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Kunst-Visite Der etwas andere Krankenhausbesuch

Konstanz, den 10. Juli 2018

Text: Ema Jerkovic, Bilder: Manuel Fleig; Layout: Theresa Gielnik

Wer in den letzten Monaten des Öfteren am Schottenplatz vorbeikam, sah eine interessante Entwicklung am alten Vincentius-Gebäude vorangehen. Der imposante Bau an der Laube bekam zu allererst einen Bauzaun, der Abriss stand kurz bevor. Krankenschwestern, Patienten und Ärzte zogen in den neuen Funktionsbau des Klinikum Konstanz um. Doch schon bald ereigneten sich seltsame Dinge. An der Fassade tropft bunte Farbe herab, ein majestätischer Blauwal schwimmt vorbei und riesige Nonnenpoträts prangen an den schmutzig-grauen Außenwänden des in die Jahre gekommenen Gebäudes. Unter dem Motto: VISITE, das in bunten Buchstaben auf dem Asphalt leuchtet, nehmen 113 Künstler das Krankenhaus in Beschlag. Die Kunst hält Einzug in die Zimmer mit Linoleumböden, die engen Flure und gespenstischen Operationssäle.

Doch was erwartet den Besucher im Inneren? Über die neongelb angemalte Rampe führt der Weg durch Schiebetüren ins Innere des Abriss-Krankenhauses. Eine verlassene Rezeption, nebenan die wüste Cafeteria, nach rechts und nach hinten führen mehrere Gänge in den Kunstdschungel. Wo noch bis vor kurzem Patienten ihre Beschwerden aufzählten und ihr Mittagessen aßen, tummeln sich nun Menschen, Kinder springen umher. Es scheint ganz Konstanz wolle das Spektakel sehen.

Je weiter es in die Gänge des Krankenhauses hineingeht, desto mehr steigt der Geruch von Desinfektionsmittel, Kochwäsche und OP-Besteck in die Nase. Es riecht noch immer nach Krankenhaus. Hinzu kommt noch der Geruch von frischer Wandfarbe, aber auch von Schweiß. Es ist stickig in den Räumen und die vielen Menschen tragen nicht gerade zur Besserung bei. Schnell, wird klar wieso – im OP-Trakt gibt es selten Fenster. Hier erinnert noch viel an das alte Dasein als Krankenhaus. Hinweisschilder zu den Räumen wie „OP-Aufwachraum“, eine alte Liege, eine Patientenschleuse und das Badezimmer für die Ärzte und OP-Schwestern. Die Atmosphäre ist gruselig. Die Frage, ob hier jemand gestorben ist, geistert durch den Kopf. In der Ecke des ersten Raumes steht an einer der schrillgrünen Wände angelehnt ein Rollator – eine Spur des Klinikalltags oder Kunst?

Kunst, die findet sich von nun an auf Schritt und Tritt. Im krankenhauseigenen Darkroom sind neben instagram-artigen Lichterketten und Neon-Wandbildern auch Neon-Klebezettel an der schwarzen Wand aneinandereiht. Die Besucher sollen selbst aktiv werden, Feedback geben und ihre Bilder unter dem Hashtag #neonvisite posten. Das schreit stark nach interdisziplinärer Verhandlung von Kunst. Sechs LKM-Studierende haben den Raum gestaltet. Die neonpinken Stühle laden zum kurzen Verweilen ein. Eine Prise Urlaubsfeeling bietet ein anderes Zimmer mit großem Wandbild aus Palmen und Meer. Liegestuhl und Erholung inklusive.

Das Thema der Natur wird auch in anderen Räumen aufgegriffen. „Tschernobyl“ prangt auf einer Tür. Eine düstere Katastrophenlandschaft, die von der Natur zurückerobert und damit besiegt wird, darum geht es in Julia Germroths Installation. Die Studentin war selbst schon drei Mal im Sperrgebiet, ihre Erlebnisse präsentiert sie nun skulptural und musikalisch mit symphonischen Metall. Nebenan kämpft sich der Besucher erst einmal durch einen herabhängenden Pflanzenteppich, bevor ihn noch mehr hängende Lianen entgegenkommen. Vögel zwitschern. Ein Urwald mitten im zum Abriss verdammten Krankenhaus.

Auch Theater gibt es zu sehen. Die Hochschulgruppe „Die vierte Wand“ zeigt in der Krankenhauskapelle den Tagesablauf einer Magersüchtigen. Die Welt zwischen Krankheit und Schönheitswahn. Die Wände der Kapelle schmücken riesige Ölgemälde mit toten Vögeln der Künstlerin Stefanie Scheurell. Sie hat sich inspirieren lassen, von dem Ort, der so vielen Menschen Trost gespendet hat. Die Farbverläufe der Wände und die bunten Glasfenster finden sich nun in den Gemälden wieder.

An den Wänden der Flure hängen Kunstwerke ganz verschiedener Kaliber. So sind Zeichnungen von Kindergartenkindern neben Textilstickereien zu finden. Denn Profis und Laien, vom rüstigen Rentner bis zum Kita-Kind, waren am Werk. Wie unterscheidet man qualitative Kunst von nicht-qualitativer Kunst? Und was soll das überhaupt sein, qualitative Kunst?!

Um eine solche Unterscheidung kann es im alten Vincentius gar nicht gehen. Das alte Gebäude atmet noch ein letztes Mal den Odem des Lebenx, bevor es für immer aus der Stadt verschwindet. Tausende Konstanzer wurden hier geboren, haben hier gearbeitet oder wurden hier behandelt. So kann Konstanz gebührend Abschied nehmen. Nach Ende des Projekts wird hier ein neues Wohnareal entstehen, laut dem Bauunternehmen ein modernes Quartier für Konstanz. Die Kunst muss dann leider dem konventionellen Wohnbau weichen. Die Konstanzer sagen: Lebewohl!

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