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Im Spiegel der Gewalt Wenn Hinterbliebene denen begegnen, die für den Tod ihrer Kinder verantwortlich sind.

Inmitten einer fröhlichen Menschenmenge, die sich aufgeregt vor dem Jaffa Museum tummelt, sitzt sie auf einer Holzbank vor der jahrhundertealten Museumsmauer. Das Gesicht von derselben steinernen Farbe wie die Mauer hinter ihr, der Ausdruck weich und hart zugleich. Sie sitzt da in einem langen schwarzen Kleid mit roten palästinensischen Stickereien mit einer Ruhe und Zeitlosigkeit, als wäre sie schon immer hier gewesen und als wäre dieses lautlose Sitzen ein alles durchdringendes Statement, ein Statement des Widerstandes, der Furchtlosigkeit und der Überwindung des Unvorstellbaren.

Vom Schmerz getrieben

Tel Aviv, Mai 2018, über dem nahöstlichen Himmel braut sich etwas zusammen, das nichts Gutes verheisst. Seit einer Woche hat sich die geopolitische Lage abrupt verschlechtert. Präsident Trump hat den Ausstieg der USA aus dem Nuklearabkommen mit dem Iran bestätigt. Kurz darauf kommt es zwischen Israel und dem Iran zu einer ersten direkten militärischen Konfrontation auf syrischem Gebiet kam, wobei Israel einen militärischen Schlag Richtung Syrien ausführte - den umfangreichsten seit Yom Kippur 1973.

Davon wissen sie aber noch nichts, an jenem lauwarmen Abend, der nach Ferien am Mittelmeer riecht. Die Frau vor der Mauer heisst Fatima Al-Jafari, ist Palästinenserin und lebt in einem palästinensischen Flüchtlingslager in den OPT (Occupied Palestinian Territories), wo sie auch aufgewachsen ist. Sie hat zwei ihrer Brüder im Krieg verloren und verbrachte - aufgrund ihrer politischen Aktivitäten - fünf Jahre im Gefängnis.

Heute ist sie an die Eröffnung der Fotoausstellung #Hope4Change ins Arabisch-Hebräische Theater nach Jaffa/Tel Aviv gekommen. Palästinenser aus den OPT brauchen eine Sondergenehmigung um nach Israel einzureisen, die zu erlangen Monate dauern kann. Diesen Aufwand nur für eine Ausstellung?

Am Checkpoint

Der Vorplatz des Theaters mit Ausblick über das Meer, den langen Strand bis zu den Wolkenkratzern Tel Avivs füllt sich mit einer lebendigen, sehr durchmischten Gruppe.

"I never met Palestinians live before. How can we make peace if we don’t know them?"

Sagt eine aufgestellte Frau, die mindestens zwei Generationen jünger ist als Fatima und zeigt auf die von ihr ausgestellten Fotos.

Die Besucher der Ausstellung sind von aussen betrachtet so unterschiedlich in Alter und Aussehen, dass ihre Gemeinsamkeit sich nicht erkennen lässt. Aber es gibt sie und sie hat mit der hier herrschenden Heiterkeit nichts zu tun. Alle Anwesenden, so auch Fatima, haben einen nahen Angehörigen im Konflikt verloren. Alle sie verbindet eine unfüllbare Leere, ein immer wiederkehrendes Fragen nach dem Warum und ein Kampf mit der Wut und dem Hass gegen diese “anderen”, die hinter dem Tod ihrer Liebsten stehen.

Und doch sind sie hier, gemeinsam.

Wie kommen Menschen dazu, sich freiwillig mit denjenigen zu treffen, die den Feind per se verkörpern, die für jene Übeltäter stehen, durch die ihre Angehörigen umgekommen sind? Wer sind die Mitglieder des "weltweit einzigen Vereins, der sich keine neuen Mitglieder wünscht"? Und mit ihrem “ausladenden” Clip weltweit auch noch eine Welle der Empathie auslösen?

The Parents Circle - Families Forum (PCFF) vereint über 600 palästinensische und jüdische Familien, die alle einen Angehörigen im Konflikt verloren haben. PCFF wirkt auf zwei Ebenen, einerseits gegen innen, indem sie den Mitgliedern in der Überwindung ihres Traumas helfen durch Begegnung mit den Menschen der anderen Seite der Front. Auf einer zweiten Ebene richtet sich PCFF gegen aussen und setzt ein deutliches Zeichen für eine gewaltlose Konfliktlösung. Eine Botschaft, die gerade dank der schmerzlichen Vergangenheit der Mitglieder Überzeugungskraft hat. Eine Mission, die gerade deswegen aber auch besonders schwierig zu bewältigen ist.

