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«Langweilig ist uns dann, wenn sich die Zeit lang anfühlt»

Ursula Stalder ist Arbeits- und Organisationspsychologin aus Bern. Sie berät und begleitet Menschen im Arbeitsumfeld, aber auch Privatpersonen. In ihrer Arbeit spielt Achtsamkeit eine grosse Rolle. Sie erzählt, was Achtsamkeit genau bedeutet und wie sie uns helfen kann, aus der Langeweile einen Nutzen zu gewinnen – gerade auch in Zeiten der Isolation wegen Corona.

Text und Fotos: Susanne Grädel

Zehn Tage nach dem Lockdown vom 16. März 2020, gegen 17 Uhr: Die Hotspots in Bern sind verlassen.

Die Strassen in Bern sind leer an diesem Freitagvormittag. Am 16. März 2020 hat der Bundesrat beschlossen, auf Grund des Virus Sars-CoV-2 alle nicht lebensnotwendigen Betriebe wie Bars, Restaurants und Kinos zu schliessen. Die Nachricht dieses Lockdowns ist heute erst einige Tage alt. Nur die Migros hat geöffnet. Vereinzelt sitzen Menschen in den Trams und Bussen. Ursula Stalder erwartet mich in ihren Büroräumen. Natürlich halten wir den geforderten Abstand ein, begrüssen uns aus der Distanz. Ein skurriles Gefühl. Ich setze mich auf einen gelben Sessel in ihrem Büro – ein Tisch steht zwischen uns. Die nächste halbe Stunde reden wir darüber, wie Langeweile uns in diesen isolierten Zeiten nützen kann und welche Rolle die Achtsamkeit dabei spielt.

Frau Stalder, wieso ist Langeweile in unserer Gesellschaft so negativ konnotiert?

Ich denke, Langeweile ist grundsätzlich ein Indikator für einen selbst, für das eigene Erleben. Wenn uns langweilig ist, interessieren wir uns nicht. Die Aufmerksamkeit ist nicht voll da. Und dieses Gefühl wollen wir nicht haben. Langweilig ist uns dann, wenn sich die Zeit lang anfühlt. Und das wird dann unangenehm. Man wird mit sich selbst konfrontiert, mit dem Sinn des Lebens. Solche Fragen empfinden die Menschen als Stress. Das ist die eine Form der Langeweile. Die andere Langeweile ist dann, wenn wir im Beruf oder im Studium gezwungen sind, etwas mitzumachen, was uns inhaltlich nicht interessiert. Und diese Langeweile ist relativ stressig. Man weiss heute, dass dabei Stresshormone ausgeschüttet werden. Und das ist auf Dauer nicht gesund für unseren Körper. Dieses Phänomen wird «Bore-out» genannt.

Foto: Der Bahnhof Bern, zwei Wochen nach dem Lockdown.

Die Geschäfte in der Altstadt sind geschlossen. Es ist Mittwochnachmittag, zehn Tage nach dem Lockdown.
Montagmittag, zwei Wochen nach dem Lockdown: Vereinzelt sind Passanten im Bahnhof Bern unterwegs.

Langeweile kann also ungesund sein. Aber welche positiven Aspekte hat die Langeweile?

Also Langeweile ist ja, wenn die Aufmerksamkeit nicht ganz gefesselt ist. Und so ergibt sich auch Platz für anderes. Wenn wir uns langweilen, beispielsweise wenn wir im Zug sitzen, aus dem Fenster schauen und dabei an etwas anderes denken – dann schweifen wir oft in die Vergangenheit oder in die Zukunft ab, wir planen unsere nächsten Ferien, wir denken über unsere aktuelle Situation nach. Langeweile bietet also Platz und Raum für Kreativität. Es sind Momente, in denen im Gehirn neue Verbindungen entstehen. Wenn wir uns aber dauernd ablenken mit Smartphone oder Fernsehen, dann ist das nicht möglich.

Foto: Die Neuengasse in Bern gegen 17 Uhr. Seit dem Lockdown sind zehn Tage vergangen.

Der Bahnhof Bern am Montag, 30. März 2020.
Zwei Wochen sind seit dem Lockdown vergangen. Das Ryffligässchen in Bern.

Und wie lässt man Langeweile bewusst zu?

Ein Faktor ist, zu merken, dass man sich langweilt. Wenn man dies jetzt mit Achtsamkeit in Verbindung bringt, dann bedeutet das: achtsam merken, dass man sich langweilt, indem man in sich selbst hineinhört und den Moment nutzt, in dem man eben gerade nichts machen muss oder seine Aufmerksamkeit nicht voll brauchen muss. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, was man mit dieser Erkenntnis machen kann. Beispielsweise könnte man achtsam auf die Umgebung eingehen: Was passiert gerade um mich herum? Oder auch achtsam in seinen Körper hören: Wie geht es mir? Habe ich Schmerzen? Wie atme ich? So leitet man die Aufmerksamkeit aktiv in eine andere Richtung.

