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Stadtrandarbeit in Leme Visitationsreise mit Schwester Maria Thoma Dikow und Schwester Theresia Lehmeier in Brasilien - Teil 3

Theodora ist 67 Jahre alt. Ihr Mann hatte sie geschlagen und misshandelt, er hatte getrunken und schließlich das Haus verkauft, als sie noch mit acht kleinen Kindern darin lebte. Sie hat ihm nicht nachgeweint. Aber sie brauchte Hilfe. Erst zog sie zu ihrer Tochter nach São Paulo, dann mit einer anderen Tochter nach Leme. Eine ihrer Töchter hat Lepra, ihr wurde bereits ein Fuß amputiert. Ein Sohn liegt mit Magenbluten im Krankenhaus – er hat wahrscheinlich Krebs. Schon seit längerem klagte er über Schmerzen, aber ein Arztbesuch war nicht finanzierbar. Eine Nichte hatte sich vor einigen Jahren das Leben genommen. Deren vier Kinder werden nun ohne Mutter groß. Ein Neffe ist schizophren und lebt auf der Straße. Im Haus hatten sie ihn nicht unter Kontrolle. Psychiatrische Kliniken gibt es hier nicht. Zumindest nicht für solche Familien aus dem Stadtteil Empyrio.

Theodora vor ihrem Grundstück im Stadtteil Empyrio. Hier sammelt sie seit drei Jahren mit ihrer Familie Müll, um ihn für ein paar Real an Verwerter weiterzuverkaufen.

Dies ist nur eine von vielen Geschichten, die dieser Stadtteil mit Hunderten im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus entstandenen Häusern am Rand von Leme erzählt. Hier leben vor allem Familien, deren Eltern ihre Arbeit auf dem Feld verloren. Diese Arbeit übernehmen jetzt Maschinen. In der Stadt haben sich die Menschen neue Perspektiven erhofft. Und sie wurden enttäuscht. Probleme mit Drogen, Alkohol, Gewalt und fehlender Gesundheit sind die Folge. Menschen wie Theodora und ihrer Tochter Lucycleia versuchen die Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel zu helfen. Zum Beispiel, indem sie sie beim Bau von Häusern unterstützen, mit Basispaketen versorgen, die Jugendlichen zu Kursen und Weiterbildungen einladen, Eltern im abendlichen Unterricht alphabetisieren. 2018 gibt es an vier Standorten 60 solcher Kursangebote.

Antonio und Luiz Fernando warten auf den Beginn der Orangenernte. So lange halten sich die Eltern und ihre beiden Kinder mit dem Zusammenbau von Elektroteilen über Wasser. Für die Montage von 10.000 Teilen innerhalb einer Woche erhalten sie 40 Real, umgerechnet zwölf Euro.

Die Entwicklungshelferin Sabine Stephan ist in den Stadtteilen von Leme unterwegs, um die Armut aufzuspüren und zu überlegen, wie man den Familien helfen kann. Auch die Missionare auf Zeit machen dort Hausbesuche. Oft spielen sie mit den Kindern, um ihnen ein paar unbeschwerte Stunden zu schenken.

Cristian lebt in dem Haus seiner Tante. Seine Mutter hat sich umgebracht. Beim Kartenspielen mit den Missionaren auf Zeit scheint er seine Sorgen eine Zeitlang zu vergessen.

Viele Menschen suchen auch das Büro von Schwester Maria Ludwigis Bilo auf. Die frühere Leiterin des Erziehungszentrums Sagrada Familia kennt die Stadt seit 60 Jahren. In ihren Sprechstunden versucht sie zu helfen.
Einmal in der Woche öffnet im sozialen Zentrum der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel des Stadtteils von Bonsucesso die Suppenküche. Dann erhalten Bedürftige etwas zu Essen und ein paar Vorräte für die kommenden Tage.

In ihren mittlerweile vier sozialen Zentren in den Stadtteilen Imperial, Bonsucesso und Quaglia bieten die Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel zahlreiche Kurse an. Angebote wie Gymnastik und Gitarren-Unterricht dienen der Entspannung und der Förderung sozialer Kompetenzen. Weiterbildungen wie die zur Hotelfachkraft, Brot backen lernen, Maniküre-Technik oder in der Informatik schaffen berufliche Basisqualifikationen und eröffnen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Möglichkeiten, einen kleinen Nebenerwerb aufzubauen. Beliebt sind auch die Capoeira-Kurse, die den Jugendlichen Selbstvertrauen vermitteln.

