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Kirche zwischen Freiheit und Kontrolle Ein Interview mit Peter Schneeberger von Leonardo Iantorno aus dem Magazin "Amen"

Was haben Christen zu glauben, zu tun und zu lassen? Dazu gibt es viele, oft kontroverse Meinungen, und die Frage bleibt, woran wir uns letztendlich orientieren sollen. Peter Schneeberger, Verbandsleiter der Schweizer Freikirchen, gibt Einblicke in seine Erfahrungen und nennt seine Wünsche für die Kirche heute.
Aktuell werden immer mehr Stimmen laut, wenn es darum geht, was man glauben sollte und was nicht. Wie erlebst du das persönlich?

Wir steigen ohne Angst zu einem Unbekannten ins Auto (zum Beispiel in ein Taxi), ziehen für Ferien in eine fremde Privatwohnung (AirBnB) ein oder glauben bereitwillig viele Halbwahrheiten, die uns auf YouTube & Co. präsentiert werden. Das Vertrauen hat in unserer Gesellschaft in keiner Art und Weise nachgelassen. Es hat sich einfach verschoben. Ich selbst habe mir angewöhnt, anhand von vier Merkmalen zu prüfen, ob eine Stimme vertrauenswürdig ist oder nicht. Ist sie kompetent, zuverlässig, integer und wohlgesinnt? Ist das nicht der Fall, verliert sie an Gewicht für mich.

Wenn es um theologische Themen geht, versuche ich aktiv in Kontakt mit den Autoren zu sein, die in der Schweiz zuhause sind. Mir geht es dabei darum, herauszufinden, ob sie kompetent sind, ein Mandat haben und ob sie aus Dankbarkeit und mit einer positiven Haltung für die Menschen schreiben und sich äussern. Bei der Entscheidung helfen mir einerseits mein Bauchgefühl und andererseits bin ich auch immer abhängig davon, dass der Heilige Geist mir bei der Prüfung hilft.

Was bedeutet es für dich, dass wir Gott nicht «im Griff haben» können?

Mein Vater war sehr grosszügig, stabil und zufrieden. Ihm habe ich oft beim Melken im Stall von meinen Herausforderungen erzählt. Seine Antwort war oft einfach: «Es kommt schon gut!» Und auch wenn das so nicht immer eingetroffen ist, hat mich das Wissen durchgetragen, dass jemand an eine positive Zukunft geglaubt hat. Gott «glaubt» an meine positive Zukunft. Er garantiert, dass ich einmal bei ihm sein werde. Ich kann mir einige schwierige Wegstrecken, die Gott mich geführt hat, nicht erklären und ich muss da auch akzeptieren, dass er Gott ist und entscheidet, was er für richtig hält. Ich vertraue ihm dabei und das ist nicht immer einfach. Ich spreche Gott aber immer wieder bewusst zu, dass er mein Vater sein darf und mir auch die unangenehmen Dinge sagen kann, die ich nicht unbedingt hören möchte.

Wo hast du persönlich an negativen Auswirkungen gelitten, die ein Zuviel an Kontrolle haben kann?

Ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und reagiere bockig auf zu viel Kontrolle oder Machtmissbrauch. Das hat mir schon einigen Ärger eingebracht. Gleichzeitig brauche ich auch die mahnenden Worte meiner Mitmenschen. In meiner Aufgabe als Leiter einer Freikirche äussere ich mich oft in den christlichen Medien. Im Anschluss versuche ich, alle meine Kritiker zu ehren und auf ihre Antworten freundlich zurückzuschreiben. Ende letzten Jahres habe ich viele Anrufe und Mails mit Fragen, Kritik und Unverständnis zu meiner politischen Haltung (zum Beispiel mein Ja zur Konzernverantwortungsinitiative) und zu meinem positiven Umgang mit den Entscheidungen des Staates bekommen. Das hat mich mehr als einmal überfordert und zu langen Nächten geführt.

Du hast gesagt, dass es nicht darum geht, ein Museum des Glaubens zu hüten, sondern den Glauben aktiv zu gestalten und einen Garten zu pflegen. Was bedeutet das für unser Leben in den Gemeinden?

