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Peter-Raue-Preis für HANGARMUSIK

Laudatio

auf die Preisträger des erstmals vergebenen Peter-Raue-Preises

von Wolfram Hertel, Geschäftsführender Partner der Societät RAUE

Liebe Frau Weber, lieber Herr Knapp, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Journalisten und Gäste und vor allem: lieber Peter! Ich begrüße Sie alle sehr herzlich zur erstmaligen Verleihung des „Peter-Raue-Preises“. Da der Preis „neu“ ist, möchte ich zunächst ein paar Worte zur Erläuterung des Preises sagen:

Die Sozietät hat den Preis anlässlich des 80. Geburtstags von Dir, lieber Peter, gestiftet. Er soll künftig jedes Jahr vergeben werden. Das Preisgeld beträgt 10.000 Euro. Konzipiert ist der Peter-Raue-Preis als „Förderpreis“. Wir wollen mit dem Preis nicht etwa Prominente auszeichnen, oder Institutionen und Initiativen, die auch sonst im Rampenlicht stehen und Preise einheimsen – Peter Raue ist kein „Bambi“ und keine „Goldene Kamera“.

In unserem Beschluss heißt es: "Dieser Preis ist Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber Peter Raue und soll sein herausragendes und beispielhaftes Wirken als Bürger der Stadt Berlin, als Rechtsanwalt und als Förderer der Künste und des Gemeinwohls würdigen. […] Preisträger sollen Personen oder Institutionen sein, die für ihr soziales, bürgerschaftliches oder kulturelles Engagement vorbildlich sind und das Preisgeld für dieses Engagement verwenden werden."

Zur Auswahl des Preisträgers haben wir eine Kommission gebildet, die aus den eingegangenen Vorschlägen eine Shortlist von drei Vorschlägen erstellt. Welcher der drei Vorschläge als Preisträger ausgewählt wird, entscheidet die Partnerversammlung auf ihrer jährlichen Partnertagung, die traditionellerweise im September stattfindet. Die Arbeit der Preiskommission ist naturgemäß vertraulich und auch ich weiß nicht, wer sonst vorgeschlagen wurde. Mir wurde nur zugesteckt, dass es die Kommission sehr schwer hatte, da nahezu 50 wirklich großartige Ideen und Initiativen mit ganz unterschiedlichen Zielsetzungen vorgeschlagen waren. (...)

Liebe Frau Weber, lieber Herr Knapp: Als uns die Vorschläge auf der Partnerversammlung im September vorgestellt wurden, war sofort klar: Wir haben mit Hangarmusik einen geradezu idealen Preisträger. Wir waren von Ihrem Engagement geradezu überwältig und haben uns mit großer Mehrheit für Ihre Initiative als ersten Preisträger des Peter-Raue-Preises entschieden. (...)

Mit Hangarmusik würdigen wir eine Initiative, die an die Kraft des Idealismus und der Kultur glaubt und sie dort umsetzt, wo es unbequem ist – nein mehr: dort, wo es richtig weh tut. Sie stellen mit Mitteln der Kunst sehr grundsätzliche Fragen nach dem Wesen unserer Kultur, nach der Humanität und nach unserem Selbstverständnis als wohlhabende Gesellschaft mitten in Europa. Und gleichzeitig eröffnen Sie mittellosen – ja: auch hoffnungslosen – jungen Menschen den Weg zur Kunst. Sie geben ihnen die Möglichkeit, ihre Musikalität überhaupt erst zu entdecken und trotz der katastrophalen Umstände, in denen sie leben, Momente der Freude und des Glücks zu empfinden. Sie ermöglichen den Kindern, mit denen Sie musizieren, Schlüsselerlebnisse in ihrer persönlichen Entwicklung, die sie niemals vergessen werden und geben ihnen Hoffnung.

Mit dieser Initiative beweisen Sie sich nicht nur als wirkliche Humanisten, sondern auch als wahrhafte Künstler. Als Juristen haben wir in unserer Ausbildung gelernt: Kunst ist nicht definierbar, aber sie unterscheidet sich von der Unterhaltung dadurch, dass sie Relevanz für unser Zusammenleben hat, dass sie unbequem sein kann, dass sie uns den Spiegel vorhält und uns Impulse gibt. In diesem Sinne sind Sie große Künstler. Was Sie tun, ist (erstens) unbequem, es hat (zweitens) Relevanz und (drittens) es hält uns den Spiegel vor und gibt uns Impulse:

1. Was Sie tun, ist unbequem. Es ist kein Vergnügen, sich mit dem Elend in den Flüchtlingslagern zu beschäftigen. Es ist kein Vergnügen, zu den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln zu fahren und dort selbst mitzubekommen, in welchem Elend und welcher Hoffnungslosigkeit die Menschen dort vor sich hin leben müssen. Und es ist auch kein Vergnügen,sich zu vergegenwärtigen, dass wir Elend und Hoffnungslosigkeit auch hier mitten unter uns in Berlin haben, in den „Hangars“ dieser Stadt. Mitten unter uns, die wir in warmen, bequemen Wohnungen und Häusern leben. Es ist unbequem, sich deutlich zu machen, dass die Welt aber auch nicht unsere Stadt so ist, wie wir sie uns verdrängend vorstellen, sondern dass wir Wohlstand und Not so dicht beieinander haben. Es ist aber nicht nur unbequem für Sie, sich das alles anzusehen. Es ist auch unbequem für uns, weil Sie uns helfen diese Missstände zu erkennen.

