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Fachlehrperson für Religion Kindern und Jugendlichen religiöse Kompetenz vermitteln.

Lydia Scherrer, seit 2017 als Religionslehrerin tätig, unterrichtet zurzeit sieben Klassen von der 1. bis zur 6. Stufe. Ihre Schülerinnen und Schüler kommen gern in den Unterricht. Das spürt sie jeden Tag.

Der Auftrag einer Fachlehrperson Religion: Kinder und Jugendliche mit dem christlichen Glauben vertraut machen, ihnen religiöse Werte und ethische Kompetenz vermitteln. Lydia Scherrer nutzt in ihrem Unterricht Werkzeuge, die sich immer wieder bewähren.

Zum Beispiel Geschichten...

"Kinder lieben Geschichten! Die Bibel ist glücklicherweise voll davon. Meine Aufgabe ist es dann, die Kernbotschaften herauszuschälen, die sind schliesslich so aktuell wie seit je. Und wenn ich das gut mache, können meine Schülerinnen und Schüler etwas davon auch in ihr eigenes Leben mitnehmen." - Umgekehrt bringe sie als Lehrerin auch gern in den Unterricht ein, was von den Schülerinnen und Schülern komme: Erzähle jemand spontan von seinem soeben verstorbenen Grossvater, könne sie das behutsam aufgreifen. Möchte ein anderes Kind wissen, was der seltsame Gegenstand in seiner Hand sei ("eine Haselnuss!"), nehme sie die Truppe kurzerhand mit in den Wald, und schon sei man beim Thema Schöpfung angelangt.

... und viele kleine Inseln

Trotz Lehrplan, den es selbstverständlich zu befolgen und einzuhalten gilt: Im Religionsunterricht wird niemand bewertet, und keiner muss fürchten, nicht zu genügen. Scherrer nutzt ihre Sonderposition bewusst, um die Schülerinnen und Schülern ihre unantastbare Würde als Mensch begreifen zu lassen. Sie integriert regelmässig Übungen, die helfen, Stress abzulegen und zur Ruhe zu kommen. Mit zunehmender Berufserfahrung, so verrät sie, wachse bei ihr auch der Mut, auf die Verschiedenheit der Kinder einzugehen, so dass zum Beispiel der eine kneten darf, während die andere lieber malt. Zwänge gibt es schliesslich sonst schon genug. - Wie wohl die Stunden bei Frau Scherrer tun, spricht sich offenbar herum: so sei es auch schon vorgekommen, dass Kinder, die eigentlich gerade eine Freistunde hatten, unter dem Fenster standen und fragten, ob sie dazukommen dürften...

In Frau Scherres Unterricht

Impressionen aus dem Kirchgemeindehaus Uznach: Eine Doppellektion lang spürbare Begeisterung auf beiden Seiten, mit stillen und lauten Momenten.

Ein Lied zum Einstieg

"Känned ihr s'Lied no?", fragt Frau Scherrer zu Beginn in die Runde. Die Klasse hat in der Mitte des Schulzimmers bereits einen Kreis gebildet. "Ja!" Nach kurzem Zögern singt und klatscht die ganze Gruppe "Gott hätt die ganzi Wält". Nach der letzten Strophe («Gott hätt au dich und mich») stellt sich den Kindern gleich die erste Aufgabe: Verstreut am Boden liegen Puzzleteile, die in gemeinsamer Arbeit zu ganzen Bildern zusammengefügt werden sollen. Während sich die Kinder konzentriert auf die Fotoschnipsel stürzen, summt noch jemand das Lied; auf der Suche nach einem fehlenden Puzzleteil steigt man übereinander, vom Rand her gibt die Lehrerin hie und da einen Tipp. - Und nachdem die rätselhaften Sujets entschlüsselt worden sind und alle wieder auf die Plätze zurückkehren, geht von irgendwo noch immer ein zufriedenes Summen von "Gott hätt die ganzi Wält i sine Händ" durch den Raum.

Wenn ich unterrichte, bin ich voll im Moment. Das passiert mir im Alltag nicht so oft, dass ich alles um mich herum vergesse – und es zeigt mir: Ich habe den richtigen Beruf gewählt.