Einer der Ko-Direktoren, Rami Elhanan, der seine 14-jährige Tochter durch ein Attentat verloren hat, erklärt:

"Our strength derives from the intolerable pain and this intolerable pain has the power of nuclear energy. This power can be directed to good usage or bad. It can cause destruction and ruin which will produce more pain in this vicious cycle, but the opposite is also a possibility! This energy can be used to produce new hope!"

PCFF antwortet auf das Bedürfnis von Hinterbliebenen einen Ort zu finden, an dem diese destruktive, auch selbstzerstörerische Energie eingefangen und in eine positive Dynamik umgelenkt wird. Sie bilden eine neue Gemeinschaft, die das Unaussprechliche, das Unumgängliche, das Unaushaltbare teilt und eine Bindung entstehen lässt, die stärker ist als nationale Zugehörigkeit.

Eine Gemeinschaft aber auch, das wird aus den zahlreichen Aussagen der Teilnehmenden klar, die den Drang teilt, aktiv zu werden, die eigenen negativen Gefühle zu überwinden und die durch den Schmerz entstandene "Kernenergie" zu nutzen, um der Gewalt ein Ende zu setzen. Und die nicht zurückschreckt zu unkonventionellen Mitteln zu greifen, um die breite Öffentlichkeit in ihrer Menschlichkeit zu provozieren:

Die Trennungswand in Bethlehem

Nach einem besonders blutigen Konflikttag lud PCFF Israelis ein in palästinensischen Spitälern Blut zu spenden und Palästinenser umgekehrt in israelischen Spitälern Blut zu spenden. Ein logistisch, administrativ und sicherheitstechnisch horrender Aufwand mit humanitärer Wirkung und symbolischer Sprengkraft.

"How could you donate blood to the enemy?! We answered that it is far less painful to donate blood to the needy than to spill it unnecessarily as though it was water..." Rami Elhanan

Wenige Dutzend Kilometer weiter im Süden, im Gazastreifen, geht das Blutvergiessen weiter. Unter dem Namen Marsch der Rückkehr kommt es seit dem Tag des Bodens am 30. März (Land Day), ein Protest- und Gedenktag gegen die Enteignung von Palästinenser durch Israel, jeden Freitag zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die Zahl der Opfer steigt mit jeder Woche, es sind bereits über 40 Tote und Tausende Verletzte, darunter über 700 Kinder und Jugendliche.

In den Augen des Feindes

Wie kann vor dem Hintergrund der fortschreitenden Kampfhandlungen und gegenseitigen Verletzungen ein Dialog und Annäherungsprozess durchgeführt werden?

Blick von Bethlehem auf Siedlungen

Gegründet 1995, organisiert PCFF diverse Formen der Begegnungen, mit Jugendlichen, mit Erwachsenen oder in Frauengruppen. Eintägige oder mehrmonatige. Sie alle haben ein ähnliches Ziel, den Narrativ der anderen Seite besser kennenzulernen, Empathie und Verständnis zwischen den verfeindeten Gruppen aufzubauen und Stereotypen und Angst entgegenzuwirken.

Eines dieser Begegnungsprogramme ist auch Young Ambassadors for Peace, in dessen Rahmen die Eröffnung der Fotoausstellung #Hope4Change stattfindet. Sie ist das Resultat eines mehrmonatigen Projektes, das junge Menschen zu einem gemeinsamen Fotoprojekt einlud, bei dem sie über die gegenseitigen Wahrnehmungen und Darstellungen und die unterschiedlichen Kulturen austauschten. Ziel der Organisatoren ist, dass die Teilnehmer selbst zu Botschaftern für Frieden und Versöhnung in ihrer eigenen Gemeinschaft werden, so genannten Young Ambassadors for Peace (YAP). 22 Junge Menschen zwischen 18 und 26 Jahren sind dabei, darunter sind die eine Hälfte jüdische Israelis und die andere Palästinenser aus den OPT. Wie bei den Erwachsenenprogrammen haben auch die YAP alle mindestens einen nahen Angehörigen im Krieg verloren.

Die jungen Botschafter sind sich einig, dass der Annäherungsprozess weit zäher vorang ging, als sie sich dies vorgestellt hatten und dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben erfuhren, was Vertrauensaufbau bedeutet. :

"Before meeting them, I thought we were all the same and that we would come together with those from the other side and start working immediately on the visuals. But it took very long to overcome our differences and get closer. The first part was only about building trust between us. Only after that we were able to share our personal stories."

