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Grenzenlos Literatur 2018 Die Liste der Empfehlungen

Helmut Brohs ist 2018 das letzte Mal mit uns zusammengesessen. Stets hat er sich sehr sorgfältig vorbereitet, das jeweilig vorzustellende Buch eingehend durchgearbeitet, Anmerkungen angeheftet und oftmals auch kurz exzerpiert. In bedächtigem Ton hat er uns dann vorgetragen, was er als bemerkenswert fand. Wir kondolieren seiner Familie.

Nachfolgend die Liste der 2018 besprochenen Bücher - in alphabetischer Reihenfolge. Die Struktur der Liste ist wie folgt zu lesen:

Autor: Titel des Buches

Verlag und Erscheinungsjahr

  • vorgestellt von und persönliche Bemerkungen

Jose Eduardo Agualusa: Eine allgemeine Theorie des Vergessens

C.H. Beck 2017

  • Ilja Fiser: Ludovica mauert sich, nachdem sie einen Einbrecher in Notwehr erschossen und auf der Dachterrasse begraben hat, für dreißig Jahre in ihrer Wohnung in einem Hochhaus in Luanda ein. Der Roman spielt während der Unabhängigkeitskriege in den 70er Jahren bis heute.

Tariq Ali: Im Schatten des Granatapfelbaums

Diederichs 1993

  • Andreas Pöll: Im Jahre 1490 beginnt in Spanien der religiöse Fanatismaus der Reconquista. Nach dem Fall Granadas, dem letzten maurischen Königreich, breitet sich religiöser Fanatismus, Machtpolitik und Geldgier der spanischen Herrscher Ferdinand aus. Alle Moslems müssen entweder konvertieren oder das Land verlassen.

Dante Alighieri: Göttliche Kömödie

Akademische Druck- und Verlagsanstalt 2014

  • Kurt Bauer: Neue Übersetzung in wunderschönen Terzinen. Dazu eindrucksvolle Bilder zu jedem Gesang.

Alfred Andersch: Der Vater eines Mörders

Diogenes 1986

  • Heinz Stipsits: Die kurze authentische Darstellung einer Griechischstunde am Wittelsbach Gymnasium in München. Der Direktor visitiert unangemeldet die Untertertia und demütigt den Griechischlehrer genauso wie die Schüler. Der Direktor heißt Himmler und ist der Vater von Heinrich Himmler. Ein sehr aufschlussreiches Nachwort komplettiert dieses interessante „Schulbuch“.

Helmut Andic /Ernst Haas: Ende und Anfang

Zsolnay 1975

  • Franz Meister: Das bedrückende Ausmaß an Zerstörung und dazu einige Fotos, die kurzes stilles Glück inmitten einer Trümmerlandschaft zeigen – Wien nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Heute sind bis auf ganz wenige deutliche Spuren der Verwüstung getilgt. An nicht wenigen Stellen wurde nachmalig auch nichts von Bedeutung, dafür ausgesprochener Hässlichkeit in die Gegend gesetzt. Der jungen Generation zur Kontemplation angeeignet – als Hinweis, vor welchen offensichtlichen Herausforderungen die Generation der Großeltern gestanden haben.

Mario de Andrade: Macunaima

Suhrkamp 1982

  • Regina Prachner: Macunaima – der Held ohne Charakter. Die Abenteuer des indigenen Macunaima auf der fantastischen Suche nach seiner Muiroquita, seinem Amulettstein, die ihm vom Amazonasdschungel nach San Paulo und Rio führt.

Mario de Andrade: Senhorita Elsa

Loisoder 2017

  • Regina Prachner: Die Schule der Liebe. Die Mission von „Fräuleins“ ist es, höhere Söhne in die Liebe als allumfassendes Erlebnis von Sinnlichkeit und Gefühl einzuführen. Eine sentimentale Unterweisung, um die halbwüchsigen Söhne der besseren Gesellschaft vor Abwegen zu bewahren.

