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Muss Fußball politisch sein? Die WM im Schatten der Russland-Affären

Konstanz, 15. Juni 2018.

Text und Layout: Julia Kohushölter.

Ich bin in Dortmund geboren, das Sky-Abo wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Ich bin bekennender Fußball-Fan und WM-Enthusiastin. Doch dieses Jahr, vier Jahre nach unserem WM-Sieg, liegt ein Schatten über der sonst so ungebrochenen Fußball-Vorfreude. Der Streitpunkt ist Russland oder genauer: die Politik des Präsidenten, Vladimir Putin.

Durch dieses Austragungsland wurden schon früh Fragen losgetreten, die ich hier erörtern möchte. Denn mich lassen die Überlegungen ebenso wenig los, wie die Vorberichterstatter und selbst heute, am 14. Juni zum Startpunkt, weiß ich noch keine Antwort auf die Frage:

Ist Fußball politisch?

Warum steht Russland in der Kritik?

Auch wenn wahrscheinlich niemandem die Skandale der russischen Politik in den letzten Jahren komplett verborgen blieben, ist es wichtig, anfänglich die Kritik an Russland Punkt für Punkt aufzuschreiben. Dazu gibt es eine Auflistung von Spiegel Online, die in einem Artikel zur WM die zentralen Konflikte und Affären rund um Russland benennt:

  • die vom Westen als völkerrechtswidrig betrachtete Annexion der Krim;
  • der Krieg in der Ostukraine, wo russische Kämpfer im Donbass Separatisten unterstützen und Zivilisten sterben;
  • die 298 Toten der MH17-Maschine, die mit einer russischen Buk-Rakete über dem Donbass abgeschossen wurde, bis heute verlangen die Angehörigen von Moskau eine Erklärung;
  • der Krieg in Syrien, wo die russische Armee Diktator Baschar al-Assad unterstützt, der laut der Uno-Untersuchungskommission für Syrien, Giftgas gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt hat;
  • die immer neuen Erklärungen von russischen Botschaftern und Ministern, die jegliche Verbindung mit dem Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal abstreiten und das Gefühl vermitteln, Moskau habe keinerlei Interesse, an der Aufklärung mitzuwirken.

Dazu ein weiterer wichtiger Punkt: Dies wird die teuerste WM, die es je gab und das in einem Land, in dem fast 15 Millionen Kinder in Armut leben.

Außerdem ist Russland ein homophobes Land und generell eines, in dem Minderheiten nur wenige Rechte besitzen. So wurde im Vorfeld bereits ein Guide herausgegeben, der LGBT+ Besuchern, Ethischen Minderheiten oder Menschen mit Behinderung, die nach Russland zur WM reisen wollen, Ratschläge ausspricht (u.a. auch zum Umgang mit der russischem Polizei).

Mit diesen Problemen konfrontiert stellt sich zunächst folgende Frage:

Sollte „Die Mannschaft“ überhaupt spielen?

Sagen wir einmal: Ja (und das tut sie auch).

Unabhängig vom Standort der ausgetragenen Spiele ist die WM ein Mikrokosmos, auf den sich Milliarden Menschen einlassen und dem sie jahrelang entgegenfiebern. Die WM 2014 in Brasilien verfolgten laut FIFA (Fédération Internationale de Football Association) eine Milliarde Menschen rund um den Globus. Wenn ein Spiel läuft gibt es keine Unterschiede: Die Kamerapositionen sind immer gleich, sie folgen dem Fußball auf dem immer gleichen Feld und zeigen Spieler in immer gleich geschnittenen Outfits, die durch Farbe und Nummer auf dem Spielfeld unterschieden werden. Kommentiert werden nicht Hautfarbe und Religion, sondern Ballannahme und Taktik. Fußball kann (wahre) Liebe sein, auch während einer WM.

Was würde es ändern, würde unsere Elf nicht antreten? Ich weiß es nicht. Fakt ist, dass keine Mannschaft abgesagt hat. Es wäre sicherlich ein politisches Statement doch drängt sich hier die Frage auf, wer für ein solches Statement zuständig ist – die Spieler oder doch die Politiker?