Schwester Elia Rosa führt die Gymnastikkurse durch. Sie dienen der Gesundheitsprävention und der Entspannung.

Schwester Litzi Antezana bietet Nähkurse an. Kurse wie diese holen die Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit ab und versuchen sie schrittweise weiterzubringen.

Beliebt sind die Maniküre-Kurse. Sie eröffnen jungen Frauen die Möglichkeit, etwas Geld nebenher zu verdienen.

Im Backkurs lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Brot und Kuchen zu backen. Das entlastet den eigenen Haushalt finanziell und schafft möglicherweise auch einen Zuverdienst.

Capoeira-Kurse gibt es in allen Zentren. Lehrer Idael sagt: "Dieser Sport vereint die Kultur des Landes: Tanz, Musik, Kampf und Freude." Er vermittelt den Kindern und Jugendlichen vor allem Selbstvertrauen.

Eine wichtige Aufgabe übernehmen die Psychologen. So wie sie arbeiten viele Menschen in den Stadtteilzentren ehrenamtlich mit. In dieser Woche haben sich vier weitere Psychologen gemeldet, um Traumata aufzuarbeiten, Lernschwierigkeiten zu bekämpfen, Konflikte in den Familien zu lösen.

Psychologen helfen Kindern bei ihren Lernschwierigkeiten. Oder sie versuchen mit Hilfe von Stoffmalerei Probleme zu analysieren. Bei einer Rundfahrt lernen Generaloberin Schwester Maria Thoma Dikow, Provinzoberin Schwester Aurora Tenfen und Generalsekretärin Schwester Theresia Lehmeier die Angebote kennen.

Und es gibt Zukunftspläne: Im Stadtteil Empyrio wird das nächste soziale Zentrum der Ordensgemeinschaft eröffnen. Hier haben die Schwestern zwei Parzellen in einem Neubaugebiet gekauft, um einen überdachten Sportplatz zu bauen und Räume für Kursangebote zu schaffen.

Der Ingenieur Alziro Godoy und seine Frau Sonia, eine frühere Lehrerin, unterstützen Schwester Aurora Tenfen bei der Weiterentwicklung der Stadtteilprojekte.
Der überdachte Sportplatz ist schon erkennbar.
Alziro Godoy erläutert den Schwestern aus Deutschland die Pläne für den Neubau.

Neu ist auch das Projekt "Alternative im Glauben". Studien bewiesen, dass gläubige Menschen im Leben gefestigter seien und seltener vom Weg abkommen, erklärt Sonia Godoy. Studenten des agronomischen Instituts in Leme haben den Garten mit ihrem Seminarleiter angelegt. Straftäter leisten hier für kleinere Delikte Sozialstunden ab.

Der Dienstagmorgen beginnt mit einer Meditation. Sonia Godoy liest den Text, wie Jesus den Gelähmten heilt und fragt, wer uns lähmt und wer uns nach vorne bringt.

Josef Roberto beteuert, er sei unschuldig. Jemand habe ihm die Hölle gewünscht und belastet, so dass er zu Sozialstunden verurteilt wurde. Aber im Garten habe er den Himmel gefunden.

Pro

Professor Marcio Antonio Storto (kleines Bild, r.) hat den neuen Nutzgarten mit Studenten seines agronomischen Instituts angelegt. Idilem (m.) , der hier ebenfalls Sozialstunden ableistet, hat sich zu Hause inzwischen auch ein Beet angelegt.

Am Dienstag beenden Schwester Maria Thoma Dikow und Schwester Theresia Lehmeier ihre Visitiationsreise in Brasilien und fliegen wieder nach Deutschland zurück. Aber die Berichterstattung aus Brasilien ist nicht zu Ende. Unter anderem haben der Fotograf Florian Kopp und Ulrich Bock aus dem Bergkloster Bestwig die Familie der 21-jährigen Janete begleitet. Für eine Reportage im Missionsmagazin kontinente und einen Kurzfilm, der auf smmp.de veröffentlicht wird.

Die Entwicklungshelferin Sabine Stephan (l.) kennt die Familie von Janete schon länger. Der Fotograf Florian Kopp (3.v.r.) und Ulrich Bock (4.v.l.) durften sie vier Tage begleiten. Foto: Florian Kopp

Text und Fotos: SMMP/Ulrich Bock, Abschlussbild: Florian Kopp

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