Alaa al-Aswani: Ich wollt’, ich würd’ Ägypter

Lenos Basel 2009

  • Alma Culic-Tomasi: Erzählungen über verschiedene Charaktere Ägyptens und die orientalische Mentalität

Paul Auster: 4321

Rowohlt 2017

  • Günter Exel: Welchen Einfluss haben Zufälle auf unser Leben? Wie ändern sich die darauf folgenden Ereignisse, aber auch die Persönlichkeiten, ja, Persönlichkeiten der Akteure? Vier derartige Geschichten entspinnen sich in Paul Austers „4321“ aus einem winzigen Schlüsselmoment der Handlung, der Landung eines jüdischen osteuropäischen Emigranten in New York den 1.1.1900. Erlebte oder vermiedene Katastrophen stellen Weichen für unterschiedliche Lebenswege der Hauptfigur, „Archie“ Ferguson, gelungenes oder misslungenes Geschick verkehrt sich in ihr Gegenteil. Auster entwickelt in seinen vier parallelen, aber auch thematisch miteinander verflochtenen Geschichten ein Vexierspiel des „Was wäre wenn“. Das in vier völlig unterschiedlichen Lebenswegen resultiert. Ein beeindruckendes Opus Magnum, herausfordernd sowohl in seinem Volumen (über 1250 Seiten) wie auch im ständigen Wechsel zwischen den vier unterschiedlichen Lebensentwürfen.

Arkadi Babtschenko: Die Farbe des Krieges

Rowohlt 2007

  • Heinz Stipsits: Unfassbare Darstellung eines Veteran des Tschetschenenkrieges. Hautnah und gnadenlos erzählt. Erinnert an einen Erzählstil von Ernest Hemingway. Grausamst und berührend. Ein Nachwort des Übersetzers erhellt die nicht zu verstehende Geschichte der politischen Verhältnisse in Tschetschenien.

Peter Bamm: Eines Menschen Zeit

Diogenes 1972

  • Andreas Pöll

Alessandro Baricco: Seta (dt. Seide)

Easy Readers (dt. Atlantik) 1996 (dt.: 1997)

  • Heinz Stipsits: roßartige Erzählung und intensive Beziehung eines jungen Franzosen der nach Japan fährt um Seidenraupen nach Frankreich zu bringen. Und sich dort in ein junges Mädchen verliebt! Sehr vielschichtige Erzählung, sehr zu empfehlen- auf Deutsch, wie auch im Original auf Italienisch.

Alexander Beer: Die rote Frau

Limes 2018

  • Andreas Pöll: Wien liegt im Jahre 1920 in den Nachwehen des 1.Weltkrieges. Der berühmte und wohlhabende Stadtrat Richard Fürst wird eines Abends um halb Acht ermordet und von seiner Frau gefunden. Von Inspektor Brühl wird „Peppi“ Jesef Navratil aus dem Wohnheim in der Meldemannstraße in die „Liesl“ eingebuchtet. Inspektor Emmerich hat 72 Stunden Zeit den Fall zu lösen.

Philipp Blom: Eine italienische Reise

Hanser 2018

  • Kurt Bauer: Ein lähmendes Buch, obwohl ein interessanter Plot. Schlechter Stil und dummes Ende.

Ajahn Brahm: Die Kuh, die weinte – Buddhistische Geschichten über den Weg zum Glück

Lotos 2004

  • Jutta: Ein buddhistischer Mönch erzählt Weisheitsgeschichten. Amüsant, weise und kurzweilig

Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten

Scherz 1961

  • Andreas Pöll: Gorston Hall in der englischen Grafschaft Middleshire herrscht Simeon Lee. Auf den Diamantenfeldern Südafrikas hat er sein Vermögen auf die harte Tour gemacht. Schwäche ist ihm verhasst, seine Gattin hat er durch ständige Affären früh ins Grab gebracht, die meisten seiner zahlreichen Kinder sind im Streit gegangen. Zum diesjährigen Weihnachtsfest lädt Simeon zum allerseits großen Erstaunen seine sämtlichen Nachkommen ein. Schon kurz nach ihrer Ankunft wird den Lees bewusst, dass Simeon sie keineswegs eingeladen hat, um sich mit ihnen zu versöhnen. Stattdessen verhöhnt der alte Mann am Heiligen Abend seine Familie und kündigt ein neues Testament an. Kurz darauf wird Simeon in seinem von innen verschlossenen Schlafzimmer die Kehle durchgeschnitten. Ein Job für Hercule Poirot den oder die Täter zu entlarfen.

