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Marseille 2018 Eine Perspektive auf Europa

2018-04-23

Wir sprachen heute mit Vertretern einer Gewerkschaft und mit Leuten aus einer Organisation, die seit vielen Jahren europäischen Jugendaustausch organisiert. Ein Gedanke fiel mir auf, er erinnerte mich an die Ungarnreise im letzten Jahr.

Die Gesprächspartner in Marseille sehen einen Bruch in dem, was "Europa" für sie ist. Ein Bruch, den sie „so vor 10 Jahren“ ansetzen und als "historisch" empfinden. Das war bei vielen Leuten letztes Jahr in Budapest genauso. In Ungarn habe ich dieses Gefühl als "doppelte Entwurzelung" beschrieben, hier in Marseille tritt mir das Gleiche unter einen anderen Charakter entgegen.

Ein Beispiel: früher hat "Europa" Jugendbegegnung gewollt und gefördert. Aus einer Euphorie heraus, aus der Vision, dass in dieser Weise Gemeinsamkeit erwachsen würde. Diese Vision ist nun verschwunden, nicht bei den einzelnen Menschen (von denen vielen weiter sehr an Europa liegt) - aber als Kategorie, unter der (z.B. über Gelder) entschieden wird.

Im täglichen Leben ist Europa kein Ziel mehr, für das man irgendetwas opfert oder investiert. Diese Zeiten sind vorbei. Europa gehört zu der Normalität, die man für die eigenen Interessen auszunutzen hat. Das ist keine enttäuschte Verletztheit wie in Ungarn. Die "Vision Europa“ wirkt hier in Marseille lediglich völlig ernüchtert. Und wie nach einem Rausch meint man, die trunkenen Beteuerungen des vergangenen Abends zurücknehmen und ungeschehen machen zu müssen.

Als hätte vor dem Hintergrund der Weltfinanzkrise nach 2007 eine Polarisierung in der Wahrnehmung gesellschaftlicher Wirklichkeit stattgefunden und habe die zulässigen Erklärungsmodelle vereinfacht. Erkennbar sind darunter nur mehr: eine große Welt, mit den Interessen der großen Akteure - und jeweils kleine Welten der lokalen, vielleicht noch regionalen Interessen.

Grauwerte von Betrachtungsweisen, die zwischen dem ganz Großen und dem ganz Kleinen liegen, sind dieser ernüchterten Wahrnehmung suspekt geworden. In privater Liebhaberei pflegt man sie noch, aber öffentlich blicken lassen dürfen sie sich nicht mehr. Sie sind entwertet.

Damit verbinden sich Dinge wie „Europa“, „Globalisierung“, „internationale Konzerne“, „Weltmachtskonflikte“ und anderes zu einem einheitlichen Block. Und die lokalen Strukturen nehmen den Charakter von „Wir gegen alle“ an.

2018-04-28

In vielen Gesprächen hier geht es um die Herausforderungen durch Migration in Marseille. Ein mitreisender Journalist sagte im Zusammenhang mit dem politischen Populismus, er halte es für unumgänglich, dass wir (unsere Zivilisation) an einem Konzept von Wirklichkeit und Wahrheit festhalten. Es gäbe schließlich nur eine Wirklichkeit. Alternativ dazu wäre nur der Verlust jeder objektivierbaren Erkenntnis: „keine Wirklichkeit“, nannte er das.

Ich experimentiere stattdessen mit dem Gedanken, dass die „populistischen“ Positionen weniger einem Konzept von „Wirklichkeit“ anhängen, als sich eher auf etwas wie „Offenbarung“ ausrichten. Um sich dann, obwohl selbst keine Religionen, doch mit religionshaften Gesten in der Welt zu rechtfertigen.

Das brächte jene Unempfindlichkeit gegenüber „Fakten“ mit sich, die dem Auftreten dieser Positionen heute entspricht. Ich denke weiter darüber nach, ob darin mehr liegt, als nur eine Art von temporärer gesellschaftlicher Nachlässigkeit. Stattdessen möchte ich versuchsweise eine tiefgreifende Neuausrichtung darin erkennen.

Intellektuell muß "die Zivilisation" heute unter manchen Aspekten die Bindung an Fakten relativieren. Die Bereiche der Metaphysik sind schon immer eine Herausforderung für den Wunsch nach Kontrolle und Überprüfbarkeit der Fundamente der Wahrnehmung gewesen (,denn es gibt nun mal keine metaphysischen Fakten).

Doch dann haben die allgegenwärtigen Effekte von Quantenphysik und Informationwissenschaft zu neuen Feldern der Verunsicherung geführt - ein Umbruch der inzwischen im Alltäglichen angekommen ist:

- eine erzwungene Einsicht in die prinzipielle Beobachterabhängigkeit der Wirklichkeit und

- die verlorene Eindeutigkeit des Realen inmitten der neuen Techniken zur Erschaffung virtueller Realitäten.

Ein Zeitgeist ist entstanden, der eine neue Art der Verifikation von Argumenten erlaubt. Neben die Argumente des Wissens und des Glaubens hat sich eine weitere Kategorie gesellt: Behauptungen, die weder metaphysisch sind, noch faktisch widerlegt werden können. Geltung erwerben diese Behauptungen, indem sie in einer Meinungsnische multipliziert werden. Sie sind dann Ausdruck der Existenz und des Überlebenswillens dieser Nische und „leihen“ oder „erben“ deren Anteil an Realität. Sie sind nicht selbst wirklich, im Kontext ihrer Nische aber sind sie es schon.

Ich nehme an, dass diese dritte Kategorie weder verschwinden, noch ihre politische Relevanz verlieren wird - stattdessen scheint mir, dass die globalisierende Zivilisation dabei ist, sich zu etwas Neuem zu entwickeln. Alte Normen verlieren an Bedeutung, neue flackern auf und treten in den Konkurrenzkampf. Ich meine, dass es nicht mehr nützlich ist, das zu beklagen oder nicht wahr haben zu wollen. Ich möchte mich lieber damit beschäftigen, dem was mir wichtig ist in dieses entstehende Neue hinein Form zu geben.

Created By
Stefan Budian
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