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HR trifft MINT Auf einen Kaffee mit Herrn Prof. Dr. rer. nat. Peter Moeller . Wie sich die Skills der MINTS (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) verändern und was heute getan werden muss.

Inhaltsverzeichnis

Herr Prof. Dr. rer.nat. Peter Möller

Das komplexe Arbeitsumfeld der Ingenieure

Kernkompetenzen bei Menschen sind vergleichbar mit dem Kern der Erde.

Das Rangeln bei der Definition welches Lernen gut ist und welches keinen Nutzen bringt: beenden.

Lernen von der Natur: Scheitern, um das Optimum zu finden?

Was Wohnungssuche in Hamburg mit Evolution zu tun hat

Über die Bedeutung der Ziele

KVPhochzwei und das Glück der Unzufriedenheit

Kosmische Regeln für Mitarbeiterbindung und Mitarbeitergewinnung

HR trifft MINT? Eine Idee.

Herr Prof. Dr. rer.nat. Peter Möller

lehrt an der HAW Hamburg, Fakultät Technik und Informatik Department Informations- und Elektrotechnik Physik, Mathematik. Er ist zudem Beauftragter für Lehrbeauftragte, Beauftragter für die "Dualen Studiengänge", Beauftragter für das Hauptpraktikum und für die Vorpraxis. Darüber hinaus engagiert er sich für zahlreiche Projekte u.a. das Einstein-Forum:

Bücher u.a.

Das Katalytische Gehirn, Kunst trifft Wissenschaft, Geheimnisse des Universums

Das komplexe Arbeitsumfeld der Ingenieure

Herr Prof. Möller, die Zeiten für Ingenieure haben sich geändert. Sie haben die vergangenen Jahrzehnte mitverfolgt und gesehen, wie sich die Arbeitswelt, das Arbeitsumfeld verändert hat. Für HR ist es wichtig jetzt zu sehen, welche Skills erforderlich sind, um rechtzeitig zu fördern, zu qualifizieren, angepasste Arbeitsumgebungen zu schaffen. Welche Skills gewinnen Ihrer Meinung nach an Bedeutung?

Teamarbeit. Technische Probleme können nicht mehr alleine im Elfenbeinturm gelöst werden. Sie haben massiv an Komplexität gewonnen. Der einsame Ingenieur, der herum experimentiert, der Solo-Tänzer der Informatik, der allein in seinem Zimmer programmiert - beides sind veraltete Bilder.

Aber es geht nicht nur um Zusammenarbeit. Sie müssen ihr Wissen auch vermitteln können, und das geht über Kenntnisse der Präsentationstechnik. Dabei geht es insbesondere darum, dass jeder seine ganz eigene persönliche Methodik auch im Umgang mit den neuen Medien entwickelt. Zwar bleiben die Grundsätze bei der Präsentation gleich. Aber bei dem Einsatz neuer Medien ist es eine besondere Aufgabe Menschen auch virtuell mitzunehmen, Menschen, die man nicht kennt, zu motivieren und zu binden.

Wie bereiten Sie, wie bereitet die HAW die Studierenden darauf vor?

Zum einen bieten wir - Sie sind ja in dem Fach bei uns Lehrbeauftragte - den Kurs "Erfolgreich studieren und kommunizieren" an. Die Studierenden erlernen Kernkompetenzen: Präsentations-, Lern- und Kommunikationstechniken, Team- und Zusammenarbeit, ganzheitliches Denken und Handeln, Konflikt- und Projektmanagement. Zusätzlich planen wir an der HAW einen virtuellen Hörsaal einzurichten.

Kernkompetenzen bei Menschen sind vergleichbar mit dem Kern der Erde.

Ingenieure haben oft eine andere Persönlichkeitsstruktur als z.B. Wirtschaftswissenschaftler. Ich möchte keine Schubladen öffnen, kann es aber in meinen Vorlesungen häufig beobachten, dass sie doch introvertierter sind, teilweise mehr Zeit brauchen, um sich zu öffnen... wie kann man Ingenieure auf die doch oft extrovertierte Welt vorbereiten?

Ingenieure sind Menschen, die sehr schnell Informationen aufnehmen können. Ich unterrichtete z.B. an der Wirtschaftsakademie "Ganzheitliches Denken und Handeln". Die Unterrichtsmethode: viele Impulse geben. Über 50% die Studierenden aktiv einbinden, z.B. über Vorträge. Motivieren, aus den Stärken zu lernen. Dabei zeigten sich durchaus Unterschiede in der Bereitschaft, Lehre der Kernkompetenzen zu akzeptieren. Duale Studenten haben dazu eher einen Bezug, weil sie Erfahrungen aus der Praxis schon besser transformieren können.

Meiner Ansicht nach liegt das Akzeptanzproblem eher bei Kolleg*innen. Indirekt wird ausgestrahlt "Was soll das, mein Fach ist das Wichtigste". Die Gefahr ist dabei, dass sich die Skepsis gegenüber der Vermittlung von Kernkompetenzen dann auch auf die Studierenden überträgt.

