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Mein Erster Fotomarathon München 2017

Der Impuls

Um kulturell nicht völlig zu verrotten, nahm ich den Impuls meiner Gattin an, gemeinsam beim Fotomarathon München zu starten. Zumal meine heftige Arthrose einen Start bei anderen Marathonveranstaltungen nicht mehr möglich macht und man ja immer wieder hört, dass Paare gemeinsame Herausforderungen brauchen. Ohne jemals vorher von dieser Veranstaltung gehört zu haben, stellte ich mich heldinnenhaft dieser Challange.

Um 11 Uhr bekam Margit am Stiglmayrplatz 6 Themen, die in vorgegebener Reihenfolge abzuarbeiten waren. Um 15 Uhr gab es an einem erst am Vormittag bekannt gegebem Ort die 6 Aufgaben für den Nachmittag. Pünktlich um 19 Uhr waren 12 unbearbeitete Fotos zu den vorgegeben Themen in richtiger Reihenfolge abzugeben.

Phase 1: Trotz heftiger Auslastung im Erwerbssektor suchen wir an den Abenden vor dem Wettbewerb im Stadtteil herum, um Ideen zu sammeln, wo gute Bilder entstehen könnten. In der urinlastigen Aura unter der Donnersberger Brücke werden wir fündig. Unsere nächtlichen Exkursionen durch die Hinterhöfe, auf Plätzen, in Grünanlagen und in Tiefgaragen stärken, dank zügiger Fussmärsche, unsere Venen und wir stranden voll Ideen allabendlich im Eiscafe.

Phase 2: Um diverse Themen bedienen zu können, horte ich funktionale Gegenstände, die zu vielen Themen passen könnten. Im Wohnzimmer lagern Sägen, Folien, Puppen, Mützen, Melonen, Stifte, Kleber, Tüten, Badekappen, ein Tretroller, Papier, Schere und Werkzeug. Erregt erwerbe ich in Dachau eine pink-blaue Einhornperücke und begegne an der Kasse einer kichernden Patientin, die meinen Kauf interessiert betrachtet. Wir studieren ein Lehrvideo über fotografisches Storytelling und lernen, dass wir einen Helden in Entwicklungssituationen zeigen sollen, um dramaturgisch zu überzeugen. Mangels einer großen Auswahl an verfügbaren Helden reisse ich diese Rolle an mich. Die Gattin rät zu einem ungemusterten Kleid, das vielseitig wandelbar ist. Aus den Tiefen meiner Opern- und Festgarderobe stoße ich auf ein zu enges Abendkleid, das dank der geschlitzten Seitenpartie das notwendige Radfahren am Wettkampftag möglich machen sollte.

Der Wettkampf

Margit saust zum zum Stiglmayrplatz und sendet mir die Themen. Verstört vom Thema "München - Weltstadt mit Herz" stopfe ich mir passend erscheinendes Material in meine Fahrradtasche und versuche das total überladene Rad zu besteigen. Aufgepackt wie eine Aussiedlerin erreiche ich Margit am Treffpunkt unter der Donnersberger Brücke.

Bild 1: Sonne im Herzen. Hier muss die Startnummer sichtbar eingebaut werden.

Mit drei goldenen Nummern-Luftballons stehe ich auf der Donnersberger Brücke und versuche die flutschigen Luftballons zu halten. Hinter mir wilder Verkehr und erstaunte Blicke. Unten fuchtelt Margit herum, weil ich die Nummer spiegelverkehrt halten muss und mehrfach kläglich scheitere. Dann schnell wieder runter von der Brücke!

Bild 2: Ein Herz und eine Seele

Farbverliebt stülpe ich mir eine passende Badekappe auf und beginne ein engagiertes Posing mit meinem Seelenverwandten auf dem Graffiti. Jugendliche Migranten kichern, zur S- Bahn eilende Fahrgäste zücken ihre Handykameras.