2. Sollten Politiker nach Russland reisen?

Auf der einen Seite ist eine solches Großereignis eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und, vorsichtig ausgedrückt, unterkühlte Beziehungen einer Auffrischungskur zu unterziehen.

Auf der anderen Seite ist jedes Foto mit einem Politiker wie Putin, der Menschen augenscheinlich auf offener Straße ermorden lässt, eines zu viel und Wasser auf den Mühlen mancher Populisten.

„Werte wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte zählen wenig in Russland“,

schreibt hierzu die Süddeutsche.

Ob die Kanzlerin nach Russland fährt, steht noch nicht fest. Ein Regierungssprecher äußerte sich dementsprechend vage: „Solche Entscheidungen werden immer zeitnah getroffen". Anreisen will hingegen Horst Seehofer von der CSU. Auch Norbert Röttgen, CDU, stimmt im Gespräch mit dem SPIEGEL gegen einen Boykott.

Ich persönlich bin immer für Gespräche. Purer Aktionismus ist nicht das Mittel der Wahl auf internationalem Politik-Parkett. Aber, dass hier das Gefühl aufkommt, durch einen Besuch eine Regierung zu unterstützen, die die Menschenrechte nicht (oder nicht immer) achtet, ist ebenso nachvollziehbar. Doch die Frage bleibt, was sich ändern würde durch einen Boykott der Politiker. Vielleicht sollten nicht sie es sein, die internationale Verhandlungen auf dem Rücken einer sportlichen Großveranstaltung austragen.

Vielleicht muss man bei den Verantwortlichen der WM und des deutschen Fußballverbandes selbst ansetzen.

Sollten sich die Verantwortlichen positionieren? Wenn ja, wie?

Nicht nur steht der Umgang der FIFA mit Doping bei dieser WM in der Kritik (oder wie der SPIEGEL fragt: „Russland, Doping und Fußball – da war doch was?“), das komplette Auswahlverfahren, die gesamte Struktur der FIFA ist durch und durch korrupt und das schon seit Jahren. Halbseidene, opportunistische Entscheidungen verstrickt mit Geheimdienstaffären und Oligarchen-Gold – hier geht es nicht um Moral und auch nicht um Fußball, sondern um Geld.

Ebenso wird Putin selbst das Großereignis als Prestigeveranstaltung zur Imagepolitur nutzen. Was nicht unbedingt schlecht sein muss, sollte er sich offen und liberal gegenüber dem Rest der Welt präsentieren. Auch wir haben von der WM 2006 in eigenen Reihen profitiert und wurden im Nachhinein von der Welt als nicht mehr ganz so stocksteif wahrgenommen.

Trotzdem war seit der WM 1978 in Argentinien, während derer sich das Land in einer Militärdiktatur befand, kein großes Fußballturnier politisch so umstritten wie das in Russland. Dieser Vergleich wird in vielen Artikeln herbeigezogen, besonders im Kontext dessen, dass sich der DFB (Deutscher Fußball-Bund) damals wie heute jeglicher Kritik enthält. Reinhard Grindel, DFB-Präsident, äußert sich folgendermaßen:

„In russischen Medien wird ein kritisches Bild vom Westen gezeichnet. Wir wollen den Russen zeigen, dass wir ganz anders sind, als das dargestellt wird.“

Der DFB hofft immer noch auf eine Vergabe der EM 2024 an Deutschland und stellt sich gut mit den Funktionären. Auch hier bleibt wenig Platz für moralische Glanzleistungen. Jedoch wird die von den Verantwortlichen geforderte Trennung von Politik und Fußball immer paradoxer, werden durch die Inszenierungen des Spiels ganze Länder nachhaltig beeinflusst, infrastrukturell wie politisch.