Nach einer Grundeinführung in Bildsprache und Fototechnik war ihr Auftrag, gemeinsam darüber zu reflektieren, was sie mit Hoffnung verbinden und dies in Fotos auszudrücken. Der anfängliche Optimismus wurde bald auf die Probe gestellt. Zum ersten Mal dem “Feind” gegenüber wurden nicht nur die Ähnlichkeiten auf menschlicher Ebene sichtbarer, sondern auch die Gräben zwischen ihnen. Sie wurden herausgefordert, Denk- und Argumentationsweisen, die seit Kindheit Teil der eigenen Identität geworden waren, zu hinterfragen. Das Zuhören wurde schnell zur Qual und die Anwesenheit der “anderen” immer unerträglicher, weil sie wie ein Spiegel dessen wirkten, was man von sich selbst verbergen möchte.

"We must be prepared to listen to ‘the other'. Because if we will not know how to listen to the other's story we won't be able to understand the source of his pain and we should not expect the other to understand our own pain." Rami Elhanan
Palästinenserinnen in der Geburtskirche Jesu Christi

Ein Prozess der Zeit und Geduld braucht und den Willen auch nach mehreren Einbrüchen immer wieder weiterzumachen. Die Fotografie als Instrument und Vermittler spielte dabei keine unwichtige Rolle. Hinter dem Konzept stehen Osama Abu Ayash und Dana Wegman. Die quirlige junge Frau mit blondem Lockenschopf ist Magnetpunkt des Abends, schwirrt vom einen zum anderen, immer umgeben von einer Menschentraube. Die leidenschaftliche Fotografin ist überzeugt von der Fotografie als Kommunikations- und Mediationsinstrument. Einerseits könne durch Bilder vieles ausgedrückt werden, was sich nicht in Worte fassen lässt. Und andererseits würden Fotos auch helfen, ein Gespräch in Gang zu bringen und auf natürliche Art Fragen und Interesse hervorrufen.

“And all above, the photos would allow them to look through the eyes of the others to experience the other people’s lives.” Dana Wegman

Gerade aber dieser Einblick in das Leben der anderen brachte die Youth Ambassadors auch an ihre Grenzen:

“One of the biggest challenges was to accept the feeling of guilt, to start seeing the complexity of the situation and to understand how much suffering “your side” was creating to the other.”
Sicht auf israelische Siedlungen

Dieses Sich-Aussetzen dem gegenseitigen Schmerz führte zu einer Verhärtung der Fronten, die Gräben wurden tiefer, Zweifel breiteten sich aus. Für die Organisatoren ist das Anerkennen des Schmerzes der andern ein Schlüsselmoment für den Versöhnungsprozess, Denn erst durch die Anerkennung der Mitverantwortung für das Leid der anderen entstehe der Drang, sich mit allen Mitteln in der eigenen Gemeinschaft gegen die Gewalt einsetzen zu wollen.

Ein vielschichtiges Zeugnis dieser Gratwanderung zwischen eigener Verletzung und Empathie für die anderen, des Pendelns zwischen Misstrauen und dem Wunsch den anderen verstehen zu wollen, bietet der Dokumentarfilm Two-Sided Story, der ein PCFF Projekt begleitet. Mit freundlicher Genehmigung von PCFF kann der ganze Film auf Vimeo angesehen werden (Code: pcffvimeo). Hier der ausführliche Trailer:

Bedrohlich eng beieinander liegen dieses Jahr hoch symbolische Gedenktage: Am 13. Mai der Jerusalemtag, die Feier der Wiedervereinigung Jerusalems nach der Eroberung Ost-Jerusalems durch Israel während des Sechstagekrieges 1967. Am 14. Mai die Verschiebung der US Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem als Folge der offiziellen Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch die USA. Die Feier fällt zudem auf den Tag des 70-jährigen Jubiläums seit der Staatsgründung Israels. Und am 15. Mai schliesslich findet der Nakba-Tag statt, der an die Vertreibung der Palästinenser seit 1948 erinnert. Ein düsterer Hintergrund für Friedensarbeit.