Paolo Cognetti: Die acht Berge

DVA 2017

  • Alma Culic-Tomasi: Cognetti schreibt eine Geschichte über die Liebe für die Berge und eine Freundschaft, die Jahrzehnte dauert.

Verene Duregger; Mario Vigl: Hans Kammerlander – Höhen und Tiefen meines Lebens

Piper 2018

  • Ilja Fiser: Autobiographie in Interviews eines der besten Alpinisten der letzten Jahrzehnte. Vom armen Bergbauernbuben zu den höchsten Gipfeln und der Tragödie des Todes der besten Freunde am Berg bzw. ein Unfall mit tödlichem Ausgang unter Alkoholeinfluss. Für alle Bergfreunde ein Muss.

György Dragoman: Der weiße König

Suhrkamp 2008

  • Peter Mlczoch: Ein Elfjähriger beschreibt das Ceaucescu-Regime aus der Sicht eines Kindes an der Schwelle zur Pubertät. Packend, teilweise brutal – faszinierend.

Slavenka Drakulic: Mileva Einstein – oder die Theorie der Einsamkeit

Aufbau Verlag 2018

  • Nadja Meister: Tragische Geschichte einer Frau, die einen bedeutenden Anteil an Einsteins wissenschaftlichen Arbeiten hatte. Leider blieb diese begabte Physikerin und Mathematikerin im Schatten von ihrem Mann und bekam nie die Anerkennung, die sie verdienen sollte – nicht nur von Einstein selbst. Sehr gut geschrieben. Empfehlenswert.

Paul Chaim Eisenberg: Auf das Leben

Brandstätter 2018

  • Leonard Taura: Written in a readable style, simple. Fully of empathy for all, irrespective of religion, background, etc. Tells a lot about jewish life, including a bit of jewish humour., life telling

Alison Fell: Jadeschwert und Pflaumenblüte

Rowohlt 1995

  • Regina Prachner: Moderne, erotische Version der Kopfkissengeschichten, angelehnt in Stil und Form an die klassische Vorlage von Sei Shonagon.

Max Frisch: Homo Faber

Suhrkamp 1957

  • Helmut Brohs (†): 1957 geschrieben und noch immer hochaktuell. Problematik: Technik, Verhältnis Mann-Frau.

Anselm Grün: Was will ich? – Mut zur Entscheidung

Vier Türme 2013

  • Jutta Niederstätter: Verschiedene Perspektiven und Ideen zur Entscheidungsfindung aus der Sicht eines Benediktinermönchen

Wolf Haas: Junger Mann

Hoffmann & Campe 2018

  • Regina Prachner: Wolf Haas einmal anders: autobiographischer Entwicklungsroman in Form eines ländlichen Roadmovies aus den 70er Jahren

Erich Hackl: Am Seil – eine Heldengeschichte

Diogenes 2018

  • Franz Meister: Der Name Reinhard Duschka ist wohl wenigen bekannt. Es hat ihn gegeben. Ein „Alpinist“, der die Tugenden der Seilschaft in der Wiener Ebene gelebt hat. Er hat verfolgte Juden über Jahre in Wien vor den Nazis versteckt. Spät aber doch wurde er geehrt und rasch vergessen. Seine Tat, wahrhaft heldenmutig, ruft Hackl nun in Erinnerung. Ein passend gutes Buch zum Gedenkjahr 2018 – und darüber hinaus.

