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Der Dorfladen, mein Leben Der Bicki Laden in Oberrieden ist seit drei Generationen in Familienbesitz. Wie ein roter Faden zieht sich die Sorgsamkeit und Qualität durch dessen Geschichte. Auch die heutige Besitzerin Coni Bitterli setzt auf diese Werte, mit Erfolg.

Der Tag beginnt.

Die Lieferung kommt vor Ladenöffnung.

Morgens, Viertel vor acht, Coni Bitterli öffnet geübt das Zelt auf dem Vorplatz, in dem Gemüse und Früchte ansprechend präsentiert sind.

Frisch vom Engrosmarkt, wenn möglich Produkte aus der Schweiz.

Auch wenn sie sich nicht primär als Chefin versteht, mit dieser Bezeichnung gar lange gehadert hat, ist nicht zu übersehen: Sie schmeisst den Laden, plant alles und drückt sich vor keiner Aufgabe. Ihre Persönlichkeit bestimmt den Laden – von der Auswahl der Produkte über die Ladengestaltung bis hin zum Arbeitsklima und zur Gesprächskultur.

Sie arbeitet viel und lang – und springt schon auch mal in die Höhe oder steigt auf ein «Taburettli».

Lokal, regional, bio und nicht normiert geformt: Im Bicki Laden werden auch Produkte aus dem Schrebergarten verkauft.

«Cuore di Bue» oder «Ochsenherztomate»: bis vor einigen Jahren im deutschen Sprachraum kaum bekannt. Die Tomate verblüfft sowohl in der Form als auch mit ihrem Gewicht, die beide tatsächlich dem Herzen eines Ochsen ähneln.

Die Pastinake darf hier Wurzel sein und braucht sich nicht als «Albinorübe» zu verstellen, um das Herz eines Kunden zu erfreuen.

Qualitätsarbeit

Im Bicki Laden in Oberrieden ist der Wert der Arbeit spürbar. Hier scheint die Zeit stillzustehen. Beim Einkaufen blickt der Kunde auf ein laminiertes Foto aus dem Jahre 1962, auf welcher Coni Bitterlis Vater, die Grosseltern sowie ein Lehrling zu sehen sind. Der Kunde staunt nicht schlecht: Das Inventar ist immer noch dasselbe, einfach in die Jahre gekommen.

Geschichte spricht Bände.

Kratzspuren, klar, weist alles auf, von der Ablage und dem Regal bis zur Fleisch- und Käsevitrine.

Perlen aus dem Lager
Vitrine aus den 80ern

Das gibt dem Interieur einen unprätentiösen Anstrich – Vintage eben, aber echt. Von vorgestern und avantgardistisch zugleich. Eine ganz «natürliche Nachhaltigkeit».

Frisch gemahlen - Kaffeekultur pur.

«S Härz vom Lade isch eifach da»

«Der Laden, da wo er ist, ist der Ort, wo es für mich stimmt. Meine Stammkunden bedeuten für mich Heimat», erzählt die Ladenbesitzerin. Als Coni Bitterli angefragt wurde, ob sie nicht in einer neu eröffneten Ladenpassage im Bezirk Horgen einen Standort aufbauen möchte, war ihr sofort klar: Nein, das geht nicht. Hier muss es sein, in diesem Haus, in diesem vertrauten Umfeld.

Denn, wegziehen, das möchte sie ihren Stammkunden nicht antun. Aber auch sich selbst nicht. Sie gehört hierhin. Anderswo wäre sie entwurzelt. Hier geht die Work-Life-Balance für sie auf. Kann sie stundenweise im Laden arbeiten und immer wieder mal hoch in ihre Wohnung. Im traditionellen Umfeld kann sie sich selber sein und muss sich keinem Trend anpassen.

Das Dream-Team.

