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Benvenuti in Umbria das grüne herz italiens - eldorado für naturliebhaber

Reisen in Zeiten von Corona – geht das? Ja, wenn man den Hotspots aus dem Weg geht, sich richtig verhält (Abstand, Maske, Hygiene etc.) und Kontakte auf das Nötigste reduziert. Was bedeutet: Keine Restaurants, keine Hotels und übernachten in der freien Natur. Auch Campingplätze kommen nicht infrage, aber die sind in Umbrien im Oktober eh alle geschlossen. Klar, so zu reisen ist nicht jedermanns Sache, hat aber auch seine Vorteile. Man muss nichts planen oder buchen, fährt einfach los.

B I S E L L I

Wildwasserbegeisterte denken beim Namen Biselli an spannende Kajak- und Raftingrouten durch die Schluchten von Biselli auf dem Corno-Fluss. Andere Outdoor-Freunde an Freeclimbing, Canyoning und Trekking. Stimmt, die Gegend um Norcia hat diesbezüglich einiges zu bieten. Wir haben auf unserer Tour durch Umbrien andere Pläne, sind auf der Suche nach den "Lost Places", den verlassenen Dörfern der Region. Die Gründe, wann und warum die Dörfer verlassen wurde, kennen wir außer bei Biselli au Detail nicht. Wir vermuten, dass Landflucht, Emigration und Erdbeben damit zu tun haben und weil deren Bewohner keine Zukunft mehr sahen (In ganz Italien gibt es schätzungsweise über 5 000 verlassene Dörfer). Besonders die Beben im August und Oktober 2016, die schwere Schäden in zahlreichen Gemeinden der Monti Sibillini bis zu den Monti della Laga im Grenzgebiet der Regionen Latium, Umbrien und den Marken und um Norcia anrichteten, dürften dazu beigetragen haben.

Uns zieht es aber nicht zu den Schluchten von Biselli sondern zum verlassenen Dorf gleichen Namens, das 10 Kilometer westlich vor Norcia am Berghang des Monte Paseano klebt. Den Abzweiger an der 685 übersieht man leicht, der Weg ist nicht asphaltiert, ein unscheinbarer Feldweg, an dem verstreut mächtige Felsbrocken herumliegen. Wir folgen dem Weg 450 Meter und parken unser Fahrzeug an einer Gabelung, laut Wegweiser geht es zum Dorf auf einem steinigen Weg scharf rechts den Berg hoch. 700 Meter steht auf dem Schild. Sicherheitshalber geh ich erst mal zu Fuß hoch und das ist gut so. Die 700 Meter sind tatsächlich nur 400, aber nach 300 Metern ist klar, woher die überall verstreuten Felsbrocken herkommen und wir das Fahrzeug nicht nachholen werden.

Die Aussicht von hier oben auf das Tal ist großartig. Das Dorf wurde von seinen Bewohnern schon nach dem Erdbeben von 1979 verlassen, sie zogen einfach weiter talabwärts und haben sich unten an der Staatstraße nach Norcia neue Existenzen aufgebaut. Biselli wurde sich selbst überlassen. Es sieht allerdings so aus, als ob inzwischen Interesse an einem Wiederaufbau besteht. Ein paar halb restaurierte Häuser lassen darauf schließen. Warum auch nicht. Man stelle sich ein komplett renoviertes mittelalterliches Dorf vor mit kleinen Geschäften, Restaurants, einer restaurierten alten Kirche, kleinen Apartements und verwunschenen Gärten. Wenn es nur so einfach wäre, denn das Immobilienrecht in Italien ist sehr speziell und könnte Träume platzen lassen.

Wenn Biselli reden könnte, welche Geschichten könnte das Dorf uns erzählen? Was ist alles in Vergessenheit geraten? Welche Handwerkskünste gingen verloren? Wie war der Alltag der Menschen hier, wie haben sie gefeiert? Auf unsere Fragen werden wir wohl nie eine Antwort bekommen.

Chiesa di S. Leonardo ( sec. XVI )

Auch die Kirche S. Leonardo aus dem 16. Jahrhundert, reich an Fresken – viele davon zerstört – ist im Stich gelassen worden. Schade um dieses künstlerische Erbe.

