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Dschingis Zahn In der Mongolei, einem der am dünnsten besiedelten Länder der Erde, versorgen deutsche Zahnärzte die arme Landbevölkerung. Die Zähne der Nomaden sind oft in einem desolaten Zustand.

Text: Malte Werner; Fotos: Daniel van Moll (gekürzt erschienen in stern GESUND LEBEN)

„Amaa angai!“, sagt Manfred Adelmann. Mund auf. Das kleine Mädchen starrt den ganz in weiß gekleideten Mann mit Mundschutz, Stirnlampe, runden Augen und merkwürdigem Akzent regungslos an. Adelmann wiederholt seine Bitte und streicht der Fünfjährigen über die Wange. Zögerlich öffnet Tschantsalmaa ihren Mund. „Wahnsinn“, entfährt es Adelmann.

Statt weißer Milchzähne ragen aus dem Ober- und Unterkiefer des Mädchens nur noch die schwarz-braunen Überreste eines verfaulten Kindergebisses. Diagnose: schwere Karies. Fälle wie dieser gehören seit nunmehr zwei Wochen zu Adelmanns Alltag. „Du schaust in den Mund und siehst 15 Baustellen. Bei 20 Zähnen“, sagt er ungläubig. Mit der Stirnlampe leuchtet er noch einmal in die Mundhöhle des Mädchens, das stocksteif und mit geballten Fäusten vor ihm liegt, als wolle er sich vergewissern, dass er sich nicht vertan hat. „Was soll ich da machen?“

Provisorische Praxis in der Krankenstation von Bayandelger: Hier werden täglich bis zu 80 Patienten versorgt. Die kommen aus der ganzen Umgebung angereist, weil ein einheimischer Zahnarzt nur alle paar Jahre vorbeischaut.

Der 58 Jahre alte Zahnarzt aus Lauf bei Nürnberg sitzt am anderen Ende des eurasischen Kontinents in einem knapp 16 Quadratmeter kleinen Raum der Krankenstation von Bayandelger, einem Provinznest inmitten der weiten mongolischen Steppe. Bis in die Hauptstadt Ulaanbaatar sind es rund 100 Kilometer, die sich anfühlen als wären es 1000. Von der beige getünchten Wand bröckelt die Farbe, auf den Fensterbänken und zwei Tischen türmen sich Behandlungsmaterialien und Instrumente aus Deutschland. Dazwischen zwei zusammenklappbare Behandlungsstühle, vier Rollhocker sowie zwei koffergroße mobile Dentaleinheiten mit Bohrer, Sauger und einer UV-Lampe zum Aushärten von Füllungen.

Eines der am dünnsten besiedelten Länder der Erde

In dieser improvisierten Zahnarztpraxis arbeiten neben Adelmann noch Zahnärztin Heike Bollmann, Medizinstudent Pascal Possiel und Helferin Valeria Cuttitta, dazu Übersetzer Purev Sukh-Ochir, der eigentlich einen Lebensmittelladen in der Hauptstadt führt. „Gemütlich“, nennt Adelmann das Ambiente.

Die Gruppe ist Teil eines Hilfseinsatzes der deutschen Organisation „Zahnärzte ohne Grenzen“, die seit mehr als zehn Jahren die Bevölkerung im mongolischen Hinterland versorgt, und deren Hilfe dringend benötigt wird.

Die Mongolei ...

... ist hinter Grönland das am dünnsten besiedelte Land der Erde. Auf einer Fläche mehr als viermal so groß wie Deutschland verlieren sich pro Quadratkilometer im Schnitt nicht einmal zwei Bewohner. Schon allein die geographische Dimension gestaltet die medizinische Versorgung der Menschen außerhalb der Hauptstadt schwierig. Hinzu kommt: Die Wirtschaft des an Bodenschätzen reichen Landes steckt in einer Krise, entsprechend eng ist der finanzielle Handlungsspielraum der von Korruption zerfressenen Politik. Bei den Ausgaben für den Gesundheitssektor kommt das Land im weltweiten Vergleich nicht über einen Platz im hinteren Viertel hinaus. Der für Zahngesundheit aufgewendete Anteil dieses Budgets liegt mit 0,5 Prozent weit unter dem globalen Durchschnitt.