Hier hat sie auch eine wunderbare Zusammenarbeit mit einem Team, das sich selber organisiert. Um den Arbeitsplan muss sich Coni Bitterli nie kümmern, das Team spricht sich selbständig ab. Alle sind Mitarbeiterinnen, die aktiv und im eigenen Stil Kundenbeziehungen pflegen, Verantwortung für spezifische Aufgabenbereiche übernehmen und nicht nur im übertragenen Sinne Teil des Ladens sind.

Traditionelles Sixpack, sozusagen.

Seit drei Generationen

Dass sie selbst einmal nicht bloss als Familienmitglied, sondern als Geschäftsführerin, darinstehen würde, hätte sie sich nie im Traum gedacht, im Gegenteil, und obwohl alle um sie herum genau das stillschweigend von ihr erwartet hatten. Und doch hat es sich dann nach und nach ganz einfach so ergeben. Auf wundersame und stimmige Weise.

Coni Bitterli fühlt sich hier zu Hause. Sie wurde buchstäblich geboren in diesem Haus und verbrachte, seit sie ein Kind war, auch viel Zeit in dem Ladenlokal, das ihre Grossmutter väterlicherseits 1946 im Alter von 49 Jahren übernommen und von einem Gemischtwarenladen zum Lebensmittelladen umgebaut hatte. «Ich fühlte noch genug Energie in mir, um ein neues Vorhaben zu realisieren», schreibt sie in einem Brief.

Die Grossmutter führte über alles Buch, was den Laden betraf.

«Wie im ersten Buch erwähnt war die Eröffnung am 24.11.1946. Zuerst wollten wir ja nur ein bescheidenes Geschäft für Mutti. Ich erinnere mich noch gut, wie ich angefangen habe. Ich hatte ja keine Kenntnisse in dieser Branche, denn ich war ja eine Metzgertochter. Denke ich jetzt zurück, so bin ich erstaunt ob dem Mut den ich besass. Aber ich dachte gar nicht an Mut, ich fing an mit Freude. Freude war meine Triebfeder. Schon als Kind wäre ich gerne in ein Lebensmittelgeschäft. Jetzt sollte ich eines bekommen. Ist da meine Freude nicht zu begreifen? Schliesslich war ich mit meinen 49 Jahren noch voller Tatendrang.»

Der Vater – mit ihm arbeitete Coni Bitterli von 1980 bis 1990 zusammen (Foto circa 1962)

Die Grossmutter schmiss den Laden, der Grossvater half mit – in der nächstfolgenden Generation war’s umgekehrt. Der Vater war federführend. Die Mutter half im Laden mit – pendelte zwischen Kindererziehung und Kundenbetreuung.

Der Vater brachte Delikatessen aus Zürich nach Oberrieden: von Bianchi in der Marktgasse frischen Meeresfisch, von Traiteur Seiler an der Uraniastrasse frische Teigwaren und von Honold am Rennweg Torten und Eclairs. Und schuf damit einen kulinarischen Anziehungspunkt. Die auf der andern Seite der Bickelstrasse gelegene Bäckerei Bachmann, heute Vetterli,

Bäckerei Bachmann früher, Vetterli heute.

und der übers Strassenkreuz gelegene Käseladen Arnold, heute «Ingrid’s Chäsegge», standen ihm an Qualität in nichts nach. Die drei Läden bilden bis heute einen kulinarischen Anziehungspunkt in Oberrieden, der im Dorf als Bermudadreieck bezeichnet wird.

Käseladen Arnold damals, heute Ingrid's Chäsegge.

Noch bis in die 1960er-Jahre gab es vier bis fünf Tante-Emma-Läden in Oberrieden. Und den Migroswagen, natürlich. Der fuhr bis in die 1970er-Jahre regelmässig ins Dorf.

Bild im Hintergrund, von links nach rechts: Grossmutter, Vater, Lehrling und Grossvater (1955).

