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Monumentaler abfall El anatsuis «Metallteppiche», aufwendig hergestellt aus Flaschenverschlüssen von Spirituosen und Blechdosen, widerspiegeln seine Auseinandersetzung mit Mustern, Materialien und Kompositionen.

Das Kunstmuseum Bern zeigt in der Ausstellung «Triumphant Scale» das umfassende Werk des ghanaischen Bildhauers El Anatsui, das sich zwischen Malerei und Skulptur bewegt und dessen Exponate ab und an auch wie opulente Gewänder anmuten. Besonders die grossformatigen «Teppiche», die er und zahlreiche Helfer unter anderem aus Flaschenverschlüssen von Spirituosen herstellen, wecken die Fantasie der Betrachter und Betrachterinnen und erlauben viel Interpretationsspielraum. Die monumentalen Werke scheinen jedoch für das Kunstmuseum Bern fast zu gross zu sein – die «Teppiche» füllen die Wände zum Teil komplett aus und lassen wenig Raum für die triumphalen Massstäbe der Werke El Anatsuis.

Text: Susanne Grädel, Fotos: Siehe Bildlegenden

El Anatsui hat als Künstler nicht den Anspruch, seine Werke zu vollenden, wie er sagt. Auf diese Weise können sie stetig weitergedacht und neu gedeutet werden. Seine Kunstwerke fliessen – wie das Leben. So entscheidet er auch erst in den Ausstellungsräumen selbst, wie seine «Teppiche» hängen, wo sie Falten werfen und wo sie einfach glatt und glänzend an der Wand anliegen sollen. Seine Kunst passt sich sozusagen ihrer Umgebung an. In der Ausstellung im Berner Kunstmuseum war dies aufgrund der Coronakrise jedoch nicht möglich – das Kunstmuseum Bern hat mit langjährigen Studiomitarbeitenden von El Anatsui zusammengearbeitet sowie mit dem Kunstprofessor Chika Okeke-Agulu und Kathleen Bühler vom Kunstmuseum Bern. Entwickelt hatte die Ausstellung der 2019 verstorbene Kurator Okwui Enwezor. Die Ausstellung «Triumphant Scale» entstand nicht in Bern, sondern im Haus der Kunst in München in Zusammenarbeit mit dem Arab Museum of Modern Art in Doha.

Es war ein Dokumentarfilm, der mein Interesse an dem ghanaischen Künstler weckte: «Fold Crumple Crush: The Art of El Anatsui» von Susan Vogel aus dem Jahr 2010. Der Film zeigt Einblicke in den Schaffensprozess des stets entspannt wirkenden El Anatsui und seiner Helfer und macht deutlich, wie wichtig die kollektive Zusammenarbeit ist, um diese Metallteppiche erschaffen zu können. Seine Arbeiten sind ein Gemeinschaftsprojekt. Zudem spricht er in diesem Film darüber, dass er mit seiner Kunst nicht nur eine Geschichte erzählen will, sondern auch nach dem Ätherischen darin sucht. Zu Beginn des Films sieht man ihn an der Biennale in Venedig 2007, wie er auf einer hohen Leiter stehend seine Installationen im Ausstellungsraum zurechtrückt und befestigt.

Perlmutt, Brokat oder doch pures Gold?

Gleich im ersten Raum der Ausstellung im Kunstmuseum Bern begegnen mir die «Teppiche», ruhig und fliessend an den Wänden hängend. Das Werk «Man’s Cloth» von 2001 weckt schon durch seinen Titel Assoziationen zu einem prächtigen Gewand in den dominierenden Farben Rot, Gold und Schwarz. Bei naher Betrachtung jedoch wird die Arbeit sichtbar, die dahintersteckt – es sind tausende Flaschenverschlüsse, die El Anatsui und seine rund vierzig Helfer zuerst aufschneiden, falten, walzen und zusammendrücken, um sie dann mit Kupferdraht zusammenzunähen. Es erstaunt, wie vielseitig diese sonst unscheinbaren Metallverschlüsse bearbeitet werden können. Der Künstler bezieht das Aluminium bei regionalen Schnapsbrennereien und Mülldeponien oder findet es auf der Strasse – er haucht dem einstigen Abfall neues Leben ein und erschafft daraus pure Schönheit.