Die Folgen sehen die deutschen Zahnärzte in den Mündern ihrer Patienten. „Ein kariesfreies Kind ist die absolute Ausnahme“, sagt die 59 Jahre alte Würzburgerin Heike Bollmann und blickt eindringlich über den Rand ihrer Schutzbrille. Mindestens die Hälfte der vor der Tür wartenden Patienten ist jünger als zehn Jahre, die meisten haben Zahnweh. Schon vor dem Frühstück standen die Namen von 80 Bewohnern des Dorfes und Nomaden aus dem Umland auf der Liste für den heutigen Behandlungstag. Einige warteten bereits um 5:30 Uhr vor der Klinik. Der Ansturm ist immens, der Grund simpel: Ein einheimischer Zahnarzt kommt nur alle drei Jahre nach Bayandelger. Für zwei Tage.

„94 Prozent der Fünf- bis Sechsjährigen haben Karies“

Der Mann, der den Zustand der Zahngesundheit in der Mongolei wohl am besten kennt, empfängt im Erdgeschoss eines vielstöckigen Gebäudekomplexes in Ulaanbaatars Stadtteil Khan-Uul. Bazar Amarsaikhan, hoch gewachsen, blaugrauer Anzug, müde Augen, ist spät dran. Stau. Vor seinem Büro, dem Sitz der Mongolian Dental Association (MDA), deren Präsident er ist, hupen Autofahrer vergebens gegen den die Hauptstadt lähmenden Verkehr an. Im kurzen mongolischen Sommer erschweren die überall aufbrechenden Baustellen das Fortkommen zusätzlich. Und wenn – wie jetzt – ausdauernde Regenfälle die Straßen überschwemmen, kommt der Verkehr gänzlich zum Erliegen.

Bazar Amarsaikhan: „Wir müssen ein dichteres Netz von Zahnärzten aufbauen.“

„94 Prozent der Fünf- bis Sechsjährigen haben Karies“, sagt der Professor für Zahnmedizin nach einer knappen Begrüßung und lässt sich tief in seinen Bürostuhl sinken. Bei Kindern mit bleibenden Zähnen seien es 84 Prozent. Deutschland erreicht einen fast identischen Wert – bei kariesfreien Kindern. Schuld am desaströs kariösen Zustand der Zähne sei vor allem der extrem gestiegene Zuckerkonsum der Mongolen, stellt Amarsaikhan nüchtern fest. Selbst in den entlegensten mongolischen Sums, den Bezirken innerhalb der 21 Aimag genannten Provinzen, füllen knallbunte Süßigkeiten – darunter viele deutsche Marken – die ansonsten spärlich bestückten Regale der Lebensmittelläden. Ein besorgniserregender Trend, den die Mongolei laut zahnärztlichem Weltverband FDI mit vielen aufstrebenden Entwicklungsländern teilt. Die Globalisierung schenkt den Menschen das süße Luxusgut, ohne Zahnbürsten mitzuschicken. Dazu kommt ein nur zögerlich erwachendes Bewusstsein für Mundhygiene und Unzulänglichkeiten im Gesundheitssystem.

1 Zahnarzt für 13.000 Patienten

„Von den 1400 praktizierenden Zahnärzten in der Mongolei, arbeiten mehr als 95 Prozent in der Stadt“, doziert Amarsaikhan in ruhigem Tonfall gegen den Bau- und Straßenlärm vor seinem Fenster an. Stadt, das heißt in der Mongolei in erster Linie Ulaanbaatar. Knapp die Hälfte der drei Millionen Mongolen lebt bereits in der vom andauernden Smog grau gewordenen Hauptstadt und jedes Jahr werden es mehr. Hier ist das Verhältnis von Zahnärzten zur Einwohnerzahl besser als in manchen Regionen Deutschlands. Aber in den Aimags kommen auf einen Zahnarzt mitunter 13.000 Patienten. Mit der Größe des Landes allein lässt sich dieses Ungleichgewicht nicht erklären.

