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«Ich habe gespürt, wie die Schafe ticken» Mit seiner Drohne wollte Markus Bärtschi Schafe zählen. Im Interview erzählt er über seine Erfahrungen als Alphirte.

Videoproduzent Markus Bärtschi (37) lebt in zwei Welten. Er hat den Sommer 2019 mit seiner Frau Ira auf einer Alp in der Ostschweiz verbracht. Die beiden haben dort rund 300 Schafe versorgt. Markus hat dabei gelernt, weniger zu wollen und mit Angst umzugehen.

Interview: Lars Bo Müller; Fotos: Oscar Liberona und Renato Barnetta

Lesen Sie auch den Beitrag von Markus Bärtschi, den er auf der Alp geschrieben hat. Diese Welt eröffnete ihm ganz neue Perspektiven.

Was war die eindrücklichste Erfahrung als Schafhirte auf der Alp? Zu begreifen, wie die Tiere funktionieren. Zum Beispiel zu sehen, wie ein Schaf mit Schmerzen umgeht. Gewöhnliches Klauenschneiden ist für das Schaf nicht schmerzhaft. Bei medizinischen Klauenbehandlungen kann es aber ein wenig wehtun. Wenn die Schafe hinken, weil sie Schmerzen haben, müssen wir schneiden, um die Ursache zu beseitigen. Das können Eiterabszesse oder Verletzungen von scharfen Steinen sein. Wir setzen das Tier also auf das Hinterteil, ich halte es fest, und meine Frau bedient das Klauenmesser.

Im Moment des Schneidens stöhnt das Schaf auf, verkrampft sich und knirscht mit den Zähnen. Unmittelbar danach ist es wieder komplett entspannt. Bis zum nächsten Schnitt, bei dem es kurz wieder seinen Schmerz zeigt. Dazwischen bleibt das Tier völlig ruhig. Es scheint keine Erinnerung an den vorherigen Schmerz zu haben und fürchtet sich nicht vor dem nächsten Schnitt. Es ist völlig gelassen. Unmittelbar nach der Behandlung stellen wir das Schaf wieder auf die Beine. Es schnuppert kurz und fängt gleich wieder an zu fressen, offensichtlich mit der Haltung:

«Wenn ein Problem aktuell ist, kümmere ich mich darum, ist es nicht aktuell, kümmere ich mich nicht darum.»

Dich nur um unmittelbare Probleme zu kümmern – das hast du von den Schafen gelernt? Das kann ich bestätigen. Ich habe mir auf der Alp angewöhnt, keine Energie für die Probleme der Vergangenheit und der Zukunft aufzuwenden. Die Tiere leben gut damit, sich nicht zu viele Gedanken zu machen.

Wo wurde dir beigebracht, mit Schafen umzugehen? Wir wohnen in Stadtnähe, auf dem Bauernhof von Alpmeister Bruno und seiner Freundin Sabrina. Auf dem Hof leben ein paar hundert Schafe, um die wir zwangsläufig immer herum sind. Seit Jahren hören wir die Hirtengeschichten auf dem Hof. Irgendwann haben wir gedacht: Das wollen wir jetzt auch erleben.

Meine Frau hat schon zu Hause bei der Aufzucht der Lämmer mitgeholfen. Wenn die Schafe auf dem Hof ausbrechen, helfen wir, sie zusammenzutreiben. So haben wir schon länger gesehen, wie mit den Tieren gearbeitet wird. Das war die mentale Vorbereitung. Die konkrete Vorbereitung dauerte etwa eine Woche. Wir haben gelernt, worauf bei den Schafen und den Hunden zu achten ist: wie Klauen geschnitten, wie Krankheiten behandelt, wie die Schafe getrieben und Weiden bewirtschaftet werden.