Das Schaf erzählt

Wenn Frau Scherrer ihren Koffer aufklappt, wissen alle, was jetzt kommt: eine Geschichte. Schon tritt ein Schaf vor die schöne Landschaftskulisse. In der Rolle des Erzählers nimmt es die mucksmäuschenstill lauschenden Kinder mit zu Isaak und Rebekka, die sich nichts so sehr wünschen wie ein Kind... Wir erfahren, dass die beiden Söhne, die bald darauf geboren werden, alles andere als gleich sind, und werden mit der Frage konfrontiert, ob die Eltern den einen Sohn vielleicht lieber haben als den anderen. - Alles, was je aus ihrem Geschichtenkoffer steigt, ist eigenhändig von Scherrer konzipiert und gebastelt. Die Arbeit lohne sich bei Weitem nicht, wenn sie die (unbezahlten) Stunden der Vorbereitung zusammenrechne, aber sehr wohl, wenn sie den Aufwand an der Begeisterung der Kinder und ihrer eigenen Lust am Unterrichten messe.

Von klein auf verschiedene religiöse Perspektiven kennenzulernen, ist enorm wichtig. Tatsächlich nehme ich ein grosses Bedürfnis nach religiöser Bildung wahr – nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei ihren Eltern. Auch Nichtchristen, zum Beispiel muslimische oder Hindu-Eltern, schätzen unser ökumenisches Angebot zum Teil sehr. Für ihre Kinder eröffnet sich durch den kirchlichen Religionsunterricht die Chance, mit dem lokal verankerten Glauben in Berührung kommen.

Gemeinsam da sein

Als Höhepunkt der Doppellektion stellt sich ein von den Kindern offenbar lange ersehnter Ausflug in die Kirche gleich nebenan heraus. Drinnen herrscht gedämpftes, aber aufgeregtes Getuschel: Die meisten der Neunjährigen sind zum ersten Mal hier. So werden erst eingehend Kirchenfenster, Altar und Taufstein untersucht, bevor sich die Kinder in die vorderste Bank setzen. Scherrer erklärt das Ritual, für sich und andere ein Lichtlein brennen zu lassen und um etwas zu bitten, für etwas zu beten. Daraufhin tritt ein Kind ums andere vor, um "sein" Kerzlein anzuzünden. Auch hier machen alle ruhig und konzentriert mit, oder wie Scherrer später sagt: solche Momente mag ich am liebsten. Da sind die Kinder wirklich "da".

Erkundung der Evangelisch-reformierten Kirche Uznach
Die Kirche ist eine Erwachsenenwelt. Oft wird vergessen, dass die Kinder ein wichtiger Baustein des Kirchenfundaments sind. Sie sind es, die die Zukunft der Kirche gestalten und lebendig erhalten. Darum ist es so wichtig, dass es uns Religionslehrpersonen gelingt, sie abzuholen.

Eigene und fremde Bilder: über Wahrnehmung und Wertschätzung im Beruf.

Komme sie mit Unbekannten auf ihre berufliche Tätigkeit zu sprechen, erlebe sie manchmal ein wenig Geringschätzung, so Scherrer. Viele Leute hätten da womöglich noch die Erinnerung an eine Moralkeule von anno dazumal im Kopf – oder es spiegle sich in der Reaktion die eigene religiöse Verkrampftheit, der Irrtum nämlich, wer seine religiösen Wurzeln pflege, könne nicht zugleich wach und weltzugewandt sein. Schmerzen diese Vorurteile? "Nicht immer! Im Ausgang mit Freundinnen konnte ich durch die blosse Erwähnung meines Berufs auch schon ganz leicht unangenehme neue Bekanntschaften abwimmeln!" – immerhin! Die viel wichtigere Frage aber, meint Scherrer und wird wieder ernst, sei doch, wie man seine Arbeit selber schätzen könne. Gerade ihr, der gelernten Bäckerin, sei das anfangs zum Teil schwer gefallen; am Ende des Tages kein handfestes Produkt in der Hand zu halten, war ungewohnt. Inzwischen sieht sie überall Zeichen von Wertschätzung und die Bestätigung, am richtigen Ort zu sein: sei es in Form einer Postkarte, wo sich die gesamte Klasse für ihren Unterricht bedankt. Oder sei es im Blick eines einzelnen Schülers, einer einzelnen Schülerin, in dem zu lesen ist: hier passiert gerade etwas, hier wird gerade jemand berührt.

