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Die Zuckerhut­glocke Förderzeitraum: 2009/10

Zur Instandsetzung der wertvollen „Zuckerhut­glocke“ aus dem 13. Jahrhundert

Die mittelalterliche Glocke in der Kirche zu Wolfsburg-Neindorf

Die Neindorfer Kirche

Die Geschichte Neindorfs führt in das hohe Mittelalter zurück. Bereits 1197 wird „Neindorpe“ urkundlich erwähnt. Die Kapelle des Dorfes gehörte zur Pfarrkirche Ochsendorf (heute ein Stadtteil von Königslutter), einer der auf das 9. Jahrhundert zurückzudatierende Urkirchen im Bistum Halberstadt. Von diesem mittelalterlichen Bau ist nichts erhalten geblieben. Ältester Teil ist heute der querrechteckige Westturm, der in der Mitte des 14. Jahrhunderts erbaut worden sein dürfte. Darauf weisen vor allem die gotischen Schallöffnungen hin.

Der 30 jährige Krieg suchte auch Neindorf heim, die Kirche wurde geplündert und verwüstet.

Mit der Einführung der Reformation im Herzogtum Braunschweig-Lüneburg machte Herzog Ernst von Braunschweig-Lüneburg die Neindorfer Kapelle zur selbstständigen Pfarrkirche und setzte den ersten lutherischen Pastor, Arnoldus Remmerdes, ein.

Der Dreißigjährige Krieg suchte auch Neindorf heim. Die kaiserlichen Truppen, die von 1626 bis 1634 Wolfenbüttel besetzt hielten, plünderten und verwüsteten die Kirche. Das aus Feld- und Bruchsteinen errichtete Kirchenschiff ist daher im Wesentlichen ein Neubau aus der Zeit nach dem Großen Kriege, ergänzt durch Umbauten aus dem frühen 19. Jahrhundert.

Die Geschichte des Geläuts

Das „Corpus Bonorum“ (Verzeichnis der Kirchengüter) der Neindorfer Kirche schildert eindringlich, wie Soldaten während des Dreißigjährigen Krieges zwei größere Glocken vom Turm geworfen, zerschlagen und zum Einschmelzen mitgenommen haben. Die kleine Marienglocke war im Morast versteckt worden und blieb so erhalten. Sie läutete bei Hochzeiten und der Aussegnung Verstorbener.

Eine 1819 beschaffte neue große Bronzeglocke, die das Geläut der kleinen Schwester ergänzte, mußte 1917 zu Kriegszwecken abgeliefert werden. Ihren Verlust konnten 1924 zwei Klangstahlglocken nur ungenügend wettmachen. Sie überstanden zwar den 2. Weltkrieg, wurden aber im Laufe der Zeit spröde, so dass eine Erneuerung des Geläutes geplant werden mußte. 2011 konnten zwei Bronzeglocken mit dem Glockenstuhl aus Holz, der das alte Stahlgerüst ersetzte, in den Turm eingebracht werden.

Eine Zuckerhutglocke

Im Glockenturm der Neindorfer Kirche hängt neben diesen neuen Glocken auch eine ganz besondere Glocke: Die kleine, nur 70 kg schwere Marienglocke, die ihren Namen von der Inschrift „Ave Maria gracia“ herleitet. Wegen ihrer schmalen „Zuckerhutglockenform“ ist sie in das 13. Jahrhundert, um 1250, zu datieren, also in die Frühzeit der Neindorfer Kirche. Vermutlich wurde sie anläßlich eines Neubaus von Mönchen gegossen.

Gegen Ende des 12. Jahrhunderts setzte sich diese neue Glockenform mit einem langgestreckten, kegelstumpfförmigen Glockenkörper durch. In der Glockenherstellung war man vom Wachsausschmelzverfahren zum Mantelabhebeverfahren übergegangen. Vermutlich entwickelte sich daraus die neue Glockenform. Beim Mantelabhebeverfahren stellten die Gießer eine dreiteilige Glockenform aus Lehm her, sie bestand aus dem Kern, der falschen Glocke und dem Mantel. Die Gesamtform wurde gebrannt, dann wurde der Mantel abgehoben, die falsche Glocke entfernt und der Mantel auf den Kern gesetzt. So entstand zwischen Mantel und Kern ein Hohlraum, in den hinein beim Guss erhitzte Bronze fließen konnte. Zuckerhutförmige Teilformen eigneten sich für dieses Verfahren am besten.

Viele der Zuckerhutglocken sind im Laufe der Jahrhunderte Kriegswirren zum Opfer gefallen, wurden eingeschmolzen, bekamen Sprünge oder wurden schlicht deshalb ausgewechselt, weil man sie für aus der Mode gekommen hielt.

Es gibt in Deutschland nur noch wenige Zuckerhutglocken, etwa die Glocke im Dachreiter der Halberstädter Katharinenkirche, die Stundenglocke in der Dreikönigskirche in Haselau/Ldkr. Pinneberg sowie die Totenglöckchen im Konstanzer Münster und im Überlinger Münster.

Um die wertvolle Neindorfer Glocke weiterhin nutzen zu können, mußte sie 2010 instandgesetzt werden. Bei der Glockengießerei Bachert in Karlsruhe wurden ein Riss geschweißt und der Schlagring restauriert. Sie bekam eine neue Krone und Klöppeleisen. Gemeinsam mit der beiden neu gegossenen Glocken konnte die alte Glocke 2011 wieder in den Glockenstuhl gehängt werden.

Viele der Zuckerhutglocken sind im Laufe der Jahrhunderte Kriegswirren zum Opfer gefallen, wurden eingeschmolzen, bekamen Sprünge oder wurden schlicht deshalb ausgewechselt, weil man sie für aus der Mode gekommen hielt. Um so stolzer kann Neindorf auf seine einzigartige Glocke sein, die in Zukunft beim Vaterunser, aber auch im Dreiklang mit den beiden neuen Glocken geläutet wird.

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