Loading

Im Chor Förderzeitraum: 2001

Die Choraus­stattung der Rodenkirchener St.Matthäus­kirche

Die Restaurierung eines manieristischen Raumensembles

Zur Restaurierung der nachreformatorischen Chorausstattung

iner der bedeutendsten Bildschnitzer Deutschlands des frühen 17. Jahrhunderts, der in Hamburg arbeitende Ludwig Münstermann (nach 1575—1637/38), bleibt mit seinen vor allem in den Kirchen der ehemaligen Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst erhaltenen Altären, Kanzeln, Taufen und Epitaphien eine dauernde denkmalpflegerische Aufgabe und Herausforderung. Für 1612 sind erste Arbeiten am Fassadenschmuck des Oldenburger Schloss und der Rasteder Kanzel belegt. 1613—18 folgt die Ausstattung der Vareler Schlosskirche. Die Arbeiten für Altenesch, Rodenkirchen und Hohenkirchen, Schwei, Holle, Stollhamm und Apen füllen die Jahre bis 1631. Im letzten Lebensjahrzehnt scheint Münstermann die Ausführung der vielen Aufträge im Wesentlichen den Mitarbeitern seiner Werkstatt überlassen zu haben.

Ludwig Münstermann war einer der bedeutendsten Bildschnitzer Deutschlands des frühen 17. Jahrhunderts.

Zwar ist der Initiative Herbert Wolfgang Keisers, als Leiter des Landesmuseums in Oldenburg auch zuständig für die beweglichen Kulturdenkmale in Oldenburg, zu danken, das in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wichtige Werke vor dem weiteren Verfall bewahrt werden konnten, der Mangel an Dokumentationen, die eindeutige Auskunft über die einschneidenden Restaurierungen geben könnten, ließen aber alle Fragen nach der Authentizität der seinerzeit wiederhergestellten Polychromien offen. Allzu groß erschienen die Unterschiede zwischen den freigelegten bzw. völlig erneuerten Fassungen.

1. Oben links: Varel, Schlosskirche. Der Chorraum mit dem Altarretabel von Ludwig Münstermann. 2. Oben rechts: Tilman Riemenschneider, Heilig-Blut-Altar in der St. Jakobskirche zu Rothenburg ob der Tauber, 1501—1505. 3. Unten: Rodenkirchener St. Matthäus­kirche, Blick in den Chor.

Der Restaurierung der Chorausstattung in der mittelalterlichen St. Matthäus-Kirche des im oldenburgischen Stadland an der Unterweser gelegenen Rodenkirchen (Ldkrs. Wesermarsch) kommt daher größte Bedeutung zu. Das Retabel, 1618 begonnen und 1629 aufgestellt, ist Teil einer nachreformatorischen Kirchenausstattung, die den Ostteil mit Chor konsequent zu einem Sakralraum für den Vollzug des lutherischen Gottesdienstes umgestaltete. Die 1631 datierte Kanzel, der um 1630 gestaltete Taufstein, das 1637 gesetzte Epitaph Hinrich Dethmers, schließlich die den Altar südlich und nördlich einfassenden Beichtstühle und Reihen des Chorgestühls bilden gemeinsam mit diesem ein eindrucksvolles, auch programmatisch aufeinander bezogenes Ensemble des 17. Jahrhunderts, das in seiner Vollständigkeit im Oldenburger Land und weit darüber hinaus als singulär gelten darf.

Für die beabsichtigte Holzfarbigkeit sprechen nicht nur die sorgfältig geglätteten Oberflächen mit ihren feinsten Schnitzdetails, sondern auch die Kombination von Eichen- und Lindenholz, die einer deutlich gestalterischen Absicht folgend zum Einsatz gebracht sind.

Nach langer sorgfältiger Vorbereitung konnte 1997—2000 in einem ersten Abschnitt das große Altarretabel restauratorisch bearbeitet werden, in einem zweiten mit Mittel der Wenger-Stiftung für Denkmalpflege 2001 die Beichtstühle und das Chorgestühl. Auslöser waren stark abscherende Farbschichten, substanzgefährdende Salzausblühungen, die auf das rigorose Ablaugen eines Teiles der Schnitzereien 1960 zurückzuführen waren, Holzschäden sowie gravierende statische Probleme, die einen Einsturz des Retabels befürchten ließen. Die der Restaurierung vorausgangenen Untersuchungen ließen deutlich werden, dass die 1960 vorgenommene starkfarbige Fassung nicht nur maltechnisch bedenklich einzustufen war, da sie den originalen Bestand schädigte. Vor allem überdeckte sie die qualitativ hervorragende Bildschnitzarbeit Münstermanns.

