Unverzichtbar und verlässlich in turbulenten Zeiten Das ZIF bietet Dienstleistungen und Expertise rund um das thema Friedenseinsätze "Aus einer Hand"

Wien, Frühjahr 2014. Der Ständige Rat der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) beschließt, unbewaffnete zivile Beobachter auf Gesuch der ukrainischen Regierung ins Land zu schicken. Sie sollen weitere Spannungen im Konflikt in der Ostukraine verringern helfen und zur Stabilisierung der Lage beitragen. Auch Deutschland beteiligt sich mit Personal. Das ZIF reagierte schnell und stellt aktuell 35 deutsche Mitarbeiter für die Sonderbeobachtungsmission der OSZE in der Ukraine (OSCE SMMU). Es ist damit das größte Kontingent an deutschen zivilen Fachkräften, das zurzeit – vom ZIF vermittelt – in einem Friedenseinsatz arbeitet.

Wien, Herbst 1998. Etwas mehr als fünfzehn Jahre zuvor war die OSZE in einer ähnlichen Situation und bat ihre Teilnehmerstaaten, Personal für eine Friedensmission in Kosovo zu stellen. Die 200 von der Bundesregierung zugesagten Personen waren jedoch nur sehr schwer zu finden. Ende der 1990er Jahre gab es schlichtweg keine zentrale Anlaufstelle für qualifiziertes ziviles Personal. Dies war der Startschuss fürs ZIF.

Nach den Schocks zu Beginn der 1990er Jahre – das Scheitern der UN-Mission in Somalia 1993, der Genozid in Ruanda 1994 und die Massaker in Srebrenica 1995 – waren große internationale Friedenseinsätze zunächst im Rückgang. Der Wunsch nach Reform und verstärktem internationalen Engagement für Frieden war jedoch ungebrochen, und schon zum Ende des Jahrhunderts kam es zu einer Renaissance von Friedeneinsätzen. Auch die damalige Bundesregierung schrieb sich die zivile Krisenprävention und substantielle Beiträge zur Verbesserung der Handlungsfähigkeit internationaler Organisationen auf die Fahnen.

Der Gründungsdirektor des ZIF, Dr. Winrich Kühne, wurde daher zunächst mit einer Studie zur besseren Auswahl und Vorbereitung von zivilem Personal beauftragt, die dann in einer Machbarkeitsstudie zur Schaffung einer neuen Einrichtung mündete. Die Blaupause des ZIF – und wirkliche Pionierarbeit, wie alle Beteiligten unisono unterstreichen.

Nach dem grünen Licht der relevanten politischen Akteure konnte es im Jahr 2002 losgehen. Anfangs ganz spartanisch: drei Leute in einem Raum, die sich erst einmal gründlich Gedanken machen mussten, wie so ein Zentrum überhaupt aussehen sollte. Was für ein Konstrukt ist das überhaupt? Ein Trainingsinstitut? Eine Denkfabrik? Eine Personalagentur? Aber warum überhaupt wählen? Es galt, mit den Entwicklungen in den Krisen- und Konfliktländern mitzuhalten. Die Vereinten Nationen wollten angesichts ihrer Misserfolge schnell Lehren ziehen und eine internationale Beratergruppe, der auch Winrich Kühne angehörte, wertete diese Lehren systematisch aus und zog ihre Schlüsse. Zusammen mit den ersten Erfahrungen, die Trainings- und Rekrutierungseinrichtungen in Kanada und Skandinavien machten, wurde klar: die Personalsuche, eine solide und praxisnahe Ausbildung, die Vermittlung in und Betreuung während und nach Einsätzen und die analytisch-konzeptionelle Arbeit gehören unter ein Dach!

„Andere Zeiten“ seien es gewesen, erinnert sich Wibke Hansen, Leiterin des Arbeitsbereichs Analyse, und von Anfang an dabei. „Es gab nicht viele, bei denen man sich Dinge hätte abgucken können.“ Das Gründungsteam des ZIF war an der Spitze einer Bewegung im zivilen Krisenmanagement. Anfangs noch am Werderschen Markt untergebracht, zog das noch kleine Team Anfang 2003 in eigene Räume an den Ludwigkirchplatz in Berlin-Wilmersdorf. Einfach war der Start nicht. In fast allen Bereichen wurde Neuland betreten. Genau dies machte aber den Reiz aus. Allen Kollegen der ersten Stunde ist dies am Glanz in den Augen anzusehen: bewegte Zeiten, in denen etwas Wichtiges entstand. „Eine phantastische Aufbruchstimmung“, erinnert sich Dorlies Sanftenberg, die die Trainingsabteilung mit aufbaute.