Eine weitere Gefahr bei einer einseitigen Betrachtung ist, dass wir Fachidioten ausbilden, die nicht über den Tellerrand schauen. Hilfreich wäre hier eine engere Verbindung zwischen den Entscheidern der Hochschulen, den Unternehmen, den Studierenden.

Das Rangeln bei der Definition welches Lernen gut ist und welches keinen Nutzen bringt: beenden.

Egal ob Kernkompetenzen oder Wissen über Quantenmechanik: Beides ist Lernen. Wenn Kolleg*innen Skepsis gegenüber anderen Themen und Fächern haben, dann sagen sie auch indirekt: "Lernt meins, das andere ist nicht wichtig". Ist das nicht eine reine nutzenbezogene Einstellung zum Lernen? Und grenzt diese nutzenbezogene Einstellung nicht ein? Ich beobachte das auch in Unternehmen: Sollen Mitarbeiter*innen SAP lernen, bekommt man dafür sofort ein Budget. Sollen Sie z.B. Kommunikationstechniken lernen, muss erst einmal lange begründet werden warum und wieso, weil der Nutzen hinterfragt wird.

Lernen ist das Anpassen an die neue Situation, ob bei Mitarbeitern, Studierenden oder Azubis. Ich sehe keinen Widerspruch zum Nutzen Lernen ist der größte Nutzen, den man haben kann, Lernen ist das Wichtigste überhaupt.

Lernen von der Natur: Scheitern, um das Optimum zu finden?

Was bedeutet für Sie Lernen?

Die Suche nach dem besten Weg. In meinem Buch habe ich das Kontinuierliche Verbesserungsprinzip KVP beschrieben, und es gilt nicht nur für Ingenieure, es kann auf alle Bereiche übertragen werden.

Ich bin Physiker und habe das, was die Natur uns zeigt beobachtet und ganz einfach auf den Menschen übertragen. Es geht um Evolution, Mutation, Selektion. Die Natur probiert alles mögliche aus - das, was sich durchsetzt, ist der optimale Weg.

Beispiel: Es sieht für uns so aus, als ginge ein Laserstrahl geradeaus von A nach B. Tatsächlich aber geht das Photon (Anm.: Wechselwirkungsteilchen der elektromagnetischen Wechselwirkung) dabei diverse Wege. Erst das Optimum setzt sich durch.

Heißt das: Wir müssen suchen, ausprobieren, scheitern, wieder suchen, um das Optimum zu finden? Heißt das, wir müssen Fehler machen, um von A nach B den optimalen Weg zu finden?

Es kommt darauf an. Im Unterricht: Ja. Hier möchte ich, dass Studierende bewusst Fehler machen. Ein Beispiel aus dem Programmieren. Wenn man 4 durch 3 teilt, erhält man 1,333. Beim Programmieren erhält man schlicht: 1. Dieser Fehler entsteht durch die Komplexität der Programme. Jetzt lasse ich die Studierenden suchen. Durch Suchen, Probieren, Hinterfragen wiederum lernen sie das Programm deutlich genauer kennen.

Wenn es um Menschenleben geht: Nein. Zum Beispiel beim Fliegen oder in der Medizin. Hier sind keine Fehler erlaubt, hier ist es wichtig, perfekt zu arbeiten.

Was Wohnungssuche mit Evolution zu tun hat

Haben Sie ein Beispiel für das Lernen über KVP?

Ja, meine Wohnungssuche. Insgesamt habe ich zweiundzwanzig mal gewechselt. Wieder war ich auf Wohnungssuche, diesmal in Hamburg. Viele empfahlen mir, mich für ein paar Wochen in Hamburg einzunisten, weil es hier ja so schwierig sei. Ich wollte aber nur drei Tage investieren.

KVP sagt: Wiederholen und aus dem Besten lernen. Also holte ich mir Hilfe von einem Marketingfachmann, entwickelte Inserate und der beste Text mit den meisten Antworten wurde genommen. Ich rechnete mit 30 Angeboten. Ich bekam über einhundert. Dann bildete ich Rangfolgen. Nummer fünf auf der Liste hatte Elbblick, mein Favorit. Trotzdem schaute ich noch andere Alternativen an. Doch dem Elbblick konnte ich nicht widerstehen - die Nr. 5 wurde es dann.

Lernen ist kein Zufall. Dieses Prinzip gilt übrigens auch für Stellensuche. Mitarbeitersuche, Mitarbeiterbindung.

Über die Bedeutung der Ziele

Dieses Suchen und Selektieren, Rangfolgen bilden ... das erscheint sehr anstrengend. Menschen vermeiden aber oft Anstrengung und lassen die Dinge lieber auf sich zukommen oder geben auf dem Weg zum Ziel auf. Strengen wir uns nicht genug an?

