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Das ist kein Künstler Der Bubiker Bernhard Licini macht Kunst, die er selber nicht Kunst nennt und von der er will, dass sie nur ganz knapp daran vorbeischrammt, überhaupt nichts zu sein.

Es ist ein Zitat von Antoine de Saint-Exupery, das Bernhard Licinis blaue Augen flackern lässt. Sie wirken plötzlich klarer, wacher. «Ja, genau», sagt er, richtet sich auf. Es scheint, als spanne sich jeder seiner Muskeln ein kleines bisschen mehr, nur seine Schultern werden lockerer. «Genau das suche ich», sagt Licini. Dann steht er auf und verschwindet im Nebenraum. Das Zitat geht so: «Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.»

Bernhard Licini, Wandobjekt aus Stahl 150 x 60 x 8 cm (2020) Foto: Bernhard Licini

Bernhard Licini macht das, was man landläufig als abstrakte Kunst bezeichnet. Er hat in diversen Galerien und an Kunstmessen im In- und Ausland ausgestellt, vor Corona sei eine Ausstellung in der ehemaligen Bührle Sammlung geplant gewesen. Er wohnt in Bubikon, arbeitet in Dübendorf. Licini selber bezeichnet das, was er macht, nicht als Kunst. Weil er ja gar nicht wisse, was das eigentlich genau sei: Kunst. Wie soll er sich da Künstler heissen? Das, was er schafft, nennt er Objekte.

Aus dem Nebenraum bringt er Anschauungsmaterial mit. Eine runde, nicht sehr tiefe Schale, darin eine Platte mit einem Loch. Er nimmt die Platte behutsam raus. «Jetzt ist es ein Teller. Also nichts.» Dann legt er die Platte wieder rein. «Jetzt macht es etwas mit mir, da ist etwas, es berührt mich. Meine Objekte sollen immer genau so viel sein, dass sie nicht nichts sind.» Geprägt sei er vor allem vom Bauhaus-Stil und von der «Minimal Art» der 60er.

Bernhard Licini, Wandobjekt aus Aluminium 130 x 8 cm (2020) Foto: Bernhard Licini

Licini kam 1956 in Zürich auf die Welt. Zur seiner Familie, sagt er, wolle er nichts verschweigen. Aber es gebe einfach nicht sehr viel zu sagen. Als uneheliches Kind geboren, Vater nie gekannt, bei der Grossmutter im Kreis 4 aufgewachsen. Glückliche Kindheit, «sehr sogar, viel mit den Lumpensammlern unterwegs». Lumpensammler waren Leute, die Zeitungen für Geld wieder eingesammelt haben. «Manchmal haben wir die Zeitungen nass gemacht, bezahlt wurde fürs Gewicht.» Selber hat er keine Kinder, «wollte nie welche», in der Bubiker Wohnung lebt er mit seiner Partnerin.

Nach der Schule macht Licini eine Schlosserlehre und schlossert fortan. Manchmal hilft er seinem Onkel, James Licini, in dessen Atelier. In seinen 20ern wohnt er eine Zeit lang in Deutschland und saniert dort Fitnesszentren. Dann Rückkehr nach Zürich, Einzug in ein Loft. «Weisst du, es ist schwierig, ein Loft einzurichten.» Er findet keine Lampe, die ihm passt. Er baut sich also eine Lampe. «Die hat mir so gut gefallen, da dachte ich, vielleicht gefällt sie anderen ja auch.» Der Zürcher Traditions-Laden «Wohnbedarf» nimmt die «tonus» ins Sortiment auf. Später folgen weitere Lampen, eine Garderobe und ein Flaschenregal für die Marke Mox. Auch Designer will sich Licini nicht nennen. «Was heisst das schon.» Daneben immer: Schlosserarbeiten.

