichten sollte, hatte ich meine Vorbereitung gecancelt und die Geschichte mit der Wespe gewählt, was auch wieder für Lacher sorgte. Das tat mir wohler als Mitleid.

Jesus kann meine peinlichen Momente nutzen. Es kann sogar meine Beziehung zu ihm fördern und vertiefen, wenn ich wie Adam mit ihm darüber spreche. Ja, es ist oft nicht das, was ich im ersten Moment suche, wenn ich mich verstecken möchte, mich zurückziehe… Aber es ist, was ich möchte, wenn ich anschliessend im Gebet erlebe, wie ER mein Leben nutzt, um Menschen zu berühren, um meine Beziehung zu meiner Frau, zu meinen Kindern, zu IHM selbst zu vertiefen.

michael.dufner@feg.ch

Credits:

Erstellt mit einem Bild von jodeng - "insect nature animal"