„Wir müssen ein dichteres Netz von Zahnärzten aufbauen, aber vor allem stärker an das soziale Gewissen der Privatärzte appellieren“, sagt der Funktionär und blickt aus dem Fenster. „Demokratie bedeutet nicht nur Freiheit, sondern auch Verantwortung.“ Amarsaikhan scheint zu wissen, dass er da viel, vielleicht zu viel von seinem Land erwartet. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nutzten viele mongolische Ärzte die Chance, nur noch lukrative Behandlungen für Privatpatienten anzubieten. Die hohen Zuzahlungen für nicht von der Versicherung abgedeckte Behandlungen können sich nur die reichsten 20 Prozent der Mongolen leisten.

Die ärmere Landbevölkerung steht somit vor einer Wahl, die eigentlich keine sein sollte: Die beschwerliche und oft nur durch Verschuldung finanzierbare Reise zur Behandlung nach Ulaanbaatar antreten oder auf medizinische Versorgung verzichten. Wenn, wie bei den Nomaden, der Verzicht das Leben prägt, ist die Entscheidung leicht.

„Den Nomaden hilft niemand“, schimpft Tuul Macher. Die 53 Jahre alte Geschäftsführerin von „Zahnärzte ohne Grenzen“ ist gebürtige Mongolin weiß, wie es um die medizinische Versorgung ihrer Landsleute bestellt ist. Sie wuchs in der Zentralprovinz Tuv, die die Hauptstadt umgibt, auf und arbeitete 15 Jahre lang als eine von nur zwei Chirurgen auf einem Gebiet größer als Bayern, ehe sie 2004 ihren jetzigen Mann und Gründer der Stiftung kennenlernte. „Ich möchte meinem Heimatland helfen“, erklärt sie ohne einen Anflug von Pathos in der Stimme.

Dafür sitzt Macher morgens um sechs Uhr in einem von zwei schweren Geländewagen, die vor einer Lagerhalle am Rande von Ulaanbaatar zum Stehen kommen. Unter den großen Reifen knirscht der Kies, vom Himmel fällt der Regen ohne Unterlass. Macher steigt aus, stapft mit ihren breiten Absätzen durch den Matsch und weist einen einheimischen Wächter im knöchellangen, olivgrünen Regenmantel an, das schwere Eisentor zu öffnen. Drinnen lagern palettenweise Hilfsgüter: Kartons voller Zahnpastatuben, Latexhandschuhe, steriler Tamponaden, Füllmaterial, Betäubungsmitteln und vieles mehr. Die Materialien gingen von Nürnberg, dem Sitz der Stiftung, per Lkw auf eine knapp 8000 Kilometer lange Reise über Tschechien, Polen, Weißrussland, Kasachstan und Russland bis in die mongolische Hauptstadt. Im schummrigen Licht des beginnenden Tages kramt Macher in den Kisten und lässt Teile der Vorräte in die Autos verladen. Noch schnell eine schmale Zigarette vor dem Schuppen, dann geht es weiter. Macher ist in Eile. Jede Woche fährt sie alle Einsatzorte mindestens einmal ab, um die Helfer mit Nachschub zu versorgen. In früheren Jahren ist es vorkommen, dass den Ärzten das Anästhetikum ausgegangen ist und sie schmerzhafte Eingriffe ohne Betäubung vornehmen mussten. Das soll nicht wieder vorkommen. Am Ende des Einsatzes stecken ihr rund 6500 Kilometer in den Knochen.

Die Autos verlassen das Stadtgebiet westwärts. Links und rechts der Straße wird die Besiedlung mit jedem Kilometer dünner, das Land weiter und das Wetter besser. Nach etwa 100 Kilometern bremst der Fahrer und biegt rechts die Böschung hinab auf eine von tiefen Schlaglöchern gesäumte Lehmpiste, die sich wie ein braunes Band bis zum Horizont windet. Rundherum grüne Ödnis mit sanft ansteigenden Hügeln. Vereinzelt stehen Jurten, die runden Zelte der Nomaden, fernab der ausgefahrenen Reifenspuren. Schaf- oder Ziegenherden ziehen durch die Steppe.

