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Pura vida familiar auf costa rica

Ein Familienabenteuer

von Eva Dell'Armi

Bereits beim Anflug auf den internationalen Flughafen Juan Santamaría sehen wir das langgezogene grüne Hochtal im Zentrum Costa Ricas und die zerklüftete Talamanca Gebirgskette, die das Land grob in eine karibische Seite im Osten und eine pazifische Seite im Westen teilt. Leider ist das Kleinkind von dem Panorama wenig beeindruckt und übergibt sich direkt über meinem Pullover. Dem Ersatzpullover genau genommen, denn der andere Pullover hat bereits beim Anflug auf Kolumbien, wo wir umgestiegen sind, unter ihrer Reiseübelkeit gelitten.

Vista Linda Montaña

Bei dem angenehmen tropischen Klima mit 26 °C im Februar sind Pullover aber dann ohnehin überflüssig und unsere erste Unterkunft ist zum Glück nur sieben Kilometer vom Flughafen entfernt. Daniel, der mit seinem Partner aus Deutschland ausgewandert ist und das Vista Linda Montaña betreibt, begrüßt uns mit starkem Kaffee – natürlich aus Costa Rica – und Smoothie mit Ananas und Bananen aus dem Garten. Obwohl wir in Alajuela sind, der zweitgrößten Stadt Costa Ricas, welche näher am Flughafen liegt als die Hauptstadt San José selbst, ist das Grundstück eine einzige Oase – von der Hängematte im Garten aus blickt man auf die grünen Hügel in Richtung des Vulkans Poás, hört Vogelzwitschern, hin und wieder schwebt ein Schmetterling vorbei - entspannter ankommen geht nicht. Die Kinder sind begeistert von den Katzen, Hasen und Papagei "Lolita", die früher in einem Hotel gelebt hat und vorübergehend hier wohnt bis sie einen Platz in einer Auswilderungsstation findet, die Tiere auf die Freilassung vorbereitet.

La Paz Wasserfälle

Die Attraktion in der Gegend ist der Poás, ein Vulkan mit einem türkisenen Kratersee auf 2574 Meter Höhe. Da es an dem Tag extrem windig ist, fahren wir ein Stück weiter zu den La Paz Waterfall Gardens, ein Trail mit – wie der Name verrät – beeindruckenden Wasserfällen, Wanderwegen und der Möglichkeit über 100 Tierarten zu beobachten. Wir verschlucken uns kurz als wir die Eintrittspreise hören und erst mal von einem Umrechnungsfehler ausgingen – die Karten koste für zwei Erwachsene und ein Kind ab drei Jahren allerdings tatsächlich 128 US Dollar. Die Preise liegen in Costa Rica in etwa auf dem Niveau Mitteleuropas, für Attraktionen, die auf ausländische Touristen ausgelegt sind oder importierte Lebensmittel zum Teil auch deutlich darüber.

Norah (2) und Fiona (5) im Curi-Cancha Reserve vor den gewaltigen Wurzeln eines Urwaldriesen. Es handelt sich dabei wahrscheinlich um eine Würgefeige, eine Baumart, die langsam aber sicher ihren Wirtsbaum erwürgt und übrig bleibt das röhrenartige System der Würgefeige.

Der Busfahrer, der uns vom Ende des Parks zurück zum Eingang bringt, verabschiedet sich beim Aussteigen mit Pura Vida – pures Leben –, dem Slogan ohne dem keine Beschreibung von Costa Rica auskommt. Pura Vida bedeutet so viel wie Aloha auf Hawaii, Hakuna Matata im Dschungelbuch und Achtsamkeit in der Life Coaching Sprache gleichzeitig. Es ist eine Redewendung, Begrüßung, ein Lebensmotto und im Tourismusmarketing auf jedem Souvenir gedruckt. Und es stimmt eben auch. Die Sterne stehen günstig für das Land – Costa Rica ist mit wesentlich mehr wirtschaftlicher Stabilität und sozialer Sicherheit gesegnet als nahezu alle Nachbarländer in Mittelamerika. Die Armee wurde 1949 abgeschafft, mehr als ein Drittel des Landes steht unter Naturschutz und trotz früher Entwicklung des Tourismus vermieden die Ticos, wie die Costa Ricaner sich selbst nennen, weitgehend schlimmere Bausünden und große Hotelgebäude entlang der Küsten.

Auf dem Rückweg merken wir, dass die beiden Hinweise von Daniel absolut korrekt waren: 1. Man kann planen, wann man losfährt, allerdings nicht, wann man ankommt (Navigationssysteme liegen in Costa Rica oft weit daneben) und 2. die Reisen sind so zu planen, dass man auch mit Planungsfehlern noch bei Tageslicht ankommt – es wird relativ früh und dann auch schlagartig dunkel, die Straßen sind kaum beleuchtet und am Straßenrand mitunter Fußgänger unterwegs.

