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Grenzgänger Auf dem Weg zur Arbeit oder zum Tanken: Wer in der Region Trier lebt, stößt regelmäßig an Grenzen. Doch es gibt mehr als nationale Trennlinien: kleine und große, körperliche und mentale. Hier erzählen Triererinnen und Trierer von ihren ganz persönlichen Grenzerfahrungen. Und ein Experte erklärt, warum Grenzen wichtig sind – und in einigen Fällen dennoch überschritten werden sollten.

Thomas Cuers

Pendelt als Busfahrer zwischen Trier und Luxemburg

"In meinem Job überschreite ich die Grenze mehrmals in der Woche."

Als Busfahrer bringe ich Passagiere über die Grenze zwischen Trier und Luxemburg. So komme ich täglich mit verschiedensten Menschen zusammen - grenzübergreifend.

Die Menschen kommen viel entspannter in Luxemburg und auf der Arbeit an, wenn sie mit dem Bus fahren. Ich bin jetzt schon mehr als zehn Jahre Busfahrer bei Emile Weber Reisen. Einer der Gründe für meine Entscheidung, Busfahrer zu werden, war für mich der zwischenmenschliche Faktor. Ich mag es, jeden Tag bekannte, aber auch neue Gesichter zu sehen und Menschen kennen zu lernen.

Das Überschreiten der Grenze von Trier nach Luxemburg ist weder für die Passagiere noch für mich wirklich merkbar. Ich genieße die Fahrt, während viele Gäste die Zeit vor der Arbeit noch für ein Nickerchen oder zum Entspannen nutzen. Wir vergessen heute oft, wie schnell und einfach die Überschreitung von geografischen Grenzen ist. Dabei ist das nicht selbstverständlich.

Sind Grenzen etwas Gutes oder Schlechtes?

Gut finde ich an Grenzen, dass sie uns zeigen, wie viel uns mittlerweile möglich ist. Ich weiß noch, wie ich als Kind mit meinem Vater nach Luxemburg fuhr: Damals dauerte die Fahrt manchmal ewig, weil es noch Grenzkontrollen gab. Mal eben für einen Kaffee nach Frankreich oder Luxemburg zu fahren, das ging nicht immer so einfach. Heute können wir fast grenzenlos reisen. Grenzen erinnern mich an eine positive Veränderung.

Protokolliert von Lea Nordmann

Charlotte Weber*

*Name geändert

Musste lernen, was es bedeutet, an die eigenen Grenzen zu stoßen.

"Burnout heißt für mich, dass man durch den Körper eingeschränkt wird - ich wollte noch, konnte aber einfach nicht mehr."

Früher war ich der Überzeugung: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Dann habe ich meine eigene Grenze kennen lernen müssen. Ich bin ein neugieriger und motivierter Mensch, der gerne viel zu tun hat - das wurde mir zum Verhängnis. Über einen zu langen Zeitraum habe ich meine Pausen auf später verschoben, bis irgendwann alles zu viel wurde und ich an meine Grenze gestoßen bin. Ich konnte mich auf nichts mehr konzentrieren. Aber nicht nur für meine Pflichten hatte ich keine Kraft mehr. Auch die Dinge, die ich eigentlich gerne gemacht habe, wie zum Beispiel Musikhören oder Malen, haben mir keine Freude mehr bereitet. Dass ich tatsächlich eine Grenze überschritten hatte, habe ich allerdings lange nicht realisiert. Zuerst dachte ich, das sei nur eine Phase. Doch diese niedergeschlagene Stimmung hat einfach nicht aufgehört. Ich war wie ausgebrannt.

Im Nachhinein weiß ich, dass mein Körper die Reißleine gezogen hat, als ich an meine Grenze kam. Es ist schwierig zu sagen, dass ich “geheilt” bin, denn immer wieder stoße ich an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit. Doch seit dieser Erfahrung arbeite ich bewusst an mir: Ich bin nicht mehr so streng mit mir und versuche, auf mich Acht zu geben, wie ich es auch bei einer Freundin tun würde.

Sind Grenzen etwas Gutes oder Schlechtes?