Wolfgang Häusler: Ideen können nicht erschossen werden

Molden 2018

  • Franz Meister: Andere Völker/Nationen feiern ihre Unabhängigkeitskämpfer, ihre Streiter für Demokratie und Frieden – Österreich ist hier gänzlich anders. Längst sind nahezu alle vergessen, die sich um die Demokratie in Österreich eingesetzt haben – von den „Jakobiner“, denen Franz II/I den Garaus bereitet hat, den Vormärzkämpfern – z.B. einem Violand, oder jenen, die 1848 zur Waffe griffen. Häusler hat sich hier sehr verdient gemacht, all diesen im Gedenkjahr 2018 ein Buch zu widmen. Ein wichtiges Buch, dass sich mit einer speziellen Art der Vergessens(un)kultur in Österreich beschäftigt.

Peter Handke: Kindergeschichte

Suhrkamp 1981

  • Heinz Stipsits: Biographische Darstellung der ersten zehn Lebensjahre der Tochter Handkes. Vater, alleinerziehend, geht mit Tochter nach Paris, wo sie in die ersten Schulklassen geht. Erzählt , wie ein Geschichtsschreiber. Sperrig.

Niko Hofinger: Maneks Listen

Limbus 2018

  • Peter Mlczoch: Der 1987 verstorbene Präsident der IKG Innsbruck – Ernst Beschinsky – lebte als Doppelgänger eines Jugendfreundes, der nach Palästina ausgewandert war. Niko Hofinger hat seine unglaubliche Lebensgeschichte erforscht und auf sehr witzige Art niedergeschrieben.

Kazuo Ishiguro: Als wir Waisen waren (engl.: When We Were Orphans)

Knaus 2016 (engl.: Faber&Faber 2000)

  • Alma Culic-Tomasi: England und Shanghai zwischen den Kriegen. Eine „Welt von Gestern“ in den Wirren von China vor der Besetzung von Shanghai durch Japan. Eine spannende Geschichte, die sich wie ein Kriminalroman liest.

Gerhard Jelinek: »ES GAB NIE EINEN SCHÖNEREN MÄRZ« 1938. Dreißig Tage bis zum Untergang

Amalthea 2017

  • Alma Culic-Tomasi: Historisch sehr gut recherchiert beschreibt das Buch die Umstände in Österreich 30 Tage vor dem Anschluss.

Björn Kern: Das Beste was wir tun können, ist nicht

Fischer TB 2016

  • Reinhard Urban: Leicht zu lesen und dennoch anspruchsvoller Roman mit autobiographischen Elementen

Stefan Klein: Das All und das Nichts – Von der Schönheit des Universums

S. Fischer 2017

  • Kurt Bauer: Vorstellung der gegenwärtigen Ansichten zum Mikro- und Makrokosmos. Hochinteressant, schwindelerregend

Michael Köhlmeier: Der Mann, der Verlorenes wiederfindet

Hanser 2017

  • Ilja Fiser: Der Tod des heiligen Antonius von Padua, mit Rückblenden auf sein Leben.

Primo Levi: Das periodische System

DTV 1991

  • Kurt Bauer: Lebensgeschichte anhand einzelner Elemente erzählt. Hervorragend!

Steven Levitzky/Daniel Ziblatt: Wie Demokratien sterben: und was wir dagegen tun können

DVA 2018

  • Kurt Bauer: Der Niedergang der US-Demokratie wird erklärt. Die Mechanismen der Aushöhlung der Demokratie werden auch anhand weltweiter Beispiele angeführt. Im letzten Teil werden Gegenstrategien erläutert.

Astrid Lindgren: Die Menschheit hat den Verstand verloren: Tagebücher 1939–1945

Ullstein 2015

  • Martina Sattmann: Astrid Lindgren, die bescheidene, mit Hausverstand ausgestattete, harmoniebedürftige Frau, die zur Verurteilung des Nazikollaborateurs Quisling maßgeblich beigetragen hat.