2. Was Sie tun, hat Relevanz – denn Sie bewirken Bleibendes. Es hat Relevanz für die Kinder, denen Sie helfen, denen Sie zum Lachen und zum erfüllten Menschwerden helfen. Kaum eines dieser Kinder, mit denen Sie arbeiten, hatte wohl zuvor überhaupt gewusst, was eine Geige und was Beethoven ist – und so werden dieser Kinder niemals vergessen, was Sie ihnen beigebracht haben. Aber was Sie tun, hat vor allem Relevanz für uns und unsere Gesellschaft. Sie zeigen mit Ihrer Arbeit, dass es anders geht. Dass wir helfen können. Dass es jedem von uns möglich ist, die Zustände in den Lagern und Hangars nicht einfach achselzuckend hinzunehmen, sondern etwas dagegen zu tun.

Und deshalb 3.: Sie halten uns auch den Spiegel vor. Sie helfen uns allen mit Mitteln der Kunst zu erkennen, dass die Zustände in den Lagern in Griechenland, in anderen Ländern und hier bei uns nicht zu akzeptieren sind. Dass wir dadurch, dass wir diese Zustände nicht entschieden genug ändern, unsere eigenen Werte, auf denen unsere Gesellschaft aufgebaut ist, verletzen. Sie lassen Kinder in Flüchtlingslagern in Griechenland nicht nur „irgendeine“ Musik spielen, sondern Beethovens Schlusssatz der 9. Symphonie. Mit diesem Schlusssatz hat Beethoven Friedrich Schillers Gedicht „Ode an die Freude“ vertont – das dieser im Jahr 1785 (kurz vor der Französischen Revolution) geschrieben hat. Beethoven hat dieses Gedicht im Jahr 1824 für seinen Schlusssatz ausgesucht, weil in diesem Gedicht die Utopie des Weltfriedens zum Ausdruck gebracht wird, die Sehnsucht nach einem Ende von Krieg und Tyrannei, nach Verbrüderung, nach Freude und nach gemeinsam erlebtem Glück. Und ich glaube, dass auch Sie aus ähnlichen Gründen genau dieses Musikstück ausgesucht haben: Wenn Sie die Kinder in den Lagern dieses Stück spielen lassen, unterstreichen Sie, dass die Überwindung von Krieg, Tyrannei und Elend immer noch auf der Tagesordnung steht – die von Schiller mit dem Gedicht angesprochene Hoffnung nach Verbrüderung aller Menschen ist leider immer noch nicht realisiert. Wenn Sie dieses Stück dort von den Kindern spielen lassen, erinnern Sie uns daran, dass das Ziel, das Schiller in seinem Gedicht beschreibt auch heute noch nicht erreicht ist und dass die Überwindung von Krieg und Elend durch die Verbrüderung noch heute eine Aufgabe ist, an der wir arbeiten müssen.

Und dann möchte ich auch noch einen Punkt ansprechen, der auf den ersten Blick etwas zynisch erscheint: Diese Musik – Beethovens Vertonung der Ode an die Freude – hat sich Europäische Union im Jahr 1985 zu ihrer Hymne gegeben. Sie lassen die Kinder im Elend der Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln und in den Hangars unserer Stadt die Europahymne spielen. Sie halten damit Europa den Spiegel vor. Dort, wo wir Europäer aktuell mit unseren europäischen Grundwerten scheitern, weil wir Menschen – vor allem Kinder – in Schlamm, Dreck und Elend verkommen lassen, lassen Sie die Europahymne spielen. Sie zeigen mit dieser Geste, was Europa sein will und was es im Gegensatz dazu tut. Das kann man jetzt für einen Ausdruck von Zynismus halten. Wir wissen aber, dass Sie nicht aus Spott handeln, sondern als Humanisten. Weil sie gnadenlos optimistisch sind und daran glauben, dass Musik und Kultur Kraft haben, um die Werte, die in der Ode an die Freude angesprochen werden, zu erreichen.

Dieser Optimismus verbindet Sie wiederum mit Peter Raue, den – das ist mein persönlicher Eindruck – ich als einen Grundoptimisten kenne. Anders als viele Juristen, die im Alter immer zynischer werden (zunehmender Zynismus ist eine gewisse „Berufskrankheit“ bei Juristen) interessiert sich Peter immer wieder für Neues und sieht zuversichtlich nach vorne. Die feste Überzeugung, dass die Beschäftigung mit der Kultur einem Menschenleben Optimismus geben und erfüllen kann, haben Peter Raue und Sie gemeinsam.

Deshalb: Wir verleihen Ihnen den Peter Raue Preis heute weil Sie mit Mitteln der Kunst verzweifelten Kindern zum Glück verhelfen, weil Sie uns damit aufzeigen, dass immer noch sehr viel zu tun ist, um unsere europäischen Werte und Ideale zu verwirklichen, weil wir vor dem von Ihnen bewiesenen Optimismus und Ihren Humanismus großen Respekt haben und uns dafür bedanken wollen und weil wir hoffen, dass Sie noch lange so weitermachen und noch viele Kinder mit diesem Optimismus anstecken.

Im Namen der Sozietät Raue: Herzlichen Glückwunsch zum erstmals vergebenen Peter-Raue-Preis!

Wolfgang Hertel, Peter Raue, Leila Weber, Andreas Knapp (v.l.)

Berlin, 3. November 2021

© Veröffentlichung der Abbildungen und der Laudatio mit freundlicher Erlaubnis der Raue PartmbB