Straßennamen gibt es nur in den großen Städten, Hausnummern gar nicht; die Adressen werden in der Regel in Metern und Himmelsrichtungen in Bezug auf die nächste Landmarke angegeben und lauten dann oft „100 m südlich von der katholischen Kirche“ oder „1 km rechts von der Kreuzung“, was nicht schlecht ist, wenn man weiß welche Tankstelle oder welcher Supermarkt oder welche Kirche gemeint ist. Die App Waze findet viele der Unterkünfte direkt durch Namenssuche, manchmal hilft eine Karte, andere Male nur Einheimische zu fragen.

Der Weg führt uns von Alajuela weiter über den Vulkan Arenal im nordwestlichen Hochland in die Nähe des Naturreservats Bosque Nuboso Monteverde. Beim Frühstück besuchen uns kleine Kapuzineräffchen direkt an der im Wald gelegenen Unterkunft. Der Wolkenwald im Reservat ist aufgrund eines einzigartigen Mikroklimas permanent in einen feinen Nebel gehüllt, die Temperatur kühlt darin ab auf 10 bis 15 °C. Fünf Kilometer entfernt davon blitzt bereits wieder blauer Himmel durch und die Halbinsel Nicoya, ca. 100 Kilometer davon entfernt ist eine der heißesten und trockensten Gegenden mit auch über 35 °C im Winter. Costa Rica ist ähnlich groß wie Dänemark, auf der kleinen Fläche gibt es aber sieben verschiedene Klimazonen und einer Biodiversität größer als Europa und Nordamerika zusammen; insbesondere die Regenwälder beherbergen auch endemische Tier- und Pflanzenarten.

Die Halbinsel Nicoya an der pazifischen Westküste ist von hier aus bereits zu sehen, kulturell ist sie wieder eine andere Welt. Als eine der Gegenden Costa Ricas mit den schönsten Stränden und darüber hinaus stabilen Wellen zieht sie seit Jahrzehnten Hippies, Surfer, Yogis und Immobilienentwickler an. Aussteiger aus aller Welt haben sich in Nicoya niedergelassen und betreiben Locations, die man so auch in Byron Bay, Australien oder Venice Beach, L.A. finden könnte. Es gibt Co-Working Ketten für die digitalen Nomaden, für die Nicoya schon längst kein Geheimtipp mehr ist, vegane Superfood Bowls, Sauerteigbrot, spirituelle Retreats, traumhafte Hochzeitslocations, Luxus Anwesen und das ganze Jahr über Surf Spots.

Das Fischerdorf Montezuma zieht moderne Rastafaris an, die Einwohner (ebenso wie die Besucher) von Playa Santa Teresa im Süden der Halbinsel sind größtenteils jung, tätowiert und perfekt gebräunt, mit Surfbrett unter dem Arm geklemmt oder am Motorrad/Fahrrad/Quad befestigt. Die Luftqualitätswerte ähneln vermutlich denen einer chinesischen Industriestadt entlang der Hauptstraße, da diese komplett unbefestigt ist und entsprechend in der Trockenzeit von den vorbeibretternden Autos und Laster in Staubwolken gehüllt wird. Für kleine Kinder ist die Strömung in Playa Santa Teresa zu stark, bei Ebbe bilden sich allerdings in den rauhen Steinen am Strand kleine Wasserpfützen, die auch für die Kleinsten perfekt zum Planschen sind. Die Sonne geht am Horizont unter, am Strand laufen wilde Pferde entlang, in der Ferne vermischt sich das Meerrauschen mit Live Musik – habe ich bereits Pura Vida erwähnt?

Unsere Unterkunft in Nosàra, im nördlicheren Teil der Halbinsel ist ein Zelt im Regenwald – tatsächlich ist sie wesentlich schicker, als es sich zunächst anhört, denn es handelt sich um ein Zelt vom Ausmaß einer 1-Zimmer Wohnung mit zwei großen Betten, ums Eck gibt es morgens Yoga Kurse mit Blick in den Wald während des Pranayamas. Man ist wortwörtlich inmitten der Natur. Nachts werden wir von Brüllaffen aufgeweckt, wir versuchen ansonsten nähere Begegnung mit Skorpionen zu vermeiden, die es hier zuhauf gibt und auch das Zelt hochkrabbeln: Schuhe und Bettlaken am besten kontrollieren und Rucksäcke geschlossen lassen. Der Spaziergang über die drei sichelmondförmig gelegenen weitläufigen Strände um Nosàra nach einer Surf Session in Richtung Sonnenuntergang ist – man kann’s nicht anders sagen – traumhaft schön.

In Sámara, einem Ort mit 4.000 Einwohnern, den der Lonely Planet als „black hole of happiness“ beschreibt, kommen wir mit Familien aus Kanada ins Gespräch, die hier seit einigen Jahren den Winter verbringen. Die Kinder werden zu Hause unterrichtet, es gibt aber auch internationale Kindergärten und Schulen für scheinbar zahlreichen Expat Familien. Hier gibt es auch eine große Community von Italienern und absolut authentische italienische Spezialitäten. Das authentische Costa Rica findet man in Nicoya dagegen eher nicht; die Ticos haben hier bei den seit den 90ern beständig durch die Decke steigenden Immobilienpreisen vielerorts ihre Häuser verkauft.