Florjan Lipus: Seelenruhig

Jung & Jung 2017

  • Franz Meister: Lipus runder Geburtstag war Anlass für eine Fernsehhommage. Da sitzt ein älter gewordener Mann vor seinem Schreibtisch und beschreibt in eng gehaltenen Zeilen mit Bleistift das Papier. Das Papier füllt sich, sodass kaum Platz für mehr ist und die Bleistifte werden immer kürzer, bis ein winziger Stummel übrig bleibt. Die Bleistiftstummel sind sonder Zahl geworden. Hier schreibt einer, dem das Schreiben eine Lebensaufgabe geworden ist. Seelenruhig beschäftigt sich mit den gleichen Traumata und Erlebnissen, die Lipus bereits in anderen Büchern behandelt hat. Bostjans Flug, ist ein solches. In Seelenruhig ist das Leben bzw. die Erinnerung daran komprimiert. Wir genießen und erfreuen uns an einer Übersetzung ins Deutsche durch Johan Strutz. Lipus schreibt nur in Slowenisch und ist doch unbestritten – so sehe ich dies jedenfalls – ein österreichischer Schriftsteller.

Ernst Lothar: Die Rückkehr

Zsolnay 2018

  • Franz Meister: Es dürfte wohl eines der ersten Bücher eines Rückkehrers/Heimkehrers gewesen sein, welches nach dem zweiten Weltkrieg in Wien geschrieben und veröffentlicht wurde. Das hat damals nicht vielen gefallen – typisch und doch nicht entschuldbar. Der Plot ist ein wenig konstruiert – auch aus heutiger Sicht. Was zählt sind aber die Emotionen, denen die Heimkehrer ausgesetzt waren und auch die Verschlagenheit, die ihnen entgegengebracht wurde. Kein Wunder, dass manche wieder weggingen bzw. trotz Rückkehr keine Heimkehr erfahren konnten. Qualtinger/Merz hatten hier eine Stoffsammlung für so mache Sequenz im Herrn Karl in gebundener Form vorliegend.

Anna-Elisabeth Mayer: Am Himmel

Schöffling & Co. 2017

  • Franz Meister: Wer viel Geld hat, kann davon nicht genug bekommen und Geld verschenken kommt da schon gar nicht in den Sinn. Dies gilt auch für Angestellte, Dienstboten, Förster und sonstige Untergebene. Ein gewisser von Sothen, den es wirklich gegeben hat, bewohnt Schloss Cobenzel – Ende des 19 Jahrhunderts ein Komplex mehrerer Bauten, von denen bis auf zwei nicht viel erhalten geblieben ist (dem heutigen Cobenzel und der Elisabethkapelle). Dieser von Sothen hält seine Arbeitnehmer kurz. Und auf die Moral hat er auch ein Auge, wie auch seine Frau. Die hätte zwar gerne Kinder, doch es will nicht klappen. Da kommt halt Neid auf, wenn die Frau des Förstern- beide jedoch nicht miteinander verheiratet – ein Kind nach dem anderen bekommen. Irgendeinmal wird der Druck der kinderlosen Gattin zu groß und Sothen kündigt den Förster, wissend dass dies den Absturz der Familie ins Elend bewirkt. Der Förster kommt in Rage und erschießt von Sothen. Ausbeutung und Mord sind ebenso nicht erfunden, wie die Moralvorstellungen zum Ende des 19.Jahrhundert. Auch das war Wien vor 1900...

Alberto Manguel: Die verborgene Bibliothek: Eine Elegie und zehn Abschweifungen

S. Fischer 2018

  • Franz Meister: Einmal mehr beweint Alberto Manguel den Abschied von seiner Bibliothek, die nun in Schachteln geschlichtet irgendwo in dunkeln Räumen auf ihr wartet. Verständlich, wenn man sich ein haus just für diese Bücher gebaut hat und nun weg muss. Manguel hat aber nun einen weit größeren Schatz zu hüten: er wurde Bibliotheksdirektor von Buenos Aires. Ja, das sind nun weit mehr Bücher, aber halt nicht die seinen, zu denen er über Jahrzehnte eine jeweils direkte und sehr persönliche Beziehung aufgebaut hat. Der vormalige Vorleser von Jorge Borges tritt nun in die Fußstapfen seines Zuhörers.

