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Gott ist fadengrad ehrlich Michael Dufner

«Guten Tag. Kommen Sie doch kurz herein! Ich kann Ihnen helfen, dass Sie nicht so grosse Tränensäcke haben…» Mit diesen Worten wirbt ein Verkäufer vor einem Beautyladen um mein Interesse.

Ich bin in einer Stadt unterwegs, habe etwas Zeit bis zu meinem Termin, und obwohl eine solche Aussage auch verletzend wirken könnte, macht sie mich neugierig. Der Grund ist die freundliche Ausstrahlung des Gegenübers, eine einladende Geste und vermutlich auch die Tatsache, dass ich wirklich Zeit habe. Normalerweise mache ich das nie - habe ich NIE Zeit für solche Geschäftsleute! Ich gehe also in den Laden und der Verkäufer legt los. Er beschwatzt mich, gibt mir Tipps, wäscht meine Haut unterhalb des einen Auges und reibt mir ein Wundermittel auf die gereinigte Stelle. Nur unter einem Auge, der Unterschied soll ja sichtbar werden. Ich spüre, wie es wirkt. Ein Spannen, als ob mir jemand die Haut straffe, aber nicht unangenehm. Es fühlt sich wohltuend, erfrischend an. Dann fange ich mich wieder auf - zumindest gefühlsmässig - und denke: «Was? Ich soll Tränensäcke haben, alt aussehen und Runzeln haben!? - Hat der das wirklich gesagt? Sooo frech!»

Doch, als ob der Verkäufer es ahnt, holt er mich gekonnt wieder zurück in die Wirklichkeit seines Wundermittels. Er fragt mich, wie es sich anfühle, und beschreibt mir exakt, was ich fühlen kann. Plötzlich sind meine anfänglichen Gedanken von «dieser freche Typ» verflogen. Er ist lieb, er will mir helfen, damit ich nicht alt aussehe, damit meine Tränensäcke verschwinden. Vielleicht brauche ich es tatsächlich, dieses Wundermittel. Doch halt! Was wird das kosten? Innerlich lege ich mir einen Maximalpreis fest: So viel und nicht mehr… würde ich zahlen. Wieder holt mich der freundliche Mann zurück, indem er mir einen speziellen Spiegel vorhält. Der Spiegel hat eine extra eingebaute Lampe, so dass mein Gesicht optimal ausgeleuchtet wird. Ich sehe jetzt den Unterschied ganz deutlich. Schon krass! Links jugendlich frisch, gestrafft - rechts alt, faltig! Ich erfasse nicht mehr, was er noch alles erzählt. Ganz ehrlich: Von der anfänglichen Skepsis, von meinem Zögern, überhaupt in den Laden zu gehen, ist nichts mehr vorhanden.

Dieses Erlebnis ist schon spannend! Vor diesem Besuch wusste ich nicht einmal, dass ich Tränensäcke und Runzeln habe. Jetzt sehe ich sie ständig. Aber noch kurz zum Schluss meiner Geschichte:

Ich sass also da auf dem Stuhl, bereit, dieses Produkt zu kaufen, was ich vorher noch gar nicht für nötig gehalten hatte. Mit den Gedanken war ich bei meinem Maximalpreis, den ich keinesfalls zu überschreiten gedachte. Es war eine wirklich kleine Tube, die er mir anpries. Gekonnt eröffnete er sein Plädoyer: «Herr Dufner, ich mache Ihnen einen absolut einzigartigen Preis! Einen Spezialpreis, nur für Sie. Sie sind mir sympathisch, sie brauchen es unbedingt und deshalb nur heute zu diesem Einführungspreis. Sie bekommen dieses Produkt für 250 statt für 350 Franken!» Jetzt war ich wieder ganz bei mir: Falten und Tränensäcke hin oder her, dieser Betrag war kilometerweit entfernt von meiner Vorstellung. Ich verabschiedete mich freundlich und bedankte mich für die einseitige Behandlung.

Wieder auf der Strasse, musste ich lachen. Das sah jetzt vermutlich komisch aus, nur noch auf einer Seite einen Tränensack zu haben. Aber egal! Ich war um eine eindrückliche Erfahrung reicher. Als ich die Leute traf, mit denen ich verabredet war, fragte ich, nachdem ich die Story erzählt hatte, ob sie einen Unterschied erkennen. Die meisten zeigten den vermeintlichen Behandlungserfolg jedoch unter dem falschen Auge. Doch nicht so schlimm! Aber einige Aspekte dieses Erlebnisses wurden mir zum Bild für meine Beziehung mit Jesus.

Ähnlich wie mit dem Verkäufer ist es auch bei Jesus. Er ist fadengrad ehrlich. Zugegeben: Nicht unbedingt wegen Falten und Runzeln meines Äusseren, aber was mein Inneres betrifft. Geschichten in der ganzen Bibel zeigen: Unser Gott will unsere Falten und Runzeln angehen. Und wenn wir das so hören, ohne die Person Jesus zu kennen, dann spüren und erleben wir die Freundlichkeit hinter den Worten nicht. Dann ist es einfach nur konfrontierend, moralisch, niederdrückend und abstossend. Doch Jesus steht da und lädt uns ein, weil er uns schönpflegen will.

Aber wie bringen wir die Leute zu diesem freundlichen, überzeugenden und wohlgesinnten Jesus? Ein Freund erzählte mir, wie er in Honkong in einer Underground Metro-Flughafen-Zugstation total verloren war. Er fand sein Gate nicht. Er fragte die Leute. Während der eine in eine Richtung zeigte, war ein weiterer überzeugt, dass es dort sein musste, wo er vorher gerade war. «Zum Verzweifeln!» erzählte mir mein Freund. Ich konnte ihm nachfühlen. «Doch dann…», erzählte er weiter, «erbarmte sich eine Frau meiner. Sie sah meine Verlorenheit und führte mich persönlich zum Gate.» Seine Erleichterung war auch jetzt noch deutlich zu spüren. Die Frau hatte nichts erklärt, nichts besser gewusst als andere, sondern war einfach den Weg zum Gate mitgegangen.

Wir leben in einer Zeit, in der alle besser als andere wissen, wie das Leben funktioniert, wie oder was uns erfüllt. Wenn wir Gottes Liebe auch noch ins Spiel bringen, dann ist das oft ein Weg unter vielen. Was, wenn wir zum freundlichen, motivierten, vor Begeisterung strahlenden Türsteher werden, der die Leute zu Jesus führt? Wir sind nicht die Verkäufer – wir sind die Freundlichkeit Gottes, welche die Menschen in seine Liebe und Güte hineinführen.

Nicht wir müssen den Menschen ihre Runzeln und Falten zeigen, sondern dürfen erzählen, wie wir unsere eigenen von Jesus behandelt bekommen. Als ich meinem Nachbarn kürzlich von einem Ehestreit erzählte und dann von meiner Jesusbehandlung sprach, wie er mir geholfen hatte, meine «Runzeln/Tränensäcke» anzugehen, meinte er: «So einen Jesus könnte ich auch brauchen. Bei mir läuft's echt nicht gut…« Und so beteten wir gemeinsam. Ich führte ihn zu JESUS in den Laden. Und anders als bei meinem Erlebnis, wo das Resultat nicht erkennbar war, entdecke ich bei den Menschen schnell die Veränderung, die Jesus in ihrem Leben bewirkt.