Ich kann meinen Schülerinnen und Schülern so viel Wichtiges und Prägendes mitgeben. Das ist eine grosse Verantwortung, die ich sehr gerne wahrnehme.
Konzentrierter Unterricht

Jeder Beruf bringt Vorteile und Nachteile mit sich. So auch jener der Fachlehrperson Religion. Lydia Scherrer zählt Plus und Minus dreier Punkte auf, die bedenken sollte, wer mit dem Beruf liebäugelt.

1: Freiheit und Verlorenheit Was sie als Fachlehrperson Religion definitiv nicht habe: einen Teamjob. – Zwischen den Lehrpersonen gibt es zwar einen regelmässigen Austausch, auch mit den Klassenlehrkräften steht Scherrer in engem Kontakt. Aber schon allein darum, weil man aus institutioneller Sicht eine Randfigur sei, nämlich irgendwo zwischen Kirche und Schule stecke, bleibe man in Vielem auf sich allein gestellt. "Wer es pessimistisch formulieren will, nennt das einsam", meint Scherrer lachend. Sie selber schätzt es, in der Unterrichtsgestaltung viele Freiheit zu haben.

2: Ort und Zeit Als Reisende zwischen Gemeinden, Schulhäusern und Kirchgemeindehäusern müssen sich Religionslehrpersonen an jedem Ort neu einrichten. ("Manchmal bekommt man eine Abstellkammer als Schulzimmer, aber die Schüler sind da locker!") Auch das Unterrichtsmaterial wird von A nach B nach C und zurück geschleppt. Scherrer selber lebt in Ebnat-Kappel; in Uznach zum Beispiel unterrichtet sie nur alle zwei Wochen, wobei sie "immer das Gefühl habe, die Kinder erst gerade gesehen zu haben".

3: Pflicht und Kür Wenn man sich für einen Unterricht entscheide, in dem die Kinder nicht einfach an ihren Pulten sitzen und still ein Arbeitsblatt ausfüllen, werde es schnell sehr aufwändig. Scherrer ist es wichtig, ihre Lektionen lebendig zu gestalten, und dafür nimmt sie eine Menge Vorbereitungszeit in Kauf, die nicht in der Lohnabrechnung auftaucht, Stichwort Geschichtenkoffer. Nein, wenn vor allem der Lohn zähle, könne sie ihren Beruf nicht empfehlen. Wer aber andere Parameter wie Sinnhaftigkeit miteinbeziehe, für den gehe die Rechnung längstens auf.

Ich darf mir Zeit nehmen, zuzuhören. Vielleicht mehr als andere Lehrpersonen. Das ist mein Privileg.

Die Ausbildung

  1. Am Anfang von Lydia Scherrers Ausbildung stand eine kleine Provokation. Wie sie einmal spät nach einem fröhlichen Abend nach Hause spaziert sei, habe sie zufällig den Mesmer getroffen und ihn auf die sich stetig leerende Kirche angesprochen. Am nächsten Tag der Anruf von dessen Frau, aber nicht etwa für eine von Scherrer inzwischen befürchtete Zurechtweisung, sondern der Hinweis, man suche noch geeignete Leute, die sich um den Nachwuchs kümmern könnten. Nach nur sehr kurzem Zögern bewarb sich Scherrer am Religionspädagogischen Institut in St.Gallen, mit enthusiastischem Motivationsschreiben zwar, aber doch nur halb überzeugt, dass man sie wollen würde, sie, die nicht den erforderten Sekundar- sondern «bloss» einen Realschulabschluss mitbrachte. Weil sie im persönlichen Eignungsgespräch überzeugen konnte, wurde sie dennoch zur Ausbildung zugelassen. Grundsätzlich steht der Beruf denen offen, die motiviert sind, Neues und Herausforderndes dazuzulernen. Auch Quereinsteiger*innen bringen beste Voraussetzungen mit, um einen spannenden und fordernden Unterricht zu gestalten.

Fotos: Daniel Ammann, Text: Julia Sutter