Nach 70 rumpeligen Kilometern tauchen ungewohnte Farbkleckse im ewigen Grün auf. Zaamar. Das Dorf im Zentrum des gleichnamigen Sum ist geprägt von farbenfroher, aber in die Jahre gekommener sozialistischer Architektur, dazu Holzhäuser mit Dächern in knalligem Orange oder Grün. Von den mehr als 2000 Einwohnern ist wegen der Sommerferien kaum jemand zu sehen. Die Wagen halten auf der Schotterstraße vor der Krankenstation, die, wie alles im Ort, schon bessere Zeiten erlebt hat. Daneben arbeiten die deutschen Zahnärzte in einem flachen Backsteinbau, vor dem gut ein Dutzend Mongolen in der Sonne auf ihre Behandlung warten. Durch einen engen Flur und ein Spalier aus geschwollenen Wangen und neugierigen Blicken gelangt man in den unerwartet großzügigen, mit feuchtwarmer Luft gefüllten Behandlungsraum. Laminatboden, Wandregale und abgehängte Deckenplatten mit Leuchtstoffröhren erinnern eher an ein Büro als an eine Praxis. Auch sonst hat der improvisierte Arbeitsplatz der Zahnärzte Rebecca Kelm und Benjamin Roth sowie ihrer Helferinnen wenig mit ihrem Alltag in der Heimat zu tun.

„Das deutsche Gesundheitsamt würde uns einen Vogel zeigen“

Roth, 31, mit Armen kräftig wie Oberschenkel, schnitzt gerade ein Streichholz zurecht. Weil ihm Keile fehlen, die beim Bohren in den Zahnzwischenräumen die Zähne auseinanderdrücken, steckt das kleine Holzstäbchen ins Gebiss seines Patienten. „Man muss sich nur zu helfen wissen“, sagt der hörbar aus dem Rheinland stammende Roth, ehe er den Bohrer ansetzt und das Brummen und Zischen des Kompressors in der mobilen Dentaleinheit jede weitere Unterhaltung übertönt. Improvisieren muss auch Kollegin Kelm nebenan. „Die ersten Tage haben wir nach deutschen Standards jedes Instrument nur einmal benutzt“, sagt die 34-Jährige aus dem hessischen Felsberg und öffnet den Deckel einer pinken Plastiktonne hinter dem Behandlungsstuhl. „Dann kam es in den Desinfektionsbottich.“ In farbloser Desinfektionslösung liegen silbrig schimmernde Spiegel, Sonden und Zangen, an denen Blut- und Speichelreste kleben. „Nachmittags standen wir dann ohne passende Instrumente da und haben die Zähne nicht mehr rausgekriegt.“ Die Krankenstation von Zaamar kommt mit dem Sterilisieren kaum hinterher. Und so zieht Kelm einen gerade noch benutzten Hebel ein paar Mal durch die Flüssigkeit im Eimer und tupft ihn trocken. Wischdesinfektion. „Das deutsche Gesundheitsamt würde uns einen Vogel zeigen“, ruft Kollege Roth herüber.

Zahnarzt Roth (mitte) hat schnell gelernt zu improvisieren. Seine Kollegin Kelm (r.) führt eine Strichliste über jeden gezogenen Zahn. Am Ende des sechswöchigen Einsatzes werden es insgesamt 6.000 Extraktionen sein.

Doch nicht einmal diese Notlösung war in der Vergangenheit hygienischer Standard in mongolischen Arztpraxen. So bestand für Patienten lange Zeit die Gefahr, eine Zahnarztpraxis mit Zahnschmerzen zu betreten und sie mit Hepatitis zu verlassen. Mangelnde Desinfektion und Mehrfachnutzung von Spritzen führten zu einer der weltweit höchsten Infektionsraten. Jeder fünfte Mongole trägt mindestens einen der Virenstämme B und C im Körper – und nur ein Drittel der Infizierten weiß davon. Auch wenn die Zahl der Neuansteckungen zurückgeht: Leberkrebs und andere Folgen einer unbehandelten Hepatitis Infektion sind die zweithäufigste Todesursache im Land.