Erst, wenn man eine Grenze überschreitet, kann man sehen, was dahinter liegt – das kann etwas Gutes oder etwas Schlechtes sein. In meinem Fall war es etwas Schlechtes. Ich weiß jetzt, dass ich diese Grenze nicht noch einmal überschreiten möchte. Doch die positive Seite daran war: Mir ist bewusst geworden, wie wertvoll die eigene Gesundheit ist und wie wichtig ein rücksichtsvoller Umgang mit sich selbst.

Protokolliert von Nicole Jakob

Philip Schneider

Überwindet als Bodybuilder seine physischen Grenzen. Eine andere möchte er jedoch nicht überschreiten.

"Manche meinen, dass man in meinem Alter nicht mehr an die Grenzen gehen sollte. Ich geh' immer noch bis unendlich."

Es gibt Leute in meinem Alter, die gehen am Stock. Sport - davon können sie nicht mal mehr träumen. An solche Grenzen stoße ich zum Glück nicht, ich trainiere auch heute noch. Das mache ich allerdings nur, weil ich schon mein Leben lang Sport getrieben habe.

Ich bin eine Kämpfernatur, schon immer gewesen. Nach einer Verletzung am Knie, die ich mir in jungen Jahren zugezogen habe, empfahl mir mein Arzt ein Aufbautraining. So kam ich ins Fitnessstudio. Da fragte mich dann ein Freund, ob ich nicht Lust hätte auf Bodybuilding. Und das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich seitdem jedes Jahr an ein bis zwei Wettbewerben teilnehme.

Dafür muss ich fit sein. Deshalb ist es wichtig für mich, stets an meine physischen Grenzen zu gehen. Mit 59 Jahren und 220 Kilo Gewicht sollte man eigentlich Kniebeugen vermeiden - ich mache ab und zu trotzdem welche. Solange ich fit bin, bleibe ich am Ball.

Ich habe regionale Wettkämpfe gemacht bis zur deutschen Meisterschaft. Höher will ich nicht gehen - da müsste ich nachhelfen mit Doping. Ich bin jedoch Natur-Bodybuilder und möchte das auch bleiben. Die Grenze, unerlaubte Medikamente zu nehmen, möchte ich nicht überschreiten.

Sind Grenzen etwas Gutes oder etwas Schlechtes?

Protokolliert von Kevin Press

Najib Maqsudi

War und ist als Geflüchteter immer wieder mit Grenzen konfrontiert.

„Oft tun sich Grenzen auf, wenn man die Sprache noch nicht richtig kann.“

Ich bin Najib und lebe seit vier Jahren in der Region Trier. Geboren bin ich in Afghanistan, aufgewachsen im Iran. Im Laufe meines Lebens bin ich oft an Grenzen gestoßen.

Eine Grenze, die zu Beginn sehr schwer zu überwinden war, ist die Sprachbarriere. Ganz alltägliche Dinge haben enorme Hürden dargestellt. Ich konnte mich nicht ohne Weiteres auf der Straße mit Menschen unterhalten, selbst das Einkaufen war schwierig. Zu dieser Zeit verlief eine harte Grenze zwischen den Trierern und mir. Einige Menschen trauten mir zum Beispiel während meiner Ausbildung auch weniger zu, weil mein Deutsch noch nicht so gut war.

Auch Grenzen durch behördliche Auflagen spielen in meinem Leben eine Rolle. Obwohl ich schon seit vier Jahren in Deutschland bin, darf ich noch nicht selbst entscheiden, wo genau ich wohnen möchte. Ich lebe in einem kleinen Dorf bei Trier, in dem ich leider nicht einmal einkaufen gehen kann. Der Bus kommt nur zweimal am Tag. Hier stoße ich an eine Hürde, wenn ich etwa eine Arbeit suche oder ein Praktikum plane.

Es gibt auch ganz kleine Dinge, die Grenzen darstellen können: ein unterschiedlicher Humor zum Beispiel. Viele Dinge, über die man in Deutschland herzlich lachen kann, lassen die Menschen im Nahen Osten nicht mal schmunzeln, und umgekehrt ist es genauso.