Vom Hass zum Lebenssinn

Gegründet 1995, organisierte PCFF 2017 insgesamt 410 Dialogbegegnungen mit gesamthaft 8000 Israelischen und palästinensischen Jugendlichen und Erwachsenen. Daneben führten sie vier mehrmonatige Parallel Narrative Experiences durch und 30 Frauentreffen, die unter anderem zur Publikation eines Kochbuches führten, von dessen Buchdeckel Fatima entgegen lächelt und das neben Kochrezepten auch Porträts und Lebensgeschichten von jüdischen und palästinensischen Frauen enthält. Und nicht zuletzt ist PCFF Mitorganisator der Israeli-Palestinian Memorial Day Ceremony, die dazu aufruft, die schmerzlichen Erinnerungen als Quelle für eine gewaltlose Konfliktlösung zu nutzen. Dieses Jahr hatte sie 7000 Besucher angezogen, 3000 mehr im Vergleich zum Vorjahr, darunter viele Hinterbliebene. Die ergreifenden Lebensgeschichten, die einen tiefen Einblick in die Komplexität des Konfliktes erlauben, können online nachgeschaut werden. Hier als ein Beispiel die Rede des bekannten jüdisch-israelischen Schriftsstellers David Grossman:

Mit einer pompösen Feier wird die Verschiebung der US Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem gefeiert, ein Affront historischen Ausmasses für die Palästinenser, da sie den Ostteil Jerusalems als ihre eigene Hauptstadt betrachten. Im Gazastreifen kommte es zu Massenprotesten mit 40'000 Teilnehmenden laut Israel. 58 Tote auf Seite der Palästinenser und über 2000 Verletzte. Der Tag mit den meisten Todesopfern seit dem Gaza-Krieg 2014. 60 neue Familien - Tendenz steigend - werden heute mit demselben Schmerz wie alle PCFF Mitglieder ins Bett gehen.

Aus diesem Gewaltkreislauf ausbrechen? Eine Generation, die den Frieden noch nie erlebt hat, dazu ermutigen, eine Rolle im Friedensprozess zu übernehmen? Ich lasse mir von den Youth Ambassadors weiter Bilder zeigen. Alle Israelis die mitmachen, Frauen und Männer, haben zwei bis drei Jahre Militär hinter sich. Was sie alles gesehen haben?

"The project entirely changed my life and I want others to have that experience too."

Mit ansteckendem Tatendrang erklärt mir eine jüdische Botschafterin, sie initiiere eine Veranstaltung zur Ausstellung, bei der sie lokale palästinensische (israelische) Jugendliche zum Gespräch einladen will. Obwohl sie nicht in den OPT leben und mehr Bewegungsfreiheit geniessen, gehören die palästinensischen Israelis, die doch 20% der israelischen Bevölkerung ausmachen, zu einer stark benachteiligten Bevölkerungsgruppe. Die junge Frau spricht mit strahlenden Augen von ihrem Vorhaben. Ein weiterer Baustein im Grossprojekt der jüdisch-israelisch-palästinensich-arabischen Friedensschliessung.

Ihr Lieblingsbild? Es zeigt eine Moschee, die Moschee als Symbol des anderen, als Symbol des Konfliktes mit dem anderen. Aus der gewählten Perspektive hat sie aber nicht nur Schattenseiten sondern auch Sonnenseiten. Sie stehe gleichzeitig für die Angst und die Hoffnung, dass die Angst überwunden werden kann.

Auch Dana, die Programmgründerin von YAP, strahlt. “I imagined it like this, artist have a lot of imagination, sie lacht, but not everyone understood what I wanted.”

"Now that it happened it became real and it’s even much better than I had imagined. And imagine, two of them (Ambassadors) have been invited to Israeli national TV to talk about their experience! That is way beyond my expectations."
Innenstadt Bethlehem

Auf der Bühne haben unterdessen eine jüdische und palästinensische Botschafterin ihre bewegenden Testimonials vorgelesen.

When father died I felt my whole word was rattled. I felt a void open within me, that with the passing years I understood would never be filled. The longing became an inseparable part of my life, the feeling of missing out on something large followed me wherever I went. (...)

When I was invited to join the PCFF’s program of “Young Ambassadors for Peace.” I felt I had been given an opportunity to act. To do something. To stop living in a bubble, surrounded by peace-seeking ideas, but instead to be a part of the peace process. (...)

We must pave the way to a life where we can finally breathe. Where we can live in safety, and in peacefulness. Together we have paved one more stone on the path to peace. May we be fortunate to witness better days.

Die Vorlesende schluckt. Auch den Zuhörern fällt es schwer, die Tränen zurückzuhalten. Zu gut kennen sie dieses Gefühl, in einer bodenlosen Leere gefangen zu sein. Gleichzeitig ist es aber auch die Berührtheit, dass junge Menschen wie sie es schaffen, mit solchen Worten an die Öffentlichkeit zu gehen, während der unersättliche Konflikt zwischen den beiden Völkern einen erneuten Höhepunkt erreicht. Der Moment hat etwas von einer Katharsis, dem grossen Erleichterungs- und Erkenntnismoment im griechischen Drama. Das Gefühl auch beim Publikum, etwas Schreckliches überwunden zu haben und durch dieses Überwinden aus einem Kreislauf ausgebrochen zu sein, sich einer unendlichen Last entledigt zu haben, um nun in eine neue Lebensphase einzutreten.