Worauf warst du nicht vorbereitet? Darauf, dass die Schafe nicht das tun, was ich ihnen sage. Mir wurde geraten, zu lernen, ein wenig «fauler» zu sein. Etwas weniger zu wollen. Ich kam auf die Alp und glaubte, den Schafen genau vorgeben zu müssen, was sie zu tun haben, obwohl ich keine Ahnung davon habe. Dabei wissen es die Schafe oft besser – manchmal aber auch nicht. Es galt herauszufinden, wo die Grenze ist. Das war die Herausforderung. Täglich mussten wir die Schafe in die Nachtweide treiben. Manchmal mussten wir dafür den Hund einsetzen, manchmal stellten wir uns bloss in den Nachtpferch, riefen nach den Schafen, und sie kamen von alleine. Warum, weiss ich bis jetzt nicht.

Ich dachte anfangs, alles müsse schnell gehen, die Schafe müssten jetzt sofort da hinein.

Wie konntest du dich von diesem Druck lösen? Gegen Schluss der Alpzeit habe ich bewusst bis zu drei Stunden damit verbracht, die Schafe in die Nachtweide zu führen. Irgendwann habe ich gespürt, wie die Schafe ticken. Sobald ich merkte, dass sie die Absicht zeigten, zum Pferch zu kommen, konnte ich weitergehen. Alles ging sehr langsam und gemütlich vor sich, aber am Schluss waren die Tiere versorgt. Ich lernte, dass es viel entspannter und sicherer ist, wenn das Schaf seinen eigenen Weg gehen kann und nicht vom Hund getrieben wird.

Die Hunde gehören dir ja nicht. Haben sie dich trotzdem als Chef akzeptiert? Unsere Herdenschutzhunde mussten mich nicht als Chef akzeptieren. Diese Hunde wissen, was zu tun ist. Ich musste sie nicht herumkommandieren. Wir haben zusammen auf die Schafe geschaut, hatten eine gemeinsame Aufgabe. Unser Hütehund Jess hingegen hatte meine Anweisungen zu befolgen, was er meistens auch tat.

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Auf einmal hatte ich dort, im steilen Gelände, keinen Halt mehr.

Gab es gefährliche Situationen? Ich erlebte schon Momente, in denen nicht mehr alles so easy war. Zum Beispiel als ich mal im steilen Geröll unterwegs war und wütend wurde. Ich wollte ein Netz spannen und rutschte immer wieder ab, es funktionierte nichts, das Netz war kaputt. Ich fluchte. Wenn die schlechte Stimmung einen gewissen Punkt erreicht, wird es gefährlich. In der Wut verkrampft sich der ganze Körper, und es geht erst recht nichts mehr.

Das klingt furchteinflössend. Wir waren total überfordert, weil wir gewisse Dinge unbedingt erreichen wollten, die zu diesem Zeitpunkt nicht machbar waren. Es regnete. Die Schafe waren überall. Wir wussten nicht, was zu tun war. Wir waren alleine. Wir hatten keine Ahnung. Das hat manchmal wirklich Angst gemacht. Obwohl wir uns ein paar Jahre mental und eine Woche konkret vorbereitet hatten, kannten wir die Konsequenzen nicht, wenn Schafe und Hunde sich nicht so verhielten, wie wir das vorgesehen hatten. Einmal merkte ich bei der Arbeit plötzlich, dass ich über einem Felsen stehe, hinter dem es senkrecht hinuntergeht. Und auf einmal hatte ich dort, im steilen Gelände, keinen Halt mehr.

Da kriegte ich richtig Angst. Eine Angst, die blockiert.

Wie bist du mit dieser Angst umgegangen? Erst im Moment, als ich bewusst realisierte, dass ich Angst habe, konnte ich damit umgehen. Ich erkannte, dass ich erst dann einen Blödsinn mache, wenn ich der Angst anheimfalle. Ich hatte Angst und war Opfer meiner Angst, weil ich nicht merkte, dass ich Angst hatte. Dann kam die Panik, der Puls erhöhte sich, ich fürchtete mich vor dem Rutschen. In diesem Moment musste ich es schaffen, mir selbst zu sagen: «Ruhig. Atmen.» Dann ging es wieder.

