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„Ich freue mich, im kommenden Jahr das Schiff wieder in Fahrt zu bringen“ Im Gespräch mit dem Kommandanten der „Gorch Fock“, Kapitän zur See Nils Brandt, zum Instandsetzungsfortschritt und zur Stimmung unter den Soldaten

Ein paar Worte vorweg zum Thema „Gorch Fock“: Über die Notwendigkeit der Ausbildung an sich haben wir schon mehrfach berichtet. Gerne würden wir an dieser Stelle aus eigener Wahrnehmung heraus über den Fortschritt der Instandsetzungsarbeiten berichten. Das war aber leider nicht gewollt. Wir sind uns sicher, dass man uns nichts vorenthalten möchte. Sollte es zu weiteren größeren Verzögerungen, gleich welcher Art, kommen, fliegt das den zuständigen Bereichen in der Bundeswehr eh’ um die Ohren... Aber es wäre unseres Erachtens durchaus sinnvoll gewesen, auch mal zu zeigen, dass es funktioniert. Nun gut, es lässt sich gerade nicht ändern. Also „beschränken“ wir diese Berichterstattung auf das Gespräch mit dem Kommandanten, Kapitän zur See Nils Brandt.

Kapitän zur See Nils Brandt

Die Bundeswehr: Herr Kap’tän, wir wollen an dieser Stelle ein wenig über den Gemütszustand von Kommandant und Besatzung erfahren. Wie geht es Ihnen? Wie motiviert man sich nach so langer Zeit in der Werft überhaupt noch? Wann geht es endlich wieder los? Und gerne würden wir ein paar Worte zum Thema „Warum bilden wir auf einem Segelschulschiff aus?“ aus Ihrer Sicht hören.

Aber zunächst ganz zurück zum Anfang: Wann waren Sie selbst das allererste Mal auf der „Gorch Fock“ und woran erinnern Sie sich besonders?

Kapitän zur See Nils Brandt: Ich habe 1986 meine seemännische Grundausbildung auf der GOR absolviert. Ich erinnere mich immer noch an den ersten Schritt an Deck und den Weg in die Division (Unterbringungsdeck) und die Frage: „Hier sollst du jetzt acht Wochen leben?“ Aber es war toll und es wurde der Wunsch angelegt, irgendwann einmal an Bord zurückzukehren.

Die „Gorch Fock“ hat in der Vergangenheit für Negativschlagzeilen gesorgt. Geht Ihnen das persönlich nahe? Wie ist die Stimmung innerhalb der Mannschaft?

Die Werftzeit hat uns alle an Bord sehr gezeichnet, aber auch zusammengeschweißt. Viel zu oft mussten wir uns mit dem Gedanken an das Ende des Schiffes auseinandersetzen und ganz besonders im Dezember 2018, als wir eigentlich 60 Jahre „Gorch Fock“ an der MSM begehen wollten, kam es ganz dick. 2019 begann für meine Besatzung und mich mit großen Sorgen und auch die vielen negativen Schlagzeilen haben uns zum Teil sehr getroffen. Wir mussten erleben, dass „Gorch Fock“ eben zwei Seiten hat, das tolle Schiff, aber auch die Munition, der Aufmacher für alles Mögliche, welches eigentlich mit dem Schiff nichts zu tun hat. Für mich war wichtig, dass meine Besatzung nicht nur durch die Medien „informiert“ wurde, sondern dass sie von mir erfahren haben, was wirklich passiert. Ich habe fast wöchentlich Info-Mails an die Besatzung geschrieben, damit sie gegenüber ihren Familien und Freunden die Fakten hatten und auch erklären konnten.

Kapitän zur See Nils Brandt mit Marinesoldaten an Bord der "Gorch Fock".

Die Stimmung war phasenweise sehr getrübt, aber wir haben die Hoffnung nie ganz verloren. Wir wussten, für was wir uns einsetzen und kämpfen. Und die Besatzung hat sich die ganze Zeit absolut vorbildlich verhalten, Frust und Dienstvergehen waren kein Thema, auch wenn ich Verständnis gehabt hätte, wenn sie sich über Tische und Bänke gezogen hätten.

Unter Planen liegt das Segelschulschiff "Gorch Fock" im Juli 2020 in der Lürssen- Werft. Zumindest die Masten sind bereits wieder zu sehen.

Wie oft – und warum – sind Sie derzeit an Bord der „Gorch Fock“?

Ich habe meinen Arbeitsplatz auf dem Wohnboot, auf dem wir mit der Besatzung wohnen, unsere Routinen fahren und den Instandsetzungsfortschritt begleiten. Schließlich müssen wir auch für die betriebstechnische Sicherheit und Zugangskontrolle auf dem Wohnboot und der „Gorch Fock“ sorgen.

Welchen Einfluss haben Sie als Kommandant auf den Baufortschritt?