Der erste Grundkurs des ZIF fand bereits im Sommer 2002 statt. Noch in Bonn-Ippendorf, an der Diplomatenschule des AA. USB-Sticks gab es seinerzeit noch nicht. Alle Kursunterlagen wurden ausgedruckt, fein säuberlich in Leitzordner geheftet und einmal mit dem ICE quer durch die Republik gefahren.

Berge von Bewerbungen stapelten sich auf den Schreibtischen. Nicht nur für den Bereich Friedenseinsätze, sondern mindestens ebenso lebhaft für die Wahlbeobachtungseinsätze. Bisher einmalig war die Beteiligung von 110 deutschen Wahlbeobachtern bei der Wiederholung der Stichwahl um das Präsidentenamt in der Ukraine, aus der Wiktor Juschtschenko am zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 2004 als Sieger hervorging. Orange Revolution – Geschichte live und hautnah. „Wahlurne statt Weihnachtsgans“, wie seinerzeit die Stuttgarter Zeitung titelte.

Fortan wächst und gedeiht das ZIF. Der Expertenpool erfreut sich eines kontinuierlichen Zulaufs – 2006 durchbricht er die 1.000er Marke. Das Trainingsangebot wird immer ausgefeilter und orientiert sich an den Bedarfen der internationalen Einsätzen. Der integrierte Ansatz, das heißt die gemeinsame Ausbildung mit Partnern der Bundeswehr und der Polizei, wird in feste Strukturen gegossen: 2008 gründet sich die sog. Trainingspartnerplattform. Ein wichtiger Schritt und Zeugnis lebendigen „vernetzten Handelns“. Vor Ort im Einsatz geht es einfacher, wenn man die Denkweisen der anderen bereits in der Einsatzvorbereitung kennengelernt hat. Das ZIF ist fest auf Kurs: sein Modell ist national wie international anerkannt und bewährt sich in der Praxis.

Sommer 2009. Dr. Winrich Kühne übergibt das Steuer an Dr. Almut Wieland-Karimi. Auch sie bringt jahrelange internationale Erfahrung und Tatendrang mit, das Thema Krisenprävention weiter zu stärken und ihm zu noch mehr Gewicht in der politischen sowie öffentlichen Debatte zu verhelfen. Die vielfältigen globalen Aktivitäten werden unter ihr weiter ausgebaut. Konzeptionell vorausschauend werden Szenarien entwickelt. Wie werden die Friedenseinsätze der Zukunft aussehen? Welchen Betrag kann das ZIF und seine Experten in der Konfliktschlichtung und Mediation leisten? Wie können Bundestag und Politik gezielt zu Friedenseinsätzen beraten werden?

Ein dringendes Anliegen: wie kann man die wichtigen Beiträge gerade der zivile Instrumente der Konfliktbearbeitung aus ihrem Schattendasein herausholen? Und die Anstrengungen und Leistungen ziviler Experten im Einsatz angemessen würdigen und so den besonderen Dank der Bundesregierung und Gesellschaft zum Ausdruck bringen? Auch hier wird vernetzt gedacht und integrativ gehandelt. Auf Initiative des ZIF und AA und gemeinsam mit dem Bundesministerium des Innern und dem Bundesministerium der Verteidigung feiert im Juni 2013 der deutsche „Tag des Peacekeepers“ seine Premiere. In Anlehnung an den im Rahmen der Vereinten Nationen begangenen Peacekeeper-Tag wurden hier allen deutschen „Hüterinnen und Hütern des Friedens“ – wie es der damaligen Bundesaußenminister Guido Westerwelle formulierte –, also zivilen Experten, Polizisten und Soldaten für ihr Engagement gedankt. Eine Tradition, die sich seitdem jährlich fortschreibt. Und ein Gedanke, der erfreulicherweise wenig später auch in den Koalitionsvertrag der 18. Legislaturperiode Einzug findet. Auch Bundespräsident Joachim Gauck unterstreicht die steigende Anerkennung der Arbeit der zivilen Experten mit seinem Besuch im ZIF im Februar 2015 sowie den politischen Willen, die Bedingungen für Experten im Einsatz zu verbessern.

Berlin, Dezember 2013. Frank-Walter Steinmeier übernimmt zum zweiten Mal das Amt des Bundesaußenministers. Er stösst eine offene Diskussion über Bedeutung, Ziele und Instrumente der deutschen Außenpolitik im 21. Jahrhundert, über das Maß an Verantwortung, aber auch die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit. Die Leitfragen: „Was ist, wenn überhaupt, falsch an der deutschen Außenpolitik? Was müsste geändert werden?“ Ein Resultat: Krisen als Dauerzustand rücken in den Fokus, Stabilisierungsbemühungen und auch die zivile Krisenprävention werden fest in der deutschen Außenpolitik verankert. Eine neue Abteilung wird geschaffen. Sie versammelt die „Experten zur Erkennung, Vorbeugung und Bekämpfung von Krisen“. In der Abteilung S für Krisenprävention, Stabilisierung, Konfliktnachsorge und Humanitäre Hilfe liegt von nun an die neue Anbindung des ZIF ans AA.

