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Der andere Blick Der Videoproduzent Markus Bärtschi (37) verbrachte diesen Sommer mit seiner Frau auf einer Alp, wo sie als Schafhirten arbeiteten. Diese Welt eröffnete ihm ganz neue Perspektiven.

Die Berge und die Natur sind Lehrmeister für die Schafhirten auf der Alp. Sie zeigen neue Perspektiven auf das Leben und definieren eine neue Sichtweise auf das Wort «Arbeit». Alles wird elementarer, präsenter und dringender. Plötzlich ist keine Zeit mehr für Unsinn, keine Energie für unnütze Gedanken und kein Anreiz mehr für Zukunftsängste.

Während seiner Hirtenzeit auf der Alp reflektierte der Videoproduzent Markus Bärtschi über seine Erlebnisse. Text: Markus Bärtschi; Fotos: Renato Barnetta; Multimedia-Story: Lars Bo Müller

Lesen Sie auch das Interview mit Markus Bärtschi, das nach seiner Rückkehr in die Zivilisation entstanden ist.

Der Donner bringt die kleine Alphütte zum Zittern, das Gewitter ist direkt über uns. Ira sagt zu mir: «Wenn der Blitz jetzt einschlägt, sind wir tot.» Wir schauen uns an und lächeln. Seit wir hier als Schafhirten sömmern, hat sich unsere ganze Perspektive gedreht.

Alles ist präsenter, alles elementarer, alles hat einen direkten Einfluss, jede Aktion eine direkte Konsequenz. Unsere Aufgabe: die rund 300 Schafe ernähren, sie vor Tod und Krankheit bewahren und uns ebenfalls.

Wir sind in Situationen, wo ein Schritt weiter den sicheren Tod bedeutet. Das bringt uns in eine Position, in der wir uns nur unterordnen können.

Eine Besucherin hier oben meinte: «Ihr müsst euch hier oben wie Könige fühlen, hier habt ihr euer Reich, und ihr könnt alles selber bestimmen. Da ist niemand, der euch auf die Finger schaut.» Und es ist doch genau das Gegenteil. Wir sind hier nur geduldet. Die Natur ist unmittelbar und zwingt uns, alle Pläne, Vorstellungen und Ideen fallenzulassen, wenn sie sich nicht in der Realität anwenden lassen. Wir sind auf der Weide, und die Schafe machen nicht das, was wir wollen, auch der Hund nicht, und der Partner hat ebenfalls eine andere Idee. Hier hilft nur eines: Der Kopf muss nachgeben.

Für unsere Freunde im Tal sind wir Teilzeitaussteiger, für unsere Freunde auf der Alp sind wir Einsteiger, weil wir das erste Mal einen Alpsommer machen. Wir sind auf über 2000 Metern über Meer in einem einsamen Tal. Über die Nacht sind die Schafe in einem kleinen Nachtpferch, den wir alle zwei bis drei Tage neu platzieren. Dazwischen zäunen wir die neue Weide, behandeln Schafe, buckeln Material für die Zäune die Steilhänge hoch und runter, hüten die Schafe auf der grossen Weide oder bewundern die Aussicht und geniessen die Berge.

Im Tal arbeite ich als selbständiger Videoproduzent. Die Entscheidungen, Bedenken und Konsequenzen in meiner Arbeit hier sind ganz anders als im Tal.

Plötzlich hinken zehn Schafe, die alte Weide hat nur noch wenig Futter, die neue ist noch nicht vorbereitet, und wir verbringen Stunden mit Behandlungen von Klauen, Abszessen und Wunden. Dann zieht ein Gewitter auf, ohne Vorwarnung, und der Nebel kommt. In meinem Kopf entwickeln sich Schreckensszenarien, in denen Schafe nicht mehr laufen können, andere ausbrechen wegen mangelnden Futters und die neue Weide nicht rechtzeitig fertig wird. Sorgen und Verzweiflung wegen der Katastrophen in meinen Gedanken. Aber auch hier muss mein Kopf kapitulieren. Wir können nur das tun, was möglich ist. Und das ist im Moment nicht viel. Wir gehen zurück in die Hütte und sorgen uns.

Zwei Tage später ist das Wetter schön, und wir zäunen so viel wie noch nie. Den hinkenden Schafen geht es besser, und wir lassen sie abends auf die neue Weide. Und ich denke bei mir: «Alles hat seine Zeit.» Die Schreckensszenarien in meinem Kopf haben sich nicht bewahrheitet, und alles hat sich am Ende zum Guten gewendet. Warum? Weil alles meistens gut kommt, das merke ich hier oben. Das hat nichts mit naiver Gutgläubigkeit zu tun, sondern das beobachte ich hier täglich. Die herausragende Fähigkeit der menschlichen Spezies zur Fantasie und Imagination spielt in kritischen Situationen einfach verrückt, indem sie eine Zukunft prognostiziert, die sich praktisch nie bewahrheitet.

