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Von Pferden, Pistolen, Plänen und Pleiten Eine Kritik zum Videospiel Red Dead Redemption 2

Text: Nicolai Eckert, Bilder: RockstarGames, Layout: Leonie Thiel

Die Studierenden lesen nicht mehr, besagt ein beliebter Vorwurf. Mag sein. Aber dafür spielen sie Videospiele, und die sind Kulturgut, oder? Red Dead Redemption2 ist jedenfalls der jüngste Beweis für diese These. Eine Kritik zum viel gelobten Videospiel RDR2 - ganz ohne Spoiler.

Screenshot: Arthur Morgan auf seinem Pferd.

„Good Girl!“, ruft unser Protagonist seinem braun gescheckten Pferd zu, klopft ihm auf den langen, sehnigen Hals, und gibt ihm im Anschluss einen Haferkeks zu fressen. Das Pferd wiehert zufrieden, stampft mit den Hufen und schüttelt das Zaumzeug. Was zunächst klingen mag, wie eine Geschichte vom Ponyhof, ist in Wahrheit eine epische Erzählung vom Niedergang des Wilden Westen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, voller Gewalt, Zweifel, Verbrechen, aber auch Menschlichkeit, Fürsorge und Zuneigung. Held dieser Geschichte ist Arthur Morgan, ein eigentlich übler Typ mit wenig Moral, der gerne die Faust schwingt und schnell seinen Revolver zieht. Erzählt wird die Geschichte auf der Konsole. Selbstverständlich ist hier die Rede von dem neuem Action Adventure „Red Dead Redemption 2“ des Publishers RockstarGames.

Das Videospiel RDR2 hat sich über 17 Millionen mal verkauft.

Zuerst angekündigt im Oktober 2016, sollte RDR2 bereits im Herbst des Folgejahres erscheinen. Letzten Endes ist es nach mehreren Verschiebungen erst im Oktober 2018 auf den Markt gekommen, da, wie die Entwickler auf der offiziellen Webseite schreiben, mehr Zeit benötigt wurde, um an dem Spiel zu feilen: Ihr Ziel war es, ein ausgereiftes Produkt abzuliefern. Und das ist ihnen durch und durch gelungen. Alle Erwartungen an RDR2 waren extrem hoch, erste Kritiken dann lobten das Spiel in den Himmel, es gab kaum etwas am Gesamtpaket zu kritisieren: Red Dead Redemption 2 würde das Videospiel revolutionieren, nichts Vergleichbares sei momentan auf dem Markt und alles im allem ist RDR2 das beste Videospiel unserer Zeit.

Das wirkte sich selbstredend auf die Verkaufszahlen aus: 17 Millionen Exemplare in nur zwei Wochen gingen weltweit über den Ladentisch. Übertroffen wurden diese Verkaufszahlen nur von Grand Theft Auto 5 –ebenfalls ein Titel von Rockstar Games. Doch ist der Hype um dieses Videospiel gerechtfertigt? Hat es wirklich die Gamingindustrie umgekrempelt und neue Maßstäbe für alles Darauffolgende gesetzt? Da das Spiel nun schon einige Monate auf dem Markt ist lässt sich sagen: Nein. Lobeshymnen sind zwar gerechtfertigt, nicht aber in übertriebener Form. RDR2 sieht gut aus, erschafft ein glaubwürdiges Szenario, in dem sich die Spieler_innen wieder finden können und glänzt durch unglaublichen Reichtum an spielerischen und grafischen Details. Fußabdrücke im Schlamm, der Regenbogen bei Regen und Sonne über der weiten Landschaft und eine vielfältige Flora und Fauna, die authentisch auf die Anwesenheit des Protagonisten reagiert, bilden den visuellen Rahmen für eine umfangreiche Geschichte, mit dramatischem und bewegenden Verlauf. Über 60 Stunden Spielzeit können von den Spielerinnen und Spielern in RDR2 investiert werden. Zeit sollte also keine Mangelware sein, wenn man sich an dieses Spiel heranwagt. Und Zeit lässt sich auch das Spiel selbst. Das Erzähltempo ist zumeist sehr langsam, was allerdings nie störend wirkt, und zieht lediglich an einigen wenigen Stellen merklich an. Oft kommt es vor, dass Arthur Morgan größere Strecken innerhalb der vier fiktiven amerikanischen Bundesstaaten überwinden muss.

Screenshot: Arthur Morgan ist dabei, eine Kneipe zu überfallen.

Die Wahl des Gefährts fällt beinahe immer auf das Pferd, das durch spielerische Elemente mit der Zeit zu einem treuen Gefährten und Freund wird. Das Tier darf daher auch nicht vernachlässigt werden. Etliche Stunden verbringt man als Arthur Morgan auf dem Rücken dieser Pferde, ohne sich dabei zu langweilen. Wo bei anderen Spielen eine schnelle Reise obligatorisch ist, um den Spielfluss aufrecht zu erhalten, ist diese hier zwar vorhanden, aber absolut nicht notwendig. Denn die zu durchreisende Landschaft ist abwechslungsreich und faszinierend schön. Zufällige Begegnungen mit NPCs (Non-player characters) auf solchen Reisen durch die Spielwelt verstärken das Gefühl, sich in einer lebendigen und dynamischen Welt zu befinden. Zwar wirken diese Begegnungen mit der Zeit ein wenig generisch, doch überzeugen sie trotz alledem durch eine gesunde Prise Witz und viel Charme. Viel passiert nicht, bei solchen Begegnungen, und sie haben auch wenig Auswirkung auf den weiteren Verlauf des Spieles.

