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Vietnam und Kambodscha Eine Reise 2018

3. November 2018, Halong Bucht.

Der Animismus ist hier greifbar, in einer verzauberten Welt. Die Hügel, Berge, Felsen liegen herumgeworfen im Meer und haben so viel Charakter, scheinen zur Seele zu reden. Es ist schwer, nicht auch „Person“ zu fühlen. Als sei jemand da, müsse jemand da sein, der das alles bewohnt - oder "ist". Eine Karawane von Schiffen zieht durch diese Schluchten, langsam und selbst ein Bild voller Geschichte, voller Tradition. Die Sprache zur Seele aus der Natur heraus und der Landschaft, gleicht der Mentalität der Leute, die hier leben. Ich stelle mir vor, wie ihre Ahnen die Wirklichkeit bevölkern. Sie bleiben einfach und verbinden sich dann mit den Stimmen, die von den Felsen her klingen. Es ist leicht, das hier für real zu halten.

Die Geschichte Vietnams in der jüngeren Zeit ist furchtbar. Die Kriege waren ein brutales Schlachten. Kolonialkriege, Bürgerkrieg - und der mit aller Härte und größten Aufwand betriebene Krieg der USA. Vietnam war Interessengebiet und Frontlinie zwischen den Systemen Kommunismus und Kapitalismus. Noch heute ist das Land chemisch verseucht und teilweise zerstört. Immer wieder werden behinderte Kinder geboren, ungefähr 5% der Bevölkerung zählen dazu. Eine Folge von Agent Orange, dem Entlaubungsmittel. Dioxin. Zuerst von den Franzosen, später von den Amerikanern massenhaft eingesetzt. Ich habe hier vieles gelernt über diese Kriege. Aber eigentlich suche ich im Schreiben den Zugang zu einem Thema, das mir im Umfeld meines Visegrad-Projektes zu liegen scheint. Ich wundere mich hier in Vietnam (und auch in Kambodscha) über etwas, das mir fehlt. Etwas, das in Europa und den USA wie aus dem Nichts erschienen ist und sich in kurzer Zeit vor alles andere gedrängt hat: die sogenannte "Spaltung der Gesellschaft".

Bei dem Visegrad-Projekt denke ich viel darüber nach, warum zwischen den politischen Ansichten im öffentlichen Diskurs die Kommunikation zusammen gebrochen ist und man sich gegenseitig vorwiegend mit Unverständnis, Hass und Ausgrenzung begegnet. Spiegelbildlich ist man fassungslos über die Blindheit und Dummheit der gegnerischen Interpretationen von Wirklichkeit, weiß sich nicht anders zu helfen, als Arglist und Lüge zu vermuten.

Wie konnte es soweit kommen? Ist es überhaupt so? Kann man das überwinden? Mir kommt es in Europa vor, als wäre da eine Wegentscheidung der Geschichte, eine Art Mode, die von der globalisierenden Welt Besitz ergriffen hätte. Aber in Vietnam sehe ich es nicht. Wenn ich danach frage, weiß man nicht, was ich meine. Es gibt Probleme (wie zum Beispiel die Korruption), aber nicht diese dogmatisierte Sprachlosigkeit und den Hass.

Nun, so scheint es mir. Auf einer kurzen Reise, in einem Streiflicht. Ich möchte jetzt einige Themen zu Sprache bringen, werfe mir das jetzt selbst hin zur Bearbeitung, zur Kompostierung im Hinterkopf, ahnend das es etwas zu sagen gibt aber nicht wissend was.

Die Religion in Vietnam? Dieses zusammengewürfelte Erscheinungsbild der Tempel, in denen Hinduistisches neben Christlichem auftaucht und das Ganze eingebettet ist in Buddhismus. Und Taoismus. Und den allgegenwärtigen Ahnenkult.