Der Abend klingt so fröhlich aus wie er begonnen hat, mit rhythmischer Musik und Häppchenbuffet. Wie Tausende von anderen Ausstellungen weltweit jeden Tag. Man ist versucht, sich von dieser Leichtigkeit verführen zu lassen. Und doch bleibt die Veranstaltung durchdrungen von der Abwesenheit derer, weswegen alle hier sind.

Der abstrakte Begriff der Versöhnung oder Reconciliation, der als abgenutztes Wort Rede um Rede und Studie um Studie füllt, erhält hier eine konkrete Form. Der kaum fassbare Prozess wird hier mit Inhalt gefüllt, wird zu einer Lebensform, die einem entleerten Leben den Sinn zurück gibt. Ein kleiner Tropfen auf den heissen Stein? Vielleicht. Und doch, wenn es Menschen, die einen so hohen Preise bezahlt haben, gelingt, diesen unvorstellbaren Schritt zu tun, dann scheint plötzlich alles möglich.

Mitglieder des PCFF, Copyright PCFF

Bilder von Teilnehmenden an der Veranstaltung wurden zu ihrem Schutz nicht publiziert. Die Zitate von Rami Elhanan stammen aus einer Rede publiziert auf der Seite von PCFF.

Danach

Ich wache auf aus einem unguten Traum. Es ist drei Uhr morgens. Im Bett neben mir im Hostelschlafsaal packt ein israelischer Soldat seine Tasche, halb überstürzt halb verschlafen schultert er den Rucksack, das Gewehr, Kontrollblick im Spiegel. Einer von 800’000 Soldaten, die 8 Millionen Menschen zu beschützen haben und permanent das Bild eines Landes und die Identität einer Nation prägen. Ich möchte nicht wissen, worauf er heute seine Waffe richten wird. Es ist Nakba-Tag.

Und wenn er einer dieser Scharfschützen ist, die ja laut der israelischen Streitkräfte "ausgebildet sind um zu Töten und nicht um Demonstranten abzuschrecken"? Und ich ertappe mich bei einem Gedanken, den ich lieber nicht zu Ende denke. Und ich denke an Dostoevskij und an Schuld und an Rache und an Gerechtigkeit und das Recht auf Leben und das umstrittene Recht auf Frieden. Ich denke an das bedrückend-erleichternde Gefühl, sich in einem Raum zu befinden, in dem man die einzige Person ist, die keine Angehörigen an den Krieg verloren hat. Kein einziges Familienmitglied, seit Generationen. Und ich denke an die Chancen und Risiken des gewaltlosen Widerstandes gegen menschenunwürdige Umstände und an das verführerische Gefühl der Machtlosigkeit hinsichtlich des hundertfach verstrickten Konflikts in diesem Land.

“Ihr Europäer werdet das nie verstehen”, sagte mir am Tag zuvor ein junger Israeli mit arabisch-europäischen Wurzeln nach unserem gemeinsamen Jogakurs. “Wir sind ein traumatisiertes Land. Wenn ein Mensch ein Trauma hat, behandelt ihr ihn auch nicht gleich wie einen, der keines hat.” Aber daraus das Recht ableiten, selbst zum Trauma für andere zu werden? Wie viel kann man mit dem eigenen Schmerz rechtfertigen und was wenn sich dieser Schmerz nicht im Kampf gegen den anderen sondern im Kampf gegen die Gewalt ausdrückte?

Ich blättere durch das "Kochbuch", und lese Geschichte nach Geschichte, suche weiter, online, höre, lese, schaue. Verluste über Verluste, ein Gefallener, zwei Gefallene, fünf Gefallene, 17 Gefallene in einer einzigen Familie. Ich denke an Fatima, an Noga, Itay, Michal, Robi, Sabrya, Tamara, Amna, Ayelet, Batya, Bushra, Hanan, Nabila, Nasra, Rachel… Die Leben verschwimmen.

Was bleibt ist die Haltung und die Hoffnung.

Wie viel Resilienz sie aufbringen. Wie viel Lebenswillen. Wie viel Friedenswillen.

Trotz und dank der Trauer um ihre Liebsten.

Keine einfache, aber eine eindrückliche Begegnung.

Die Trennungswand in Bethlehem
Created By
Lea Suter
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Credits:

Lea Suter

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