Russland erhielt 2010 den Zuschlag für die WM 2018, vier Jahre vor der Krimkrise. Dem Land im Nachhinein die Ausrichtung abzusprechen wäre wohl keine Möglichkeit gewesen, alleine aus Kosten- und Zeitgründen, die der Bau einer WM-Infrastruktur benötigt. Auch wenn es keine faire Wahl war, hat Russland sich damals ausreichend als Veranstalter qualifiziert. Ob die Bewerbung nun zur Imagepolitur oder als Machtgestus dienen sollte – geben wir jetzt zumindest Land und Leuten eine Chance, sich zu präsentieren und in Kontakt zu kommen. Auch wenn für Putin das Äquivalent WM = Großmacht gilt, wie einige Artikel festhalten, so hat Fußball bekanntlich die Macht zu verbinden, auch über Ländergrenzen hinweg.

Nichtsdestotrotz gibt es eine letzte Gruppe, von denen immer öfter verlangt wird sich zu positionieren: die Spieler selbst.

Welche Verantwortung tragen die Spieler selbst?

Sprechen wir über Ilkay Gündogan und Mesut Özil. Die beiden Nationalspieler zeigten sich vor kurzem Stolz mit ‚ihrem‘ Präsidenten Erdogan und gerieten dafür mächtig in die Kritik. Nachdem Gündogan in den letzten Testspielen ausgebuht wurde, verkündete öffentlich, dass es kein politisches Statement gewesen sei, Özil schweigt eisern. Die Mannschaft hält zu ihnen, auch wenn ab und zu etwas Kritik mitschwingt (Mats Hummels nannte es eine „unglückliche Aktion“). Von anderer Seite (Stefan Effenberg) wurde gefordert, die beiden umgehend aus dem Team zu werfen:

„Wenn man auf gewisse Werte setzt, so wie das der DFB immer wieder vermittelt, dann kann die Entscheidung eigentlich nur so ausfallen, dass man die beiden Spieler rauswirft“.

Auch hier findet wieder ein Hin-und-her-Schieben von Verantwortung statt. Hätten Gündogan und Özil das Treffen mit Erdogan absagen müssen wie es Emre Can tat? Hätten sie die politische Botschaft mitdenken müssen, die sie mit diesem Treffen ausdrücken? Ich denke ja. Es war tatsächlich unglücklich, wenn nicht gar dumm.

Andererseits möchte ich den beiden keine schlechte Absicht unterstellen. Eher glaube ich, dass sie tatsächlich nicht weitreichend genug darüber reflektiert haben, was ein solches Treffen politisch zu bedeuten hat.

In einem Artikel der Süddeutschen heißt es:

„Denn wer jetzt fordert oder sich leise wünscht, die Fußballprofis sollten politischer sein, der sieht darüber hinweg, dass es für sie dazu wenig Anlass gibt.“

Sicherlich, sie haben früh viel Geld und Ansehen, warum also politisch Stellung beziehen?

Doch so einfach geht die Rechnung nicht auf. Reichtum heißt im Umkehrschluss nicht, dass man politisch keine Haltung vertreten braucht/muss/kann. Im Gegenteil: Warum nutzen sie nicht ihre Öffentlichkeit wie Özil und Gündogan, um sich gegen die Politik Putins auszusprechen? Werden die beiden nach ihrem Treffen mit dem türkischen Despoten nicht aus dem Team geworfen bezweifle ich, dass es sonst jemandem passieren würde.

In meinen Augen sind es die Spieler als Individuen, die für sich eine Haltung entwickeln und vertreten sollten. Außerhalb des Spielfeldes.

Genauso übrigens, wie wir Zuschauer: Es ist zugegeben schwer bei dieser WM euphorisch zu werden. So viele Panini-Sticker ich sonst gesammelt und die Wände mit Spielplänen behangen habe, all das fehlt in diesem Jahr.

Umso wichtiger war es, mich zu informieren über die politische Lage in dem Land, in dem eine meiner Lieblingsveranstaltungen (neben der Champions League, sollte der BVB dort spielen) stattfindet. So klar wie sich das manche Funktionäre wünschen, können Fußball und Politik dann doch nicht getrennt werden.

Doch wenn das Spiel beginnt möchte ich diese Konflikte für 90 Minuten vergessen und einfach nur meinem Lieblingssport folgen. Mal schauen ob das klappt.

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