Sofort wirft das gewählte Material auch Fragen auf: Wieso wählt der Künstler Flaschenverschlüsse von Spirituosen? Ein Blick in die Ausstellungsbroschüre des Kunstmuseums Bern verrät, dass El Anatsui keine Deutungshoheit für seine Werke beanspruche, der Zusammenhang zur postkolonialen Geschichte Afrikas gleichwohl gegeben sei. Aber thematisiert der ghanaische Künstler mit der Wahl von Aluminiumverschlüssen tatsächlich die Auswirkungen der Kolonialmächte auf den afrikanischen Kontinent? Die Industrialisierung und den Überfluss, die damit einhergehen?

Der Künstler scheint dem Wegwerfmaterial, das tatsächlich im Überfluss existiert, eine neue Bedeutung zu geben – für mich als Betrachterin handelt seine Kunst mehr von der Verwandlung des Materials in eine triumphale Plastik als von dessen Bedeutung an sich. Es ist mehr Mittel zum Zweck. El Anatsui selbst sagte 2015 dazu: «Ich bin im Grunde dagegen, dass der Begriff ‹Recycling› im Zusammenhang mit der Art und Weise, wie ich meine Materialien verwende, gebraucht wird. Meine Werkstoffe werden nicht recycelt, sondern erhalten ein neues Leben, werden umgewandelt. Die Flaschenverschlüsse werden nie mehr als Flaschenverschlüsse verwendet werden; sie sind nun Teil eines Kunstwerks, und als solche haben sie einen höheren Status, eine höhere Dimension.» El Anatsuis Kunst will nicht vorhandene Werkstoffe wiederverwerten, sondern deren Geschichte neu erzählen.

Foto: Gravity and Grace, 2010, Flaschenverschlüsse aus Aluminium und Kupferdraht 482 x 1120 cm Collection of the artist Nsukka, Nigeria © El Anatsui. Courtesy of the artist and Jack Shainman Gallery, New York

Andererseits steht für den Künstler der Alkohol für ein globalisiertes Konsumverhalten. Sklaven aus Afrika wurden nach Amerika verschifft, um Zuckerrohr anzubauen – dieses wurde nach Europa transportiert. Mit dem von den Europäern produzierten Rum betrieben die Sklavenhändler ihren Handel. Die Reiseroute beschrieb ein Dreieck zwischen den Kontinenten Europa, Afrika und Amerika. Seine verwendeten Schnapsverschlüsse stammen jedoch alle aus Nigeria – so bringe seine Kunst die Geschichte der drei Kontinente zusammen. Der Glanz seiner Kunstwerke und die Wertigkeit, die er den Schnapsverschlüssen dadurch gibt, stehen in starkem Kontrast zur Geschichte der kolonialen Ausbeutung, und genau das rüttelt auf. Diese historische Referenz ist nicht von Anfang an klar – El Anatsui verwebt sie auf künstlerische und verspielte Art in seine Teppiche und lässt dadurch einen neuen Blick darauf zu.

Foto: Awakened, 2012, Gefundenes Aluminium und Kupferdraht 337,8 x 266,7 cm (einschliesslich Quasten) Privatsammlung, USA © El Anatsui. Courtesy of the artist and Jack Shainman Gallery, New York

Grenzen ausloten

Die Betrachtung dieser fliessenden und so schwerelos anmutenden Werke weckt in mir Assoziationen zur Natur oder im Fall von «Man’s Cloth» zu prachtvollen Gewändern aus glänzenden Stoffen, die aus einer längst vergessenen Zeit zu stammen scheinen. El Anatsui wollte das harte Material des Metalls in eine «geschmeidige, sinnliche Form» übersetzen, wie das Kunstmuseum Bern in der Ausstellungsbroschüre schreibt. Diese verspielte Sinnlichkeit zeigt sich auch in den anderen Werken der Ausstellung.

El Anatsuis Werke bewegen sich zwischen abstrakter Malerei, Skulptur, Installation und Mosaik und wirken sowohl haptisch wie auch aus einem Guss gemacht. Von Weitem sind sie harmonische Kompositionen aus Farben und Formen, bei naher Betrachtung sind nicht nur die Markenlogos auf den Flaschenverschlüssen, sondern auch die aufwendige Verarbeitungstechnik und Details wie ausgeschnittene Flächen zu erkennen. Sie sind mal monochrom, mal farbenfroh und laut. Sie machen neugierig, wirken zufällig und doch komponiert.