Die Hunde und Schafe machen sich keine Gedanken. Sie bewegen sich in aller Ruhe nur Zentimeter vom Abgrund entfernt. Sie denken nicht über die Konsequenzen eines Fehltritts nach. Sie haben keine Angst. Sie scheinen zu wissen, dass sie nicht fallen. Und meistens stürzen sie auch nicht ab. Wir Menschen stellen uns immer das Schlimmste vor und blockieren uns damit selbst. Es ist sehr bereichernd, wenn man dies bewusst zur Kenntnis nehmen kann.

Hast du Schafe verloren? Vier von den rund 300 Schafen, die wir gehütet haben. Das erste Schaf, das runter ist, hatten wir vorher wegen einer Verletzung mehrere Tage während Stunden gepflegt und eine Beziehung zu ihm aufgebaut. Es kriegte einen Namen, wir waren jeden Tag bei ihm und sammelten sogar auf der anderen Seite des Tals Harz, um Salbe zu machen. Als die Salbe bereit war, stürzte das Schaf ab. Wir sagten dem Besitzer, wie leid es uns tut, und machten uns Vorwürfe. Vielleicht hätten wir einen besseren Pferch aufstellen sollen. Er meinte daraufhin: «Gar kein Problem, das ist halt so.» Schade sei halt, dass wir so viel Aufwand mit dem Schaf betrieben hätten. Ich musste widersprechen:

Schade wäre gewesen, wenn ich mir hätte eingestehen müssen, es nicht versucht zu haben.

Ein anderes Mal fanden wir nur noch die Überreste eines abgestürzten Schafs. Zwei weitere entdeckten wir in einem Bach, ebenfalls abgestürzt. Obwohl wir unsere Tiere lieben, müssen wir akzeptieren, Schafe zu verlieren.

Das klingt nach einem harten Leben für die Schafe? Die Alp ist eine Umgebung, wo die Schafe ihrer Natur und ihren Instinkten entsprechend leben können. Sie ist ein Ort, der den Tieren körperlich etwas abverlangt. Das tut ihnen aber auch sehr gut. Die meisten Schafe bleiben gesund. Logischerweise gibt es in der Natur manchmal Verletzungen, auch wegen des schwierigen Terrains. Die Alp ist eine Umgebung, die viel fordert. Sie ermöglicht dafür aber ein Leben in grosser Freiheit.

Beschreibe bitte den Tagesablauf auf der Alp. Etwa um 6.30 Uhr aufstehen, ein Glas Wasser trinken, losgehen zur kleinen Nachtweide, wo die Herde von Schutzhunden gehütet wird. Bis wir dort sind, vergeht schon mal eine Stunde. Bei der Nachtweide angekommen, begrüssen wir alle Tiere; die grossen, weissen Herdenschutzhunde werden gefüttert. Es ist Morgenstimmung, viele Schafe liegen noch auf dem Bauch. Wir führen Behandlungen durch, markieren Schafe, die später nochmals gepflegt werden müssen, und lassen sie aus dem Nachtpferch.

Je nach Weide, die für den Tag vorgesehen ist, bleiben wir einen halben Tag in der Nähe der Schafe.

Wir definieren den Sektor, in dem die Schafe fressen sollen, und schauen mit dem Hütehund, dass sie dort bleiben. Die Schafe haben meistens das Bedürfnis, sich nach oben zu bewegen, aber wir müssen dafür sorgen, dass auch das Futter in den unteren Bereichen der Weiden gebraucht wird. Wir zäunen, bauen Zäune ab, bereiten eine Weide vor, stecken Netze, nehmen die alten Netze ab, räumen auf. Manchmal gibt es ein Mittagessen, manchmal auch nur ein frühes Nachtessen. Die Tagesabläufe sind sehr unterschiedlich, sie richten sich nach der anstehenden Arbeit und dem Wetter.