Bild 3: Herzschlag

Ich kann einen jungen Mann dafür gewinnen, dass ich ihn vor einem Fassbinder-Zitat wiederbeleben darf. Der Mann ist toll, seine Freundin schwer amüsiert

Bild 4: Auf Herz und Nieren prüfen

Zuerst etwas ratlos, beschließen wir nun schonungslos zu werden. Ich erwerbe im Supermarkt ein rohes Hähnchen, zwei Messer mit pinkem Griff, Gummihandschuhe und Desinfektionstücher. In einer nahen Grünanlage bastle ich mir eine OP-Maske aus einer Brotzeittüte, mache meine Hände mit Wasserfarbe blutig und operiere beherzt los. Andrenalin umbraust mich und ich gerate in Sorge, dass wir wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses festgenommen werden könnten.

Bild 5: Herzerfrischend

Als erprobte Schwimmerin steige ich mit Badekappe und Schwimmbrille in den Brunnen und plantsche ästhetisch. Passanten halten mich für einen Star...

Bild 6: Herzenswunsch

Mit dem auf dem Fahrrad antransportierten Roller rollere ich neben einer riesigen Kreuzung vor einer Mercedeswerbung herum und bewundere sehnsuchtsvoll meinen Herzenswunsch: das Mercedes-Cabriolet. Unter meiner dekorativen Pelzmütze ist es höllisch heiss.

Mittagspause, umladen, Margit holt die neuen Themen

Bild 7: Herzhaft

Ich werde hemmungsloser und zersäge in einer dekorativen Hofeinfahrt mit meiner Säge die mitgebrachte Melone. Ich fresse herzhaft die Melone. Ein Bewohner des Hauses eilt um mich herum, wirkt irritiert

Bild 8: Herzblatt

Schwierig, schwierig! Auf einer Baustelle schaufle ich mit unserer Lawinenschaufel ein Grab, bastle ein schnelles Grabkreuz und streue die Blätter einer Rose von unserem Balkon darüber. Ich hoffe, dass uns keiner sieht und fälschlicherweise denkt, ich würde ein Haustier beerdigen.

Bild 9: Wenn s Herzerl in die Hose

Ich rase hinter der Gattin in den Olympiapark, noch ohne passende Idee. Unterwegs beschließen wir ins Sealife zu gehen, wo ich Angst vor dem Hai haben soll. Allerdings müssen wir dort erst mal in einer Gruppe Kleinkindfamilien einen umweltpädagogischen Vortrag hören. Gestresst rennen wir zum ziemlich kleinem Haitunnel, wo ich mit meiner Badekappe pose. Verstörte Familien ziehen an uns vorbei. Wir sind völlig fertig.

Bild 10: Hand aufs Herz

Wir düsen mit den Fahrrädern durch die Menschenmenge im Olympiapark. Ich will auf eine Statue klettern, um meine Hand auf ihr Herz zu legen. Allerdings ist der Sockel zu hoch und ich erklimme die Statue trotz sportlicher Mühe nicht. Eine neugierige Ordnerin des Robbie-Williams-Konzerts stellt uns einen Stuhl zur Verfügung.

Bild 11: Zwei Herzen im 3/4 Takt

Uns gehen die Ideen beinahe aus. Wir rasen nach Nymphenburg. Ich will vor dem Palmenhaus tanzen. Ich versuche einen Herrn mit Rollator als Tanzpartner zu gewinnen, er traut sich nicht, aber seine Gattin tanzt mit mir. Gute Stimmung in der Grünanlage

Bild 12: Sich ein Herz fassen

Mit letzter Kraft zischen wir zur Herz-Jesu Kirche. Leider beginnt dort gerade die Abendmesse. Die wenigen Gläubigen trudeln immer dann ein, wenn ich gereade zu meinem Posing starten will. Wir schaffen es trotzdem und ich marschiere mit Freuds Sexualtheorie und einer Artischocke als Blume auf eine imaginäre Dame zu, deren Herz ich erobern will.

Dann schnell nach Hause. Margit entscheidet welche Bilder sie einreichen will und düst wieder los. Abends sind wir mindestens so müde, wie nach einem Marathonlauf. Wir bestaunen andächtig die Bilder und finden, dass wir einfach toll sind.

Credits:

@Margit Roth

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