Pankaj Mishra: Das Zeitalter des Zorns

S. Fischer 2018

  • Kurt Bauer: Darlegung der Hintergründe für die Unzufriedenheit der jungen Männer in Europa, Afrika, Asien und im Vorderen Orient. Geschichte der Anarchie von der Französischen Revolution bis heute. Ursachen für den Nationalismus und die Romantik.

Tanja Paar: Die Unversehrten

Haymon 2018

  • Regina Prachner: Dreiecksgeschichte mit letalem Ausgang und überraschender Täter-Opfer Konstellation.

Christian Pantle: Der dreißigjährige Krieg

Propyläen 2017

  • Heinz Stipsits: Vom Rauben, Morden, Plündern – und der Menschlichkeit. Ein packender Bericht über den 30-jährigen Krieg. Besonders detailliert dargestellt am Schicksal des Söldners Peter Hagendorf und des Mönchs und späteren Abt des Kloster Andechs. Sehr wichtiges Buch über eine unvorstellbare Zeit.

Leo Perutz: Der schwedische Reiter

Zsolnay 1936

  • Heinz Stipsits: Großartiger historischer Roman aus Schlesien ende des 17.Jahrhunderts. Ein armer Teufel gibt sich als Schwede aus, wird sehr erfolgreich und dennoch schlägt das Schicksal zu. Der andere, der echte Offizier, geht dafür in ein Straflager. Perutz ist einer der überragendsten Erzähler des 20. Jahrhunderts. Großartig.

Leo Perutz: Turlupin

Zsolnay 1983

  • Heinz Stipsits: Paris im November 1642 –das größte Federballspiel ist angesagt. Was steckt dahinter und wie wird das Schicksal durch den Perückenmacher Turlupin plötzlich stark beeinflusst. Sehr schönes Buch.

Martin Prinz: Die unsichtbaren Seiten

Suhrkamp 2018

  • Franz Meister: Den Leuten, denen Lilienfeld gefällt bzw. welche ein Naheverhältnis zu dieser Gegend haben, denen wird dieses Buch nahezu aufgedrängt – so gesehen in einer Buchandlung in St.Pölten. Dies ist aber eine Mogelpackung. Was da als eine neue Spielart des Heimatromans beworben wird, ist leider fad und ohne besonderem Tiefgang. Der Enkel eines Lokalpotentaten der ÖVP und Sohn eines Roten aus dem industriellen Nachbarort erinnert sich an seine Jugend. Das mag gefallen, aber Heimatroman ist dies für mich allemal nicht. Ein paar nette Episoden aneinandergereiht und dies nicht besonders sprachlich herausragend.

Friedrich Polleroß: Jüdische Familien im Waldviertel und ihre Schicksale

Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes 2018

  • Franz Meister: Der Waldviertler Heimatbund ist eine Besonderheit in der Landschaft der österreichischen Regionalgeschichtsvereine. Der Titel ist altmodisch, doch das Programm ist der modernen Geschichtswissenschaft gewidmet. Kaum ein anderer Geschichtsverein hat so akribisch und nachhaltig Lokalgeschichte mit zeitgemäßen Methoden unter die Leute gebracht. Und Friedrich Pollerroß insbesondere ist eine der Leuchtgestalten, dieses Vereins, der zu diesem Buch ach eine sehr umfangreiche Ausstellung zusammenstellen konnte – und sie eindrücklich präsentieren konnte.

Thomas Raab: Walter muß weg

Kiepenheuer und Witsch 2018

  • Regina Prachner: Witziger Krimi mit Tiefgang und vielen unterhaltsamen Anspielungen an die österreichische politische Situation und das aktuelle Tagesgeschehen

Christoph Ransmayr: Cox oder der Lauf der Zeit

S. Fischer 2018

  • Heinz Stipsits: Ein großartiger Roman über den grössten englischen Uhrmacher Cox, der dem Kaiser von China eine Uhr für die Ewigkeit konstruieren soll. Belletristik vom Feinsten, eine Parabel über Leben und Tod, Liebe, Zeit und Ewigkeit; sehr zu empfehlen

Peter Rosei: Karst

Residenz 2018

  • Franz Meister: Peter Rosei hat sicher Verdienste. Doch sein jüngstes Werk hätte er uns durchaus ersparen können.

