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Andreas Bindl ZwischenWelten

ZwischenWelten

Die Zeit zwischen den Jahren ist in den alten Mythen und Bräuchen des Bayerwaldes, wie auch des Alpenraums, die Zeit der „Wilden Jagd“. Eine ZwischenZeit, in der dämonische Gestalten aus einer anderen Welt durch die Nächte wirbeln. Wehe dem, der in ihre Fänge gerät, denn die Tore zu den mystischen Welten sind offen, wie sonst könnte der Übergang von der Dunkelheit ins Licht auch gelingen. Und ein solcher Dämon scheint auf der Einladungskarte zur Ausstellung ZwischenWelten (Andreas Bindl 1928–2010) in der Galerie 13 sein Unwesen zu treiben: eine große, grotesk maskenhafte Gestalt mit herausgestreckter Zunge, mit nur wenigen Strichen angedeutet, und ein Vogel im Vordergrund, verwischt, beide einem engen netzartigen Tunnel zustrebend. Der Betrachter fragt sich, was das soll, und wird doch nicht losgelassen von der Dynamik der Zeichnung. Dabei zeigt dieses Bild schon die ganze Palette von Andreas Bindls Arbeiten: hell und dunkel, zarte Striche wie auch plakatives Auftragen der Nichtfarben Schwarz und Weiß. Vielleicht ist es gerade diese Beschränkung auf die Reduktion, die den Sog seiner Arbeiten ausmacht.

Geboren 1928 auf einem kleinen Hof im Alpenvorland bei Rosenheim, zeigte das sensible Kind schon früh großes Mitgefühl mit der ihn umgebenden Kreatur. Und nach dem viel zu frühen Tod der Mutter Ende der 1930er Jahre tauchte er ein in die Welt des melancholischen Schmerzes, der Trauer und des Verlustes, die ihn zeitlebens begleiten sollte. Aufgefangen wurde er damals von einem Priester des Ortes, der ihn nicht nur mit dem Glauben, sondern auch der Magie der Musik in Berührung brachte, die für ihn zu einer fortwährenden Inspirationsquelle wurde. Nach dem Abschluss seiner Schreinerlehre wagte er sich daher auch in das zerstörte Nachkriegs-München und studierte Bildhauerei bei Prof. Henselmann, mit erst 22 Jahren dann als Meisterschüler. Auch wenn Andreas Bindl zunächst der christlichen Kunst verbunden war, entwickelte er doch schon früh eine eigene Formensprache und suchte Kontakt zu neuen, auch provokanten künstlerischen Strömungen wie der Gruppe Spur, die ihn unbewusst-bewusst mit seinen Wurzeln in Berührung brachte. Denn seine Großmutter väterlicherseits stammte aus dem Grenzgebiet zwischen Oberpfälzer und Bayerischem Wald. Er tauchte hier auch in die Pop-Art ein, probierte sich aus, spielte, verwarf und entwickelte dabei Anfang der 1970er Jahre erste Bildkollagen, eine Verknüpfung der Dimensionen von Zeichnung und Plastik. Dabei blieb er – trotz aller Abstraktion – immer der Figur treu, auch wenn er sie teilweise nur noch in sich fast auflösenden Formen andeutete. Die Gestalten der 70er Jahre, die leeren Räumen folgten, waren dabei oft kopflos, nur noch eine vom Gewand gehaltene Hülle. Das änderte sich, als er Anfang der 1980er Jahre einen Lehrauftrag für Aktzeichnen an der Münchner Akademie der Bildenden Künste erhielt, denn nun erkundete er den menschlichen Körper nochmals: Wenige Striche, Aquarellfarben – und ein ganzer Charakter wurde sichtbar. Dazwischen entstanden auch Landschaftsbilder, inspiriert von seiner, nach zwei Jahrzehnten intensiven Reisens, nun vierten Heimat Ligurien, wo er seit Mitte der 1970er Jahre zusammen mit seiner Ehefrau Marianne ein altes Haus in den Ausläufern der italienischen Seealpen renovierte. Fast expressionistisch sucht er die Gebäude, die mutig, fast trotzig auf den Felsvorsprüngen thronen, auf Papier zu bannen, wobei es sich um die wenigen Bilder handelt, in denen seine Farbpalette um Rot, Blau und Grün erweitert ist. Und Italien, vor allem das toskanische Florenz, sollte für ihn 1986 nochmals nicht Wendepunkt, vielmehr Erweiterung seines Schaffens bedeuten. Durch den renommierten Villa Romana-Preis traf er dort mit drei weiteren Künstlern zusammen, die ihm, dem oft schwermütigen Menschen, neue Lusträume eröffneten, die sich mit seinen leiden(s)schaftlichen Bildern zu einer ganz eigenen künstlerischen Sprache verknüpften. Es ging nun noch mehr um menschliche Gestalten, die, in einem wilden Tanz aneinandergekettet, blind und verstörend, von einer unauflösbaren Tragik der Existenz berichten. Oft wurde versucht, diese Dynamik seiner Arbeiten zu greifen, sein Bestiarium aus Schlange, Vogel, Hund, Fisch, Hirsch und Mensch zu fassen. Doch genau dies widerspricht jeder Intention von Andreas Bindl, für den seine Arbeiten gerade das ausdrücken, was unsagbar ist. Ich will daher auf schon Verdichtetes zurückgreifen und denke, dass er, der Rainer Maria Rilke sehr schätzte, sich in den Auszügen aus den Duineser Elegien(1) wiederfinden könnte.