Langsamer ging die Entwicklung auf der Karibikküste im Osten und auf der Halbinsel Osa im Südwesten, an der Grenze zu Panama, dem artenreichsten Teil des Landes, wo man bewusst einen anderen Weg gehen wollte als auf Nicoya, die Unterkünfte weniger von ausländischen Investoren als von Einheimischen betrieben werden und man nach Ziplining Touren und Craft Beer vermutlich noch vergeblich sucht. Dieses Mal war uns die Reisezeit bis an die südlichste Ecke etwas zu lang und die Wanderwege des Corcovado Nationalparks schienen noch zu schwer für die Kinder – aber hoffentlich ein anderes Mal. Bis dahin, pura vida!

Vulkan Irazu

Infos

Die Hauptstadt:

San José ist Dreh- und Angelpunkt für die öffentlichen Verkehrsmittel, Wirtschaft und kulturelles Leben. Die Stadt hat nicht das architektonische Grandeur von Havanna, die Atmosphäre von Buenos Aires oder Geschichte von Mexico D.F., offenbart auf den ersten Blick in erster Linie eine große Geräuschkulisse (jeder Laden beschäftigt hier einen DJ am Eingang) und ist für Kinder, sagen wir, eher mittelmäßig interessant (Ausnahme sind eventuell die Museen, die oft nahegelegt werden – wir haben leider keines davon besichtigt). Die schönste Gegend zum Erkunden ist der Barrio Amón, mit bunten, historischen Gebäuden der Kaffeeplantagenbesitzer, in denen heute kleine Restaurants und Galerien sind. In San José unbedingt versuchen, die Rushhour ab 16 Uhr vermeiden, hier kommt der Verkehr regelmäßig zum Erliegen.

Barrio Amón

Herumkommen:

Die öffentlichen Überlandbusse funktionieren zuverlässig und sind bequem, allerdings führen in der Regel alle Wegen von und nach San José, insofern sind Reiseziele untereinander nicht besonders gut öffentlich vernetzt. Eine für Touristen gängige, um ein Vielfaches teurere Alternative um Zeit zu sparen, sind private Shuttlebusse, die auch kleinere Orte untereinander verbinden.

Die ersten und letzten Tage waren wir auch mit Mietwagen unterwegs (Kindersitze kann man über viele Portale einfach mitreservieren), was mehr Flexibilität bietet und die einzige Möglichkeit ist um abgelegenere Orte zu erreichen; bei Flussüberquerungen auf Nicoya waren wir allerdings auch ganz froh nicht selbst am Steuer zu sitzen. Die Reisezeiten sind allgemein nicht zu unterschätzen: Mitunter dauern Fahrten auf unbefestigten Landstraßen und gewundenen Bergstraßen mehrere Stunden, auch wenn es sich um eine eigentlich überschaubare Kilometerzahl handelt. Wir haben für Navigation gute Erfahrungen mit der Gratisapp Waze gemacht.

Gesundheit:

Neben den Standardimpfungen wird für Costa Rica Typhus und Tollwut empfohlen (die wir nicht mehr geschafft haben), im Rückblick hatten wir aber auch keine Probleme mit verunreinigtem Wasser oder aggressiven streunenden Hunden.Vor allem in der Regenzeit gibt es vielerorts Fälle von Denguefieber, das von Mücken übertragen wird und nach einer Krankheit klingt, die man tunlichst vermeiden sollte. Impfungen und Behandlungen gibt es keine, es hilft nur Prävention durch lange Kleidung und gutes Insektenspray. Wir hatten uns vorsichtshalber mit DEET Spray und dem etwas besser hautverträglichen Wirkstoff Icaridin für die Kinder eingedeckt sowie am Tag vor der Abreise die Kleidung imprägniert. Für die Zeit Februar/März und die Orte, die wir bereist haben, hielten sich die Mücken aber ohnehin soweit in Grenzen, dass wir an den meisten Tagen vergessen haben Mückenspray überhaupt zu verwenden. UV Shirts und Sonnenhüte für Kinder machen insbesondere am Strand wirklich Sinn, denn die Sonne ist knackig.

Hinkommen:

Wir sind Anfang Februar 2020 mit der Avianca (mittlerweile insolvent) von München via Bogotà (Kolumbien) nach San José geflogen und Anfang März wieder zurück nach Deutschland.

In Ujarrás zu sehen, die Ruinen einer der ältesten Kirchen des Landes, die Iglesia de Nuestra Señora de la Limpia Concepción, die in den frühen Kolonialzeiten, um 1580 erbaut wurde.

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Credits:

© Eva und Antonello Dell'Armi