Philip Roth: JEDERMANN

Hanser 2006

  • Heinz Stipsits: In Jedermann beschreibt Roth das Leben und die Sinnsuche eines anonym bleibenden jüdischen Protagonisten der New Yorker Szene. Sehr selbst-bezogene Darstellung eines Lebens mit all seinen Schwankungen, das trotz des hohen Anspruchs, nicht wirklich berührt.

Jaroslav Rudis: Zu Besuch bei Herrn Horvath

Edition Thanhäuser 2018

  • Franz Meister: Wenn Jaroslav Rudis über seinen Freund in Prag berichtet, sich mit ihm über das Mobiltelephon unterhält, unterbrechen die Funklöcher – die Tunnel der Schweizer Alpenbahn unter dem St. Gotthard (die alte Strecke) – stets die Konversation. Und dies sind wahrlich tiefgehende Gespräche, die sich mit Lebensweisheit beschäftigen, wie sie aktuell nur Rudis zu berichten weis: Wisente wären die ideale Form der Reinkarnation. Oder wenn sich eine bunte Schar von Böhmen in der Sauna über das Leben austauscht – mancher hat Glück, dem schenkt seine Frau ein Grab zum 50igsten Geburtstag. Böhmischer Witz vom Feinsten.

Andreas Schindl: Pauls Traum

Braumüller 2018

  • Franz Meister: Der Plan für eine neue Stadt, dessen Bau aus dem Patent für ein Medikament finanziert werden soll. Eine Stadt ohne Stadtmauern und als ein Ort der Vielfalt der Völker- erdacht von einem Bürokraten an der wende zwischen Josephinismus und Neoabsolutismus. In diesem Buch steckt viel akribische Recherche zum Lokalkolorit des Wien um 1800. Schon allein dies macht es die Lektüre wert. Der Traum wurde relativ rasch ausgeträumt, weil auch dilettantisch in Szene gesetzt – ein österreichisches Schicksal?!

Kerstin Schweighöfer 100 Jahre Leben

Piper 2015

  • Inge Fiser: Zehn Hundertjährige erzählen ihr Leben – lesenswert

Robert Seethaler: Das Feld

Hanser 2018

  • Kurt Bauer: Die Toten aus dem alten Friedhof „das Feld“ erzählen ihre Geschichte, die vielfach mit einander verflochten sind. Sehr berührend!

Sei Shonagon: Kopfkissenbuch der Dame Sei Shonagon

Insel 2017

  • Regina Prachner: Tagebucheintragungen und Betrachtungen einer Hofdame am japanischen Kaiserhof im 11. Jahrhundert. Charmante und geistreiche Beschreibung des Lebens in einer abgeschlossenen Traumwelt, in der sich die Personen vorwiegend um Naturbetrachtungen, Literatur und Kunst kümmerten.

Dirk Stermann: Der Junge bekommt das Gute zuletzt

Rowohlt 2016

  • Heinz Stipsits: Die traurige Geschichte des 13.jährigen Claude, wohnhaft im 1.Bezirk Wiens und sein deprimierendes Leben zwischen getrennten Eltern, gemobbt von Mitschülern im Theresianum und seinem Freund Dirko, dem Taxifahrer. Durch Dirko lernt er Wien und sich selbst besser kennen. Später auch ein japanisches Mädchen auf dem Schulschiff. Von Kapitel zu Kapitel wird es immer trauriger und depressiver. Aber genial erzählt, schafft das Buch viel Spannung und Rührung.

Laura Spinney: 1918 – Die Welt im Fieber

Hanser 2018

  • Kurt Bauer: Erschütternde Beschreibung der Pandemie – der Spanischen Grippe – und ihres Einfluss auf die Weltgeschichte.