Zu 50%. Es ist nicht anstrengend, weil es meinen Weg ja optimal macht. Wird es schwierig ist es nicht der optimale Weg.

Ziele haben dabei einen besondere Stellung. Es ist nachgewiesen, dass Ziele die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges deutlich erhöhen. Es kann aber auch ein Ziel sein keine Ziele zu haben. Das muss jeder selbst entscheiden, aber sich darüber auch bewusst sein.

Ich persönlich gehe lieber mit dem Prinzip KVP hoch zwei.

KVPhochzwei und das Glück der Unzufriedenheit

Viele Menschen denken: Ich muss mich erst verbessern, wenn ich unzufrieden bin - oder umgekehrt: Wenn ich mich verbessere, muss ich vorher unzufrieden gewesen sein. Sind wir zu schnell zufrieden? Oder zu lange unzufrieden?

Das muss jeder für sich entscheiden. Ich denke nicht so, mein Leben ist durch KVP einfacher geworden, denn ich bin zufrieden, aber kann es trotzdem besser machen. Ich war z.B. Leistungssportler und wenn ich etwas erreicht habe, habe ich mich darüber gefreut. Das hat mich aber nicht daran gehindert trotzdem zu schauen, was ich verbessern kann:

  1. Freude und über Freude Energie gewinnen.
  2. Fragen: Wie kann ich meine Stärken besser einsetzen?
  3. Selbst wenn man gewonnen hat, ist es nicht optimal. Selbst Weltmeister lernen immer weiter.

Kosmische Regeln für Mitarbeiterbindung und Mitarbeitergewinnung.

In unserem Interview erwähnen Sie oft, dass jeder selbst entscheiden muss wie er zu den Dingen steht, was er tut und was er lässt. Dahinter steht die Überzeugung, dass jeder Mensch selbst verantwortlich ist. Ist die Fähigkeit zur Selbstverantwortung auch eine Kernkompetenz für Studierenden, für Berufstätige?

Ich würde sagen: Selbstbestimmung. Und hier sind wir bei der Mitarbeiterbindung und Mitarbeiterbestimmung. Ich bin zum Beispiel sehr frei in meiner Arbeit: Ich mache das, was mir Spaß bringt, ich habe einen Job, wo ich zu 90% machen kann, was ich will. Das sind die Elemente der Mitarbeiterbindung:

1.Mitarbeiter sich weiterentwickeln lassen, ihre Kreativität entdecken und leben lassen

2. sie als Persönlichkeit ernst nehmen

3. auf Zwang verzichten, den eigenen Antrieb fördern.

4. Regeln setzen: Ja. Die erste Regel heißt: Selbstverantwortung übernehmen.

HR trifft MINT? Eine Idee.

Herr Möller, ich hätte da eine Idee. Was halten Sie davon, wenn wir ein Einsteinforum für Personaler organisieren unter dem Motto "HR trifft MINT"? Viele Personaler arbeiten mit Ingenieuren, Technikern, Informatikern zusammen. Aus meiner Sicht müssen wir als HRler ehrliches Interesse an diesen Themen haben. Nur so können wir die Sprache lernen, sprechen und auch unsere Ideen aus HR verständlich in andere Fachgebiete formulieren. Und umgekehrt möchten Ingenieure auch etwas über die Sprache und Denkweise von HR wissen. "HR trifft MINT" könnte ein Treffpunkt für HR´ler und MINT-Menschen sein, für ein Austausch zwischen Studierenden und Unternehmen, zwischen Fakultäten und Schulen...

Wenn wir so ein Forum anbieten, dann, wenn Corona etwas locker lässt. Wir könnten zum Beispiel im MINTtarium , ein Erlebnislabor, dass Hamburg 2019 eröffnet hat, Ausstellungen, Führungen oder Vorträge anbieten.

Herr Prof. Möller, ein Gespräch mit Ihnen und schon gibt es neue, tolle Idee. Herzlichen Dank dafür! Ich werde einmal unsere Community fragen, was sie zu der Idee HR trifft MINT sagt. Vielleicht ist das auch ein sehr praktisches Beispiel für Lernen, Kreativität und das, was dabei herauskommt, wenn man uns die Freiheit lässt zu entscheiden und den optimalen Weg zu finden.

Zu den Interviews

Die Gruppe auf Linkedin HR Autorenherz stetzt sich zum Ziel, relevante Veröffentlichungen zum Thema HR zu diskutieren - und die Menschen hinter den Veröffentlichungen kennen zu lernen: Ihre Meinung, ihren Werdegang, ihre Werte, ihr Wissen.

Regelmäßig stelle ich Ihnen aus diesen Gesprächen interessante Persönlichkeiten aus der HR-Landschaft vor, ihre Bücher oder Artikel, ihre Gedanken und Haltungen.

Das Interview wurde geführt von

Silke Wöhrmann, Dipl.-Kfm.

Created By
Silke Wöhrmann
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Credits:

Danke an pixabay!