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Aris Fioretos – Mary Eine Buchrezension

Text: Ema Jerkovic, Layout: Leonie Thiel.

Was ist, wenn unsere Friedenszeit vorbei ist? Wenn ein Willkür-Regime Menschen in eine Maschinerie einschleust, die Gewalt legitimiert? Mary, eine Studentin in den 70er Jahren, findet sich dort wieder. Und zeigt dabei auf, wie aktuell das Thema ist. Denn diese Geschichte kann überall stattfinden, jederzeit.

Maria lebt in einem Land, das von einer Militärdiktatur regiert wird. Auch ihre Eltern sind Teil dieser Maschinerie. Doch als sie Anfang der 1970er Jahre während ihres Architekturstudiums Dimo kennen lernt, zieht sie sich zurück von einem Vater, der lieber zuschlägt, als redet, einer Mutter, die depressiv ist und einem Bruder, der das Land verlassen hat, um in Alaska eine neue Zukunft zu finden. Sie benennt sich in Mary um, trägt Slacks und ihr Freund Dimo führt die Studentenproteste gegen das Regime an. An dem Tag, an dem die Geschichte beginnt, erfährt Mary, dass sie schwanger ist und sie eilt an die Uni, um Dimo zu finden. Es ist auch der Tag, an dem die Studentenproteste am Universitätsgebäude gewaltsam niedergeschlagen werden. Mary wird durch das Militär verhaftet.

Es folgt ein Leidensweg, der in einer zum Gefängnis umgewandelten Tiefgarage beginnt und weiter zu einem berühmt-berüchtigten Knast am Rande der Stadt führt. Zu guter Letzt endet Mary auf einer unbewohnten Insel, die einem KZ ähnelt. Sie und ihre Mithäftlinge werden von den Soldaten zur Teestunde mit Gebäck eingeladen. Bald erfährt sie, dass das ein Synonym für Vergewaltigung ist. Die Methode des Regimes: mit Gewalt Andersdenkende zu bekehren. Bald schon traktieren sie Ärzte in weißen Kitteln mit dem Strom von Autobatterien. Und trotz allem leben Mary und ihr ungeborenes Kind weiter. Wirklich relevant sind die Soldaten sowieso nicht, sondern die Frauen stehen im Mittelpunkt – ihr Überlebenskampf, ihre Solidarität, kleine Handlungen, durch die sie ihre Würde bewahren wollen.

Die Leidensgeschichte Marys erzählt Fioretos aus der Ich-Perspektive. Er beschreibt Tage des Schweigens und Tage der Schmerzen. Dabei tritt Mary immer und immer wieder aus sich heraus, beobachtet sich von außen, wenn die Grausamkeiten überhandnehmen. Sie will überleben, um ihr ungeborenes Kind zu schützen. Doch als ihre Schwangerschaft sichtbar wird, gerät sie in ein unsägliches Dilemma.

Mein Lieblingszitat aus Aris Fioretos Roman:

„Halten wir durch, weil wir glauben, dass es woanders besser, schöner, gerechter sein wird? Alle sehnen sich danach und sprechen darüber. Ich weiß nicht, ob ich mich weiter sehnen will, ich will dort sein können, wo ich bin.“

Aris Fioretos Roman Mary ist an keinen Ort gebunden und doch nimmt er Bezug auf wahre Gegebenheiten in Griechenlands Geschichte. Die Bezüge zu den Studentenprotesten 1973 und 1974 und das letztendliche Ende der Militärdiktatur im Sommer 1974 sind dafür zu stark ersichtlich. Die Gefängnisinsel, auf der sich Mary wiederfindet, rekurriert auf die Kykladeninsel Gyaros, die totgeschwiegene KZ-Insel, und gibt dieser so eine Bedeutung.

Aris Fioretos erzählt die Geschichte durch Marys lange Gedankengänge. Er versetzt sich ohne Mitgefühl noch Angst in die junge Frau und gibt wieder, was sie denkt, während um sie herum Gewalt, Schmerz und Qualen herrschen. Diese sind häufig nur schwer zu verdauen. Doch er schreibt nicht nur über die Vergewaltigungen, Erniedrigungen und Elektroschocks, sondern gibt die fiktive Umgebung bis auf das kleinste Detail wieder: der Wind, das Meer, die Ratten und der zum Himmel stinkende Müll. Doch Marys Gedankengänge finden nicht nur in der erzählerischen Gegenwart statt, sondern auch in der Vergangenheit. Sie handeln von der Liebe zwischen Mary und Dimos und dem schlimmen Elternhaus, dass Mary versucht hat, zu verlassen. Diese Ausführlichkeit aller Dinge, die Mary sieht, fühlt und denkt, führt dazu, dass das Durchlesen eine Weile dauern kann.

So machen der Fluss von Mary Gedankengängen und das leichte Einfühlen durch die Ich-Perspektive es eher schwer, das Buch wegzulegen. Der Wechsel zwischen Ruhe und stillen Gedanken sowie den teilweise schnellen, gewaltvollen Taten der Soldaten lässt die Spannung wachsen. Mary kann ihre Schwangerschaft nicht mehr lange geheim halten – schon allein deswegen will man immer weiterlesen. Dabei stellt sich ein fieberndes Anfeuern für Mary und ihre Zukunft ein.

Credits:

Erstellt mit einem Bild von Randy Colas - "untitled image"