Wie habt ihr die Abende verbracht? Auch dies war nicht immer gleich. Bevor die Sonne unterging, trieben wir alle Schafe wieder zusammen und brachten sie auf die Nachtweide. Wir waren jeweils zu sehr unterschiedlichen Zeiten im Bett. Bei Dauerregen wurde morgens bloss ausgepfercht und abends eingepfercht. Wir waren dann nur vier bis fünf Stunden unterwegs, verbrachten den Rest des Tages in der Hütte und gingen später schlafen, weil wir weniger müde waren. Häufig war es aber so, dass wir unmittelbar nach dem Nachtessen erschöpft zur Seite kippten und auf der Sitzbank einschliefen. Von dieser zufriedenen Müdigkeit übermannt zu werden, empfand ich als wunderschön.

Du warst mit deiner Frau Ira auf dem Berg. Wie hat sich der Alpsommer auf eure Beziehung ausgewirkt? Wir wurden gewarnt. Es sei eine Herausforderung, so eng zusammenzuarbeiten. Schwierige Situationen gehörten dazu. Das Problem war nicht, dass wir so eng aufeinanderhockten, das machen wir sonst auch. Zusammenzuarbeiten und über Unstimmigkeiten zu sprechen, darum ging es. Wenn wir einen Konflikt hatten, handelte es sich immer um ein Missverständnis, das geklärt werden musste. Meistens lag dies nicht im Detail, sondern im grossen Zusammenhang.

«Es muss krachen können. Aber man darf nicht nachtragend sein.»

Wenn wir stritten, hatten wir meistens das Gefühl, vom anderen nicht verstanden zu werden. Wir bezogen uns in den darauffolgenden Diskussionen erst nur auf konkrete Situationen und darauf, wer was falsch gemacht hatte. Gingen wir aber gedanklich einen Schritt zurück und überlegten uns, woher das Missverständnis ursprünglich kam, löste es sich meistens auf. Natürlich stritten wir immer wieder. Aber kein einziges Mal schleppten wir den Streit in die Nacht mit. Wir gingen immer zufrieden ins Bett, jeden Tag. Das ist das Wichtige und das Schöne. Es muss krachen können. Aber man darf nicht nachtragend sein.

Was hast du auf der Alp am meisten vermisst? Ich hatte immer wieder Sehnsucht nach unserer Lieblingsstadt Sankt Petersburg. Nach dem Lebensgefühl des Schlenderns, Flanierens, dem Spazieren ohne Ziel. Ich dachte erst, dass ich den Sommer und die Badi vermissen würde, aber dies hat sich nicht bestätigt. Die Sonne ist auf unserer Alp immer sehr früh untergegangen, was ich erst als deprimierend empfunden habe. Ich habe aber schnell gemerkt, dass die Morgensonne wichtiger ist, wenn man früh aufsteht. Auf der Alp wachsen keine Bäume. Wir haben plötzlich gemerkt, wie sehr wir unseren geliebten Wald vermissen. Ich glaube, die meisten Menschen brauchen den Wald als Schutz und zum Ausgleich.

Habt ihr als Hirten etwas verdient? Ich kenne einen Hirten, der einen guten Handwerkerlohn hat. Bei uns Neulingen war es weniger. Daher war ich froh, nebenbei noch ein wenig als Videoproduzent arbeiten zu können. Ich hatte meinen Laptop auf der Alp dabei und hatte eine Solaranlage installiert. So konnte ich dort Videos schneiden. Ab und zu fuhr ich auch nach Hause, um in meinem angestammten Beruf zu arbeiten. Ira war dann alleine auf der Alp.