Doch es macht einfach Spaß, den gut vertonten und teilweise sehr langen Dialogen zu lauschen, denn die englische Sprachausgabe ist eine weitere Stärke von RDR2. Innerhalb dieser Dialoge liegt allerdings zugleich die größte Schwäche von Red Dead Redemption 2 verborgen: Das Spiel und sein Verlauf ist, bis auf einige kleine Ausnahmen, absolut präzise durchgeplant. In Folge wird die kleine Kartenanzeige als Teil des HUDs (Head-Up-Display) zu einem zentralen Spielelement mit viel zu großer Gewichtung. Zwar gibt das Spiel bereits als Alternative durch die erwähnten Dialoge oft die Richtung vor, diese Einschübe bleiben allerdings, gerade in den Storymissionen viel zu vage, als dass auf die Kartenanzeige verzichtet werden könnte.

Wie im wilden Westen.

Alles in allem grenzt das die Handlungsfreiheit der Spieler stark ein; vom Spiel gestellte Probleme können oft nur durch eine vorgegebene Handlung gelöst werden, kreative Lösungsansätze werden in so gut wie keinem Fall gefordert. Dadurch fühlt man sich viel zu sehr an die Hand genommen, was im starken Kontrast zu der offenen und lebendigen Spielwelt steht, die vermeintlich auf das Dasein und Handeln des Protagonisten reagiert. Vermeintlich sollte hier großgeschrieben werden, denn ebenso wie Handlungsoptionen, bleiben auch die viel gepriesenen Dialogoptionen durch und durch formelhaft. Daher heißt es: nett, aber geschenkt. Zwar lässt sich beinahe mit jedem NPC interagieren, zumeist jedoch stehen hier lediglich die beiden gleichen Optionen zu Verfügung: Die „gute“ und die „schlechte“ Variante. Grüßen oder provozieren.

Was Arthur Morgan genau sagen wird, bleibt bis zur Aussprache ein Geheimnis. Doch wirklich kreativ, abwechslungsreich oder gar überraschend ist sein alltäglicher Sprachgebrauch nicht. Das alles ist aber sicherlich auf den narrativen Fokus des Spiels zurückzuführen, denn RDR2 möchte mutmaßlich keine authentische Simulation des Lebens im Amerika um 1900 sein. Das Ziel war vermutlich eine adäquate spielerische Umsetzung unserer vorrangig durch Westernfilme geprägten und romantisierten Vorstellung dieser Zeit herzustellen.

Das Spiel RDR2 bietet viel Action, doch lässt wenig kreativen Handlungsspielraum.

Arthur Morgan ist zwar Dreh-und Angelpunkt der erzählten Geschichte, doch ist er kein aktiver, sondern ein passiver Protagonist. Die Dinge passieren ihm und er muss zwangsweise auf diese Geschehnisse reagieren. Morgan, und damit auch die Spieler_innen, verfügen über kaum Handlungsgewalt innerhalb der Narration. Nichtsdestotrotz ist RDR2 ein sehr gelungenes Spiel. Warum? Weil jene Elemente, von denen ein Spiel mit narrativem Fokus profitiert, mit viel Aufwand und Liebe zum Detail gestaltet worden sind. Die grafische Gestaltung der Spielwelt, die Dialoge, die Charakterentwicklungen, die Musik, die spannenden filmischen Zwischensequenzen; all diese starren, aber großartig umgesetzten Teile des Spiels, werden zusätzlich aufgelockert durch einige spielerischen Elemente, die zunächst aufgrund ihrer geringen Komplexität nicht auffallen, doch das Spiel und seine Atmosphäre erheblich bereichern. Denn komplex genug verbleiben die Spielmechaniken. Die Steuerung von RDR2 ist vor allem zu Beginn etwas schwerfällig, schleppend und teilweise unnötig kompliziert. Arthur Morgan reagiert auf Bewegungsbefehle sehr träge und auch die Pferde lassen sich recht unpräzise lenken.

Demgegenüber steht der niedrige Schwierigkeitsgrad des Spiels. Eine ganze Horde einer verfeindeten Bande lässt sich ohne Probleme aus dem Sattel schießen, auch dank der sehr ausgeprägten automatischen Zielerfassung beim Zielen mit der Waffe. Wieder einmal aber trüben diese Kritikpunkte das Spielerlebnis wenig, weil sie dem Konzept des Spiels entgegensteuern und einen reibungslosen Erzählfluss ermöglichen. Und diese Erzählung ist die Komponente, die Red Dead Redemption eigentlich ausmacht. Es ist eine Erzählung von großen Plänen, von Hoffnung, Gewalt, Lüge, Liebe und Niedergang, so wie sie nur in einem Videospiel zu erleben ist und an die sich viele von uns gerne erinnern werden. Denn wer sich einlässt auf das Abenteuer von Arthur Morgan, wird selbst einige gute Geschichten zu erzählen haben.

Created By
Campuls Hochschulzeitung
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Credits:

RockstarGames

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