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Zuhause im Hegau Mein Hausberg und ich

Text und Bilder: Vivien Götz, Layout: Leonie Thiel.

Wenn Konstanz das Tor zum Bodensee ist, dann ist Singen am Hohentwiel für viele Konstanzer das Tor zum Rest der Welt. Singen ist die Stadt, durch die man fahren muss, wenn man Konstanz einmal den Rücken kehren will: Ein Bahnhof, der auch nicht hässlicher ist, als die allermeisten anderen Bahnhöfe Deutschlands - dahinter die Maggi Fabrik und auf der anderen Seite dieser große Berg, der seine Ruine trägt wie eine Krone. Darauf beschränken sich die Eindrücke aus dem Zugfenster. Dieser Berg, der Hohentwiel, ist Singens 686 Meter hohes Wahrzeichen. Mit seiner imposanten Festungsruine thront er über dem westlichen Hegau und kann auf eine Entstehungsgeschichte von rund 15 Millionen Jahren zurückblicken.

Blick auf den Hohentwiel vom Gipfel des Hohenkrähen. Die morgendliche Sonne und der leichte Nebel tauchen den Hohentwiel in ein besonderes Licht.

Der Hohentwiel als Überbleibsel von vulkanischer Aktivität in der Umgebung

Der Hohentwiel gehört zu den Hegau-Bergen, die eine Reihe kegelförmiger Erhebungen im Umland von Singen bilden. Sie sind die Überbleibsel einer Periode vulkanischer Aktivität in der Region, die vor gut sieben Millionen Jahren geendet hatte. Grund dafür war ein Pfropfen aus erkalteter Magma, die sich in den Schloten der Vulkane bildete und diese somit verstopfte. Da es anschließend zu keinen weiteren Ausbrüchen kam, erkalteten die Vulkane mit der Zeit vollständig. Vor ungefähr 20.000 Jahren schoben sich dann die Gletscher mehrerer Kaltzeiten über den Hegau hinweg. Die gewaltigen Kräfte des Gletschers vor dem Bodensee und des Rheingletschers trugen das weichere Gestein der Oberfläche ab und als das Eis schließlich schmolz, waren von den einstigen Vulkanen nur noch die Schlotpfropfen übrig, die sich jetzt als Berge über dem abgeschliffenen Umland erhoben.

Mägdeberg und Hohenhewen in der Frühlingssonne –vom Hohenkrähen aus fotografiert.

Singen am Hohentwiel –der Besitzanspruch gegenüber dem Berg ist im Namen tief verankert. Die Singener sind stolz auf ihren Hausberg und ihr Wahrzeichen. Und obwohl ich nicht aus Singen bin, sondern aus Gottmadingen (einem Dorf rund fünf Kilometer westlich von Singen, direkt an der Schweizer Grenze), ist und bleibt der Hohentwiel natürlich auch für mich mein Hausberg.

Blick auf Gottmadingen, der Hohentwiel erhebt sich im Hintergrund.
Wenn ich an zuhause denke, denke ich an den ganzen Hegau.

Obwohl ich erst zum Studium aus Gottmadingen weggezogen bin, verteilte sich mein Freundeskreis mit der Schulzeit immer weiter über den Hegau. Ich war zuerst in Singen auf der Schule, später dann in Radolfzell. Meine Freunde wohnten irgendwann nicht mehr in Gottmadingen, sondern in Böhrigen, Steißlingen, oder Stahringen. Wenn ich an "zuhause" denke, dann denke ich deshalb nicht nur an Gottmadingen; sondern an den ganzen Hegau.

Der Hohentwiel als unbewegliche Konstante

In dieser von Feuer und Eis geschaffenen Landschaft bin ich aufgewachsen - und der Hohentwiel war eine permanente Konstante im Blickfeld meiner Kindheit. Ich konnte ihn gerade so in den Schwaden des Morgennebels erahnen, wenn ich mich auf den Weg zur Schule machte. Sein schwarzer Umriss zeichnete sich vor all den unzähligen Sommer-Sonnenuntergängen ab, die ich mit meinen Schulfreunden bei Eis, Hugo und billigem Weißwein vom Radolfzeller Hafen aus beobachtete.

Auf den meisten Hegau-Bergen, im Volksmund auch „des Herrgotts Kegelspiel“ genannt, finden sich heute verfallene Ruinen. Sie sind die Überreste mittelalterlicher Festungsanlagen, die größtenteils den Verwüstungen des dreißigjährigen Krieges zum Opfer fielen. Einzig die Festung des Hohentwiel hielt ganzen fünf Belagerungen stand und wurde erst beim Durchzug napoleonischer Truppen stark beschädigt.

Burgteufel, Schlosshexen und Jakobiner

Die Geschichte der Hegau-Berge spiegelt sich in den regionalen Mythen und Sagen wieder, die heute allerdings fast nur noch zum Fasching sichtbar werden. Burgteufel, Schlosshexen und Jakobiner bevölkern zur fünften Jahreszeit die Straßen des Hegau. Die Poppelezunft aus Singen beispielsweise, kreist um die Figur des räuberischen und grausamen Burgvogts „Poppele“, der von seiner Burg aus den Hegau unsicher gemacht haben soll. Ironischerweise lag Poppeles' Burg nicht auf dem Singener Hausberg, sondern auf dessen kleineren Nachbarn, dem Hohenkrähen. Sein Geist soll heute noch mit unvorsichtigen Wanderern am Fuße des Krähen seinen Schabernack treiben.

Fasnet unterm „Hontes“, wie der Hohentwiel im Dialekt genannt wird.
Mein Hausberg wartet auf mich.

Ich schreibe diesen Text über Heimat aus dem Ausland. Mein Erasmus-Semester in Schweden neigt sich dem Ende entgegen und Weihnachten geht es schon wieder nach Hause. Die Zeit in Göteborg ist viel zu schnell verflogen und ich würde gerne noch länger bleiben. Ich vermisse den Hegau, aber viel weniger als ich dachte. Das liegt aber auch an der Gewissheit, dass diese 15 Millionen Jahre alte Landschaft auch morgen und übermorgen noch da sein wird. Wann immer ich nach Hause komme, mein Hausberg wartet auf mich.

Created By
Campuls Hochschulzeitung
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Credits:

Vivien Götz

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