Ich habe selbst als Landwirt gearbeitet und zwischen dem Weizen wächst immer auch Unkraut. Das sieht übrigens nicht selten auch schön aus! Wenn man einen Garten pflegt, zieht man auch einen Zaun. Die christliche Szene ist wie eine bunte Blumenwiese und der Zaun sollte vor allem die Quelle dieses Gartens schützen. Wo ich das frische Wasser von Jesus Christus in einer Gemeinde nicht mehr fliessen sehe, ist etwas falsch gelaufen (vgl. Johannes 7,37–39). Deshalb ist es mir wichtig, die Bibel als Wort Gottes und den Heiligen Geist als wirkende Kraft zu schützen. Und schliesslich geht es mir auch darum, die «Bühne» zu schützen, indem ich frage, wer in unseren Kirchen auf einer Bühne steht, spricht und leitet. Die Frage, wer in unseren Kirchen noch dazugehören darf und wer nicht, ist dabei für mich nicht so wichtig.

Was sagst du zu dem Vorwurf, Christen würden an alten Dogmen festhalten, weil sie sich krampfhaft an etwas halten müssen?

Die Bibel ist mein Halt, weil sie absolut wahr und zuverlässig ist. Die Bibel ist kein Theoriebuch, sondern sie lebt in der Praxis. Sie schützt beispielsweise die Schwachen, und auch deshalb sind übertriebene Kontrolle und unreife bis missbräuchliche Machtausübung keine biblischen Prinzipien. Hingabe, Unterordnung und Dienen entsprechen der Bibel hier vielmehr. Und wo Dogmen uns dabei helfen, erlebe ich sie als erfrischend und lebensspendend. Wir brauchen Überprüfung, weil wir ein gemeinsames Ziel erreichen wollen. Das ist uns unangenehm, gerade weil wir oft sehr individualistisch unterwegs sind.

Wann wird aus einem gesunden Wunsch nach Kontrolle ein Instrument, um Macht zu behalten?

Machtmissbrauch ist etwas vom Schrecklichsten im Reich Gottes. Es macht mich traurig, dass immer wieder grosse (meist) Männer in Leitungspositionen fallen. Häufig liegt es daran, dass sie fast uneingeschränkte Macht besitzen – ohne Kontrolle. Darum bin ich sehr froh um das Schweizer Vereinssystem, durch das eine Gemeinde bei Machtmissbrauch rechtzeitig eingreifen kann. Aus gesunder Kontrolle wird oft dann Machtmissbrauch, wo wir einander nichts mehr sagen dürfen oder können. So kann Vollmacht schnell in Übergriffigkeit wechseln. Vor allem dann, wenn sich Menschen nicht mehr kontrollieren lassen. Das führt zu grossen und tragischen Konflikten. Es braucht gegenseitige Verantwortung und in gewissem Mass auch die Bereitschaft zur Rechtfertigung, um gesund unterwegs zu bleiben.

Wie können wir den «Garten» Gemeinde gestalten, und wo braucht es Kontrolle, damit die Dinge nicht aus dem Ruder laufen?

Die meisten Freikirchen sind eine Glaubensgemeinschaft. Jede Gemeinschaft braucht eine Hausordnung, sonst bricht sie auseinander und der Schwächste leidet darunter. Das ist immer meine Erfahrung, wenn wir Hausordnungen brechen. Ich glaube, dass die christliche Szene Wichtiges an falsche Orte verschoben hat. Wir kontrollieren Menschen in unseren Gemeinschaften, anstatt unsere eigenen theologischen Haltungen und blinden Flecken zu überprüfen – Stichwort Splitter und Balken im Auge. Besonders wo wir Leitende einsetzen, ist es wichtig zu prüfen und zu «kontrollieren», um Gemeinschaften zu schützen und positiv zu prägen.

Gerade Freikirchen stehen oft im Verdacht, in gewissen gesellschaftlichen Themen zwanghaft kontrollieren zu wollen. Was ist deiner Meinung nach die Aufgabe der Kirche in dieser Zeit?

Zuerst einmal müssen wir als Kirchen bereit sein, uns selbst immer wieder zu überprüfen und Selbstkontrolle zu üben. In der Bibel begegnet mir immer wieder der Schutz der Schwachen als wichtiger Auftrag, den wir gerade in unserer leistungsgetriebenen Gesellschaft wahrnehmen sollen. Dazu gehört für mich auch der Schutz des Lebens. Es würde uns gut anstehen, wenn wir uns proaktiver für die Schwachen, das Leben, unsere Familien und Ehen einsetzen würden und dabei auch einen positiven Einfluss nehmen.

Die Gemeinde ist ein Ort der Hoffnung und das ist vor allem in der Corona-Krise ein grosses Potenzial der Kirche. Es gibt zu viele pessimistische Stimmen, die den Teufel an die Wand malen und das Glas immer als halbleer sehen. Genau hier wünsche ich mir, dass die Freikirchen «Hopespreader» und nicht Superspreader sind, denn diese Botschaft braucht die Schweiz.