So denke ich beim Werk «Red Block», das aus roten und gelben Flaschenverschlüssen besteht, an einen Brokatstoff. Die ausladenden Falten lassen das Material schwer erscheinen, und die gelben Metallteile scheinen angesichts ihrer Anordnung goldene Reflexionen darzustellen. Sofort träume ich mich in eine andere Zeit – einmal ist es der Barock, bei anderen Werken wiederum denke ich an die Jugendstilkunst von Gustav Klimt.

Die Vielseitigkeit des verwendeten Materials erstaunt mich immer wieder – einmal erschafft El Anatsui die Illusion einer Blumenwiese, die vor allem aus grünen, gelben und roten Metallverschlüssen besteht, die so zusammengefaltet wurden, dass sie den Eindruck von Blumen erwecken. Das Werk «Tiled Flower Garden» ist grossflächig auf dem Boden ausgebreitet.

Foto: Black Block, 2010, Aluminium und Kupferdraht zwei Teile, je 525,8 x 339,1 cm, 30,39 kg Brooklyn Museum, Bequest of William K. Jacobs, Jr., by exchange, 2013.7a-b. © El Anatsui

Staunen und eintauchen

Die Ausstellung «Triumphant Scale» erstreckt sich über zwei Stockwerke. Das Kunstmuseum Bern wird der grossflächigen Kunst El Anatsuis nur bedingt gerecht – wenn ich an die Biennale in Venedig 2015 denke, bei der der Künstler ganze Fassaden einkleidete, wirken die eigentlich hohen Räume des Kunstmuseums fast einengend. Besonders im zweiten Stock fehlt oftmals der Platz, um die riesigen Kompositionen von Weitem betrachten zu können. Jedoch werde ich mir dadurch auch der monumentalen Grösse der Werke stärker bewusst.

Und der Einsatz des natürlichen Lichts lässt manche der «Teppiche» umso mehr erstrahlen – wie jenes in der Halle des Treppenhauses im ersten Stock. Das Licht, das durch die obere Glaskuppel scheint, verstärkt die Illusion von Goldpartikeln oder Perlmutt auf dem Werk «Gravity and Grace».

Die Experimentierfreude des 76-jährigen Künstlers fasziniert. Und die Schönheit und Leichtigkeit dieser sich stetig wandelnden «Teppiche» begleitet mich, als ich die Traumwelt des El Anatsui wieder verlasse.

El Anatsui, © Maximilian Geuter

Der ghanaische Künstler El Anatsui (*1944, Anyako, Ghana) lebt in Nigeria, wo er seit 1975 an der University of Nigeria in Nsukka unterrichtet. Er ist einer der wenigen afrikanischen Künstler, deren Kunst in der westlichen Welt Beachtung fand – er zählt zu den bekanntesten zeitgenössischen Künstlern Afrikas. Die Ausstellung «Triumphant Scale» umfasst nicht nur seine Skulpturen aus Flaschenverschlüssen und Blechdosen, sondern zeigt auch frühere Arbeiten aus Holz und Keramik sowie Skizzen und Zeichnungen. In diesen setzt sich El Anatsui bereits mit Formen und Mustern auseinander, aber auch mit der Geschichte und der Kultur Westafrikas. 2015 erhielt er an der Biennale in Venedig den «Goldenen Löwen» für sein Lebenswerk. Die im März 2020 eröffnete Ausstellung im Kunstmuseum Bern war aufgrund des Lockdowns nur wenige Tage für das Publikum zugänglich und wurde deshalb bis zum 1. November 2020 verlängert.

Foto oben: Old Cloth Series, Holz, Tempera 80 x 153 cm Collection of Richard and Elizabeth Witten, USA © El Anatsui Foto unten: Sacred Cows, 1982 Tinte auf Papier 27,5 x 23 cm, Collection of the artist Nsukka, Nigeria © El Anatsui. Courtesy of the artist and Jack Shainman Gallery, New York

Impressum: Konzept, Text, Produktion: Susanne Grädel

Fotos: Kunstmuseum Bern

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