Bernhard Licini, Lampe "tonus" Foto: Christian Merz

Irgendwann, da ist er schon über 40, hat er einmal ein Reststück einer solchen Schlosserarbeit in der Hand und denkt sich: «Daraus könnte ich ja noch was machen.» So wird er zu dem, was er nicht Künstler nennt. Mit den Schlosserarbeiten, mit denen müsse er vielleicht irgendwann aufhören, weil er physisch nicht mehr könne. Mit seinen Objekten sei das anders. «Da hoffe ich, dass ich weitermachen kann. Bis ich irgendwann tot umfalle.» Auf Licinis T-Shirt steht: «Looking forward to have a great time.» Sein Onkel James ist mittlerweile über 80 und arbeitet auch immer noch. Manchmal kommt der ältere ins Atelier des jüngeren Licinis, weil dieser die bessere Säge hat. Manchmal ist es umgekehrt, weil der ältere spezielle Bohrer besitzt.

Bernhard Licini, Würfel aus Stahl 100 x 100 cm (2006) und Wandobjekt aus Stahl 260 x 80 x 8 cm (2001) Foto: Bernhard Licini

Früher waren Bernhard Licinis Objekte aus Stahl, eine logische Folge davon, dass sie aus Restposten von Schlosserarbeiten entstanden. Mittlerweile arbeitet er viel mit Aluminium. Daraus ist auch die Schale gefertigt. Daran arbeitet Licini seit mittlerweile zwei Jahren. Das Unbeschwerte von früher, das sei ihm etwas abhandengekommen. «Ich will, dass es perfekt wird.» Er sei schüchterner geworden, vielleicht demütiger. «Anfangs habe ich zu einem grösseren Loch in der Platte tendiert, jetzt finde ich es kleiner doch stimmiger.» Und das sollen seine Objekte am Ende sein: stimmig. Niemals unstimmig. «Das entspräche mir nicht. Ich bin ein ruhiger, harmonischer Mensch. Ich mache ruhige, harmonische Sachen.»

Foto: Christian Merz

Momentan ist das Schalen-Platten-Objekt noch dunkelgrau. «Eine Weile dachte ich, die Platte werde pink, aber jetzt soll sie doch blau werden.» Ein Le-Corbusier-Blau. Der Architekt Le Corbusier hat eine eigene Farbpalette entwickelt. Eine Wand in Licinis Wohnzimmer ist in einem Le-Corbusier-Gelb gehalten. Daran hängt ein weiteres seiner Objekte, eine Figur aus einem langen schwarzen Quader.

Foto: Christian Merz

Es ist ein Einzelfall: In einem Bildband von 2008 findet sich eine Werkliste, die allermeisten sind nicht in Licinis Eigenbesitz. Er könne seine Objekte verkaufen, sagt Licini auch selber. «Aber würde ich beim Gestalten an den Verkauf denken, würde ich andere Dinge machen. Rostige Dinge. Die Leute lieben Rost. Einmal habe ich rostige Würfel gemacht, die gingen weg wie warme Weggli. Aber ich will keinen Rost mehr machen. Ich bin nicht mehr dort.» Das heisst aber nicht, dass es ihn nicht freut, wenn er verkaufen kann. «Es nervt mich, wenn Künstler so blöd tun, wenn sie etwas verkaufen, im Sinn von: Oh nein, jetzt muss ich mich von meinem Liebling trennen.» Ist doch schön, wenn andere auch Freude haben. «Dafür macht man es ja irgendwie auch.»

Wenn Leute über seine Objekte sagen: «Das kann ich auch selber.“ Dann sage er: «Dann mach halt.» Er habe schon Kopien seiner Arbeiten gesehen. «Das stört mich nicht.» Wenn Leute sagen: «Was soll das sein?», dann frage er: «Schau eine Weile hin. Spürst du etwas?» Wer sage «Nein», dem sage er «Dann eben nicht.» Und wenn jemand «Ja» sage, dann freue er sich.

Text: Xenia Klaus