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Wenn ein Schloss aus dem Winterschlaf erwacht

Mit Besen, Saugern, Wasser und Seife rücken derzeit gute Geister im Schloss Landshut dem Dreck zu Leibe, der sich im Winter angesammelt hat. Wenn am Muttertag die ersten Gäste durch die romantischen Gemäuer wandeln, muss alles rein sein.

Die Zugbrücke ist hochgezogen. Wer um den Graben herumgeht und vor dem Eingangstor steht, liest, dass er sich gedulden muss, um in das Schloss hineinzukommen: bis zum Muttertag am 13. Mai.

Doch die Fenster unter dem Dach sind sperrangelweit geöffnet. Flink wie ein Vogel, der sein Nest baut, wischt hoch oben eine Hand über die Scheibe und entstaubt die Balken. Unten öffnet sich das grosse Tor durch die Hand von Beat Hänggärtner. Er ist der Schlossherr. Genauer gesagt: der Schlosswart. Gemeinsam mit seiner Frau Ursula, die oben putzt, schaut er im Schloss Landshut bei Utzenstorf zwischen Bern und Solothurn nach dem Rechten.

Die beiden umsorgen die Räumlichkeiten, die das Schweizer Museum für Wild und Jagd beherbergen, sowie die Parkanlage und unterstützen die Wildtierstation, die in einem Nebengebäude untergebracht ist und ebenfalls zur Schlossanlage gehört. Auch für die Cafeteria im Schlosshof sind Ursula und Beat Hänggärtner verantwortlich.

Ihnen stehen zwei Mitarbeiterinnen zur Seite. Eine von ihnen ist Margrit Schmid. Mit einem Besen wischt sie «Spinnhuppele» und Staub von den Wänden. Geputzt wird wie seit jeher entlang dem Wasserlauf: von oben nach unten. Vom Dachstuhl bis zum Keller. Keine Ritze, keine Rille wird verschont. Schliesslich ist das Schloss Landshut kein verstaubtes Relikt aus grauen Vorzeiten. In diesem Jahr hilft auch Mika Strahm beim Frühjahrsputz. Der Student bessert so während der Ferien seine Kasse auf. Ein kleines Team sei letztendlich effizienter als eine grosse Putzkolonne, weiss die Schlosswartin. Sie habe die Erfahrung gemacht, je grösser das Team, desto aufwendiger sei die Koordination und Organisation.

Schloss als Schutz und Sommerresidenz

Heute gehört das einzige noch intakte Wasserschloss des Kantons Bern einer Stiftung. Es besteht ein Gebrauchsleihvertrag mit der Burgergemeinde Bern, die Unterhalt, Planung und einen grossen Teil der Aufwendungen für die Ausstellungen und Sonderausstellungen finanziert. Die Gesellschaft Schweizer Museum für Wild und Jagd bezahlt der Burgergemeinde Bern einen Beitrag und stellt Ausstellungsgegenstände zur Verfügung.

Das Schloss Landshut in Utzenstorf wurde vor rund 1000 Jahren das erste Mal schriftlich erwähnt. Als Schutz diente von Beginn an ein Wassergraben. 1253 wird das Schloss erstmals als «Landshoute» bezeichnet: als des Landes Schutz. Damals ging die Liegenschaft durch Erbschaft von den Zähringern an die Kyburger. Nach privaten Besitzern, die unter anderem Dichter waren, wurde die Herrschaft Landshut wegen einer finanziellen Notlage 1513 an Bern verkauft und fortan als Landvogteisitz genutzt. Als die Vogtei 1788 aufgelöst wurde, drohte der Abbruch des Schlosses.

Niklaus Rudolf von Wattenwyl kaufte die Liegenschaft jedoch 1812. Nach ihm war das Gut im Besitz von mehreren Kaufleuten, die es als Sommerresidenz nutzten. 1958 kaufte der Kanton Bern das Schloss samt seiner Anlage, die Gemeinde Utzenstorf beteiligte sich mit 15 Prozent an den Kosten von 250 000 Franken. Vor 50 Jahren wurde das Schloss Landshut als Schweizer Museum für Wild und Jagd aufgebaut.