Man hirtet also nicht, um Geld zu verdienen? Ja und nein. Auf unserer Alp sömmern wir Milchschafe. Milchschafe müssen wieder im gleichen Zustand ins Tal gebracht werden, wie sie nach oben gekommen sind, sie müssen nicht an Gewicht zulegen. Sie sollen einfach ihre ungeborenen Lämmer ernähren können, mit denen sie trächtig sind. Fleischschafe hingegen erwirtschaften einen höheren Ertrag, je nachdem, wie viel Schlachtgewicht gewonnen wird. Das ist ökonomisch viel interessanter.

Beim Verdienst kommt es auch darauf an, ob noch andere Aufgaben auf der Alp übernommen werden können. Für die Entbuschung gibt es beispielsweise staatliche Beiträge. Ich habe von erfahrenen Sennen gehört, die monatlich 10'000 Franken verdienen. Sie versorgen nicht nur ihre Tiere, sondern machen auch Käse, übernehmen weitere Arbeiten und sind gewinnbeteiligt. Ich habe es nicht wegen des Geldes getan.

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«Dort oben kannst du richtig laut fluchen.»

Ist es auf der Alp nicht wahnsinnig einsam? Man ist für sich, aber nicht ganz alleine. Es gibt eine gewisse soziale Kontrolle durch die anderen Hirten, die auch die Schafe auf den fremden Weiden sehen. Wenn wir aus besonderen Gründen mal abends um zehn mit der Stirnlampe unterwegs waren, erhielten wir immer einen Anruf von Mättu oder Wanda, die auf den Nachbarsalpen hirteten. Sie fragten, ob alles okay sei. Man schaut dort oben aufeinander, obwohl man anderthalb Stunden voneinander entfernt ist. Es gab viele Situationen, in denen wir an unsere Grenzen stiessen und nicht weiterwussten. Dann kann man auf der Alp richtig laut fluchen. Der Einzige, der das mitkriegt, ist der Hirte auf der anderen Talseite – natürlich wurden wir danach immer darauf angesprochen.

Würdest du nochmals als Hirte auf die Alp gehen? Wir haben uns damit noch nicht auseinandergesetzt. Erstmal alles setzen lassen. Jedenfalls schliesse ich es nicht aus. Es ist Tradition, dass Alphirten sich zu Weihnachten mit dem Alpmeister treffen und ihm ihre Entscheidung mitteilen. Spätestens zwischen Weihnachten und Neujahr muss er wissen, ob wir nächsten Sommer wieder auf die Alp gehen.

Was würdest du bei einem zweiten Mal anders machen? Ich würde etwas ruhiger bleiben und nicht zu viel wollen. Würde ich mir selbst einen Tipp geben wollen, ich würde mir raten, ein bisschen mehr durchzuatmen und zu entspannen. Geht etwas nicht nach deinen Vorstellungen, musst du nicht noch mehr Gas geben, sondern einen Schritt zurücktreten.

Wem würdest du einen Alpsommer als Schäfer empfehlen – und wem nicht? Gut aufgehoben sind Leute, die körperliche Arbeit nicht scheuen, die die Natur lieben und mit herausfordernden und immer wechselnden Situationen gut umgehen können. Menschen, die nur romantische Vorstellungen vom Hirtenleben haben, werden nicht zurechtkommen. Wer einfach genug von der Stadt hat und weg möchte, wer meint, dass dort oben in der Natur alles so schön sei, und denkt, dort über allem schweben zu können, liegt falsch. Das Hirtenleben ist hart.

Die Alp eignet sich nicht als Fluchtort.

Ganz am Anfang fragte ich die anderen Hirten, ob auf dem Berg schon mal jemand durchgedreht sei. Alle lachten, bestätigten dann aber, dass es schon eine Art «Alpen-Burn-out» gebe, unter dem einige Hirten leiden würden. Sie können nachts nicht schlafen, weil sie immer das Gefühl haben, die Schafe oder die Kühe seien weggelaufen.

