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Sei kein Reh! Auch wenn es oft verdammt anstrengend ist.

Text und Bilder: Vivien Götz, Layout: Leonie Thiel.

An der Uni und der HTWG findet gerade die Woche der Nachhaltigkeit statt. Informationsveranstaltungen, Diskussionsrunden und Filmvorträge informieren rund um das Thema Klimaschutz und Ökologie. Die Veranstaltungen zeigen vor allem eines: Klimaschutz ist kompliziert und die persönliche Verantwortung, die damit einhergeht, kann ganz schön belastend sein. Politik, Verbraucher, Gesellschaft – wer ist in der Pflicht? Ein Essay.

Der heiße Sommer hat seine Spuren hinterlassen. Die schwarze Linie an der Kaimauer zeigt, wie niedrig der Wasserspiegel des Sees immer noch ist.

Sich für das eigene Tun schämen, weil man eigentlich genau weiß, dass dieses moralisch und ökologisch nicht vertretbar ist – wenn meine Generation etwas verbindet, dann dieses Gefühl. Uns steht die Welt offen und vieles in dieser Welt war noch nie so billig, in Massen und so einfach zu haben wie heute. Der Flug nach Madrid, der nicht mal fünfzig Euro kostet. Die Tomaten im Winter, die aus Marokko eingeflogen werden. Das unglaublich schöne Oberteil im Schaufenster, garantiert weder fair noch nachhaltig produziert, das aber perfekt zur Lieblingshose passen würde. Wir können und wollen all diese Dinge haben und in der Regel haben wir dabei die ökologischen und sozialen Kosten zumindest im Hinterkopf. Das schlechte Gewissen und die Lust am Konsumieren ringen miteinander und jeder findet ganz unterschiedliche Lösungen, um mit diesem Dilemma fertig zu werden. Eines aber steht fest: Will man nachhaltiger leben und das Klima schützen, dann bedeutet das, sich permanent Dinge versagen zu müssen. Weil das allein noch nicht schwer genug ist, schreien einem Werbung und Gesellschaft bei jeder Gelegenheit entgegen, wie viel Spaß man mit dem haben könnte, was man sich da gerade vorenthält. Wie groß ist der Einfluss des Einzelnen überhaupt?, fragt dann die Versuchung. Alle anderen tun es doch auch – kaufst du nicht, kauft ein anderer und was hast du dann davon, außer weniger Spaß? Die Bemühungen, ökologisch verträglicher zu leben, sind oft einfach nur anstrengend und frustrierend. Der Wald an Greenwashing-Siegeln (erfundene Siegel, die vermeintlichen Umweltschutz vorgaukeln), dem man dabei begegnet, macht es auch nicht einfacher.

Der Sommer 2018 war der zweit Heißeste und Trockenste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. An zahlreichen Orten in Deutschland fiel so wenig Niederschlag wie noch nie.

In solchen Momenten, wenn ich beispielsweise im Supermarkt von all den unechten Öko-Siegeln in die Irre geführt werde, fühle ich mich allein gelassen mit einer unfassbar komplexen Problematik. Oft habe ich dabei den Eindruck, dass diese Probleme an den entscheidenden Stellen in Politik und Wirtschaft entweder negiert, ignoriert oder kleingeredet wird. Wir Menschen sind nicht unbedingt darauf ausgelegt, uns Dinge zu versagen und es ist unglaublich anstrengend, permanent gegen das eigene Begehren ankämpfen zu müssen. Weil man aber erkennen kann, dass man allein zu schwach ist, den Versuchungen des Marktes zu widerstehen, kann man sich Gedanken über strukturelle Veränderungen machen und gesetzliche Regulierungen fordern. Deshalb halte ich es auch für unbegründet, den Grünen Heuchelei vorzuwerfen, nur weil ihre Wähler_innen mit am häufigsten fliegen. Selbst Teil des Problems zu sein, bedeutet nämlich nicht automatisch, nicht zur Lösung beitragen zu wollen.

Im Bodensee entstanden im Sommer zeitweise neue Inseln. Einige Flüsse, darunter die Dreißam, trockneten stellenweise völlig aus.

Dennoch bleibt konsequenter Klimaschutz auf der politischen Ebene aus. Stattdessen sollen Verbraucher_innen an den Kassen der Republik mit dem Geldbeutel darüber abstimmen, wie viel ihnen der Kampf gegen den Klimawandel Wert ist. Angesichts von Greenwashing, undurchsichtiger „Öko“-Siegel und der Tatsache, dass ökologische Produkte oft sehr teuer sind, ist das eine unfaire und uneffektive Verlagerung politischer Verantwortung. Für mich delegitimiert sich die Bundesregierung damit teilweise selbst. Sie ist gewählt, um Regelungen und Lösungen zu finden, für genau jene Probleme, die die Kapazitäten und Kompetenzen des Einzelnen überschreiten. Der Klimawandel ist für mich ein Paradebeispiel eines solchen Problems, das durch seine Komplexität geradezu danach schreit, wenn schon nicht internationale, dann doch wenigstens nationale Regelungen zu finden. Doch es bleibt oft bei Lippenbekenntnissen, unverbindlichen Richtlinien und immer weiter nach hinten geschobenen Deadlines.

Die Generation 45plus, die den Bundestag dominiert, scheint immer noch damit beschäftigt, zu diskutieren, wie ernst man Berichte wie den UN-Klimareport tatsächlich nehmen muss. Es könnte ja vielleicht doch weniger schlimm kommen, als unzählige Experten prognostizieren und überhaupt müsse man ja auch an die Wirtschaft denken.