Ich merke: Wenn ich meinem Kopf erlaube, wild zu spekulieren und eine nicht prognostizierbare Zukunft in Schrecken zu malen, hindert mich das, die nötigen Schritte im Jetzt zu tun. Wenn ein Auge auf die Zukunft gerichtet ist und eines auf das Jetzt, kann ich nicht scharf und klar sehen. Ich lerne hier, mit beiden Augen im Jetzt zu tun, was die Situation erfordert. Ich konzentriere mich auf das, was ich kann: die Zukunft kreieren statt zu prognostizieren.

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Über die Nacht sind die Schafe in einem kleinen Nachtpferch, den wir alle zwei bis drei Tage neu platzieren. Dazwischen zäunen wir die neue Weide, behandeln Schafe, buckeln Material für die Zäune die Steilhänge hoch und runter und hüten die Schafe auf der grossen Weide.

Wir bewundern auch die Aussicht und geniessen die Berge. Wir haben keine Energie, um sie in Sorgen zu investieren.

Einen Freund von mir bewundern alle, weil er alles kann. Er nimmt eine Posaune und spielt darauf. Er baut eine Schmiede und schmiedet ein Messer. Er holt sich Lehm aus dem Bach und baut einen Grill damit. Warum kann er, was wir uns nicht zutrauen? Weil er in jedem Gegenstand ein Potenzial sieht und einfach macht. Als er mit der Posaune auftauchte, sagte ein Bekannter: «Waaas? Jetzt kannst du sogar Posaune spielen? Das könnte ich nie.» Dabei hatte er das Instrument gerade mal drei Tage. Weil er macht, weil er kreiert, statt seine Energie in Sorgen zu investieren, klappt es. Vielleicht klappen 80 Prozent von dem, was er in die Finger nimmt. 80 Prozent sind mehr als 0 Prozent, wenn man über die eigenen Bedenken fällt und gar nichts anfängt und seinen Fähigkeiten nicht traut.

Und so schaue ich auf mein Leben im Tal, in meine Umgebung und mein Umfeld und merke, wie sehr wir uns von einer Zukunft bestimmen lassen, die nie eintritt.

Ich erfahre von Menschen, die jahrzehntelang ihre Arbeit hassten und einer Zukunft in Rente entgegenfieberten. Die Zukunft kam nie, weil der Tod schneller war. Oft höre ich: «Ich arbeite hier nur noch zwei Jahre», wegen des Gelds, der Karriere oder des Lebenslaufs. Aus zwei Jahren werden zehn, und die Arbeit bleibt eine Qual.

Ein Freund von mir hatte gerade ein Vorstellungsgespräch und präsentierte einen Lebenslauf, der mit der angestrebten Leitungsposition einer grossen Abteilung so gar nichts zu tun hatte: ein Jahr durch Europa mit dem Wohnmobil, ein Alpsommer und danach als Hilfsarbeiter auf dem Bau und in der Landwirtschaft. Die Vorgesetzte am anderen Ende des Tisches meinte anerkennend, aus dem Lebenslauf spreche Lebenserfahrung, und genau deshalb sei er der Richtige für den Job. Hätte er sich einer Vorstellung von einem lehrbuchmässigen Lebenslauf untergeordnet, wäre er vermutlich heute nicht in seiner Position, die ihn erfüllt. Und ich merke, wie viele genau diesem lückenlosen und geradlinigen Lebenslauf zu entsprechen versuchen.

Doch oft richten wir uns ein und trennen die Arbeit von unserem Leben ab.

Im Volksmund sprechen wir von «Arbeiten, um zu leben» oder «Erst die Arbeit, dann das Vergnügen». Diese Trennung suggeriert, die Arbeitswelt habe nichts mit dem Leben als solchem zu tun. Und dabei geht verloren, was Arbeit im wirklichen Sinne eigentlich ist: Leben.

Wenn wir dann die Arbeit vom Leben trennen, müssen wir am Feierabend und Wochenende das Leben nachholen. Daraus entsteht ein schreckliches Wort: Freizeitstress. Und plötzlich erwischen wir uns in einer Situation, die mit den Träumen und der Freude unserer Kindheit nichts mehr zu tun hat.

Aber wie kann ich die Perspektive wechseln? Wie kann ich mir das Leben zurückholen, das ich so erbärmlich vernachlässigt habe? Oft merken wir ja erst, was wir haben, wenn wir dieses verlieren. Hier oben, wenn ich mit klopfendem Herzen das letzte Pföstli des Zauns an den Felsrand setze, wird mir bewusst: Das Schicksal kann jederzeit zuschlagen. Die Gefahr ist hier physisch sichtbar. Die abfallende Felswand repräsentiert die Möglichkeit des Todes. Und plötzlich verändert sich die Perspektive, auch wenn es hier in den Bergen statistisch vielleicht nicht gefährlicher ist als im Verkehr.