Dschibuti, 24. Mai 2014. Im Lissabonner Estádio da Luz wird Real Madrid in einem dramatischen Spiel Atlético Madrid bezwingen und die Champions League gewinnen. Kollegen der EU-Mission EUCAP Nestor im ostafrikanischen Dschibuti werden das Ende des Spiels nicht mehr am Fernseher miterleben. Auf das Restaurant, in dem sie zu Abend essen und das Spiel verfolgen möchten, wird ein Anschlag verübt. Drei Menschen sterben und 15 werden teilweise schwer verletzt. Darunter auch drei ZIF-Experten. Die Rettungskette funktioniert. Schon am nächsten Morgen fliegt ein Bundeswehr-Airbus in Richtung Horn von Afrika, um die drei zur medizinischen Versorgung nach Deutschland zu holen. Eine wichtige Erkenntnis aus diesem Terrorakt: die sozial- und arbeitsrechtliche Absicherung für Zivilpersonal in mitunter sehr gefährlichen Einsatzgebieten muss weiter verbessert werden.

Außenpolitische Verortung, neue Anerkennnungskultur, Dschibuti: all dies hat einen Reformprozess angestoßen. Im Sommer 2017 wird das ZIF seine Transformation zu einer vollwertigen und schlagkräftigen Entsendeorganisation des AA abgeschlossen haben. Es wird zukünftig eigene Arbeitsverträge mit seinen Experten abschließen, was zu einer erheblichen Verbesserung ihrer Absicherung führen wird. Im Zuge der ZIF-Reform wird das Zentrum zukünftig aber auch mehr Führungspositionen in Einsätzen besetzen, mehr Deutsche in UN-Friedenseinsätze vermitteln, sich verstärkt der Auswertung und Nutzung des Einsatzwissens – also der Erfahrungen der Experten vor Ort – widmen und sich noch mehr zu einer Wissendrehscheibe wandeln, die Trends schnell aufgreifen kann und internationale Partner in der Umsetzung neuer Vorhaben beraten wird.

Ferner wird die Reform helfen, das Arbeitsgebiet attraktiv für Fach- und Führungskräfte zu machen, die ihre Erfahrungen und Expertisen im internationalen Umfeld einbringen möchten. Es kristallisiert sich ein neues Berufsbild heraus: das des zivilen Experten. Modulare Karrieren mit herausfordernden und bereichernden Tätigkeiten. Die Bandbreite an gesuchten Profilen mit Spezialkenntnissen ist groß. Moderne Friedenseinsätze benötigen aktuell etwa Satellitenbildauswerter in Monitoring-Missionen, arabischsprachige Rechtsstaatlichkeitsexperten und französischsprachige Fachleute für Themen wie Migration und Umwelt. Das ZIF hat sich in den letzten Jahren verdient gemacht, Bewusstsein bei Arbeitgebern und Berufsgruppen zu schaffen, denen die internationale Arbeit bisher eher fremd war. Nicht ganz ohne Stolz sagt Almut Wieland-Karimi daher, dass im Jahr 2017 das informierte Umfeld wisse, was ein ziviler Experte eigentlich ist. „Das war vor zehn, oder gar fünf Jahren noch anders.“

Was Heraklit wohl zu den aktuellen Umbrüchen sagen würde? Nichts sei so beständig wie der Wandel. Der Erfolg des ZIF beruht auch darauf, dass es stets vermochte, flexibel auf die Veränderung im eigenen Arbeitsumfeld zu reagieren und sich anzupassen. Ludger Vollmer könnte die Worte, die er bei der Gründungsfeier im Jahr 2002 sprach, heute wohl genauso wiederholen. Das ZIF lebt nach wie vor von den Kolleginnen und Kollegen, die mit Leidenschaft, Engagement und Überzeugung an ihre Arbeit und an eine friedvollere Welt glauben.

Panta rhei – alles fließt. Am Ludwigkirchplatz ist man dafür gerüstet und wird auch die kommenden fünfzehn Jahre gut durch die Stromschnellen der internationalen Politik navigieren.

Created By
Stefan Köppe
Appreciate

Credits:

Thomas Rosenthal (3) | Mike Auerbach | Celina Hübner | Forsvaret/Runar Iversen | UN Photo/Fardin Waezi

Report Abuse

If you feel that this video content violates the Adobe Terms of Use, you may report this content by filling out this quick form.

To report a Copyright Violation, please follow Section 17 in the Terms of Use.