Und meine Generation, die mit vielen Namen versehenen Millennials? Der Eindruck drängt sich auf, wir hätten resigniert. In einem meiner Seminare, in dem wir kürzlich über den UN-Klimareport gesprochen haben, war der Tenor geprägt von Fatalismus und einem ausgesprochenen Gefühl der Machtlosigkeit. Die Mehrheit meiner Kommilitoninnen gab zu, sich im Angesicht der düsteren Zukunftsprognosen und der Untätigkeit auf der politischen Ebene dazu entschieden zu haben, auf Kinder zu verzichten. Auch mir sind solche Überlegungen nicht fremd.

Ich bin überhaupt keine Freundin des pauschalen „die Jugend ist viel zu unpolitisch und nickt alles ab“-Arguments. Unter anderem, weil ich der Meinung bin, dass es nicht stimmt. Aber in diesem Fall komme ich nicht umhin, mich zu fragen, warum wir eigentlich nicht auf die Barrikaden gehen. Was sagt es über uns aus, dass wir für unsere eigene Zukunft so schwarzsehen, dass wir sie unseren Kindern nicht zumuten wollen – und dann einfach weitermachen wie bisher?

Die Wasserlinie ist immer noch niedrig. Laut Deutschem Wetterdienst litten diesen Sommer zeitweise 90 Prozent Deutschlands unter Extremer Dürre.

Ich glaube, dass unsere Untätigkeit weniger an der angeblichen politischen Lethargie meiner Generation liegt, sondern viel mehr an der Natur des Problems. Wenn wir einmal wirklich ehrlich zu uns selbst wären und aus dem UN-Klimareport die notwendigen Konsequenzen ableiten würden, dann müssten wir uns eingestehen, dass es so nicht weitergehen kann. Damit ist nicht bloß der Kurzstreckenflug nach Madrid gemeint, sondern ein ganzes gesellschaftliches und wirtschaftliches System, das solche Angebote hervorbringt und als selbstverständlich vermarktet. Viele der Annehmlichkeiten, an die wir uns gewöhnt haben, könnten wir uns längst nicht mehr leisten, wenn wir es mit dem Klimaschutz wirklich ernst meinen würden. Und wir müssten uns auch eingestehen, dass Fairtrade-Schokolade, Bio-Gemüse und Second-Hand Klamotten nicht mal ansatzweise ausreichen, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Dabei ist es ja nicht so, als würde sich gar nichts tun. Die Schwedin Greta Thunberg begann im Sommer mit ihrer Aktion „Schule schwänzen fürs Klima“. Inzwischen tun es ihr tausende Jugendliche in ganz Europa nach. Die Reaktionen lassen allerdings zu wünschen übrig. Besonders aus konservativen Kreisen gab es wenig Verständnis. Reaktionen à la „bevor man für etwas demonstriert, sollte man gefälligst erstmal etwas Lernen“, waren eher die Regel als die Ausnahme. Wirtschaftsminister Peter Altmaier bezog Position, in dem er sich gegen einen schnellen Kohle-Ausstieg aussprach und dafür warb, erst um das Jahr 2030 zu überprüfen, ob ein kompletter Ausstieg zu diesem Zeitpunkt überhaupt realisierbar sei.

Die Schneeschmelze im Frühling wird den Pegel des Sees wieder steigen lassen. Aber damit sich auch der abgesunkene Grundwasserspiegel erholen kann, bräuchte es eine langsame Schneeschmelze und intensiven Regen.

Es wäre zum Verzweifeln, wenn Verzweifeln denn eine Option wäre. Zwischen Öko-Siegeln, die gar nicht so öko sind, düsteren Zukunftsprognosen und lethargischen Politiker_innen kann man zwar schon mal die Krise kriegen – aber besser wird es dadurch auch nicht. Die Woche der Nachhaltigkeit, die gerade an Uni und HTWG stattfindet, bietet so viele Möglichkeiten, sich niedrigschwellig zu informieren; nutzen wir sie! Wir sollten zu den Veranstaltungen gehen, auch wenn wir gerade viel zu tun haben und am besten gerade diejenigen unter unseren Freund_innen mitnehmen, die sich sonst eher wenig mit Klimaschutz beschäftigen. Die Verantwortung, die von der Politik im Moment noch hauptsächlich auf die Schultern der Verbraucher_innen abgewälzt wird, kann sich belastend anfühlen. Es ist verständlich, dass wir sie manchmal gerne abschütteln oder verdrängen würden. Tatsache ist aber, dass wir es uns schlicht nicht leisten können, dem Problem auszuweichen. Man kann wie ein verschrecktes Reh im Scheinwerferlicht darauf warten, dass man überfahren wird – oder man kann etwas tun.

Informiert euch, unterschreibt Petitionen und geht demonstrieren. Recherchiert, was tatsächlich hinter den ganzen Öko-Siegeln steht und dann erzählt es euren Freund_innen. Ja, das ist viel Arbeit, aber es scheint mir immer noch ein kleiner Preis, für eine lebenswerte Zukunft. Das alles ist vielleicht noch nicht genug, aber es ist ein Anfang – und es erkauft uns hoffentlich genug Zeit, um Politik und Wirtschaft zu überzeugen, dass drastischere Maßnahmen ergriffen werden müssen.

Created By
Campuls Hochschulzeitung
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