Foto: Die «Front» in Bern gegen 17 Uhr, zehn Tage nach dem Lockdown am 16. März 2020.

Mittwoch, 25. März 2020, um 18 Uhr in der Berner Innenstadt.
Montagmittag vor der Heiliggeistkirche in Bern, zwei Wochen nach dem Lockdown.

Wieso fällt es vielen Menschen so schwer, in der Langeweile achtsam zu sein?

Die Möglichkeiten, sich abzulenken, sind einfach sehr gross. Die Ablenkung durch die vielen Medien und Instrumente, durch die wir Zugang zur ganzen Welt haben, kommt uns Menschen entgegen. Beispielsweise sieht man im Zug kaum jemanden aus dem Fenster schauen, da dies weniger Aufmerksamkeit braucht, als sich einen Film anzusehen.

Foto: Der Bahnhofplatz am Montag, 30. März 2020, gegen 11.30 Uhr.

Die Grosse Schanze in Bern ist abgesperrt.
Die Grosse Schanze in Bern am windigen 30. März 2020 mittags.

Wie könnte man in Alltagssituationen wie beim Zugfahren achtsam sein?

Es ist schon ein Schritt, zu merken, dass man sich langweilt. Das wäre achtsam. Sich also nicht dem Stress hingeben, der die Langeweile auslöst, weil man verzweifelt etwas sucht, um die eigene Aufmerksamkeit zu fesseln. Sondern sich zu sagen: Gut, jetzt langweile ich mich. Jetzt habe ich gerade nichts zu tun. Was mache ich jetzt? Und erst danach die Entscheidung fällen. Halte ich die Langeweile jetzt aus? Schaue ich aus dem Fenster? Beobachte ich, wer mir gegenüber im Zug sitzt? So können auch neue Gedanken und Ideen entstehen. Oder man nutzt die Situation für eine kurze Entspannung.

Foto: Eine Woche nachdem der öffentliche Verkehr am 19. März 2020 eingeschränkt wurde.

Am Mittwochabend, 25. März 2020, am Bahnhof Bern.
Der Bundesplatz, 25. März 2020, gegen 17 Uhr.

Kommen wir auf den momentanen Lockdown zu sprechen. Der Bundesrat hat die Notlage ausgerufen, alle nicht lebensnotwendigen Betriebe sind geschlossen. Die Bevölkerung wird dazu aufgerufen, zu Hause zu bleiben und sich nicht mit anderen Menschen zu treffen. Viele arbeiten nun im Homeoffice. Plötzlich haben die Menschen wieder Zeit. Haben Sie Tipps, wie wir in diesen isolierten Zeiten mit der Langeweile umgehen können?

Mit Kindern ist es ja oft so, dass sie Langeweile schlechter aushalten können. Sie gehen dann zu den Eltern und beklagen sich bei ihnen über die Langeweile. Ich sehe es als Entwicklungsarbeit an, dass man diesen Kindern Möglichkeiten aufzeigt, was sie in dieser Situation machen könnten. Die aktuelle Situation öffnet für uns alle den Raum, etwas Neues auszuprobieren. Vielleicht einen Tanz, den man im Internet gesehen hat? Oder auch etwas ausprobieren, was man noch gar nie gemacht hat. Wir haben mit dem Internet alles zur Verfügung – wir sind immer noch mit der Welt verbunden. Und da gibt es unendliche Möglichkeiten. Das bietet Chancen, etwas Neues kennen zu lernen.

… und achtsam zu sein?

Genau, und achtsam zu sein!

Foto: Auch die Münsterplattform wurde geschlossen.

Eine sonst belebte Stelle am Bahnhof Bern: Seit dem Lockdown sind zwei Wochen vergangen.
Mittag am Bahnhof Bern, eine Woche nachdem der öffentliche Verkehr am 19. März 2020 eingeschränkt wurde.

Ursula Stalder ist Arbeits- und Organisationspsychologin mit Büros in Bern und Burgdorf. Seit 2015 ist sie als selbständige Beraterin mit den Schwerpunkten Coaching, Burnoutbehandlung und -prophylaxe, Laufbahnberatung/Standortbestimmung, Konfliktmanagement und Emotionsregulation tätig.

Ursula Stalder

Impressum: Konzept, Text, Fotos, Produktion: Susanne Grädel

Fachcoaches: Iwon Blum, Simone Gloor – Gesamtverantwortung: Robert Hansen, Chefredaktion – redaktion@derarbeitsmarkt.ch – www.derarbeitsmarkt.ch