Gelegentlich hätten beim Frühjahrsputz auch Frauen mitgearbeitet, für die dieser Einsatz eine Massnahme des Strafvollzugs war, etwa um eine Busse abzahlen zu können. Für Ursula Hänggärtner und ihre Helferinnen, zu denen Christine Zimmermann ebenfalls gehört, ist der Schlossputz aber keine Strafe, sondern Teil ihrer Arbeit, die sehr abwechslungsreich sei.

«Bist ein bisschen zu spät dran. Wir haben eben den Tierchen an den Wänden die Zähne geputzt, das hätte ein schöneres Bild gegeben», sagt Margrit Schmid, der gute Geist vom Schloss, lachend und zeigt auf eine grosse Zecke aus Gummi. Zwischen Staub und Vogeldreck, der sich während der Wintermonate im Dachstock angesammelt, ist alles andere als das «Du» fehl am Platz.

«Du, kannst du dir vorstellen, wie die Frauen, die hier im Schloss gelebt haben, mit all ihren Röcken und Unterröcken diese Treppen hinauf- und hinuntergelaufen sind?», lautet die Frage auf der Wendeltreppe. «Welche meinst du? Die Dame mit dem engen Korsett und dem ausschweifenden Reifrock oder die Magd mit den Eimern, dem Holz oder dem Essen für die Herrschaften in den Händen?», fragt Ursula Hänggärtner zwischen zwei Stufen. Leben und arbeiten in diesem Schloss bedeute viel Treppensteigen, das sei ganz und gar nicht königlich. Wer mehr über das Leben der Frauen im Schloss wissen will, muss zum nächsten Schloss reisen: nach Jegenstorf. Dort wird bis zum 14. Oktober die Ausstellung mit dem Titel «Unsere Frauen. Im Schloss gelebt, gedient, gehütet» gezeigt.

Im Schloss Landshut ist das Museum für Wild und Jagd beheimatet, ein Ableger des Naturhistorischen Museums des Kantons Bern. Deshalb ist in diesen Gemäuern kein einziges königliches Bett zu besichtigen, müssen nach dem Winterschlaf keine Kissen aufgeschüttelt werden. Die jetzige «Schlossherrin» erklärt, dass sich um alle ausgestopften Tiere mit Pelz, die im Schloss zahlreich anzutreffen sind, das Naturhistorische Museum von Bern kümmert. Auch die ausgestellten Waffen, mit denen Tiere erlegt wurden, werden nicht von den Schlossleuten gereinigt. Aber die fast unzähligen Scheiben, hinter denen die Exponate liegen.

Die Sonderausstellung «Mit Lippenstift und Patrone» wird gerade noch eingerichtet. Sie thematisiert Jägerinnen. Vor der Eröffnung am Muttertag muss auch hier mindestens durchgewischt und abgestaubt werden. Frauen, die auf der Jagd nach einem Märchenprinzen fündig wurden, können im Schloss Landshut Hochzeit feiern. «In dieser Saison sind bereits alle Samstage ausgebucht. Einige Freitage wären noch zu haben», sagt Ursula Hänggärtner.

Die Sonderausstellung im Schloss Landshut, die am 13. Mai eröffnet wird, trägt den Titel «Mit Lippenstift und Patrone» und ist den Frauen auf der Jagd gewidmet. Auf der Homepage schlosslandshut.ch wird erklärt, die neue Sonderausstellung mache die zunehmende Präsenz der Frauen in der Jagd zum Thema und stelle den Wandel in den Fokus, der damit einhergehe. «Frauen jagen bewusster, umsichtiger hört man oft – doch stimmt das?» Diese Frage sowie was Frauen zu einer zeitgemässen Jagd beitragen oder wie sie das Image der Jägerschaft beeinflussen, will die Ausstellung beantworten. Am Schluss der Ausstellung kann virtuell auf ein Wildtier geschossen werden.