(1) Aus: Rainer Maria Rilke (2006): Die Gedichte, Insel Verlag, Berlin (ebook 2010)

Die Rechnung geht auf, es entsteht ein Strich, Form findet Raum, die Tür zu den Archetypen ist aufgestoßen. Und in diesem schöpferischen Prozess entwickelt sich gerade aus der Verlorenheit der Heimat(losigkeit) Neues:

In seinen letzten Jahren dann kehrte Andreas Bindl auch schöpferisch in die Heimat der Kindheit, die Bergwelt, zurück. Und er schuf aus leichtem Aluminiumblech Berge und Stelen monumentalen Ausmaßes, die wieder in den Polaritäten Schwarz und Weiß, Schwer und Leicht, Standhaft und Tanzend zugleich schweben. Außerdem wurde nun die Beschäftigung mit der eigenen Endlichkeit drängender. In immer wiederkehrenden Variationen bearbeitete er das Motiv des (Toten-)Schiffs.

Dabei berühren diese Bilder auf ganz besondere Weise ihre Betrachter und bringen in jedem von uns etwas in Resonanz, zum Klingen.

Am Ende war es dann auch nicht verwunderlich, dass Andreas Bindl zwischen den Jahren 2009/10 ging, wobei ich selbst als Schwiegertochter den Eindruck hatte, dass er gerade in seinen letzten Tagen, in denen er noch zwei für ihn typische Weihnachtsdrucke entwarf, die sein Sohn Thomas für ihn, den körperlich schon sehr Gezeichneten, druckte, darin die Essenz seines Lebens hinterließ. Zum einen ist da das Thema der Vertreibung und Flucht der Heiligen Familie, das fast schon prophetisch ob der Bilder der letzten zehn Jahre wirkt. Doch die andere Karte zeigt die Heiligen Drei Könige. Man sieht nur ihre Köpfe und sie blicken neugierig und hoffnungsvoll, wie er selbst, in die Welt, ohne nur vordergründig zu sein. So war Andreas Bindl: Er hat sich wie die Weisen aus dem Morgenland auf den Weg gemacht, war oft in ZwischenWelten und ließ sich in seinem Schaffen unbeirrbar auf eine Verheißung ein, die keinen Stillstand kennt. Und vielleicht ist es das, was seine Arbeiten so zeitlos sein lässt, sie haben Teil an einer höheren Wirklichkeit, die wir Werden und Vergehen oder einfach Leben nennen.

Oberalteich, den 12.01.2021

Dr. med. Dr. phil. Barbara Häcker

Katalog

Katalog ANDREAS BINDL Arbeiten aus fünf Jahrzehnten 1999 € 20,-

Dank

Möchte mich sehr herzlich bei Frau Dr.med. Dr.phil. Barbara Häcker und bei Thomas Bindl für die schöne Zusammenarbeit, die gelungene Vorbereitung dieser Ausstellung bedanken. Lieber Paulo auch Dir ein großes Dankeschön für die erneute Umsetzung in digitaler Form.

Die Ausstellung ist von 1.Februar bis 27.Februar zu den Öffnungszeiten der Galerie zu besuchen. Selbstverständlich unter Berücksichtigung der Hygienevorschriften aus Anlass der COVID-19 Pandemie.

Sollten Sie den Wunsch haben, einen Einzeltermin außerhalb der Öffnungszeiten zu erhalten, bitten wir um telefonische Anmeldung.

galerie 13 - fritz dettenhofer

Created By
Paulo Mulatinho
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