Die Bicki Lade GmbH

Erst arbeitete Coni Bitterli eher zufällig mit dem Vater im Laden. «Es hat sich einfach so ergeben. Eigentlich hatte ich ja eine Lehre als Flugsicherungsangestellte gemacht. Das gefiel mir aber überhaupt nicht. Als mein Vater gerade eine Vollzeitangestellte suchte, sagte ich ihm, dass ich mal einspringe und er so mehr Zeit hat für die Personalsuche. Mir gefiel dies aber sofort so gut, dass ich ganze zehn Jahre mit meinem Vater im Laden arbeitete. Wir verstanden uns ausgezeichnet, und dass ich viel weniger verdiente als zuvor, machte mir nicht das Geringste aus», erzählt die heutige Ladenbesitzerin.

Nach einer zehnjährigen Kinderpause gründete Coni Bitterli dann im Jahr 2000 mit zwei Kollegen eine GmbH: «Bicki Lade». Wegen der Bickelwiese und der gleichnamigen Strasse, an welcher der Laden liegt. So beginnt zum Millennium eine neue Ära: Die Bicki Lade GmbH bringt neuen Schwung und neue Produkte nach Oberrieden. Ein frischer Wind weht im Dorf.

Qualität reift über Generationen

Das Dreierteam profitiert vom Beziehungsnetz der zwei Vorgängergenerationen. Dies betrifft sowohl die Kunden wie auch die Lieferanten. Denn auch bei Letzteren existiert nicht selten eine Zusammenarbeit über Generationen hinweg, werden die Kleinbetriebe innerhalb der Familie weitergegeben. Wie beim Zürichseefischer oder beim Hühnerbauern in Wädenswil. Den Lieferanten muss Coni Bitterli vertrauen. Sie sind der Garant für die Qualität des Produkts.

Die Liebe zum Detail zeigt sich auch bei Kundenbestellungen. Minutiös werden individuelle Wünsche aufgenommen, Tag für Tag. Jedem einzelnen Rosinenbrötchen gebührt Aufmerksamkeit. Die Kunden wissen das zu schätzen.

Ablage ganz analog. Dieser «Computer» kann sicher nicht abstürzen.

Die Digitalisierung lässt auf sich warten, bis heute. Coni Bitterli verwendet lieber Post-it und Bleistift, Telefonhörer statt Outlook. Hat sie Produzenten oder Lieferanten direkt am Draht, ist der Austausch lebendiger, Sortimentserneuerungen gelingen selbstverständlicher als via Ankündigungen im Newsletter.

Recyceln was man kann.

«Es macht mir Spass, neue Produkte zu prüfen und ins Sortiment aufzunehmen. Auf diese Weise kann ich auch Start-ups unterstützen. Schon manche haben ganz klein angefangen und verfügen heute über eine richtig grosse Produktion.»

Die selbständige Geschäftsform – nach drei Jahren ist Coni Bitterli Alleininhaberin – bietet zusätzliche Freiheit, Neues auszuprobieren und auch Ungewöhnliches zu wagen.

Gurinder zum Beispiel, der vor ein paar Jahren mit drei kleinen Chutneygläsern in ihrem Laden vorbeikam und sie zum Probieren aufforderte. Heute beliefert der Koch aus Punjab in Nordindien nebst dem Bicki Laden unzählige kleine Lebensmittelläden, aber auch die ganz Grossen, wie die Delicatessa von Globus.

Oder Mürbel, zartschmelzendes Milchcaramel mit den Geschmacks-richtungen Alpensalz, Vanille oder Whisky unter anderem. Aus regionalen und natürlichen Zutaten von Hand hergestellt. Caramel Natur pur.

Immer wieder kommen auch Kunden mit einem Sortimentswunsch auf sie zu. Zum Beispiel mit der Nachfrage nach Bioprodukten, die sie gerne umsetzt. Der Anteil der Bioprodukte ist zwar über die Jahre gewachsen, ohne konventionelles Gemüse und Früchte kommt sie aber bis heute nicht aus.

«Da gibt es eben immer noch Stammkundschaft, die gerne Nichtbiogemüse kauft».

De Bicki Lade – voll im Trend?

Selbstbestimmt. Lokal. Nachhaltig. Qualitäten, die im Oberriedner Dorfladen seit Generationen gelebt werden.