Alles in allem habe ich die Trierer als sehr herzliche und offene Menschen kennengelernt. Im Multikulturellen Zentrum habe ich Sprachkursen belegt und viele nette Leute und Freunde kennengelernt, die ich nicht mehr missen möchte. Ist die Sprachbarriere erstmal überwunden, trennt uns nicht mehr viel voneinander.

Sind Grenzen etwas Gutes oder etwas Schlechtes?

Protokolliert von Hendrik Christ

"Limitationen sind für das menschliche Zusammenleben essentiell."

Benedikt Strobel ist Professor für Philosophie an der Universität in Trier und erklärt im Interview, warum eine Gesellschaft ohne Grenzen nicht funktionieren würde - und wann Grenzen überwunden werden sollten.

Was genau sind eigentlich Grenzen?

Zum einen gibt es Grenzen im Sinne von Trennlinien, also beispielsweise räumliche Grenzen zwischen einzelnen Staaten. Diese Trennlinie kann mehr oder weniger durchlässig sein, wir sprechen von offenen und geschlossenen Grenzen. Die zweite Bedeutung wird im Zusammenhang mit Limitationen genutzt, etwa, wenn wir von begrenzten Ressourcen sprechen.

Sind Grenzen natürlich oder von Menschen gemacht?

Es gibt viele natürliche Grenzen. Die natürlichste verläuft zwischen mir und allem anderen. Auch viele räumliche Abtrennungen sind nicht von Menschen gemacht, zum Beispiel die zwischen Meer und Festland. Grenzen im Sinne der Limitation können ebenfalls natürlich sein - mit dem Tod beispielsweise endet das Leben. Menschengemachte Trennlinien kommen besonders im sozialen und politischen Bereich vor, unter anderem durch die Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem Raum.

Warum setzen Menschen Grenzen?

Die Errichtung von Grenzen ist oft mit einer Schutzfunktion verbunden. Das gilt sowohl für den individuellen als auch den politischen Bereich. Limitationen sind für das menschliche Zusammenleben essentiell. Wenn der Mensch seine Begierden und Emotionen nicht in Schranken weisen würde, könnte Gesellschaft nicht funktionieren. Rechtliche Grenzen sollen die Freiheit des Einzelnen schützen und sind somit gleichzeitig die Bedingung für Freiheit.

Ist es gut, Grenzen zu überschreiten?

In Bezug auf die eigenen Fähigkeiten ist es wichtig, Grenzen zu überschreiten. So ist es möglich, vermeintliche Limits der Leistungsfähigkeit zu verschieben. Zu einem Problem kann das allerdings werden, wenn ein zu hoher Druck entsteht. Bei gesetzlichen Restriktionen ist eine Überschreitung problematisch. Führen Gesetze allerdings zu Diskriminierung, sollten diese Grenzen überwunden werden.

Was wäre, wenn es keine Landesgrenzen gäbe?

Zunächst wäre es durchaus begrüßenswert, wenn sich alle Staaten einer transnationalen Rechtsordnung unterwerfen würden. Das würde noch nicht gleich die Abschaffung aller Nationalstaaten, aber eine Einschränkung ihrer Souveränität bedeuten. Mit der EU ist das teilweise schon realisiert worden. Problematisch kann das werden, wenn innerhalb der Staaten das Gefühl entsteht, benachteiligt zu werden oder hinter den anderen zurück zu bleiben. Daraus kann als Gegenbewegung ein starker Nationalismus entstehen.

Interview: Jelka Weyland

Diesen Beitrag haben Studierende des Fachs Medienwissenschaften an der Uni Trier in einer Lehrveranstaltung des Trierischen Volksfreunds erstellt.

Redaktion und Texte: Hendrik Christ, Nicole Jakob, Lea Nordmann, Kevin Press, Jelka Weyland

Fotos: Hendrik Christ, Julian M. Greve, Nicole Jakob, Lea Nordmann, Kevin Press, Jelka Weyland

Projektleitung: Inge Kreutz