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«Manche Männer waren eifersüchtig, dass sie keinen Mascara tragen durften»

Von der Damenschneiderin zur Handarbeitslehrerin zur Maskenbildnerin zum Zirkus Knie: Die Hittnauerin Sonja Haberstroh hat hinter den Kulissen die Fäden und Schminkpinsel fest in der Hand.

Das Phantom der Oper war der Auslöser. Nachdem die damals 16-jährige Sonja Haberstroh das Musical gesehen hatte, war ihr klar, dass dies die Welt ist, in der sie leben will. Kostüme, Make-Up, Frisuren – die Kunst, einen Menschen in eine andere Figur zu verwandeln, fasziniert die heute 39-Jährige Hittnauerin noch immer. Mittlerweile hat sie diverse Ausbildungen in diesem Themenbereich abgeschlossen: Damenschneiderin, Maskenbildnerin, Visagistin, Hairstylistin. Und doch hat sie bis vor rund zwei Jahren nicht etwa im Backstage-Bereich grosser Shows gearbeitet, sondern als Handarbeitslehrerin in Pfäffikon.

Nach 15 Jahren Schulalltag habe die Motivation jedoch stetig abgenommen. «Ich habe gerne mit den Kindern gearbeitet», sagt Haberstroh. Aber als sie vor zwei Jahren ihr kleines Atelier in Hittnau eröffnet hatte, um ihrer Passion der Kostümgestaltung nebenberuflich nachzugehen, habe sie gemerkt, dass sie nur noch daran richtig Freude habe. «Darum sagte ich mir, jetzt ist genug. Jetzt wagst du es und machst dich selbständig.»

Paillette für Paillette werden die Show-Kostüme in aufwändiger Handarbeit geschmückt. (Foto: PD)

Dazu gehörte auch, dass sie weiter neue Dinge ausprobierte. So meldete sie sich etwa auf eine Kleinanzeige, in der Statisten für die Aufführungen des Musicals «Evita» in Zürich gesucht wurden. «Da tanzte ich ein bisschen mit und tat so, als würde ich singen», sagt sie und lacht. Dort lernte sie hinter den Kulissen eine Person kennen, die ihr Leben ziemlich auf den Kopf stellen sollte: den Officemanager von «Salto Natale», das Weihnachtsprogramm des Zirkus Knie. Und das Knie-Team war auf der Suche nach einem «Alleskönner». «Kurz darauf stellte er mich Rolf Knie vor. Er entschied, dass ich das nötige Paket mitbringe.»

Spass mit Perücken: Sonja Haberstroh albert hinter den Kulissen des Knie-Musicals mit Rolf Knie herum. (Fotos: PD)

Kurz darauf begann sie, für Salto Natale zu arbeiten. Und der nächste Auftrag folgte sogleich: Im März feierte das Musical, das die Geschichte der Zirkusdynastie Knie erzählt, Premiere in Dübendorf. Jedes Kostüm lag zuvor auf Sonja Haberstrohs Arbeitstisch. Jede Perücke hat sie frisiert. Wenn ein Knopf während der Show abfällt, näht sie in wieder an. Und wenn ein Artist mit dem Make-Up nicht zurechtkommt, hilft sie.

Alle Darsteller schminken sich selbständig nach den Vorgaben, die Haberstroh gemacht hat. Um über 30 Personen zu schminken, bräuchte es sonst viel zu viele Maskenbildner und Visagisten. «Ich bespreche die Looks anhand von sogenannten Facecharts mit den Schauspielern», sagt Haberstroh. Manche Artisten seien sich das gewohnt und würden die Vorgaben schnell und gut umsetzen. Bei anderen harze es. «Vor allem Männer müssen sich zuerst mit all den Produkten vertraut machen», erzählt die Hittnauerin. «Doch es sind alle offen und oft entsteht eine richtige Begeisterung für die Schminkkunst. Manche Männer waren sogar eifersüchtig, dass sie keinen Mascara tragen durften und der Kollege schon!» (Foto: PD)

Bei den ersten paar Shows nach der Uraufführung sei es im Backstage-Bereich extrem hektisch gewesen. «Aber eigentlich renne ich immer noch jeden Abend permanent herum.» Denn nicht nur die Vorbereitungen auf die Aufführungen gehören zu ihren Aufgaben. Während der Show hilft sie den Darstellern beim Kostümwechsel und verwandelt sie in der Maske zu anderen Figuren. Für dies hat sie immer nur wenige Minuten Zeit. «Und wenn die Lichter aus sind und alle entweder essen oder schlafen gehen, dann wasche ich die Kleider und bereite die Perücken auf, damit sie für die nächste Show bereit sind. Bis zu 50 Hemden zu bügeln zwischen zwei Doppelvorstellungen ist schon stressig.»

Momentan finden aber keine Vorstellungen statt. Nach den Aufführungen in Dübendorf im Frühling und in Bern im Sommer folgen erst im November die nächsten Shows. Darum steht Sonja Haberstrohs Nähmaschine derzeit wieder in Hittnau. Nun gilt es, alle Kostüme auszubessern und zu flicken. «Ich bin gerne zu Hause», sagt sie. Manchmal erledige sie die Näharbeiten sogar in ihrem Garten in der Sonne.

Die Swarovski-Steine, die Sonja Haberstroh verarbeitet, kommen in verschiedenen Formen und Farben.

In solchen Zwischenphasen wie jetzt kann sie sich auch wieder etwas mehr einzelnen Aufträgen widmen. Etwa für den achtfachen Hairdressing-Weltmeister Martin Dürrenmatt, für den sie diversen Kleider- und Haarschmuck aus Swarovski-Steinchen herstellte. Eine weitere Passion von Sonja Haberstroh, an deren Eckzahn sogar ein Swarovski-Kristall glitzert.

Dazu kommen Privataufträge wie Änderungsschneiderei, Massanfertigungen für Kleider oder Schmink- und Frisurenaufträge. «Dafür hatte ich im letzten Jahr kaum Zeit.» Für Hobbies, wie etwa Turniertänze, an denen sie regelmässig teilnahm, oder Projekte nur zum Spass, wie etwa Bodypainting, ebenfalls nicht. (Foto: PD)

Die Aufführungen im November finden im Musical Theater Basel statt. Denn das Knie-Zelt ist ab November für Salto Natale im Einsatz – dieses Mal ohne Sonja Haberstroh. «Die neue Umgebung wird eine Umgewöhnung und Herausforderung für das ganze Team», sagt sie. Und doch kommt sie mit der neuen Location etwas näher an ihren persönlichen Traum. Denn das Musical Theater Basel wurde in den 90er-Jahren extra für die Aufführung des Phantoms der Oper umgebaut. «Einmal da dabei sein, das wäre es», sagt sie verträumt. «Aber liebsten würde ich natürlich mitarbeiten. Aber Hauptsache hinter den Kulissen dabei sein.»

Text: Lea Chiapolini / Fotos: Seraina Boner

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Lea Chiapolini
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