Wir als Besatzung stehen als die Erfahrungsträger der Bauleitung und Projektleitung der Werft mit Rat und Tat jederzeit zur Verfügung. Es hat aufseiten der Bauleitung und natürlich auch der Werft in den letzten vier Jahren ein großer Personalwechsel stattgefunden, sodass die letzte verbliebene Konstante nur noch durch die Besatzung gestellt wird und wir schließlich auch die ganze Erfahrung im Betrieb des Schiffes haben. Es ist aber eine gute Teamleistung aller Beteiligten, die gemeinsam Garant für eine erfolgreiche Durchführung und Beendigung des Instandsetzungsvorhabens sind.

Wie gestaltet sich (prinzipiell) die Zusammenarbeit mit der zivilen Seite?

Wie oben angesprochen, sind wir inzwischen ein echtes Team geworden, welches professionell und am Ziel orientiert zusammenarbeitet.

Wie motivieren Sie sich und Ihre Mannschaft nach so langer „Zwangspause“?

Mich motiviert meine Besatzung, und ich bin sehr dicht bei meinen Frauen und Männern, stehe für Gespräche zur Verfügung, erkläre Zusammenhänge, berichte von kleinen Erfolgen und Zwischenzielen, versprühe manchmal auch Zweckoptimismus, aber schließlich bin ich auch sehr offen und ehrlich gegenüber meiner Besatzung. Auch konnte ich in der Vergangenheit meine Emotionen nicht immer verbergen, aber meine Besatzung hat mir auch Kraft und Rückhalt gegeben, denn für sie und die nachfolgenden Generationen galt es, das Schiff zu erhalten.

Im Juli 2019 hatte die Fassmer- Werft in Berne die "Gorch Fock" an Land geholt, um sie im Trockendock zu lackieren und wieder aufzubauen.

Bekommen Sie Rückmeldungen aus anderen Teilstreitkräften zum Thema „Gorch Fock"?

Es sind eher die persönlichen, kameradschaftlichen Reaktionen und überwiegend Zuspruch und Anerkennung, wie wir mit der Situation umgehen. Viele kennen vergleichbare Situationen, wenn Fluggeräte nicht fliegen, Panzer nicht fahren oder anderes nicht so funktioniert wie gewünscht.

Ende Mai 2021 soll die „Gorch Fock“ fertiggestellt sein. Was ist dann als Erstes geplant? Gibt es schon erste Ziele?

Nach Abschluss der Funktionsnachweise und Übergabe des Schiffes steht die Ausbildung der Stammbesatzung für die sichere Teilnahme am Seeverkehr, die Schadensabwehr und den sicheren Betrieb des Schiffes an allererster Stelle. Nach der „Seeklar-Besichtigung“ durch den Kommandeur wird der Schwerpunkt auf der Segelausbildung liegen. Zum Glück konnten wir durch die Nutzung der „Alexander von Humboldt II“ für einen Teil der Besatzung die Erfahrung erhalten und die Neuen ausbilden, sodass wir auf eine gewisse Basisausbildung aufbauen können. Aber erst, wenn diese abgeschlossen ist, werden wir die Ausbildung der Lehrgangsteilnehmer wieder aufnehmen. Ziel ist eine sichere Auftragserfüllung.

Das Segelschiff "Alexander von Humboldt II" vor Teneriffa im Atlantik

Und schließlich noch: Warum bilden wir auf einem Segelschulschiff aus? Ist das nicht anachronistisch in Zeiten von Hightech-computergesteuerten Schiffen?

Unseren Beruf als Marinesoldaten macht die Dimension „See” aus, es ist dabei egal, ob als Bordfahrer, im Seebataillon oder als Spezialkräfte. Wir alle müssen erfahren, in oder aus welchem Element heraus wir operieren. Und Wind und Wellen haben einen erheblichen Einfluss auf das „Wie“. Aber auch die Teamausbildung ist ein wichtiger Aspekt, der auf der „Gorch Fock“ gelebt werden muss, da sonst das Schiff nicht betrieben werden kann. Auch hier wird vermittelt, dass nur das „Wir“ es schafft und die gegenseitige Rücksichtnahme und Respekt gegenüber den anderen es ermöglicht, eine Besatzung zu werden. Ich habe auch deshalb für die Instandsetzung des Schiffes argumentiert, da sich ein Neubau an modernen Standards hätte orientieren müssen. Auf der „Gorch Fock“ kann ich immer wieder sagen: Das Schiff ist 62 Jahre alt, 89 Meter lang und 12 Meter breit und um alle darauf auszubilden und unterzubringen, kann es nicht anders sein. Und wenn die meisten von uns auf ihre Zeit an Bord zurückblicken, so war es eine prägende und erinnerungsreiche Erfahrung.

Abschließende Worte?

Ich bin froh, dass Licht am Ende des Tunnels erkennbar ist, die Werft gute Arbeit macht, und ich freue mich, im kommenden Jahr das Schiff wieder in Fahrt zu bringen. Nach dann über sieben Jahren als Kommandant gehe ich sicherlich mit weinenden Augen von Bord, aber auch mit der Zufriedenheit, einen kleinen Teil zum Erhalt dieses Schiffes beigetragen zu haben.

Das Interview führte Fregattenkapitän Marco Thiele

Fotos: dpa, imago images/TheYachtPhoto.com, Bundeswehr/MFG3

Video: Bundeswehr

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Schmidt/ Kruse
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