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Die Brummi-Frau Text, Fotos und Videos: Malini Gloor

Amanda Keller ist Lastwagenchauffeuse. Ihre Arbeitszeit verbringt sie zum grössten Teil am Steuer – und beim Schleppen schwerer Matratzen. Danach fällt sie abends garantiert in einen «tüüfä gsundä Schlaaf», wie es der altbekannte Bico-Werbeslogan ihres Arbeitgebers verheisst.

Das «Taxi» kommt

Ein früher Wintermorgen bei der Autobahneinfahrt im aargauischen Kölliken in Richtung Zürich, Parkplatz «Park+Pool Aarau West». Hier liegt der Startpunkt dieser Reportage, hier wird das «Taxi» vorbeikommen.

Da kommt es angefahren, der riesige Blinker blendet, Menschen erscheinen neben dem Gefährt als Winzlinge. Denn was da angebraust kommt, ist ein Lastwagen-Anhängerzug Volvo FM 330 mit 21 Tonnen Gesamtzugsgewicht, 18,74 Meter lang und 3,74 Meter hoch, Tankfassungsvermögen 450 Liter Diesel, 11 Liter Hubraum, dunkelblau lackiert. Am Steuer sitzt mit einem breiten Lächeln im Gesicht Lastwagenchauffeuse Amanda Keller.

Dank Haltegriffen klappt das Einsteigen oder besser: das «Hochhieven»

Einsteigen oder besser gesagt: hochklettern und hineinhieven ins Fahrerhaus klappt nur dank Haltegriffen. Amanda Keller streift sich ihre Hygienemaske im Glarner-Tüechli-Stil über und begrüsst die Redaktorin gut gelaunt.

Hündin Gini, eine ehemalige rumänische Strassenhündin und Amanda Kellers vierbeinige Begleiterin, beschnuppert den «Eindringling» freudig, nachdem sie festgestellt hat, dass dieser von seiner Besitzerin als vertrauenswürdig eingestuft wurde.

Seit vier Uhr morgens wach

Amanda Keller ist topfit. Sie ist seit 4.45 Uhr morgens am Arbeiten. Ihr Arbeitgeber, das Matratzen- und Bettenunternehmen Bico, hat seinen Sitz im sanktgallischen Schänis.

«Ich wohne nur fünf Minuten von meinem Arbeitgeber entfernt. Das ist natürlich von Vorteil, da mein Wecker bereits um vier Uhr morgens klingelt», so die 26-Jährige, die seit sechs Jahren als Lastwagenchauffeuse arbeitet. Ihr Tagesablauf sieht so aus: Sie bereitet sich ihr Müesli für unterwegs zu, geht auf eine kurze Hunderunde und trifft mit Gini um 4.45 Uhr bei Bico ein.

«Ich starte den Fahrtenschreiber und beginne bei meinem Lastwagen mit einer Rundumkontrolle. Das heisst, ich überprüfe unter anderem den Ölstand und die Glühbirnen der Lichter. Auch die Ware, die ich am Vorabend bereits in den Lastwagen geladen habe, begutachte ich nochmals.»

Ist alles betriebsbereit, fährt Amanda Keller um Punkt fünf Uhr in der Früh los. Arbeitszeit, Lenkzeit, Pausen – alles ist genau geregelt. Zwischen 5 und 22 Uhr dürfen Lastwagen ohne Sonderbewilligung gefahren werden.

«Ich liebe den Kontakt mit unterschiedlichsten Menschen»

Während Amanda Keller den Lastwagen von Kölliken nach Schänis lenkt, erzählt sie aus ihrem Leben. Heute hat sie bereits eine Lieferung Matratzen ins Migros-Verteilzentrum Neuendorf im Kanton Solothurn gefahren, nun steht der zweite Teil an, auch wieder zum Migros-Verteilzentrum. Ist sie den ganzen Tag ausschliesslich für einen Kunden unterwegs, so nennt man diese Lieferung eine Komplettfuhre.

«Je nach Zielort und Tour fahre ich um fünf Uhr oder später los. Heute besteht meine Tour aus den beiden Lieferungen zur Migros. Ich beliefere aber auch viele andere Kunden, zum Beispiel Schreinereien, Hotels und Zwischenhändler. Der Bico-Kundenstamm ist sehr vielfältig, und ich liebe den Kundenkontakt mit den unterschiedlichsten Menschen.»

«Ein Zwölf-Stunden-Arbeitstag ist für mich völlig normal»

Pro Tag fährt sie rund 250 bis 550 Kilometer. Während neun Stunden darf gefahren, also gelenkt werden. Der Arbeitstag darf bis zu 15 Stunden betragen. «Ein Zwölf-Stunden-Arbeitstag ist für mich völlig normal, meine Wochenarbeitszeit beträgt zwischen 42 und 48 Stunden. Und das ist wenig für Chauffeure!»