Nur das Muslimische fehlt. "Der Islam ist zu streng, damit können die Vietnamesen nichts anfangen." Sagt einer der Reisefüherer, und: "Vietnamesen sind mutig, flexibel und gelassen." So funktioniert auch den Mopedverkehr in Hanoi und Saigon. Millionen von Mopeds, ein ständiger Fluss ohne erkennbare Regeln, aber sich ordnend wie ein Schwarm Fische. Solange niemand versucht, auf Regeln zu bestehen und sich dadurch der Selbstregulation entgegen stellt. Diese Entspanntheit bekommt der Islam nicht hin, erklärt man uns. Die evangelischen Christen auch nicht, nur die Katholiken haben es geschafft. Der Ahnenkult hat ein päpstliches Placet für Vietnam erhalten - womit das Christentum im vietnamesischen Fluss mitschwimmen kann.

Nur meine Impressionen sind das, natürlich. Ich habe nicht den Anspruch auf mehr. Aber es ist schön, von hier aus zurück zu blicken auf die steife Welt verbohrter Konflikte in Europa und „der westlichen Welt“.

Seit meinem USA-Projekt in 2005 zweifele ich an dem Vorhandensein einer gemeinsamen westlichen Welt - aber, man sagt eben so. Dort, an der amerikanischen Westküste in Seattle habe ich auch die vietnamesische Pho kennengelernt, eine Nudelsuppe. Schon damals hat man viel über den Pacific Rim nachgedacht in den USA. China. Japan. Neue Tigerstaaten vielleicht. Europa war auf dem Weg, eher eine Erinnerung zu werden, eine Nostalgie. Das hat sich verstärkt inzwischen.

Im Vietnamkrieg fielen 8 Millionen Tonnen amerikanische Bomben. 4x mehr als im zweiten Weltkrieg von allen Kriegsteilnehmern zusammen. Warum eigentlich? Heute erscheint das seltsam, die Begründungen verborgen und verrätselt in einer fernen Zeit. Ein Überhang des Kolonialismus, indem eine ehemalige Kolonie die andere zu ideologischen Wohlverhalten maßregeln wollte. In einem als ausweglos und endgültig empfundenen Kampf der Ideologien, der in Vietnam einen Unabhängigkeitskampf verdeckte.

Man ist weit gekommen und stolz auf die Siege in Vietnam. Die Zukunft ist voller Verheißungen. Trotz der Drohungen. Der gefährliche Nachbar, China, der seine neue Seidenstraße bauen will und dafür Seegebiete Vietnams beansprucht. Die Investoren aus dem Ausland, die man braucht und fürchtet.

Kambodscha, ein in seiner Geschichte stecken gebliebene Nachbar. 1975 wurde die Millionenstadt Phnom Phen innerhalb von 24 Stunden evakuiert und blieb 4 Jahre lang eine Geisterstadt. Die roten Khmer betrieben eine noch radikalere Kulturrevolution als das maoistische China. Im 15ten Jahrhundert war Angkor Thom die größte Stadt der Welt, dann verborgen und halb vergessen im Dschungel. Heute mit dem Tourismus der wichtigste Wirtschaftsfaktor des Landes.

Mit dem Schnellboot auf dem Mekong, dann bringt uns der Flieger zurück von Saigon nach Hanoi im Norden Vietnams. Ein Weg, den die amerikanischen Bomber im Vietnamkrieg haben nehmen können, vielleicht. Ich weiß nicht wo die B52 stationiert waren. Einige auch auf den Philipinen, oder dieser seltsamen amerikanischen Außenstelle, der Guam Insel.

Auf dem transkontinentalen Rückflug schaue ich mir den Film „Apokalypse now“ an. Von 1979. Ich erkenne jetzt viele zusätzliche Details im amerikanischen Trauma des Vietnam-Krieges. Die Vietnamesen, die ich fragte kannten den Film nicht, einer empfahl mir stattdessen: "the ten thousand days of war", eine kanadische Dokuserie aus der selben Zeit.

Ein Fazit? Ich weiß nicht. Vielleicht das Gefühl der ersten Tage zurück in Deutschland: alt, grau, verspätet, überall halbherzige Baustellen, Unzufriedenheit und viel zu wenige Mopeds.

Stefan Budian,

Mainz, zwischen November 2018 und Januar 2019

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