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Umbrien monte san vito + norcia

Über 14 Serpentinen schlängelt sich die Straße von Caselli 609 Höhenmeter hinauf nach Monte San Vito. Jede Kehre reizt zum Stehenbleiben, zu schön ist einfach der Ausblick ins Tal, welcher mit jeder Kurve das Fotografenherz höherschlagen lässt. Plötzliche Regenschauer zaubern Bilder, die einen Caspar David Friedrich bewogen hätten, die Staffelei aufzubauen.

Monte San Vito

Ein Schäferdorf aus dem Mittelalter

Ganz oben Monte San Vito, darunter Civitella.

Ein "Lost Place" im Sinne des Wortes ist Monte San Vito nicht. Auch wenn wir auf unserem Rundgang durch den Ort keine Menschenseele treffen, zwölf von ihnen leben nach wie vor hier oben auf 926 Meter Höhe, 1950 sollen es noch 300 gewesen sein. Wir parken am Ortseingang vor der Bocciabahn, hier gibt es auch eine Toilette, einen Tischfußball und einen kleinen Kiosk, alles geschlossen. Klar, wir sind ja außerhalb der Ferienzeit hier. Ganze zwei Fahrzeuge entdecken wir auf unserer Tour durch das Dorf, zwei Häuser scheinen bewohnt zu sein, aber alle in einem sehr guten Zustand. Die meisten von ihnen werden wohl vornehmlich als Ferien- und Wochenenddomizile genutzt.

Von unserem Stellplatz aus haben wir einen grandiosen Blick auf das Tal und die Berge.

Vom Wettergott wurden wir auf unserer Reise bisher nicht verwöhnt, im Gegenteil, heftige Regenfälle durchkreuzten immer wieder unsere MTB-Tourenpläne. Letzte Nacht noch hat Petrus gezeigt, was er drauf hat und alle Schleusen geöffnet, umso überraschter sind wir in der Früh, dass die Sonne uns weckt. Gleich nach dem Frühstück werden die Fahrräder vom Träger geholt und losgeht's immer schön den Berg hoch.

Von Monte San Vito zum Monte dell'Eremita

Wir sind im "Trüffel-Land" unterwegs. Überall am Wegesrand machen uns Schilder darauf aufmerksam. Natürlich ist es streng untersagt, eigenmächtig hier auf Suche zu gehen. Oben angekommen treibt gerade ein Hirte seine Herde von einem Hügel auf den anderen, ganz ohne Hektik.

Immer entspannt dem Hang hoch gelassen, ohne Hektik

Bekommen wir gerade einen Spiegel vorgehalten? Wir, die wir immer in Eile sind, keine Zeit haben, von Entschleunigung reden und genau das Gegenteil tun?

Ein kleines Video dazu:

Prosciutto di Norcia

Schon die alten Römer wussten, dass der Schinken aus der Region um Norcia was Außergewöhnliches ist. Schon damals reifte der rohe Schinken durch Salzen und Trocknen zur Delikatesse heran. Leicht zu verstehen für jeden, der in Umbrien unterwegs ist. Schweine, die dort gehalten werden, finden in den Eichen-, Buchen- und Kastanienwäldern ihre kulinarischen Leckerbissen, ein schweinisches Schlaraffenland sozusagen: Eicheln und Kastanien, dazu feinste Kräuter und Gräser und zur Abrundung noch den ein oder anderen Trüffel. Da geht doch jedem Schwein das Herz auf, oder? Die freilaufenden Schweine machen auch nicht so viel Arbeit, die wissen von alleine, was ihnen guttut. Das allein macht noch keinen guten Schinken und die Schweine haben sicher null Interesse, so zu enden. Aber auch das hat sich im Laufe der Zeit so ergeben. Durch die langen und kalten Winter war für die Landleute Feldarbeit nicht möglich, eine andere Beschäftigung musste her, außer Ackerbau und Viehzucht gab es ja damals kaum Alternativen und so haben sich die Umbrier schon sehr früh ein umfangreiches Wissen über Schweine und deren Verarbeitung erworben.

NORCIA

So wurden Wurst und Schinken – wegen deren Qualität – im Lauf der Jahrhunderte über Norcia hinaus bekannt. In der Nähe von Abeto – Teil der Gemeinde Preci – soll der Prosciutto di Norcia von Renzini in fast 1000 Meter Höhe heranreifen. Das wollen wir uns ansehen, denn die Höhe spielt bei der Norcia Schinken Produktion eine gewichtige Rolle. Um die Voraussetzungen zu erfüllen, muss der Schinken in dem Gebiet der Gemeinden Norcia, Cascia, Preci, Poggiodomo und Monteleone di Spoleto in einer Höhe von über 500 Metern hergestellt werden.

Auf dem Weg dorthin sehen wir überall die Auswirkungen der Erdbeben der letzten Jahre. Norcia wurde 2016 schwer zerstört. Das Epizentrum lag zwischen Norcia und Arquata und es folgten zwei Nachbeben mit Stärke 3,2 und 2 auf der Richterskala. Als wir spät nachmittags Abeto erreichen sehen wir nirgendwo einen Hinweis zum "Norcia-Schinken". Dass wir 1200 Meter zuvor an dem Unternehmen vorbeigefahren sind, haben wir nicht bemerkt. Die Suche werden wir auf den nächsten Tag verschieben, denn jetzt muss erst mal ein halbwegs ebener und ruhiger Platz für unser Reisefahrzeug gefunden werden. Gar nicht so einfach in einem hügeligen Gelände.

Komfortablen Platz mit Aussicht gefunden.
Abeto

In Abeto finden wir die "Schinkeria"* nicht. Bei einem Spaziergang durch das Dorf sehen wir, dass auch Abeto vom Beben nicht verschont blieb und wie die Gemeinde versucht, so gut es geht, Gebäude zu sichern und zu erhalten.

* Tatsächlich ist die Firma in Todiano, nennt sich Todiano Prosciutti SLR und gehört zur Renzini-Gruppe, wegen Corona bleibt uns der Zutritt verwehrt.

Norcia

So sah das Zentrum von Norcia vor dem Beben aus.

Das historische Zentrum von Norcia war besonders stark betroffen. Viele Kunstwerke wurden stark beschädigt. Obwohl im Epizentrum des Erdbebens gab es glücklicherweise keine Todesopfer, aber viele historischen Gebäude, die einstürzten. Der Wiederaufbau ist eine Sisyphusarbeit und wird noch Jahre in Anspruch nehmen. Die Menschen hier sind zäh, sie werden es schaffen.

Im nächsten Beitrag:

Wir besuchen Scoppio - unseren Lost Place No. 3 und die Olivenölmühle Carletti in Campello Sul Clitunno.

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Credits:

© Herbert Worm