Für ihren Arbeitgeber Bico beziehungsweise das Unternehmen Hilding Anders Switzerland, Eigentümer der Firma Bico, hat sie nur lobende Worte übrig: «Es ist ein sehr, sehr cooler Arbeitgeber. Ich habe meine Freiheiten, darf meinen Hund immer dabeihaben, arbeite in der Nähe meines Wohnorts und verdiene fair. Für mich passt alles, ich habe für die nächsten Jahre keine Veränderungswünsche.»

«Schätzeli, gang weg!»

Wer Auto fährt, der flucht – mehr oder weniger. Amanda Keller ist da keine Ausnahme, hält sich aber, der Beifahrerin zuliebe, zurück.

«Ich fahre immer vorausschauend, das ist selbstverständlich für mich. Für manche andere Verkehrsteilnehmende aber nicht. Wir Lastwagenfahrerinnen und -fahrer machen täglich die Erfahrung, dass wir stark abbremsen müssen, weil uns Autofahrer überholen und sich vor uns hineinzwängen, im schlechtesten Fall dabei noch abbremsen. Unsere Lastwagen sind viele Tonnen schwer, der Bremsweg ist lang – das sollen die anderen Verkehrsteilnehmenden bitte verinnerlichen», sagt die versierte Lastwagenchauffeuse. Als ein Autofahrer zu nahe aufschliesst, brummt Amanda Keller ein entnervtes «Schätzeli, gang weg!» – schade, kann er sie nicht hören!

«Kleine Frau mit grossem Lastwagen? Ein altes Klischee!»

Eine klischeehafte Frage will aber doch noch gestellt werden, da die Antwort interessiert. Wie kommt eine Frau, dazu noch 1,63 Meter klein und somit kein «grosser, breiter Kasten», zum Lastwagenfahren?

Amanda Keller lacht herzlich, diese Frage hört sie nicht zum ersten Mal. «Ich wollte immer in einem Beruf mit Tieren arbeiten, da ich sehr tierliebend bin. Doch in den meisten dieser Berufe verdient man relativ wenig und kommt kaum auf einen grünen Zweig. Zudem gibt es wenig Weiterbildungsmöglichkeiten.»

Nach der Schule arbeitete sie ein Jahr als Pferdepflegerin-Praktikantin für 390 Franken Nettolohn pro Monat, entschied sich dann für eine Kochlehre – «damit ich etwas Anständiges lerne» – und pendelte dafür täglich ins Zürcher Unispital. «Dort waren wir 140 Leute im Team, der Umgang war sehr hart. Die drei Stunden Weg, die ich pro Tag hatte, waren auch nicht wirklich angenehm. Nach einem halben Jahr brach ich die Lehre ab.»

«Mein Vater war Lokführer, Carfahrer und Lastwagenchauffeur, daher bin ich erblich sicher etwas vorbelastet»

Durch eine ältere Kollegin, die als Lastwagenchauffeuse arbeitete, kam sie auf die Idee, dass dieser Beruf auch für sie etwas sein könnte. Sie schnupperte, fand es «megacool» und startete die dreijährige Lehre als Strassentransportfachfrau EFZ.

«Mein Vater war zudem Lokführer, Carfahrer und Lastwagenchauffeur, daher bin ich erblich sicher etwas vorbelastet», sagt die quirlige junge Frau mit einem Lächeln.

Sie zog von Schänis nach Niederurnen im Kanton Glarus, wo sie bei der Firma Fritz Inglin die Lehre absolvierte. «Ich startete dort mit 19 Jahren und absolvierte gleich die Autofahrprüfung und fuhr viel mit, hatte Werkstattdienst und lernte, wie man bei den Lastwagen etwa Reifen oder Öl wechselt und wie man einen Lastwagen pflegt.»

«Sogar meine Hündin Gini ist im Arbeitsvertrag erwähnt»

Nachdem Amanda Keller mit 20 Jahren die Fahrprüfung für schwere Motorfahrzeuge bestanden hatte, fuhr sie mit einem Lastwagen Tagestouren durch die Schweiz und lernte diese so kennen. «Nach der Lehre lieferte ich für Bico Matratzen aus. Seit Februar 2018 bin ich direkt bei Bico/Hilding Anders angestellt und habe es keinen Tag bereut. Sogar meine Hündin Gini ist im Arbeitsvertrag erwähnt, sie darf immer dabei sein. Solche Details sind für mich wichtig und machen für mich einen guten Arbeitgeber aus.»

«Manchmal ruppig, aber anständig»

«Wir Lastwagenchauffeusen und -chauffeure sind ein spezielles Volk: Manchmal sehr ruppig, aber anständig, und wir haben einen eigenen Humor», sinniert Amanda Keller über sich selbst und über befreundete Brummi-Fahrer.

«Mit unseren grossen Fahrzeugen sind wir auch nicht immer beliebt: Wir stehen gefühlt immer im Weg und blockieren auch mal eine Strasse, weil wir etwas auszuladen haben. Ich sage dann immer: ‹Hey, wir liefern eure Güter zu euch – da wäre doch eher etwas Dankbarkeit angebracht.› Der Egoismus in der heutigen Zeit ist stark ausgeprägt, das erlebe ich in meinem Beruf immer wieder.»