Viel Zeit, über ihre Arbeitsbedingungen nachzudenken, haben die deutschen 23 Zahnärzte und ihre Helfer nicht. Sie arbeiten im Akkord, behandeln zwischen 50 und 80 Patienten täglich, insgesamt fast 9000. Die Anamnese beschränkt sich auf die Frage des Dolmetschers, wo es weh tut, dann folgen meist Spritze, Zange, Tupfer, Draufbeißen, der Nächste bitte. Die Deutschen ziehen Zahn um Zahn. Auf den Strichlisten, die in jedem Behandlungsraum aushängen, um die erbrachten Einzelleistungen zu dokumentieren, reicht der Platz bei „Extraktionen“ oft kaum aus. Mehr als 6000 sind es am Ende des sechswöchigen Einsatzes.

„Alles andere macht oft keinen Sinn“, erklärt Roth in einer kurzen Verschnaufpause. Aufwändige Wurzelbehandlungen fallen weg, weil es kein Röntgengerät gibt und mehrere Sitzungen nötig wären. Füllungen machen nur bei kleinen Löchern Sinn. Bei schwerer Karies wäre Prothetik nötig, aber die ist zu aufwendig. So lindern die Deutschen in erster Linie Schmerzen und packen dafür das Übel an der sprichwörtlichen Wurzel.

Kaum Zeit für dringend nötige Aufklärung

Dass sie dadurch nur Symptome behandeln, nicht aber die Ursache des Problems an der Wurzel zu fassen bekommen, wissen die Helfer. Für die dringend benötigte Aufklärungsarbeit fehlt in den meisten Einsatzorten die Zeit. Immerhin: Die Patienten bekommen eine Tube Zahnpasta samt Zahnbürste in die Hand gedrückt, dazu einen Zettel mit einer Anleitung zum richtigen Zähneputzen. Ob es hilft? Kelm zieht die Augenbrauen hoch, legt den Kopf schief und deutet auf ein kleines Mädchen am Fußende des Behandlungsstuhls, das gerade gebannt dabei zugesehen hat, wie ihrer Schwester vier Zähne gezogen wurden. In der Hand hält sie einen Schokoriegel. „Das wird noch ein paar Einsätze dauern“, meint Kelm lakonisch.

In Bayandelger hat Manfred Adelmann entschieden, nichts bei dem kleinen Mädchen mit den verfaulten Zähnen zu unternehmen. „Die Mutter wollte, dass ich alle Zähne rausnehme, aber sie war zu jung und hatte angeblich keine Schmerzen.“ Der Franke zieht den Mundschutz herunter, formt mit den Fingern seiner linken Hand einen Tunnel und erklärt: „Die bleibenden Zähne brauchen einen Kanal, um gerade aus dem Kiefer zu wachsen. Werden die Milchzähne zu früh gezogen, schließen sich die Kanäle und die bleibenden Zähne schießen kreuz und quer aus dem Zahnfleisch.“ Ohne kieferorthopädische Behandlung keine Option.

Nach dem Mädchen betritt eine Nomadenfamilie den engen Raum. Vater Nasanbat Daribazar, 40, trägt Deel, ein traditionelles Gewand aus schwerem dunkelblauen Stoff, gelben Hüftbund und Hörgerät. In Sekundenschnelle breitet sich der Geruch von Wildnis aus. Helferin Cuttitta zieht hastig den Mundschutz über die Nase. „Pferd“, vermutet Heike Bollmann, als sie sich über den Patienten beugt und seine Mundhöhle ausleuchtet. Der Viehzüchter hat entzündete Wurzelreste, doch weil er heute noch seine Fohlen einfangen muss, schlägt Bollmann vor, er solle morgen wiederkommen. Der groß gewachsene Mann winkt ab, und grinst. Sein gutmütiges, vom harten Nomadenleben geschnitztes Gesicht lässt vermuten, dass es mehr braucht als einen gezogenen Zahn, um ihn außer Gefecht zu setzen. Doch gegen Bollmanns Fürsorge kommt auch der hart gesottene Nomade nicht an. Dann ist sein Sohn an der Reihe.