«Für mich ist die Arbeit kein Chrampf. Ich fühle mich als Teil des Ladens.»

«Mein Laden macht mich reicher als Geld. All die Erlebnisse eines Tages, die Gespräche mit den Stammkunden, das lässt sich nicht mit dem Umsatz gleichsetzen», zieht Coni Bitterli Fazit.

Im Gegenteil. Der Zuwachs an Neukunden während des ersten Lockdowns hat das Team an seine Grenzen gebracht.

«Das war nur noch ein reines Abfertigen – die Ware kam rein und ging wieder raus. Das hat überhaupt keinen Spass mehr gemacht, und wir hätten das auch nicht mehr lange ausgehalten», bestätigt die Teamleaderin das gemeinsame Arbeitsethos.

Seit Jahrzehnten schon wird auf Meerfisch verzichtet und stattdessen Egli, Felchen und Hecht aus dem Zürichsee angeboten. Am Fangtag filetiert und frisch in der Vitrine präsentiert. Lokal hat Potenzial.

«Es gehört schon ein bisschen Idealismus dazu»

«Heute kann man nicht mehr vom Umsatz eines solchen Ladens leben als Familie, wie dies meine Eltern noch konnten – mit zwei Wochen Ferien am Meer, jedes Jahr», erinnert sich Coni Bitterli. «Ich bin nicht darauf angewiesen, eine Familie ernähren zu müssen. Dennoch fahre ich eher selten in die Ferien, ich habe gar kein so grosses Bedürfnis danach, weil ich meine Balance im Alltag lebe.»

Wozu soll man auch in die Ferien fahren, wenn man im Herzen des «Bermudadreiecks» und nahe dem Restaurantsteg «Key West» lebt, auf dem man mitten im Zürichsee das imposante Bergpanorama bewundern kann?

«Es gab überhaupt nur einen Samstag in den letzten 20 Jahren, an dem ich nicht gearbeitet habe. Da sind wir nach Dresden gefahren.»

«Value of Work»

«Ich fühle Freude bei der Arbeit, das ist das Wichtigste.»

Stress ist nach Coni Bitterli so gut wie möglich zu vermeiden. Das ungute Gefühl der Überforderung, das einen nicht mehr klar denken lässt, sondern die Aufmerksamkeit vom Jetzt zu all den unerledigten Dingen abzieht.

«Was mir an der Selbständigkeit gefällt, ist, dass ich selbst bestimmen kann, was im Laden läuft. Dass ich mir Zeit für meine Kunden nehmen kann, wann immer ich will. Ich bin offen für neue Ideen, für neue Produkte, aber es muss passen und ist nicht zuletzt auch eine Platzfrage», erzählt die Oberriednerin. Sie hatte eine Kundenanfrage letzthin, Sanddorn-Fruchtmark ins Sortiment aufzunehmen. «Zu teuer, das kauft doch niemand», dachte sie bei sich, und während Wochen fiel ihr Blick immer wieder auf den Produkteflyer auf dem Bürotisch. «Dann kam Corona, und das Produkt war der Renner. Alle kauften es wegen des Vitamins C», erzählt die Ladenbesitzerin begeistert.

Das ist Entschleunigung. Nicht immer allen Ansprüchen sofort genügen zu wollen. Authentisch.

Es ist alles da, was das Herz begehrt.

Das zieht sich wie ein roter Faden durch Coni Bitterlis Leben. Dass sie zufrieden ist damit, wie es ist.

«Am Abend weiss ich, was ich gemacht habe, und bin stolz darauf – weil es mich und meine Kunden freut.»

Impressum

Konzept, Text und Produktion: Carmen Schurter – Fotos: Carmen Schurter, Catherine Caduff, Ciro Silvestri – Redaktion: Renato Barnetta –Gesamtverantwortung: Robert Hansen, Chefredaktion – redaktion@derarbeitsmarkt.ch – © www.derarbeitsmarkt.ch, Juni 2021