Um die Feinheiten der geschnitzten Oberflächen sichtbar zu erhalten, war das gesamte Holzwerk ursprünglich mit einem pigmentierten Leimüberzug versehen worden, programmatisch wichtige Bereiche – Figuren, Inkarnate, Inschriften, Teile der Retabelarchitektur und Ornamentik – waren farbig abgesetzt. Für die beabsichtigte Holzfarbigkeit sprechen nicht nur die sorgfältig geglätteten Oberflächen mit ihren feinsten Schnitzdetails, sondern auch die Kombination von Eichen- und Lindenholz, die einer deutlich gestalterischen Absicht folgend zum Einsatz gebracht sind.

Es stellt sich natürlich die Frage nach der Bedeutung dieser Befunde: Während die Forschung bisher ihr Interesse vor allem der spätgotischen Monochromie, beispielsweise bei Tilman Riemenschneider und Veit Stoß, gewidmet hat, blieb weitgehend unbeachtet, dass auch in der weiteren Entwicklung neben aufwendig gefassten Skulpturen offenkundig holzfarbige Bildwerke eine eigene Gattung darstellen. Allerdings ist meistens schwer zu entscheiden, ob es sich dabei nicht nur lediglich um provisorische Überzüge handelt, die letztlich durch „wirklichkeitsechte“ Farbfassungen überdeckt werden sollten. Die Bedeutung von Rodenkirchen liegt zweifellos auch darin, dass die originalen Befunde am Altarretabel durch Farbstratigraphien und archivalische Belege aus dem frühen 17. Jahrhundert bestätigt werden.

Die originalen, großflächig erhaltenen Befunde am Altar, die insbesondere aus konservatorischen Gründen freigelegt werden mussten, setzten einen Maßstab für die weitere denkmalpflegerische Konzeption im Umgang mit der frühbarocken Ausstattung – insbesondere der Beichtstühle und des Chorgestühls, die ebenfalls im Sinne der ursprünglichen Gesamtwirkung in ihrer befundmäßig eindeutig belegten Holzfarbigkeit wiederhergestellt worden sind. Dabei wurden Befundstellen als Primärdokumente freigelegt und davon ausgehend Neufassungen ausgeführt, um alle historischen Farbschichten als geschichtliche Belege zu erhalten.

Realisiert werden konnte auch die Rekonstruktion der Knieschemel beiderseits des Altares, die zum ursprünglichen Bestand des Altares gehörten und innerhalb der Abendmahlsliturgie eine wichtige Funktion hatten. Sie waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch eine um die Altarstufe gelegte hölzerne Abschrankung in Gitterform ersetzt worden. Die beiden als Kopfstütze verwendeten Putten haben sich erhalten.

Zur denkmalpflegerischen Konzeption gehört die Glasfarbigkeit, für die das im 17. Jahrhundert herstellungsbedingte Grün-Gelb befundmäßig nachgewiesen werden konnte. Durch die erfolgte Neuverglasung des wandhohen vierbahnigen Ostfensters in der ursprünglichen Aufteilung ist mit der dezenten Tonigkeit ein wesentliches integrierendes Element für die Wirkung des Münstermannschen Ensembles zurückgewonnen worden.

Dr. Peter Königfeld (2006)

Literatur

Peter Königfeld (Bearb.): Das holzsichtige Kunstwerk: Zur Restaurierung des Münstermann-Altarretabels in Rodenkirchen / Wesermarsch. Holzveredelung als eigenständige Faßtechnik. Hameln 2002 (Arbeitshefte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, Heft 26). - Mit Beiträgen zur Restaurierung des Rodenkirchener Retabels, zum Werk von Ludwig Münstermann sowie zum Thema „Holzsichtigkeit, Holzveredelung und Teilpolychromie“.

Report Abuse

If you feel that this video content violates the Adobe Terms of Use, you may report this content by filling out this quick form.

To report a copyright violation, please follow the DMCA section in the Terms of Use.