Auf dem Stuhl nebenan muss bei dessen Mutter der 3-6er weichen. Manfred Adelmann überlässt den Backenzahn unten links Pascal Possiel und leitet ihn bei dem Eingriff an. Der Zahnmedizinstudent im neunten Semester greift zum Hebel, aber diesmal heißt es nicht: Ruckzuck raus! Der Zahn sitzt fest im Kiefer. Ein Röntgenbild wäre jetzt hilfreich. Stattdessen packt der 29-Jährige mit der „Russenzange“ zu, biegt Kiefer und Kopf der bemitleidenswerten Patientin nach links und rechts. Doch auch das besonders gebogene Instrument aus dem Fundus des hiesigen Krankenhauses kann nichts ausrichten. „Er wackelt, aber nach oben ziehen geht nicht“, sagt Possiel, dessen Blick hilfesuchend den älteren Kollegen taxiert. „Der hat bestimmt eine hundsgemeine Wurzel“, vermutet Adelmann während der Schlauch in seiner Hand glucksend Blut und Speichel aus dem Rachen der Frau saugt. Am Ende hilft nur die Fräse, die den Zahn mit den wie O-Beinen gekrümmten Wurzeln zerteilt. Die Anspannung löst sich, in Possiels Gesicht und in den tief ins schwarze Kunstleder des Behandlungsstuhls gegrabenen Händen seiner Patientin. Adelmann klopft seinem Schützling auf die Schulter, als der seiner Patientin mit der sichtbar geschwollenen Wange Schmerztabletten in die Hand drückt. „Im Studium lernst du so etwas nur in der Theorie“, sagt Possiel, dem die chirurgische Erfahrung ein Grinsen ins Gesicht zaubert.

Für die 31 Jahre alte und nun einen Zahn ärmere Batchimeg, ihren Mann und den neunjährigen Sohn geht es in einem klapprigen weißen Kleintransporter zurück in die wenige Kilometer entfernte Jurte. Drinnen reicht Daribazar zwischen spartanischer, aber kunstvoll und farbenfroh verzierter Einrichtung Schalen mit Airag, vergorene, säuerlich schmeckende Stutenmilch. Dazu gibt es Boov, frittierten Teig, und gebratene Butter mit Zucker. Und Wodka. Auch seine Frau, die auf Anraten der Ärzte zwei Stunden nichts essen soll, nimmt einen kräftigen Schluck. „Ist gut nach dem Besuch beim Zahnarzt“, sagt Daribazar mit gerecktem Daumen und lacht. Er ist dankbar für die Arbeit der deutschen Helfer. „Beim mongolischen Zahnarzt ist die Füllung nach einem Monat wieder rausgefallen“, erzählt er mit drei Fingern seiner kräftigen Hand im Mund, die auf den besagten Zahn zeigen. Dann muss er los, die Fohlen einfangen. Durch die Tür der Jurte betritt er die grün-blaue Unendlichkeit seiner Heimat. Dabei streift sein Deel ein am Türrahmen hängendes Metallkörbchen mit Zahnpasta und Zahnbürsten darin.

Begegnungen wie diese entschädigen die deutschen Helfer für den arbeits- und entbehrungsreichen Einsatzalltag. Bei Dosenbier und der obligatorischen Flasche Wodka erzählen sie nach Feierabend von „Toiletten“, die nur aus zwei Balken über einem Loch bestehen, von Kliniken und ganzen Ortschaften ohne fließendes Wasser, aber mit W-Lan, von Magen-Darm-Beschwerden infolge ungewohnter Ernährung oder dreckigen Wassers. Und sie erzählen von den Menschen, ihren Patienten, die aus Dankbarkeit für die Behandlung Geschenke vorbeibringen, die sie zu Hochzeitsfeiern und dem rituellen ersten Haarschnitt ihres Kindes einladen, die, obwohl sie wenig haben, eine Ziege schlachten, um den Besuchern aus der Ferne die höchste Ehre zu erweisen.

Viele Helfer würden wiederkommen. Für die Menschen im mongolischen Hinterland eine gute Nachricht. Man darf bezweifeln, dass ihre Arbeit in naher Zukunft überflüssig wird. Aber es gibt Hoffnung. Am Ende ihres Einsatzes bekommen alle Helfer im Rathaus der Provinzhauptstadt Zuunmod zum Dank eine kleine vergoldete Pferdekopfgeige sowie eine Spielzeugjurte. Beim letzten Einsatz war es noch eine Tüte Bonbons.

Die Recherche wurde vom „Global Health Journalism Grant Programme for Germany“ des European Journalism Center finanziert.