«Wir müssen zusammenhalten»

Die Stimmung unter den Lastwagenchauffeusen und -chauffeuren sei grösstenteils gut: «Ich kenne sehr viele Fahrerinnen und Fahrer, wir erkennen uns an den Lastwagen und winken uns natürlich zu. Schön ist es, wenn wir uns an Raststätten, bei Kunden oder in Les-Routiers-Suisses-Beizen, einem LKW-Fahrer-Verband, treffen, so können wir auch mal ein Schwätzchen halten.»

Auf Facebook ist Amanda Keller in Trucker-Gruppen aktiv. Einen Wimpel mit der Aufschrift «Trucker halten zusammen», der gut sichtbar an der Frontscheibe baumelt, hat sie von einem Facebook-Gruppenmitglied geschenkt bekommen.

«Zusammenzuhalten ist mir sehr wichtig, denn wir sind ja alle auf denselben Strassen unterwegs, haben Zeitdruck und müssen von A nach B. Dazu gehört für mich auch, dass ich helfe, zu Manövrieren, wenn ich sehe, dass jemand Mühe damit hat. Ein Lastwagen hat sehr viele tote Winkel, in denen wir Lenkenden nichts sehen.»

Rücksichtslosigkeit steigt

Der Umgang auf den Strassen wird seit Jahren immer rauer. Dies bekommt Amanda Keller gut zu spüren: Mehr Autos und Lastwagen heisst mehr Verkehr, mehr Stau, mehr Unaufmerksamkeit.

Die Rücksichtslosigkeit steige, Leute, die mit dem Handy in der Hand telefonieren, am Steuer Zeitung lesen oder mit ihrem Geländewagen bei Baustellen auf der Zwei-Meter-Spur ängstlich – und notabene verboten – an den Lastwagen vorbeizirkeln, gehören zu ihrem Alltag.

«Seit der Corona-Pandemie ist es noch schlimmer geworden. Besonders zu Beginn waren sehr viele ungeübte Autofahrende auf den Strassen, weil sie nicht mehr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren wollten.»

Aber es gebe auch nette Lenkende: solche, die ihr den Vortritt lassen oder einfach mehr Verständnis für die langen Bremswege der schweren Lastwagen haben.

Hündin Gini, immer mit on Tour, streckt sich in der Mittagspause, bevor es zu einer kurzen Spielrunde geht.

«Frauenbonus? Nein danke!»

Die Matratzen, Boxspringbetten, Lattenroste und Bettgestelle, die Amanda Keller ausliefert, sind schwer. Die grösste Matratze misst zwei auf zwei Meter und wiegt sehr viel. Auch diese trägt sie mit Technik und Muskelkraft alleine.

«Natürlich schätze ich es, wenn jemand mir Hilfe anbietet. Ich bin jedoch zu stolz, darum zu bitten. So kommt es auch mal vor, dass mir Männer skeptisch zuschauen, wie ich am Schleppen bin, aber keine Hilfe anbieten.»

Sie wolle keinen Frauenbonus, sondern einfach als vollwertige Lastwagenchauffeuse akzeptiert und behandelt werden. «Und das ist in 90 Prozent meines Arbeitsalltags so.»

Freizeit ist verplant

Dank der körperlich anstrengenden Arbeit sei sie ziemlich kräftig und müsse nicht ins Fitnesscenter, sagt sie mit einem Augenzwinkern. «Auch meine Freizeit ist verplant. Ich habe nebst Gini noch mein Pferd Rodríguez und drei Katzen. Daneben hat fast nichts anderes mehr Platz.»

Sie liebe es, ihren Arbeitstag im Rahmen der Möglichkeiten selbst planen zu können, Abwechslung zu haben und beruflich in der ganzen Schweiz unterwegs zu sein. «Pro Woche übernachte ich auch ein- bis zweimal auswärts, wenn ich Touren ins Wallis, Tessin oder nach Genf habe.»

Aufgestellt und viel Verantwortung tragend

Und welche Musik läuft bei Amanda Keller, wenn sie stundenlang auf den Strassen unterwegs ist? «Meist höre ich Radio SRF3 mit kommerziellem ‹Seich›, der mir manchmal trotzdem gefällt, oder aber Rock, Heavy Metal, Drum ‘n’ Bass und Hardstyle – super Musik, die mir beim Kilometerabspulen gute Laune macht!»

Kleine Frau, grosser Lastwagen: So fühlt sich Lastwagenfahrerin Amanda Keller wohl.

Impressum: Konzept, Text, Fotos, Videos und Produktion: Malini Gloor

Gesamtverantwortung: Robert Hansen, Chefredaktion – redaktion@derarbeitsmarkt.ch, www.derarbeitsmarkt.ch

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Malini Gloor
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Credits:

Fotos und Videos: Malini Gloor