Wo liegt der Unterschied zwischen der romantischen Vorstellung und der Realität? Romantische Vorstellung: «Ach, die Schäfchen sind so herzig, alles ist so schön. Wir lassen morgens die Schafe raus, und alle fressen fröhlich. Abends kommt die ganze Herde von alleine zurück, und dazwischen geniessen wir die Berge.» Die Praxis sieht so aus: Du erwachst mit steifen Gelenken, weisst, dass du schon fast zu spät dran bist, oben funktioniert dann gar nichts, und du fluchst mal wieder. Nass werden, frieren, Schmerzen ertragen und hart arbeiten gehören dazu. Manchmal musst du täglich dreimal den Berg hoch, den Schafen nachrennen. Du musst morgens 15 Schafe einfangen, weil sie blind geworden sind, und solltest ihnen ein Medikament in die Augen sprayen, was viel einfacher klingt, als es ist. Und dann spielt der Hund nicht mit. Das ist nicht mehr romantisch.

Wozu hast du die Drohne auf dem Berg benutzt? Anfangs machte ich mit der Drohne Bilder, um die Schafe zu zählen. Das gab ich dann wieder auf, mir wurde gesagt, dass ich die Schafe lieber nicht zählen soll. Das Resultat stimmt sowieso nie. Am Schluss kommen sowieso nur die Tiere runter, die runterkommen. Wenn unauffindbare Schafe möglicherweise abgestürzt waren, ging ich mit der Drohne auf die Suche. Gefunden habe ich die vermissten Tiere so nie. Sinnvoll einsetzen konnte ich das Fluggerät, wenn es darum ging, Medikamente oder anderen Kleinkram zum Hirten auf der anderen Bergseite zu transportieren. Ich flog dann mit Hilfe der Kamera. Es war schon cool, genau auf dem Tisch des Nachbarn zu landen. Natürlich ist auch das Filmen und Fotografieren der alpinen Natur eine wunderbare Sache.

«Ich musste lernen, weniger zu wollen.»

Was nimmst du von der Alp in Bezug auf deinen Job mit? Vor allem mehr Vertrauen, dass alles schon gut kommen wird. In diesem Vertrauen zu leben, ist – nach meiner Empfindung – unten im Tal viel schwieriger. In der Zivilisation hat man immer das Gefühl, die Dinge beeinflussen zu können. Auf der Alp ist man einfach da. Wenn auf der Alp die Schafe ausreissen, dann reissen sie aus. Du kannst dann nur den Berg hochgehen und dich langsam wieder annähern.

Markus Bärtschi, 37, ist selbständiger Videoproduzent und lebt mit seiner Frau Ira auf einem Bauernhof. Sie hirteten während vier Monaten auf der Alp Karliböden im Sarganserland.

Wer sich für einen Hirteneinsatz interessiert, kann bei einer Landwirtschaftsschule einen Älplerkurs machen. Auf www.zalp.ch, der Internetseite der Älpler und Älplerinnen, werden alle möglichen Ausschreibungen publiziert. Gewisse Bauern suchen durchaus nach Neulingen.

Lesen Sie hier den Beitrag, den Markus Bärtschi über seinen Sommer als Schafhirte geschrieben hat.

Impressum: Konzept, Text und Produktion: Lars Bo Müller – Fotos: Oscar Liberona (Stadt); Renato Barnetta (Alp) – Photo Location «Stadt»: Südlich-t Gesamtverantwortung: Robert Hansenredaktion@derarbeitsmarkt.chwww.derarbeitsmarkt.ch

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Magazins «blickwinkel», dessen Herbstausgabe 2019 dem Thema «Lebenszeit und Arbeit» in unterschiedlichsten Facetten gewidmet ist.

Oktober 2019

Created By
Text, Multimedia: Lars Bo Müller; Fotos: Oscar Liberona, Renato Barnetta
Appreciate

Credits:

Dank an Iwon Blum für die grosse Unterstützung.