Ausgerechnet in der Küche neben dem Festsaal, wo heute nur noch die Angestellten der Catering-Services Zugang haben, ist sie anzutreffen: die «Grande Dame» von allen, die einst, jetzt und auch in Zukunft mit Reinigen betraut war, ist und sein wird – die Schmierseife! Auch bekannt unter dem schlichten Namen Mama. Mama Steinfels.

«Ja sicher, nur mit ihr», versichern Ursula Hänggärtner und Margrit Schmid. Die Pflege und somit auch die Reinigung von historischen Gebäuden und Möbeln verlangten Fingerspitzengefühl. Scheuermittel, zu putzige Lappen oder Schwämme, die mit dem Dreck auch gleich den Lack wegwischen würden, seien «relativ heikel», bestätigt auch Beat Hänggärtner, der Schlosswart. Er weiss, dass der Keller aus Sandstein nur mit der Methode geputzt werden darf, die auch im Dachstuhl die beste ist: «Bäsele. Suber u gründlech bäsele.»

Beat Hänggärtner ist ebenfalls für die Parkanlage mit ihren beiden Bächen und dem Wassergraben, über den eine Zugbrücke führt, zuständig. Im Winter schneidet er die über hundert verschiedenen Sträucher und Bäume, im Sommer mäht er den Rasen und sorgt gemeinsam mit seiner Frau dafür, dass die Pflanzen nicht verdursten.

Wasser prägt das Schloss

Landshut ist das einzige erhaltene Wasserschloss des Kantons Bern, eines der wenigen in der Schweiz. Der Burggraben diente der Verteidigung. Zwei Bäche fliessen durch den Landschaftspark rund um das Schloss. Der Ölibach mündet seit 1776 in den Schlossweiher, damit dieser mehr Durchfluss hat und sauberer ist. Er entspringt wie der Mülibach einer Grundwasserquelle. Bereits 1437 erwähnte der damalige Besitzer Rudolf von Ringoltingen Wasserleitungen zum Schloss, um das Gebäude mit Wasser versorgen zu können.

Als der Landschaftspark nach englischem Vorbild gestaltet wurde, entstanden ebenfalls mehrere Wasserfälle. Die alten Anlagen wie die Mauerreste des Wasserwerks wurden erhalten. Vom Bahnhof Utzenstorf her führt ein rund zwei Kilometer langer Wasserlehrpfad zum Schloss.

Auf Tafeln erfahren Wandersleute unter anderem, dass die Namen der Bäche auf ihre Nutzung hinweisen.

Die Gewässer wurden einst zur Zucht von Forellen genutzt. Allerdings seien zu viele Tiere in fremden Kochtöpfen gelandet; die aufwendige Zucht wurde eingestellt, wie Barbara Kummer und Peter Lüps vom Naturhistorischen Museum Bern schreiben.

Weiter ist der Homepage zu entnehmen, dass auch die Abwässer lange Sorge bereiteten, vor allem die Geruchsimmissionen. So endete etwa der Abort im Garten zwischen Burggraben und Schloss, bis die Abwässer ab Anfang des 19. Jahrhunderts in den Schlossgraben geleitet und so weggespült wurden. Noch heute leben in den Bächen und im Burggraben Fische. Auf den Gewässern sind auch zahlreiche Enten anzutreffen.

Die Enten sind im Frühling besonders putzig.

Das Museum ist vom 13. Mai bis 14. Oktober ausser montags täglich geöffnet. Der Eintritt ins Museum ist kostenpflichtig; der Park und die Cafeteria im Innenhof des Schlosses, die während der Öffnungszeiten betrieben wird, sind frei zugänglich.

Impressum

  • Realisation: Susanna Fricke-Michel
  • Projektleitung: Fanny Vázquez
  • Gesamtverantwortung: Robert Hansen, Chefredaktion
  • www.derarbeitsmarkt.ch
  • Kontakt: redaktion@derarbeitsmarkt.ch
  • © «der arbeitsmarkt», Mai 2018

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