Der Tod wird stärker sein

Der Autor Carlos Castaneda erzählt von der Lehre seines Meisters, der ihm den Tod als Freund und Berater anempfiehlt. Der Tod ist immer hinter einem, und eines Tages wird er dich berühren und der Sieger sein. Man kann das ganze Leben lang den Tod bekämpfen oder ignorieren, aber er wird der Stärkere sein. Ich habe also die Wahl, den Tod zu meinem Berater zu machen und jede Entscheidung in seiner Präsenz zu treffen. Wenn ich das mache, habe ich keine Zeit mehr für Unsinn; ich kann nicht mehr warten, ich kann keiner Zukunft hinterherrennen, die sich nicht prognostizieren lässt. Ich kann nicht mehr acht Stunden meines Tages opfern für etwas, was mich belastet und meinem Leben keine Farbe gibt.

Marc und Sarah von der Nachbaralp kommen vorbei. Sie sind seit vielen Jahren im Sommer zusammen in den Bergen und haben ihre Arbeit im Tal so organisiert, dass sie die Berge als Sennen oder Hirten mit den Kühen und Kälbern oder Rindern erleben konnten und können. «Ich brauche die Luft hier oben», sagt Marc. Er halte so das Gleichgewicht zu den Ablenkungen im Tal. Er hat sich entschieden, zu tun, was ihm am Herzen liegt. Er hat eine wichtige Entscheidung getroffen.

Warum sollen wir also warten?

Warum nicht jetzt schon die richtigen Entscheidungen treffen? Wir denken, wir seien unsterblich. Und so gehen wir durchs Leben, als hätte dies kein Ende. Wir denken, wir hätten Zeit. Wir denken: «Die zwei Jahre in dieser schrecklichen Arbeit halte ich schon noch aus.» Nein. Das geht nicht. Es ist ernst. Wir haben keine Zeit. So können wir nicht weitermachen.

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«Wir können nur das tun, was möglich ist. Und das ist im Moment nicht viel.»

Wir haben heute so viele Möglichkeiten, unsere Lebenszeit zu gestalten.

Lebenszeit ist nicht zwingend Arbeitszeit, kann es aber sein: Ich habe von einem Bauernehepaar gehört, das gerade kürzlich zum zweiten Mal im Leben in die Ferien gefahren ist. Der Anlass: die Pensionierung. Das erste Mal war die Hochzeitreise. Über 40 Jahre lang standen sie morgens und abends im Stall und melkten. Der Hof war ihr Leben. Ich kann mir schwerlich vorstellen, dass der Bauer auf die Uhr schaut und sich überlegt, ob er jetzt arbeite oder nicht.

Und ein befreundeter Bauer hat eine durchschnittliche Arbeitszeit von über zwölf Stunden. Vieles von dem, was er macht, bezeichnet er als sein Hobby. Er liebt seine Arbeit, und sie ist Teil seines Lebens, untrennbar. Daneben kenne ich Menschen, die seit Jahren einer Arbeit nachgehen, die sie nicht mögen, welche aber wichtig ist für ihre Vorstellung von Reichtum, Karriere oder Anerkennung. Und sie schauen mich müde an und meinen mit Ringen unter den Augen: «Endlich Wochenende!»

Am Ende kommt es auf das bewusst gelebte Leben an.

Und dann frage ich mich, ob wir von allen guten Geistern verlassen sind. Warum merken wir nicht, wer oder was uns bestimmt? Warum glauben wir immer noch, mit unserem beschränkten Wissen von der Welt und dem Leben seien wir in der Lage, zu prognostizieren? Warum merken wir nicht, dass uns Gedanken bestimmen, die mit der Realität nichts zu tun haben und die nie eintreffen werden? Warum sehen wir nicht, was wir jederzeit verlieren können? Am Ende kommt es auf das bewusst gelebte Leben an.

Und während ich diesen Artikel fertig schreibe, kommt Ira in die Hütte und meint, einige Schafe hätten Gamsblindheit. Das ist eine ansteckende Krankheit, die Schafe blind machen kann. Stopp! Der Film, den meine Gedanken gerade drehen wollen, ist ein Horrorfilm. Da mache ich nicht mit. Ich lege meinen Artikel beiseite, und wir gehen zur Herde, um zu tun, was getan werden muss und was in unserer Macht steht.

Lesen Sie auch das Interview mit Markus Bärtschi, das nach seiner Rückkehr in die Zivilisation entstanden ist.

Die Alp Karliböden (über 2000 Meter über Meer) mit Aussicht auf den Pizol befindet sich unterhalb des Girenspitz im Sarganserland.

Impressum: Text: Markus Bärtschi; – Konzept und Fotos: Renato Barnetta; Umsetzung: Lars Bo Müller; – Gesamtverantwortung: Robert Hansenredaktion@derarbeitsmarkt.chwww.derarbeitsmarkt.ch

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Magazins «blickwinkel», dessen Herbstausgabe 2019 dem Thema «Lebenszeit und Arbeit» in unterschiedlichsten Facetten gewidmet ist.

Oktober 2019

Created By
Text: Markus Bärtschi; Foto: Renato Barnetta; Multimedia: Lars Bo Müller
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Credits:

Multimedia-Story: Lars Bo Müller