Mark Twain: Die schreckliche deutsche Sprache

Anaconda 2010

  • Alma Culic-Tomasi: Witzige Auseinandersetzung über Sprachen

Barbara Toth: Karl von Schwarzenberg

Ueberreuter 2017

  • Inge Fiser: Ein tolles und integres Leben – aber auch mit vielen Tiefs

Verein zur Geschichte der ArbeiterInnenbewegung: 1848 – die vergessene Revolution

2018

  • Franz Meister: Ein Ausstellungskatalog über den missglückten Versuch zur Abschüttelung der Despotie. Verdienstvoll allemal und leider nur ein Nebenereignis im Gedenkjahr 2018. Nebeneereignis, weil kaum wahrgenommen. Verdienstvoll, weil hier Personen in Erinnerung gebracht wurden, die es weit mehr Wert wären öffentlich bedacht zu werden, als all jene, denen die Aufrechterhaltung der Despotie in Österreich-Ungarn eine Aufgabe war. Fast ein wenig kurios war der Ort der Ausstellung. Zu Recht erfolgte sie im ehemaligen Haus der Stände Niederösterreichs – nunmehr im Besitz des seit Jahr und Tag konservativ regierten Landes Niederösterreichs.

Holger Volland: Die kreative Macht der Maschinen

Beltz 2018

  • Martina Sattmann: Der Autor, ein Mensch, der als Sohn einer Buchhändlerin immer mit geschriebenem Wort aufgewachsen war, hat für uns genau recherchiert, was Künstliche Intelligenz – KI – bedeutet, wie unser Leben sich verändert hat, verändern wird, mit allen komfortablen und erschreckenden Tatsachen und Zukunftsaussichten.

Eliot Weinberger: Vogelgeister

Berenberg 2017

  • Kurt Bauer: Sehr poetische Miniaturen und Geschichten von alten Völkern. Berührend.

Colson Whitehead: Underground Railroad

Fleet 2016

  • Regina Prachner: Die Geschichte von Cora, einer geflohenen Sklavin und ihrem Verfolger, anhand derer die Geschichte der „Underground Railroad“, eine Sklavenrettungsorganisation in den Südstaaten der USA vor dem Bürgerkrieg, erzählt wird. Ab 1830 galt die „Underground Railroad“ als Metapher oder Chiffre für die Rettungsorganisation. Whitehead kehrt diese Metapher um, er materialisiert sie und beschreibt eine „tatsächliche“ geheime Dampflokbahn, die tief unter der Erde über tausende Kilometer ihren Rettungsdienst versieht.

Anton Wildgans: Kirbisch – Der Gendarm, die Schande, das Glück

Buchgemeinschaft Donauland 1925

  • Regina Prachner: Beißende Anklage im Hexameter über die Schlechtigkeit der Welt, am Beispiel eines Dorfes und dessen Protagonisten, die die Schrecken und Entbehrungen des 1. Weltkrieges auf ihre Weise schamlos und menschenverachtend für ihren Profit auszunützen wissen.

Wolf Wondratschek: Selbstbild mit russischem Klavier

Ullstein 2018

  • Kurt Bauer: Super Buch, tolle Gedanken, hervorragen geschrieben und sehr unterhaltsam

Éric Vuillard: Die Tagesordnung

Matthes & Seitz 2018

  • Alma Culik-Tomasi: Eine interessante Beschreibung der Lage vor dem Anschluss und die politische Analyse.

Marina Iwanowna Zwetajewa: Liebesgedichte

Insel TB 2008

  • Heinz Stipsits: Liebeslyrik geschrieben zwischen 1915 und 1941. Ein beeindruckendes Leben in einer sehr schwierigen Zeit unter Stalin. Sehr beeindruckende Lyrik. Empfehlenswert.

Herzlichen Dank an Inge und Ilja Fiser, die seit Beginn an die Literaturtreffen unterstützen.

Grenzenlos Literatur ist ein Projekt des Vereins Grenzenlos St.Andrä-Wördern

Fotos: Nadja Meister aus der Serie Naturkraft Tanzkraft 2016

Hagenbachklamm St.Andrä-Wördern

Mostviertelfestival 2016
Created By
Franz Meister
Appreciate

Credits:

Nadja Meister

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