Vom Castello di Biselli, der Festung, ist bis auf den Turm nicht viel übrig geblieben. Wir versuchen, uns trotzdem einen Überblick zu verschaffen, suchen einen Weg nach oben. Der zugewachsene Weg verschwindet hie und da. Vorsichtig tasten wir uns voran. Im Turm hochzugehen lassen wir lieber. Warum kann sich wohl jeder denken.

Welcher Teil des Brunnens wird wohl von 1936 sein?

Wir übernachten im Tal in sicherem Abstand zu den "Falling Rocks" inmitten der Natur und erfreuen uns an dem Naturschauspiel.

S Z E N E N W E C H S E L

Wir fahren weiter auf der 685 – an Norcia vorbei – nach Castellucio di Norcia in den Sibillinischen Bergen. Die Sibillinischen Berge bestehen größtenteils aus Kalkgestein. Die karstigen (steinigen und unfruchtbaren) Böden eignen sich daher mehr für Herdentierhaltung und weniger für Ackerbau. Bis etwa 1000 m finden sich Mischwälder mit Buchen, Eichen, Kastanien und darüber meist beweidete Graslandschaft.

Wir tauchen ein in eine traumhaft schöne Berglandschaft in den Pastellfarben eines goldenen Oktobers und kommen aus dem Staunen nicht raus. Wie muss es dann erst im Frühling hier aussehen, wenn alles blüht und grünt?

Nebelschwaden verdecken noch unser Ziel: Castellucio di Norcia.
"Pecorino-Schafe" und Hütehunde unter sich.

Castelluccio di Norcia

Das Erdbeben im August und Oktober 2016 hat auch hier große Schäden hinterlassen.

Wenn man das sieht, dann ... Ja, dann bewundert man die Menschen umso mehr, die nicht aufgeben, weitermachen und Pecorino-Käse herstellen. Sandra Barcaroli mit ihrem Ehemann Adorno und ihrem Sohn Diego produzieren hier noch Tag für Tag Pecorino vom Feinsten so wie er schon vor tausend Jahren gemacht wurde. Die Barcarolis kümmern sich um die ganze Produktionskette vom Grasen der Schafe bis zum fertigen Käse und das schmeckt man. Unser Ausflug nach Castelluccio di Norcia in die Sibillinischen Berge hat sich gelohnt.

Sandra Barcaroli

Canestrato Pecorino von Sandra Barcaroli: Der typische Rohmilch-Pecorino von Valnerina wird nach der Canestratura-Methode hergestellt. Das bedeutet, die Rohmilch wird nicht auf über 40 ° C erhitzt und nicht pasteurisiert. Die Aromen der Gräser auf den Bergwiesen, die die Schafe abweiden finden sich dadurch im Käse wieder. Diese Produktionsmethode gibt es nur in der Valnerina Region und umfasst die Gemeinden Cascia, Cerreto di Spoleto, Norcia, Monteleone di Spoleto, Poggiodomo, Preci, Sant'Anatolia di Narco, Scheggino und Vallo di Nera. Der Rohmilch Pecorino aus Valnerina eignet sich um ihn einfach so zu essen und hervorragend in Kombination mit in diesem Gebiet hergestellten Honig.

Bis hierher und nicht weiter. 4,5 Kilometer hinter Castellucio di Norcia auf der Strada Provinciale 477/2 Richtung Norden nahe der Chiesa della Madonna della Icona – oder was nach dem Erdbeben von 2016 von ihr übrig blieb – ist die Straße komplett gesperrt. Die Kirche befindet sich auf dem Gebiet von Castelsantangelo, gehört aber traditionell auch zu Castelluccio di Norcia. Jedes Jahr, am ersten Sonntag im Juli, gingen beide Dörfer in Prozession zur Kapelle und feierten nach dem Besuch ein großes Fest mit Liedern und Tänzen. Wir müssen umkehren und zu unserem nächsten Ziel einen Umweg in Kauf nehmen.

Im nächsten Beitrag:

Das Beste vom Schwein und wir besuchen Monte San Vito, ein Schäferdorf aus dem Mittelalter.

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Credits:

Fotos: © Herbert Worm